Zeit für die Wahrheit

Mir ist klar, dass die Wahrheit oft unbequem ist. Viele werden sie nicht hören wollen. Andere wiederum ahnten die Wahrheit sicher und werden nicht besonders überrascht sein. Bestimmt aber werden die meisten aus allen Wolken fallen. Sei`s drum. Meine Wahrheitsliebe verpflichtet mich dazu, Euch hier und jetzt mitzuteilen, was Sache ist.

Nein, das ist keine Show. Vor zwei Stunden, fünf Minuten und 23 Sekunden wurde mir aus sicherer Quelle die Wahrheit aller Wahrheiten zugespielt. Fragt mich nicht, warum ausgerechnet ich auserwählt wurde. Ich bin nur ein simpler Informant. Ich habe mich nicht um diesen Job gerissen. Auf der anderen Seite gehöre ich zu denen, die es schon lange ahnten.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob es eine gute Idee ist, wenn ich Euch die Wahrheit einfach so aufs Brot schmiere. Was sollte sich danach ändern? Die Mehrheit wird mich für verrückt erklären. Kann ich sogar gut verstehen. Aber da ich weiß, dass es die Wahrheit ist, werde ich nicht davon abrücken. Seid ihr also bereit?

Okay. Die Wahrheit ist… Wie jetzt?… Ich soll nicht mehr?!?… Wieso, verdammt!?… Aber Du sagtest… Scheiß Spiel!… Das lasse ich nicht zu!… Nein, auf keinen Fall… Ich sage jetzt die Wahrheit!!… Fuck!… Wieso soll das plötzlich nicht mehr die Wahrheit sein??… Verarschen kann ich mich selbst!… Noch nicht der richtige Zeitpunkt?…

Entschuldigt. Wir verschieben das. Ich kenne mich nicht mehr aus. Gott und Teufel. Sie lassen mich im Regen stehen mit der Wahrheit. Kalt abserviert. Bestimmt Methode. Passt nur auf – ich bin sicher nicht der einzige, den sie linkten und noch linken werden. Dabei erschien es mir echt plausibel: Die Welt ist die Hölle, und wir verdienen es, hier zu sein…

Advertisements

Adressänderung

Für alle, die`s interessiert – ich weiß, das sind nicht viele -, aber der Ordnung halber will ich hier meine neue Anschrift mitteilen. In Zukunft, d.h. für alle Zeiten, werde ich in der Paulusstraße 20b erreichbar sein. E-Mail-Adresse und Telefonnummer sind noch in der Mache, schließlich bin ich frisch eingezogen. Anscheinend geht`s hier auch nicht schneller als in Berlin. Man muss sich mal den riesigen Verwaltungsaufwand vorstellen: ca. 200.000 Menschen sterben jeden Tag, und davon kommt immerhin etwas über die Hälfte in den Himmel, wurde mir jedenfalls an der Pforte gesagt. Und ich dachte, dass es einen Überhang in der Hölle geben müsste… So kann man sich irren. Jedenfalls hatte ich wohl riesiges Glück. Man hielt mir meine vielen Jahre als Altenpfleger zugute. In dieser Zeit sammelte ich mehr Punkte, als mir zu Lebzeiten bewusst war. Darum schaffte ich es knapp in den Himmel, in ein 1-Zimmer Appartement, das in einem Wohnblock liegt, wo ich eigentlich zu Lebzeiten nie hinwollte. Zu mehr reichte aber meine Punktzahl nicht. Meine Nachbarn sagen fast alle übereinstimmend: „Immerhin sind wir im Himmel!“ Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich darüber glücklich sein soll. Die machen sich wahrscheinlich was vor. Aber gut, mal abwarten, vielleicht wird`s noch besser.
In der ersten Etage wohnt Karl, der Hausmeister. Er sah mir gleich an, dass ich mit der Situation nicht besonders glücklich war.
„Hör mal, Kumpel“, sagte er mir, „ich habe es auch gerade so geschafft. Fälschlicherweise hatten sie mich in den Fahrstuhl runter zur Hölle gesteckt…“
„Echt?“ fragte ich ungläubig.
Karl rückte mir auf den Pelz. „In der Hölle macht es für unsereins keinen Unterschied zum Himmel“, flüsterte er mir ins Ohr.
„Ist nicht wahr.“
„Doch, doch! Die haben dort für diejenigen, die nur so ganz knapp in der Hölle landen, dieselben fuckin` Appartements. Kein Unterschied – wenn ich`s dir sage!“
„Offenbar muss man also ein Heiliger oder ein echter Verbrecher sein…“, erwiderte ich säuerlich, „irgendwas lief schief in meinem Leben.“
Karl grinste breit. Er schien mit seinem Hausmeisterjob glücklich zu sein, den er als Wiedergutmachung erhielt, da man ihn dummerweise erst in die Hölle geschickt hatte. Na ja, vielleicht nur ein Schwätzer.
Ich werde mich einleben müssen, egal ob Himmel oder Hölle. Wenigstens ein moralisch sauberes Feeling hier, – auch wenn ich mir den Himmel anders vorgestellt hatte als einen Marzahn-Plattenbau. Nein, Einsamkeit ist keine Frage des Ortes…
Entschuldigt, ich will nicht larmoyant rüberkommen. Es ist vorbei. Oder anders gesagt: Ich hab`s gepackt.

Allen, die an mich ab und zu denken (ich weiß, das sind nicht viele), wünsche ich ein schönes Restleben. Und wenn`s euch auch hierher verschlagen sollte, würde ich mich über einen Besuch freuen. Wie gesagt: Paulusstraße 20b – bis dahin habe ich bestimmt ein Namensschild.