Keine Glosse

Die Mehrheit der Menschen in diesem Land glaubt an die Beständigkeit unserer Demokratie. Die Grundrechtseinschränkungen seien notwendig im Kampf gegen das Virus. Die Propaganda in den Leitmedien wird nicht wahrgenommen. Die führenden Politiker werden nicht auf ihre widersprüchlichen Aussagen zu Corona festgenagelt. Wer gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert, dem drohen Polizeigewalt und Verhaftung. Prominente, Journalisten, Ärzte und Wissenschaftler, die sich gegen die Coronapolitik der Regierung aussprechen, werden mundtot gemacht und diffamiert.
Die Mehrheit der Menschen in diesem Land findet den Druck auf Ungeimpfte gut. Schließlich sei die Impfung der einzige Weg aus der Krise. Ungeimpfte verhindern die Rückkehr in die Normalität. Menschen, die sich nicht impfen lassen, sind Volksschädlinge…, die man aus der Mitte der Gesellschaft entfernen muss.
Die Mehrheit der Menschen in diesem Land hält die Rede von Gesundheitsdiktatur, Überwachungsstaat und aufkommende chinesische Verhältnisse für Verschwörungstheorien. Nach zwei Diktaturen in den letzten 100 Jahren doch nicht bei uns! Corona sei eine Ausnahmesituation. Schließlich geht es um unser aller Gesundheit. Das gefährliche Virus muss eingedämmt werden – am besten bis auf 0. Alle müssen wir in diesem Kampf Opfer bringen. Die Impfung ist alternativlos.
Die Mehrheit der Menschen in diesem Land sieht keine Gefahr für unsere Demokratie und unsere Grundrechte. Wer auf der richtigen Seite steht, vernünftig ist und sich impfen lässt, habe doch keinerlei Einbußen zu befürchten. Als Mehrheit kann man über eine Minderheit bestimmen – ist das nicht das Wesen der Demokratie? Grundgesetz und Menschenrechte können niemals für alle gelten. Was da geschrieben steht, war eine blöde Idee der Gründerväter unserer Demokratien.

Wer seine grundlegende Freiheit aufgibt, um ein wenig vorübergehende Sicherheit zu erlangen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit.
(im Original: Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.)
Benjamin Franklin

Der vergebliche Kampf

Ein stetes Ringen zwischen Form und einem Inhalt, der sich befreien will. Ich fülle mir Wein in ein Glas und überlege, was wohl sein wird, wenn ich mich als Form auflöse. Dies wird unwiederbringlich der Fall sein. Womöglich hat es schon begonnen. Der Prozess des Alterns ist nichts anderes als eine langsame Auflösung der Form. Tag für Tag kämpft man dagegen an. Als ließe sich da etwas aufhalten.
Ich trinke aus dem Glas und spüre die Nebel des Weins in mir. Ich kämpfe um die Inhalte der Worte, die ich in den Computer tippe. Wann fing es an? Wann wurden meine Seele, mein Herz und mein Bewusstsein geformt? Eine (uns)innige Umarmung von Vater und Mutter und mein Schicksal nahm seinen Lauf. Ganz normal. Jeden Tag werden zig neue Menschen gezeugt. Viele Gläser füllen sich mit Wein…
Ich wuchs wie das Universum aus dem Nichts heran. Nach neun Monaten war die erste große Hürde geschafft, und ich hatte von nichts eine Ahnung. Das heißt, ich war auf der Welt. Am erschreckendsten war das Licht.
Mein Geist formte sich in dem Maße, wie ich die Gestalten um mich herum wahrnehmen konnte, darunter auch meine eigene Gestalt. Wein floss unaufhörlich nach. Woher nur? Wo ist die Quelle von alldem? Was machte mich zu dem Mann, der ich heute bin? Wer schreibt diese Worte?
Nein, ich befinde mich nicht in einer Identitätskrise. Mich wundert es nur, dass sich so wenige Menschen ähnliche Fragen stellen. Was macht ihr Selbstbewusstsein aus? Es ist doch Wahnsinn, wie leicht und selbstverständlich sich all die Menschen um mich herum mit den ihnen vorgelegten Formen/Gefäßen identifizieren, sei es Familie, Religion oder Nation…
Ich wusste nie, wohin ich gehöre. Ich fühlte mich immer fremd auf dieser Welt. Die angebotenen Zugehörigkeiten erschienen mir äußerst suspekt. Die meisten jedenfalls. Ich wurschtelte mich durch. Ich passte mich an. Ohne soziale Kontakte und Liebe wäre ich eingegangen. Immerhin, hier verband mich etwas Grundlegendes mit meinen Mitmenschen. Wir tranken offenbar denselben Wein, nur aus unterschiedlichen Gläsern. Scheiß auf die Gläser!
Heute bin ich mir nicht mehr sicher. Kann die Form so sehr über den menschlichen Geist bestimmen? Offenbar gibt es auch Unterschiede in der Güte des Weins. Die Realität zeigt mir, dass es alles gibt: eine wertige Verpackung mit billigem Inhalt ebenso wie eine 0815-Verpackung mit wertigem Inhalt. Alle Variationen, die man sich denken kann, – und man selbst ist nur eine davon, die aus ihrer Einbildung lebt. Wer weiß schon, wie er von den anderen wahrgenommen wird?
Ich wollte immer glauben, dass wir Menschen alle gleich wertvoll sind. Wie`s aussieht, gibt es aber dazu nur eine Wahrheit: unsere Ethik wird von der vorherrschenden Macht bestimmt. Heute der Materialismus, der wahrscheinlich auch das Ende der Fahnenstange in der Menschheitsgeschichte darstellt. Der Materialismus ist in meinen Augen eine sehr hässliche Form. Aber gut, es kommt bekanntlich drauf an, was drin steckt.
Es ist ein stetes Ringen zwischen Form und Inhalt. Ich bin auf der Suche nach der richtigen Form für meinen Inhalt. Ich führe einen vergeblichen inneren Kampf darum.