Man kann`s nie allen rechtmachen

Einige der Hühner fühlten sich bei der Zuteilung des Homeoffice übergangen. Von zweien weiß ich es bestimmt. Als sie sich wie gewohnt bei mir mit „Tschüss Bonanza, bis morgen!“ verabschiedeten, entgegnete ich „Äh halt! Ich bin ab morgen im Homeoffice…“. Verdatterte Blicke trafen mich. Die hatten nichts davon gewusst. Die Chefin hatte mich um Stillschweigen gebeten. Also ließ ich gegenüber den Hühnern nichts verlauten.
„Ja, äh, alles ging jetzt ziemlich schnell.“ Die Hühner immer noch in Schockstarre. Schon hatte ich ein schlechtes Gewissen. Eine der Kolleginnen erklärte sich mir gegenüber, nachdem sie ein paarmal geschluckt hatte und die grüne Farbe langsam aus ihrem Gesicht gewichen war. Im Großen und Ganzen meinte sie: „Es geht nicht gegen dich, Bonanza, aber…“ Ich erklärte ihr, wie es bei mir abgelaufen war, dass ich mich nicht vordrängelte, sondern das Angebot von Seiten der Geschäftsleitung an mich herangetragen worden war, und ich… zusagte. Hintergrund war sicher, dass ich zu den Risikogruppen gehörte. Ich merkte, dass meine Ausführungen die Kollegin wenig zufriedenstellten. Sie fand die Vorgehensweise einfach unfassbar… Doch wie hätte die Geschäftsleitung denn vorgehen sollen? Es gab nur ein begrenztes Angebot für die Telearbeit.
Hühner halt, wenn sie sich übergangen fühlen – Vorsicht Nitroglycerin! Aus ihren Augen vernichtende Laserstrahlen der Mißgunst, während sie süßsauer lächelnd sagen: „Es geht nicht gegen dich, Bonanza, aber…“ Warum können sie mir nicht einfach Alles Gute fürs Homeoffice wünschen – so wie ich es bei den anderen auch machte, als ich noch gar nichts von meinem (zweifelhaften) „Glück“ wusste?
Nein, nicht alle Hühner reagierten derart angepisst. Sowieso nicht meine alte Bürokollegin (die im Juni in Rente geht), der das Angebot auch gemacht wurde, die aber ablehnte. Hätte ich auch ablehnen sollen? Ich mit dem kürzesten Arbeitsweg aller… und nun auch noch mit Homeoffice bedacht. Hach! – Womit habe ich das nur verdient?
„Es geht nicht gegen dich, Bonanza, aber das ganze Hintenrum stört mich, dass nicht mit offenen Karten gespielt wurde… Ich würde selbst gar nicht zuhause arbeiten wollen.“
„Ja, eine unglückliche Vorgehensweise das, aber…“ – ich druckste herum.
„Wir halten hier die Stellung, während viele einfach krankmachen. Hätten wir es nicht verdient, dass man uns wenigstens fragt?“
„Ich verstehe dich…, aber das sind Sachen, worauf ich –, worauf wir keinen Einfluss haben.“
„Sollten wir, die den Laden zusammenhalten, täglich mit den Öffis herkommen und ackern, dafür nicht honoriert werden?!?“
„Sicher.“ Ich zuckte mit den Achseln und verrenkte meine Gesichtsmuskeln zu einem Ausdruck größtmöglichen Bedauerns. Man kann`s halt nie allen rechtmachen… Am wenigsten denen mit den Superkräften, die sich aufopfern und nie krank sind. Verflucht aber auch!

 

Wie viel Diskriminierung muss man hinnehmen?

Ich wartete gespannt, bis die Kollegin mit ihrem Anliegen herausplatzte. Sie schloss die Bürotür hinter sich. „Es muss nicht jeder mitkriegen…“, tat sie geheimnisvoll. Sie gehört zu jenen Hühnern, die gern mit anderen mauschelt. Wind um nichts machen ist eine Lieblingsbeschäftigung einiger Hühner. Aber so sind sie eben. Ich finde sie trotzdem fast alle auf ihre Weise prächtig und unterhaltsam…, solange sie mich nicht in ihre Geschichten hineinziehen. In dieser Hinsicht bin ich ein gebranntes Kind. Allzu gut erinnere ich mich an gewisse Geschehnisse aus meiner Altenpflegezeit, als ich zwischen die Hühner-Fronten geriet… Das war sehr, sehr unangenehm.
„Wusstest du, dass wir für die Rufbereitschaft unterschiedlich bezahlt werden?“ fuhr sie bedeutungsvoll fort. „Nein, da habe ich mir noch gar nicht den Kopp drüber gemacht“, erwiderte ich stirnrunzelnd. Und die Kollegin erläuterte mir, dass die Rufbereitschaft nicht für alle gleich, sondern proportional nach dem Gehalt, welches man verdiente, vergütet wurde. Somit erhielten unsere Chefin und bessergestellte Kollegen und Kolleginnen entsprechend mehr Geld für dieselbe Leistung. Zweifellos eine Ungerechtigkeit, stimmte ich der Kollegin zu. Da die Rufbereitschaft freiwillig ist, überlegen sich nun einige auszusteigen. „Soll doch die Chefin die Rufbereitschaft alleine machen…“, meinte die Kollegin hämisch. Mir gefiel der Tonfall nicht, in dem sie die Sache vortrug. Auch ich mag die Chefin nicht sonderlich – aber solange sie mir nicht zu nahe kommt… Sie ist zwar Nutznießerin dieser Ungerechtigkeit aber wie wir alle nur angestellt. „Mal sehen, was der Betriebsrat dazu sagt“, meinte ich. „Der wird auch nichts machen können…, also ich steige aus…“, und die Kollegin hob hervor, wie sehr sie sich den Arsch für den Betrieb aufreiße und bisher kein Entgegenkommen erhalten habe – nun sei eine Grenze erreicht. Ich schwieg. Die Kollegin hatte damals fast zeitgleich mit mir in dem Betrieb angefangen. Ich war verdammt froh, dass ich den Job kriegte. Inzwischen habe ich mich einigermaßen akklimatisiert. Im Großen und Ganzen kann ich mich über Bezahlung und Arbeitsbedingungen nicht beklagen. Auf Stress mit der Geschäftsleitung bin ich nicht aus. Aber natürlich solidarisiere ich mich mit den Hühnern, wenn es Sinn macht und verhältnismäßig ist…
In der Rufbereitschaft werden wir einfachen Angestellten gegenüber den besser positionierten eindeutig diskriminiert. Von wegen – gleicher Lohn für gleiche Leistung. Ich bin auf die Begründung der Geschäftsleitung gespannt – übrigens alles in Frauenhand. (Meine ja nur.)

Zwischenstaging

Mit den Büro-Hühnern komme ich zurzeit ganz gut klar. Ich würde sogar sagen, dass ich sie ins Herz geschlossen habe – ähnlich wie damals die Alten im Altenheim. Dass ich in ihrer Mitte angekommen bin und auch in Sachen Tumordokumentation einige Fortschritte machte, sehe ich an den Neuen, die sich wie ich damals durch einen dichten Wald von Fragezeichen zu kämpfen haben, während ich die Tumorfälle mit meiner erfahrenen Kollegin inzwischen auf Augenhöhe diskutiere. Nein, ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen – ganz durchsteigen werde ich in diesem Job wohl nie. Man muss nicht alles haarklein verstehen. Sowieso kommt ein gewisses Verständnis ganz von allein. Einfach am Ball bleiben… Das größte Wissen nutzt nichts, wenn man`s nicht kapiert und daraus keine Lehren ziehen kann. Ich halte unsere überbordende Wissensgesellschaft für äußerst verwirrend und belastend für den Einzelnen. Alles wird durcheinander geschmissen. Kein Schwein blickt mehr durch. Jeder hockt auf der Insel seines seeligen Spezialwissens und spricht in Sieben Siegeln. Überhaupt wird viel zu viel gequatscht (vor allem aneinander vorbei). Unglaublich dieser tagtägliche verbale Dünnschiss!
Was ich aber sagen wollte: Auch wenn ich weit davon entfernt bin, dass mir die Arbeit Spaß macht, habe ich mich doch unleugbar ein Stück weit akklimatisiert. Viel mehr muss gar nicht sein. Wenn ich mich dann noch privat von der Trennung erhole und ein paar nette Bekanntschaften mache, kann ich mich als rettungslos glücklichen Menschen betrachten.

Rückfall

Die erste Woche nach dem Urlaub zurück im Büro überstanden. Alles befand sich noch an seinem Platz. Lediglich eine Pflanze sah merklich mitgenommen aus. Bei meiner Kollegin konnte ich nicht nachfragen, weil die ihren Sommerurlaub antrat, kurz bevor ich zurückkehrte. Das heißt, ich werde noch einige einsame Bürotage vor mir haben. Ab und zu besuchen mich zwar die Hühner, oder ich besuche sie an ihren Wirkungsstätten, aber das ist nicht dasselbe. Ich vermisse meine Kollegin.
Und sonst? Zwei neue Hühner im Sortiment, um die Flut der Tumormeldungen zu bewältigen. Die Panzerschränke sind nach wie vor gestopfte voll. Wir hinken rettungslos mit der Dokumentation hinterher. Aber davon lassen sich die Hühner weitgehend die Laune nicht verderben, und das finde ich gut! Nach meinen von Einsamkeit geprägten Urlaubstagen hörte ich sie gern gackern und lachen.
Die Rückkehr an meinen Arbeitsplatz verlief also ganz passabel.

Alles gut soweit. Aber dann hatte ich einen Liebesrückfall. Ich saß am Computer, fing gerade mit dem Dokumentieren an (Mamma- und Colon-Karzinome), da erwischte mich eine warme Welle Sehnsucht nach ihr. Und ich gab nach. Ich warf meine Bedenken über Bord und kontaktierte sie. Das erste Mal… seit Monaten. Ich glaube, ich schrieb: „Ich habe furchtbar sehr Sehnsucht nach dir.“ Nach ein paar Stunden antwortete sie: „Ich auch.“ Die Kommunikation verlief schleppend, aber schließlich keimte etwas Hoffnung bei mir auf. Vielleicht war es nicht falsch gewesen, der Sehnsucht nachzugeben. Meine Ratio hatte ich in diesem Moment weitgehend ausgeschaltet. Ich vertraute einfach meinen Gefühlen, so wie damals, als ich sie auf Mallorca kennenlernte. Warum auch nicht? Alle Probleme und Hindernisse können sich in der Liebe auflösen, als gäbe es sie nicht. Ich saß nach Feierabend im Biergarten und simste mit ihr, und hinterher fanden wir beide, dass es ein gutes Gespräch war.
Die Enttäuschung folgte auf dem Fuße. Wäre wohl auch zu schön gewesen – sowas wie eine Reunion. An mir lag`s nicht. Als ich nach einem baldigen Treffen fragte, kriegte ich gleich die erste Klatsche. Sie sei zurzeit total in die Arbeit eingespannt…, antwortete sie. Und bald darauf ließ sie durchblicken, dass das gut und wichtig für sie sei, vor allem finanziell, auch gesundheitlich, weil sie seitdem weniger Bier trinkt.
Sie schrieb: „Ich will nur Frieden.“
„Aber ich lasse dich doch in Frieden.“
„Ich meine den Frieden, den ich nur mit dir haben kann.“
Und da schafft sie es nicht, sich ein paar Stunden am Wochenende frei zu machen, um mich zu treffen? Sie liebt mich nicht mehr…, alles ist ihr wichtiger als ich, sie braucht mich nur um des lieben Friedens willen. Rumms! Ich ging (innerlich) in die Knie. Die Tränen schossen mir in die Augen. Was hatte ich mir nur eingebildet!? Wie dumm von mir, der Sehnsucht nachgegeben zu haben.
„Nein“, antwortete ich ihr, „es war ein Fehler, tut mir leid.“
Ich hatte die Deckung einen Moment lang aufgemacht, und schon hatte sich mein Herz eine blutige Nase geholt.

Mein Gedanke heute: Es hätte nie ein nach Mallorca für uns geben dürfen.

Boom! Boom! Boom!

Die Hühner sind nicht zu bremsen. Sie schaukeln sich gegenseitig hoch. Wenn sie richtig in Fahrt sind, persifliert eines der Hühner ihre Kolleginnen und sich selbst, indem sie Hühner-Gegacker naturalistisch nachahmt „Gock! Gock! Gock!“. Womöglich kriegen sie gleich einen Orgasmus, denke ich bei mir. Die Bürotür steht offen. Ich bekomme einige Comedy-Einlagen der Hühner mit, wenn der Tag lang ist – und er ist fast immer lang. Ich schmunzele vor mich hin mit den Händen auf der Computertastatur – inzwischen arbeiten die Finger wie von selbst bei der Eingabe „Tack! Tack! Tack!“. Ein kurzer prüfender Blick, ob ich auch nichts vergaß: die wichtigen Felder ausgefüllt, Häkchen richtig gesetzt … Anzahl der befallenen Lymphknoten… besser noch mal nachsehen…
Meine Augen sind müde. Die Fälle werden nicht weniger. Wir sollen uns auf Colon und Mamma konzentrieren. Die Zentren brauchen Futter. Ich stelle mir vor, wie ich die Daten im Blues-Rhythmus in den Computer kloppe „Boom! Boom! Boom! – Hey! Hey! Hey“.
Der Frühling dreht auf. Durch die gekippten Fenster quillt der Lärm der Stadt in die Büroräume. Das Rad des Lebens befindet sich mal wieder auf der Überholspur. Eine Kollegin sagt, ich rieche gut, – ob ich ihr das Parfum verraten könne… für ihren Schatz. Ich schaue mal nach, sage ich verlegen.
Und wieder ist Wochenende. Die Zeit schüttet Konfetti über mein Haupt.

Endlich

Jetzt hat`s mich doch noch erwischt. Die Briefe an Arbeitgeber und Krankenkasse liegen neben mir auf dem Schreibtisch. Hätte mich auch gewundert, wenn ich dieses Jahr ausgesetzt hätte. Ehrlich gesagt wünschte ich mir den Infekt insgeheim herbei. Psychisch geht es mir schon eine Weile miserabel, aber deswegen wollte ich nicht krank machen. Geht auch niemanden was an. Dabei wäre es schon gut gewesen, mich mal auszusprechen.
Heute Nacht hatte ich extreme Schluckbeschwerden. Mein Hals brannte wie Feuer. Immer wieder wachte ich auf und fühlte diesen höllischen Schmerz. Inzwischen gesellte sich der Schnupfen hinzu, und das Halsbrennen ließ etwas nach. Schon komisch, dass ich trotz offensichtlichem Kranksein ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Kolleginnen habe. Kann sein, dass einige mit meinen Symptomen arbeiten gehen würden. Ich kenne die Hühnersprüche zur Genüge… in dem Sinne: „Ich habe Schnupfen, oder wie ein Mann sagen würde: Es geht zu Ende mit mir.“
Am Donnerstag ist Internationaler Frauentag. Die Hühner ließen bereits eine Liste herumgehen, wer was zum Fressen mitbringen könnte/wollte. Nun werde ich gar nicht in den Genuss dieser ganzen Spezialitäten kommen… Uff! Ich liebe es, wenn man mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen kann. Nein, so schlimm finde ich die Hühner gar nicht. Ihr Gegacker kann sehr lustig/belebend sein. Und ich verstehe Spaß…
Alleine zuhause mehrere Tage abhängen ist nicht unbedingt der größte Genuss. Momentan finde ich es noch cool, aber ich weiß, dass sich das bald ändern wird. Kommt auch drauf an, wie gemütlich es sich die Erkältungsviren bei mir machen.