COLD AS ICE

Nicht dass Heidelberg eine überragend schöne Stadt ist… Sie war einfach die erste, die ich in meinem Leben sah und das Attribut Stadt verdiente. Vor allem wegen ihres Alters und der Uni. Noch wunderbar übersichtlich in seiner Ausdehnung. Metropolen wie Berlin erscheinen mir im Vergleich als riesige, unüberschaubare Misthaufen…
Gegenüber der Kleinstadt (Anfang der Sechziger noch Dorf), in der ich geboren wurde, war in den Augen eines Heranwachsenden Heidelberg jedoch unvorstellbar groß und geschäftig. Allein der brausende Autoverkehr und die breiten Straßen zeugten davon. Uns Bübchen und Mädchen zog es erstmal nach Heidelberg. Dort meinten wir damals, gehe die Post ab. Wo denn sonst? So einfach war damals noch Abenteuer! Die Pickel sprießten, und wir lechzten nach unseren ersten sexuellen Erfahrungen.
Ich trampte die 15 Kilometer nach Heidelberg. In den Siebzigern ging das noch. Überall an den Ortsausgängen standen Tramper. Wir hatten nicht genug Kröten, um uns Bus und Straßenbahn zu leisten – wir brauchten unser ganzes Taschengeld fürs Saufen. War einer von uns pleite, durfte er selbstverständlich bei seinen Kumpels mittrinken. Das war echte Solidarität!
Meist fiel das Abenteuer in Heidelberg ziemlich kurz aus. Entweder waren wir bereits zu betrunken, als wir starteten, oder uns ging das Geld aus. Der Nachhauseweg in der Nacht war dann oft eine Odyssee. Vor allem im Winter. Rückblickend hätten wir uns alle diese Ausflüge sparen können.
Ich war oft alleine unterwegs. Was gab es Aufregenderes, als mit fünf Mark in der Tasche nach Heidelberg zu trampen und am frühen Morgen durchgefroren zurück zum Elternhaus zu kommen? Meine erste Liebe lernte ich dagegen ganz konventionell in der Neunten kennen, als ich ein Jahr wiederholen musste. Von wegen „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“.
Ein einziges Mal hatte ich eine kurze Liaison mit einer 29jährigen Studentin. Eine Schwäbin, 10 Jahre älter als ich. Sie wohnte im letzten Haus der Krämergasse unterm Dach. Ihr Geld verdiente sie als Tellerwäscherin im Palmbräu, wo ich sie nachts abholte… Wenn ich daran zurückdenke, kommt mir diese Zeit total irrwitzig bis irreal vor. Das war Anfang der Achtziger. In den Kneipen wurde Foreigner gespielt „Cold as Ice“ oder Fischer Z „Cruise Missiles“. Nur so als Beispiel. Richtig gute Musik.

Vierzig Jahre später, also heute, war ich auf Spurensuche in Heidelberg. Okay, vielleicht etwas übertrieben – Ich schlappte einfach durch die Stadt und machte mir so meine Gedanken.
Die Wege waren noch da. Auch viele Orte. Meine Augen freuten sich. Ich hatte Glück mit dem Licht. Der Neckar unverändert in seinem Lauf vom Odenwald in die Ebene. Das Heidelberger Schloss thronte wie immer an seinem Platz darüber. Die Brücken ganz dieselben. Die Kirchen und Fassaden in der Altstadt. Der Philosophenweg. Der Heiligenberg und Königstuhl als höchste Erhebungen zu Seiten der Stadt. Überall begegnete ich meinen Fußspuren. Ich war ein Gespenst aus einer anderen Zeit kommend. Niemand sah mich. Der Tod machte den Bartender. Er zapfte mein Bier und reichte es mir mit den Worten: „Was hast du denn erwartet?“

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Heidelberg

 

Berlin hat mich wieder

Die Waschmaschine läuft mit der Schmutzwäsche. Die Reiseeindrücke in meinem Kopf wirbeln umeinander. Vier intensive/anstrengende Tage liegen hinter mir. Ich wurde mit viel Sonne belohnt. Der letzte Besuch der alten Heimat fiel deutlich trister aus.
Ich blicke aus dem Fenster. Abfall und Dreck von der Silvesterknallerei auf Gehwegen und Straße. Der Postkasten vor der Haustür in seine Einzelteile zerlegt. Berlin hat mich wieder.

 

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Meine Augen werden sich freuen

Ganz werde ich das Reisefieber vor einer größeren Fahrt nie ablegen. Für ein paar Tage verlasse ich mein Quartier. Der Tagesablauf wird auf den Kopf gestellt. Es stellen sich die immer selben Fragen: Erwische ich den Zug? (Hoffentlich verschlafe ich nicht.) Finde ich einen Platz? Bin ich ausgerüstet? Genug Bier dabei? … Und Zweifel kommen auf: Was will ich eigentlich dort den lieben Tag lang treiben? Wozu diese Anstrengung? Lohnt sich die Reise? Ich und meine fixen Ideen…
In meinem Innersten weiß ich freilich, dass alles tausendmal besser ist, als in Berlin abzuhängen. Die Hälfte der freien Tage ist bereits rum. Wird also höchste Zeit, dass ich den Arsch hochkriege.
Eindreiviertel Jahre ist es her, dass ich dort war. Erinnerungen werden wach. Keine allzu guten… Schwamm drüber. Jetzt ist jetzt. Man muss sich die Scheiße von den Schuhen kratzen und weiter geht`s. Auch dafür die Reise. Vielleicht wird mir die alte Vertrautheit guttun, auch wenn ich nicht mehr dazugehöre, sozusagen der Heimat entwachsen bin. Die Orte und Wege von damals gibt es nach wie vor. Sie werden mich wiedererkennen. Menschen dagegen sind flüchtig wie Jahreszeiten – gute und schlechte. Sie gehen dahin, bis sie der Horizont des Lebens verschluckt.
Es wird eine Reise nach innen. Meine Augen werden sich freuen. Mein Herz wird weinen.
Warm anziehen sollte ich mich. Eine Sonnenbrille werde ich nicht brauchen. Genügend Aspirin. Und ein gutes Buch.

 

Nichts ist, wie es scheint

Ich träumte von Costa, meinem Lieblingsgriechen (in meiner alten Heimat). Im Traum war er allerdings Italiener, der das beste Tiramisu ever machen konnte. Das Tiramisu stellte sich im Traum dann als belegte Sandwiches heraus bzw. Baguette-Brötchen, auch unter La Flute bekannt. Süßspeisen mag ich eh nicht. Jedenfalls stand Costa in Rivalität mit einem Franzosen. Dessen belegte Sandwiches waren zwar nicht annähernd so gut, aber er konnte sie besser anpreisen und verkaufen; und so gewann der Franzose den Wettbewerb. Ich war wütend, denn nichts hasse ich auf der Welt mehr als solche zum Himmel schreienden Ungerechtigkeiten. Ich hätte es Costa gegönnt. Nicht umsonst war er mein Lieblingsgrieche, respektive -Italiener…
Was wollte mir dieser Traum nur sagen?
Vielleicht: Ich habe Appetit auf ein lecker belegtes Sandwich, und nichts ist, wie es scheint.

Viele Nachmittage verbrachte ich damals in Costas Gaststätte an der Bar und trank. Ich kann mich nicht erinnern, bei ihm jemals gegessen zu haben. Doch: Ab und zu bestellte ich Gyros zum Mitnehmen. Unglaublich, was man sich im Suff alles reinhaut… Das waren die Neunziger. Ich pendelte 30 Kilometer zwischen Wohnung und Altenheim, wo ich in einer Dachmansarde hauste, um nicht täglich hin und herfahren zu müssen. Mitunter praktisch, zwei Schlafplätze zu haben. Das sorgte für Abwechslung und hielt mich in Bewegung, denn ich pendelte die 30 Kilometer mit dem Fahrrad. Noch heute träume ich manchmal, ich hätte irgendwo eine Wohnung, die ich nur vergaß.

In zwei Wochen ist es soweit, dass ich mal wieder meine alte Heimat besuche. Wahrscheinlich gehen mir deshalb vermehrt solche Erinnerungen durch den Kopf. Ich habe nicht vor, irgendjemanden zu treffen. Sicher ein paar der alten Plätze aufsuchen, u.a. den Friedhof, auf dem meine Eltern seit 2013 ruhen. Nein, auf Wiedersehensgespräche mit alten Bekannten habe ich keinen Bock. Es gibt nur wenige alte Freunde, an die ich öfter mal denke, und die verlor ich aus den Augen. Kapitel abgeschlossen.
Eine gewisse Aufregung vor dieser Reise in meine Vergangenheit kann ich nicht verhehlen…, wird sicher emotional. Einen Rückzieher schließe ich aber aus.

 

Probiere mal

Endlich entschlossen – sagen wir mal dreiviertel entschlossen (vierfünftel, fünfsechstel…), wo ich einen Teil meines Urlaubs zur Jahreswende verbringen werde. Zimmer gebucht für vier Nächte. Eine Stornierung ist bis kurz vorm Reisedatum möglich. Man weiß ja nie. Plötzlich fällt ein Engel vom Himmel, und ich verliebe mich. Oder… ich gewinne im Lotto und fasse ein anderes Reiseziel ins Auge… Aber ich weiß schon, dass bis dahin nichts Großartiges passieren wird. Am wahrscheinlichsten ist, dass ich die Reise wegen Krankheit absagen muss.
Wenn das Leben dahinplätschert wie der Urinstrahl eines alternden Mannes, denkt man leicht: Das war`s dann also. Man schlappt durch die Gassen der Einsamkeit und die Eier schrumpfen einem weg. Eines Tages wartet der Schnitter am Ende der Gasse. Er ist der coolste von allen. Ich stelle ihn mir vor wie meinen Opa (väterlicherseits). Er sitzt auf einer Bank am Waldrand und schnitzt aus einem jungen Haselnussast eine Flöte. Extra für mich. Ich sitze daneben und warte gespannt auf das Ergebnis. Mein Opa trägt einen Hut und hat einen schmalen Schnäuzer. Er sieht aus wie ein echt alter Mann. Und er raucht Zigarren. Er riecht danach. Nicht so gut, denke ich. Aber ich habe nichts gegen ihn. Nur meine Mutter kann ihn nicht besonders leiden, denn er sitzt oft stundenlang bei ihr in der Küche rum. Ich bin sehr klein, noch nicht eingeschult. Das ganze Leben liegt vor mir. Meine Interessen sind Matchboxautos und Cowboys. Von Tod und Sterben habe ich null Ahnung. Ich weiß nicht mal richtig was von mir selbst. Ich weiß, dass ich meine Mama liebe, dass ich sie gern rieche und mich an sie kuscheln will.
Mein Opa ist mit der Flöte fertig. Er prüft sie, klopft mit dem Taschenmesser gegen die Rinde, setzt sie an seinen alten Mund und entlockt ihr einen Ton. Grinsend reicht er sie dem kleinen Mann neben sich auf der Bank und sagt: „Probiere mal.“
Mein ganzes Leben probierte ich. Ein paar Töne schaffte ich schon, aber kein stimmiges Lied. Kann sein, dass die Flöte nicht besonders gut geschnitzt war… Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich bemühte ich mich zu wenig. Ich blicke auf mein Leben zurück. Es ist, wie es ist. Die paar Jahre werde ich auch noch rumkriegen. Es könnte mir schlechter gehen. Ich hatte jede Menge Glück. Natürlich gab`s zwischendurch Enttäuschungen und Tiefpunkte. Aber solange ich allein vom Scheißhaus hochkomme…
Den Schnitter kümmert all das wenig. Er sitzt am Ende der Gasse, eingehüllt von den Nebelschwaden der Zigarre, die er ewig raucht.
„Groß bist du geworden“, meint er gleichmütig, „ich habe hier was für dich.“ Er holt wie aus dem Nichts eine Knochenflöte hervor und reicht sie mir. „Probiere mal.“
Ich setze die Flöte an und tauche ab in die Vergangenheit.
„Warum?“ frage ich.

Für vier Übernachtungen buchte ich das Zimmer über Silvester. Ich gab dem Sog der Vergangenheit nach. Das Grab meiner Eltern besuchen. Das Neue Jahr in meiner alten Heimat begrüßen.

„Warum?“ wiederhole ich.

Mein Opa nimmt mich an der Hand und sagt: „Wir müssen gehen, sonst sorgt sich deine Mutter.“

Einer der letzten Tage

Ich denke an meine alte Heimat, wo jetzt das alljährliche Winzerfest stattfindet. Der Festplatz liegt an erhabener Stelle, und man hat im nahen Park einen Blick über die Dächer der Stadt und hin zu den Weinbergen des Kraichgaus. Ich denke an meine Eltern, die dort seit 2013 auf dem Friedhof ruhen. Das Schwimmbad, das sicher auch heute gut besucht sein wird, liegt gleich dahinter. Je nachdem, wie der Wind steht, tönt das Kindergeschrei über die Gräber. Ob`s die Toten stört?
Ich denke an die Jahre meiner Kindheit und Jugend, in denen mir meine Heimat zur zweiten Haut wurde. Ich denke an die vielen Freunde und Schulkameraden, die lange schon aus meinem Leben verschwunden sind. Ich denke an meine erste Liebe und unsere Spaziergänge in den Weinbergen.
Das Winzerfest bedeutete Abschied nehmen vom Sommer. Wir saßen auf den Stufen vor der Eissporthalle, die als Festhalle diente, und betranken uns. Ich blickte auf die zahllosen Menschen, die ihre Runden auf dem Festplatz drehten, die Musik der Fahrgeschäfte, die gebetsmühlenartigen Mikrofon-Ansagen der Schausteller in den Ohren, der Duft von Zuckerwatte in der Luft…, daneben der Geruch von Alkohol und Pisse.
Die Jahre gingen ins Land. Eine Liebe folgte der anderen. Bier floss in Strömen. Ich ließ die Schulzeit hinter mir. Ich arbeitete. Ich studierte. Ich trank. Ich liebte.
Sechshundert Kilometer liegen zwischen mir und der alten Heimat. Aber es sind nicht nur die Kilometer. Ich wuchs aus ihr heraus wie aus alten Klamotten (– die sind dann für die Tonne). Nur die Erinnerungen bleiben, eine ganze Geisterstadt voller Erinnerungen.

Hier ein Relikt meiner schriftstellerischen Bemühungen aus der damaligen Zeit, 1984:

 

Einer der letzten Tage

 

Der Sommer lag in den letzten Zügen, spuckte noch ab und zu einen warmen Tag aus; und man besuchte das Schwimmbad, weil man Urlaub hatte und nichts Besseres zu tun wusste. Es war kein richtiger Sommer und kein richtiger Urlaub gewesen. Das Ganze schien wie ein Kampf zwischen den vier Jahreszeiten, von denen sich keine geschlagen geben wollte. Sie stritten und balgten sich und vernachlässigten ihre Pflichten. So kam es bei ihm zu einer Verwirrung des Geistes. Er wurde vor- und zurückgeworfen in Geist und Gefühl, schwankte in seinem Schaffen und träumte in den Tag hinein.
Mit dem alljährlichen Winzerfest verließ die warme Jahreszeit Stadt und Land, und der Herbst begann seine blassen Farben auf die Wiesen und Felder zu sprühen. Aber noch war es nicht so weit, und er lag an diesem Nachmittag auf der Liegewiese des Schwimmbads in einem von Bäumen und Sträuchern begrenzten Abteil. Ameisen kitzelten ihn an allen möglichen Stellen, und er kratzte sich, zuckte nervös. Die Wiese war voll von unzähligem Kleingetier, das krabbelte und schwirrte und juckte. Er konnte nicht stillliegen. Das Leben fraß an ihm. Er hörte die Duschen und das Gerede der anderen Badegäste und hörte einen Hubschrauber und hörte ihn auch wieder verschwinden. Die Geräusche wechselten sich ab.
Er war unruhig und unzufrieden an jenem Tag, und es war möglich, dass es der Sommer war, der seine letzten Grüße sandte; es war auch möglich, dass es die Ameisen waren, die ihn wie verrückt kitzelten. Es gab eine Menge Dinge, die ihn beunruhigten, eine Menge Fragen, die er beantworten wollte. Das war so ein Tag, an dem er sich zwang nachzudenken, weil er das Gefühl hatte, es wäre der letzte, und alles wäre einmalig – und wenn nicht heute, wann dann?

 

Die Stille nach dem Furz

Stundenlang könnte ich dem Surren lauschen. Ich hänge mit dem elektrischen Nasenhaarschneider am heimischen Schreibtisch ab, drehe den Kopf zur Seite und schaue auf das werktägliche Treiben vorm Fenster, aber mehr so indirekt, wie wenn man aufs Meer blickt. Die Stadt atmet. Der Verkehr pulsiert in den Adern. Die Stadt funktioniert wie ein Lebewesen. Alles Definitionssache. Das Universum zerfällt in fraktale Muster. Alles lebt gewissermaßen. Oder auch nicht…
Normalerweise würde ich jetzt im Büro sitzen und einen Stapel Tumorfälle abarbeiten. Stattdessen sitze ich zuhause wie in einer Parallelwelt und rasiere mir die Nasenhaare. Die Sonne kommt kurz raus. Gut. Gut. Heute und morgen noch zum Auskurieren. Schwach fühle ich mich. Vielleicht würde ich die Krankmeldung verlängern, wenn da nicht die Reise wäre. Ich muss mich berappeln!
Ganz schön windig draußen. Ich mag den Wind an der See. Ich setze die Segel in meinem Kopf und lasse mich treiben… Wolken und Wind, Licht und Schatten im regen Wechsel, der Blues des Lebens, die Elemente, aus denen alles besteht, explodierende Sterne, Supernovae, Sternennebel… sich in irrwitzigen Größen verlierend… Und wir diskutieren bei Plasberg, was Heimat ist.

Freiheit?

Freiheit ist ein großes Thema in meinem Leben. Noch nie durfte ich mich so frei fühlen wie heute. Dieser Gedanke schoss mir erst vor kurzem mal wieder durch den Kopf. Befreit von Partnerin, Familie, Freunden und Bekannten*. Quasi heimatlos. Scheißegal, ob ich besoffen bin, irgendeinen Blödsinn anstelle oder von heute auf morgen von der Bildfläche verschwinde. Ich bin frei. Ich bin durchsichtig, vollkommen bedeutungslos, – keine Anrufe, keine SMS, weder Mails noch Post von irgendwem. Ich bin jeglicher Pflichten entbunden. Ich muss vor nix mehr davonlaufen. Ich kann einfach der sein, der ich bin, nurmehr mir selbst verantwortlich. Ziel erreicht, würde ich sagen und grinse in mich hinein. Die letzten Zwänge sind die des Brotverdienstes und meiner körperlichen sowie geistigen Bedürftigkeit. Auch die alten Ängste fallen nicht einfach von einem ab. So kann man im Prinzip frei sein, ohne sich wirklich frei zu fühlen. Momentan fühle ich mich so ähnlich wie am Ziel einer meiner Fahrradreisen von einer seltsamen Leere erfasst, nicht unglücklich, nein, sondern melancholisch, einsam und müde.
„Geht noch mehr frei?“ frage ich mich und antworte, ohne lange zu überlegen „Natürlich“. Vor kurzem stieß ich beim Durchblättern eines Journals auf ein Foto, auf welchem eine Gruppe indischer Yogis nackt posierte. Von solchen Typen bin ich echt beeindruckt. Sie fristen ein extrem asketisches Leben ohne jeglichen Besitz. Ich nehme an, dass sie dabei der Weltseele, respektive Gott, sehr nahekommen. Ganzschön strange für unsereins. Mir erscheinen sie auf dem Bild wie Wesen aus einer anderen Daseinsdimension. Diesen Grad von Erleuchtung und Freiheit werde ich sicher nicht mehr erreichen.
Mein Traum wäre es, meine sieben Sachen in einen Koffer zu packen und ohne viel Komfort um die Welt zu reisen – nach dem Motto „Ich bin dann mal weg“.
Aber der Weg des Loslassens ist steinig. Ständig stehen wir uns dabei selbst im Weg. Ich will mir nichts vormachen. Insgeheim sehne ich mich nach einem Zuhause, einem Hafen, einem Stück Heimat…

*  bitte nicht pikiert sein, wer sich nach wie vor mit mir freundschaftlich verbunden fühlt

Zurück

Der Ort meiner Geburt, wo ich aufwuchs, in den Gassen spielte, zur Schule ging, meine erste Liebe fand, als junger Mann in den Kneipen abhing…, wo meine Eltern beerdigt sind, liegt 15 Kilometer südlich an der Bergstraße, eingebettet in die sanften Hügel des Kraichgaus. Ich nahm ein Taxi. Alles um mich herum wurde von Kilometer zu Kilometer vertrauter. Ich dirigierte den Taxifahrer zum Friedhof. Es war früher Mittag. Außer mir gab es nur wenige Besucher. Schnurstracks nahm ich den Weg zum Grab meiner Eltern. Gleich hinter der Kapelle links musste es sein. Ich fand es nicht gleich. Hatte ich mich geirrt? Nein, da war es, ein paar Meter weiter, als ich es in Erinnerung hatte. Ein Grab unter Gräbern. Ich kniete vor der Granitplatte nieder, auf der ihre Namen eingemeißelt standen. Der Himmel über mir wolkenverhangen. Friedhofswetter – wie man es sich vorstellt. Immerhin wurde ich nicht von Regen in meiner Andacht gestört.
Als ich mich erhob und abwendete, erfasste mich eine Welle Wehmut, als würde ich in der Brandung stehen und nun den Sog des zurückfließenden Wassers hinaus aufs Meer spüren. Schweren Schrittes ging ich zum Ausgang. Ein paar Sonnenstrahlen schafften es hin und wieder durch die Wolkendecke. Mein Weg führte mich hinunter in die kleine Stadt. Ich kam mir vor wie ein Riese – meiner Heimat längst entwachsen. Im Zentrum begrüßte mich eine menschenleere Fußgängerzone. Diese ganze Stadt ist ein Grab, dachte ich unwillkürlich, aber es war schließlich Ostersonntag und das Wetter beschissen.
Vorbei an einigen Stätten meiner Kindheit und Jugend. Vorbei am Leimbach, der nach wie vor dahinplätscherte. Vorbei am Wohnhaus, das in neuer Fassade aufwartete. Vorbei am alten Amtsgericht. Vorbei am Jugendkeller, wo ich mein erstes Bier trank… Vorbei am ersten Kaufhaus der Stadt. Vorbei an Marktplatz und Kirche. Vorbei an vielerlei Erinnerungen. Vorbei an den Kneipen… Alles erschien im Lichte dieses Tages reichlich armselig. Wie konnte man in dieser Enge leben?
Wo ich einst im Billard-Café echte Glanzzeiten erlebt hatte, residierte jetzt eine Shisha-Bar. Die Bierbörse daneben gab es noch, und sie hatte sogar geöffnet. Vielleicht sehe ich dort einen alten Bekannten, dachte ich, um mit ihm über die glorreichen Zeiten zu plaudern. Meine Emotionen hämmerten in mir und drängten heraus, aber es gab niemanden, mit dem ich sie teilen konnte. An der Bar spielten die Bedienung und ein Stammgast Karten. Ich trank mein Bier und betrachtete die Öde vor mir. Fast hätte ich die Bedienung angesprochen: Wie lange arbeiten Sie schon hier? Wissen Sie, ich bin hier zu Besuch in meinem Geburtsort, das Grab meiner Eltern besuchen. In den Achtziger/Neunzigern trank ich in der Bierbörse oft mein Bier. Kennen Sie vielleicht noch den Micha? Der war damals Wirt. Eine gute Zeit. Die Kneipen immer voll…
Stumm beendete ich meine Thekensitzung und bezahlte.
Am Taxistand stand kein Taxi, und es begann zu schiffen. Ich schimpfte vor mich hin und flüchtete in ein Café, einstmals Traditions-Kaffeehaus des Ortes, heute von Ausländern geführt. Alles machte mich plötzlich wütend. Wer waren diese Leute? Woher kamen sie? Was war passiert? Was für ein totes Kaff! Ich fühlte mich bestohlen und gekränkt. Ich wurde hier geboren, meine Eltern liegen hier begraben – hört ihr! hätte ich am liebsten in den Raum gerufen. Ich trank noch ein Bier und orderte über den Barkeeper das Taxi für die Rückfahrt.

Anreise

Mein Rucksack erhielt einen Sitzplatz 1. Klasse. Er war ein guter Reisebegleiter, etwas grau und einfältig vielleicht, andererseits ungeheuer genügsam und ausgeglichen. Zugreisen über hunderte von Kilometern dehnen sich länger als Arbeitstage. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren, starrte stundenlang aus dem Zugfenster auf die vorbeihuschenden Landschaften und auf die Mitreisenden. In meinem Kopf liefen die Gedanken Marathon, japsten vor sich hin und fanden keine Ruhe.
Als ich in Frankfurt umstieg, meinte ich bereits heimatliche Luft zu schnuppern. Ausgerechnet mit dem EC nach Klagenfurt fuhr ich die letzten Kilometer. Erinnerungen über Erinnerungen. Der Schaffner bemerkte, dass ich anders als auf dem Fahrschein vorgesehen alleine reiste und drückte mir sein Bedauern aus, was ich drollig fand. Wahrscheinlich wirkte ich etwas geknickt. Mit feuchten Augen schaute ich auf die mir immer vertrauter werdende Landschaft mit ihren Ortschaften.

Die Pension lag im Herzen der Altstadt. Das Zimmer urig und bescheiden unterm Dach. Kurz dachte ich: das wäre ein schönes Liebesnest über die Ostertage gewesen. Natürlich Blödsinn – denn dieser Zug war abgefahren.
Der Samstagnachmittag meiner Ankunft schenkte mir frühlingshafte Sonnenstrahlen. Marktplatz und Hauptstraße wimmelten von Menschen. Ich schlich um sie herum, drehte eine Runde durch die mir vertrauten Gassen und verschwand schließlich in der Pinte, eine der wenigen verbliebenen „Trinkstätten“ vergangener noch wilderer Tage. Touristen linsten nur vorsichtig hinein oder machten ein Foto von der Eingangstüre, über der ein Schild mit der Aufschrift „Betreutes Trinken“ prangte. Auch heute sammelt sich hier (und in wenigen anderen Lokalen der Altstadt) die Alternative Szene der Region, vergleichbar einem Mini-Kreuzberg. Ein paar der Alteingesessenen standen an der Theke und zockten. Die Zeit war hier stehengeblieben. Aus den Lautsprechern tönten Rocksongs der Siebziger, was mir gerade recht war. Ich sog die vielfältigen Eindrücke auf und fühlte mich halbwegs im Einklang mit meiner Umgebung.
Endlich hatte ich genug von der lauten Beschallung und wechselte in eine der vielen Nachbarkneipen. Ich ergatterte gerade noch einen Sitzplatz. Auf mehreren Bildschirmen wurde Fußball übertragen – der Hit: Bayern gegen Dortmund. Okay, warum nicht etwas Ablenkung. Ich bestellte mir ein Riesenschnitzel, lauschte den Sprüchen der anwesenden Fußballexperten und verfolgte das Spiel. In der Halbzeit stand es 5:0 für die Bayern, und ich hatte das Schnitzel bis auf ein paar Reste niedergerungen. Satt und träge machte ich mich davon. Draußen dämmerte es. Die milde Abendluft war zum Küssen.
Zurück in meiner Mansarde legte ich mich alsbald lang zusammen mit Hunter S. Thompsons Roman „Der Fluch des Lono“. Seit Wochen trage ich das Buch schon mit mir rum. Nun fand sich eine gute Gelegenheit zur Lektüre.