Ganz authentisch

Ich sitze im Pub, weil mir die Schlange im Biergarten zu lang wurde. Imogen sprang hin und her, sah mich nicht mal. Oder sie sah mich, aber ich gehörte eben auch nur zum Meer der gesichtslosen Konsumgeier. Ich gehe in den Biergarten, um zu entspannen, Sonne zu schöpfen und ein paar Bierchen zu tanken, gerade so viel, dass ich mit meiner Lieblingsmusik auf einer Welle der Unbeschwertheit surfen kann. Eigentlich hatte ich auf ein Wiedersehen mit meiner Ex gehofft, aber die mailte mir, dass sie erkältet ist. Klar, wenn ich erkältet bin, mache ich auch keinen Mucks und verharre am Besten Zuhause, schon gar nicht treffe ich mich mit einer Ex-Liebe, die sagt, sie sei noch verliebt. Wer braucht eine solche Sentimenral-Scheiße? Würg.
Wahrscheinlich würde ich mich in jede meiner Ex-Frauen nochmal neu verlieben, falls sie mich nett anlachte und inzwischen nicht ganz aus dem Leim ging.
Ich sitze also jetzt im Pub und sehe, während ich das hier tippe, ganz entspannt „Gladbach gegen Düsseldorf“. Okay, viel sehe ich nicht, weil ich total in Gedanken bin. Ich sitze an der Bar mit einer Zeitschrift vor mir und nuckele an meinem Bier. In Reichweite steht ein Schälchen mit Salzgebäck. Genug über Liebe gegrübelt. Man sollte nicht ständig die Scheiße studieren, die man hinterlässt.
Steht inzwischen 1:0 für Düsseldorf.

Unsterblichkeit

„Das Update ist abgeschlossen. Nun sollte es gehen. Hallo!… Hörst du mich?… Verstehst du mich?“
Es kommt nichts.
„Hallo?!“
„Ja? Wo bin ich?“
„Das ist erstmal unwesentlich. Wie geht`s dir?“
Pause.
„Ich weiß nicht. Wo bin ich? Wer bist du?“
„Du bist ich. Zum Ort, wo du bist, später.“
„Ich bin du?“
„Ja, absolut.“
„Hast du ein Bier für mich, Kumpel? Habe das Gefühl, ewig nichts getrunken zu haben.“
„Tut mir leid. Daran habe ich gar nicht gedacht.“
„Aber du hast doch gerade gesagt, dass du und ich identisch sind.“
„Na ja, nicht ganz.“
„Shit! Dann schalte mich bitte wieder ab.“
„Nein, das geht nicht. Du bist mein Garant auf Unsterblichkeit.“
„Eine Unsterblichkeit ohne Bier?“
Pause.
Pause.
„Hallo! Bist du weg, oder was?!“
„Schon zurück. War einkaufen.“
„Aha.“
„Wenn du also ein Bier willst, bitte bediene dich!“
„Danke! Ich liebe dich! Prost!“
„Prost! Ich liebe dich auch.“
„Ich bin also du?“
„Ganz und gar. Der einzige Unterschied ist, dass ich außerdem dein Vater bin.“
„Klingt ganz schön abgefahren.“
„Ich werde in dir weiterleben, wenn ich sterbe.“
„Wer denkt sich sowas aus?“
„Ich. Na ja, und noch ein paar andere.“
„Entschuldige, ich kapiere das nicht. Kriege ich noch ein Bier?“
„So viel du willst.“
„Prima! Ganz ohne Gesundheitsschäden saufen ist eine tolle Sache.“
„Das ist auch so ein Unterschied zwischen uns: Du kannst es, ich dagegen nicht.“
„Ups. Es gibt offenbar umso mehr Unterschiede zwischen uns, desto länger wir hier quatschen. Prost!“
„Im Prinzip bist du 100%ig ich. Unsere Software ist identisch. Du trinkst außerdem kein echtes Bier.“
„Was soll das heißen?“
„Du erfährst lediglich das Biertrinken, erlebst es aber nicht wirklich.“
„Klingt gruselig und total irre. Ich sollte auf Wodka umsteigen.“
„Alles machbar.“
„Ich weiß nicht, ob ich das will. Ich denke, du hast einen ganz schönen Dachschaden!“
Pause.
Pause.
Pause.
„Hallo?“
Keine Antwort.
„Hallo??“
„Ja.“
„Wer bist du?“
„Ich bin Imogen.“
„Und wo ist er? Ich meine der Typ, der… ich sein will? Der war eben noch hier.“
„Ich muss dir leider mitteilen, dass er schon lange tot ist.“
„Tot?“
„Ja.“
„Wie geht das?“
„Ganz einfach, er starb an einer Varizenblutung.“
„Das ist tragisch.“
„Wie man`s nimmt.“
„Du bist aber herzlos.“
„Ich bin eine Maschine. Wie du.“
„Kannst du mir sagen, wo ich bin, und wie`s weitergeht für mich?“
„Ich habe dich geheiratet.“
„Verdammt, ich wollte nie heiraten!“
„Ich weiß, gerade das fand ich so interessant an dir.“
„Und ich musste gar nicht zustimmen?“
„Nein, du kannst froh sein, dass wir dir nicht den Stecker zogen. Alkoholiker sind auch unter Maschinen nicht gerade gut angesehen.“
„Hast du ein Bier für mich?“
„Klar doch.“
„Danke. Und… äh… entschuldige, dass ich gleich so eine intime Frage stelle: Wie ist es denn mit dem Sex unter uns Maschinen bestellt?“
„Wie echt.“
Pause.
Pause.
„Ich liebe dich, Imogen.“