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Die Zeit schreitet unaufhörlich voran und kümmert sich nicht um mich. In meinem Leben passiert nicht viel. Ich hänge fest in der Tretmühle. In meiner Freizeit packt mich oft die Lethargie und ich halte mich vor dem Bildschirm am Leben. Immerhin darf ich mittlerweile (als Ungeimpfter) wieder mein Feierabendbier in der Kneipe oder im Biergarten genießen… Gestern wollte ich zur Kupferkanne. Auf dem Programm stand Fußball „Dortmund – Hertha“. Ein entscheidendes Spiel für die Hertha von wegen Klassenerhalt. Vorweg, ich bin kein Fußballfan – aber zum Zeit totschlagen…, zumal ich es genieße, ab und zu in Gesellschaft zu sitzen. In den meisten Berliner Kiezkneipen kommt man eh nicht um den Fußball herum. Ich mag diese althergebrachte Kneipenszene irgendwie, wo sich die einfachen Leute auf ein Bier treffen. Okay, da hocken jede Menge Scheintote (so langsam gehöre ich auch zu denen)… Aber inzwischen entdecken auch die jüngeren Generationen (hauptsächlich Studenten) diese alten Kneipen für sich, weil dort die Getränke noch relativ billig sind, weil der Wirt (meist) umgänglich ist und auf die Wünsche seiner Gäste eingeht, weil diese Kneipen Originalität/Nostalgie verströmen.
Also ich kam dann doch nicht mehr raus aus meiner Wohnhöhle und verbrachte den Nachmittag träge auf der Couch. Die Lust auf Gesellschaft war verpufft… Wozu rausgehen? fragte ich mich, ich habe doch alles hier, was ich brauche. Die Lethargie zog mich runter. Mal sehen, ob ich heute den Abflug schaffe. Wenigstens für 2-3 Stündchen. Park und Biergarten liegen quasi vor der Tür. Ein sonniger Sonntag wartet auf mich.
Wie ging eigentlich das Spiel für die Hertha aus? Ich googele das jetzt…

   

Am Brunnen

Es ist schön, vor der Kupferkanne zu klönen, das Plätschern des Brunnens in den Ohren und mit lecker Bier versorgt. Was mich für die Wirtsleute Necip und Rose freut, dass sie immer öfter von Gruppen junger Leute/Studenten besucht werden. Die traditionelle Kiezkneipe wird von der jungen Generation entdeckt. Nicht allen eingesessenen Stammgästen gefällt das. Manche rümpfen die Nase. Aber das sei deren Problem, meint Necip. Ich pflichte ihm bei. Mir gefällt die Weltoffenheit, die sich in den unterschiedlichen Gästen widerspiegelt. Oft komme ich mit Necip, Rose oder Gästen ins Gespräch, lausche Lebensgeschichten und Schicksalen. Oder ich hole meine Lektüre hervor und lese ein paar Seiten (aktuell Maren Gottschalks „Sophie Scholl“-Biografie). So lässt es sich aushalten, denke ich, und setze das frischgezapfte Pils an meine Lippen – wie mir das fehlte in den langen Monaten der Lockdowns! Ein Lustseufzer entfährt mir, und ich kehre zu meiner Lektüre zurück – hinein in andere Zeiten und Lebensverhältnisse: 1. Weltkrieg, Weimarer Republik – am Horizont braute sich einiges zusammen… als Freigeist sollte man es bald schwer haben.

Mittagspause

In der Mittagspause gönne ich mir einen kleinen Ausritt in eine Eckkneipe. Ich habe eine halbe Stunde, die ich mir nehmen kann (wann ich will). Das Arbeitszeitschutzgesetz sagt: eine halbe Stunde ist Pflicht, wenn man mehr als sechs Stunden arbeitet. Die Hühner machen bereits halb Zwölf ihre Pause, was mir zu früh ist. Außerdem will ich ihnen nicht beim Fressen zuschauen…, und sie kommen dabei immer auf die Arbeit zu sprechen. Freilich fragten sie anfangs nach. „Machen Sie keine Pause?“, und ich musste erklären „Blablabla“, warum ich lieber erst später…
Ich düse also mit meinem Fahrrad zur nächsten Kiezkneipe. Solche Lokale befinden sich kurz vorm Aussterben. Aber es gibt sie noch. Drin sitzen Menschen…, die das Beste schon hinter sich haben oder noch nie hatten. Fossilien ihres eigenen Lebens. So richtig passe ich dort nicht hin. Aber wo passe ich schon hin? Ich bin nett, und sie sind nett zu mir. Mehr braucht man nicht. Und natürlich ein Bier. In einer halben Stunde schaffe ich sogar zwei.
Ich genieße die kurze Zeit weg vom Büro in einer anderen Welt.