Eine Woche rund ums Handy/Smartphone

Wie kann man so schusselig sein? Nach Feierabend wollte ich das Ding endlich klarmachen. Ich kaufte mir also einen geeigneten Versandkarton, faltete den zuhause zusammen, klebte die Paketmarke drauf, dachte daran, aus dem Smartphone die SIM-Karte zu nehmen, schaltete das Smartphone aus, steckte es zur Sicherheit in einen gepolsterten Umschlag, – diesen dann in den Karton, legte Reparaturschein und Kaufvertrag dazu… Fertig! Ich schwang mich auf mein Bike und radelte zum nahen DHL Shop, einer der unzähligen Kioske, die nebenbei noch Paketdienste anbieten. Danach gleich wieder zurück zur Wohnung – Uff! dachte ich, das wäre erledigt – nun nur noch mein altes Handy mit der SIM-Karte flott machen… Aber Pustekuchen! Ich alter Schussel hatte die Speicherkarte entfernt! In der Eile entnahm ich nur die Karte, die obenauf lag. Sollte ich nochmal zurückradeln? Ich stellte mir vor, wie ich dem Türken mein Missgeschick erklärte – nein, darauf hatte ich keinen Bock. Ich war müde. Ich wollte endlich vorm TV chillen und mir dabei etwas zwischen die Kiemen schieben.

Am nächsten Tag fuhr ich zum Telekomshop in den Potsdamer Platz Arkaden. Ein schöner kleiner Fahrradausflug nach Feierabend. Prima! Ich wollte wissen, ob ich vielleicht besser die Karte sperren lassen sollte. Auf jeden Fall musste ich wieder telefonieren können. Der Telekom-Mitarbeiter riet mir von einer Sperrung ab. Das Smartphone wäre schließlich nicht gestohlen, außerdem würde es mich 30 Euro kosten. Okay, er hatte mich so gut wie überzeugt – also kaufte ich mir für 15 Euro eine Prepaid-Karte und machte mein altes Handy damit flott. Für die Zeit der Reparatur bin ich nun freilich nicht auf meiner eigentlichen Rufnummer zu erreichen. Dazu muss ich erklären, dass ich zwar einen Festnetzanschluss habe, an welchem aber kein Telefon hängt. Überall gab ich meine Mobilnummer an. Hoffentlich dauert die Reparaturgeschichte nicht zu lange. Aber mich ruft sowieso kein Schwein an – meine privaten Kontakte tendieren gegen Null. Außer meinem Arbeitgeber (den Bürohühnern) und ein paar Bloggern würde niemand merken, wenn ich nicht mehr da wäre.

So weit so gut. Das alte Handy tuts auch. Allerdings fehlt es ihm an Speicherplatz*. Im Biergarten höre ich ab und zu gern über Ohrstöpsel Musik. Also nach Feierabend erneut einen kleinen Ausflug gemacht, dieses Mal zur Mall of Berlin am Leipziger Platz. Dort gibt es einen Saturn-Markt. Schön. Ich hasse Einkaufscenter, insbesondere die, die wie Irrgärten angelegt sind. Und dann das Menschengewimmel, der überbordende Konsum – mir wird schlecht, wenn ich nur dran denke. Also ging ich stracks zu Saturn, besorgte mir die Speicherkarte und verließ diesen Ort kapitalistischer Verkommenheit schnell wieder.

Wider Erwarten riss gestern zum Feierabend ins Wochenende die Wolkendecke auf. Ich saß im Biergarten und genoss über Ohrstöpsel meine Musik. Was für eine beknackte Welt, dachte ich immer wieder, gar nicht speziell auf meine Woche gemünzt, sondern ganz allgemein.

 

*Für den aufmerksamen Leser: Ich hatte doch eine Speicherkarte zuhause auf meinem Schreibtisch liegen – warum verwendete ich die nicht? Leider nicht möglich, da ich für das alte Handy maximal eine Speicherkarte bis 16 GB verwenden darf.

Falls du etwas sagtest, so habe ich es nicht verstanden

Morgens, bevor ich zum Praktikum aufbreche, lade ich meist das Handy am Computer, dann stecke ich es ein; seit geraumer Zeit nun ertönt kurz darauf eine geheimnisvolle weibliche Stimme aus der Manteltasche mit dem einmaligen Satz „Falls du etwas sagtest, so habe ich es nicht verstanden“. Keine Ahnung, was es damit auf sich hat, irgendwas muss dabei am Handy aktiviert werden. Der Vorgang des In-die-Tasche-Steckens kann es allein nicht sein, denn das mache ich ja zig Mal am Tage, und da ertönt die Stimme nicht – der Spruch kommt immer nur morgens.
Nun, heute muss ich weder zum Praktikum noch zur Schule. Es ist Weihnachten. Zwischen den Jahren nahm ich mir zudem frei. Ich hoffe, dass die Anspannung, in der ich die letzten Wochen stand, langsam abebbt. Ausgerechnet am letzten Tag vor meinem Frei platzte mir der Kragen. Ich saß neben der Tumordokumentarin, die ich am wenigsten abkann. Aber gut, Arbeitskollegen kann man sich schließlich nicht aussuchen. Normalerweise bin ich da sehr belastbar. Ich arbeite zurzeit eine Fehlerliste mit gut 600 Fällen ab, querbeet durch alle Tumorerkrankungen und Krankengeschichten. Da gibt es einfache Fälle, wo sich die elektronische Krankenakte in Grenzen hält aber auch solche mit zig Arztbriefen. Für mich als Neuling in der Materie (auch nach mittlerweile sechs Wochen sehe ich mich noch als Neuling an) eine mitunter diffizile Aufgabe. Ich arbeitete also zwei oder drei Fälle ab, und die Kollegin kontrollierte sie. So weit, so gut. Ich will dazulernen. Dass ich noch Fehler mache, sollte klar sein. Im Kopf war ich bereits im Feierabend, ich hatte nur noch eine gute Stunde, und mit meiner Konzentrationsfähigkeit stand es nicht gerade zum Besten. Mir brannten die Augen – die Buchstaben der Arztbriefe verschwammen vor meinen Augen. Die Kollegin musterte mich von der Seite: „Hast du Fragen? Du weißt, es wird als Desinteresse ausgelegt, wenn man nicht fragt.“ Ich lächelte gequält und entgegnete: „Wenn ich kein Interesse hätte, wäre ich gar nicht hier.“ In mir krampfte sich etwas zusammen. Ich weiß nicht, ob sie`s bewusst tat, aber sie setzte weitere Stiche. „Was fällt dir hier auf? Siehst du, was du vergessen hast?“ Verdammt! dachte ich, wenn ich`s wüsste, dann hätte ich es doch nicht vergessen! „Was habt ihr denn in der Schule durchgenommen?“ Alle Fragen formulierte sie im zuckersüßen Tonfall. Ich sah in ihre schmalen, rotumränderten Augen, die hinter den Brillengläsern gezielt Giftpfeile abschossen. Die Galle stieg mir hoch. „Du musst noch zwei Verläufe für die Nachsorge anlegen!“ „Ja klar, stammelte ich trocken. Tut mir leid, habe ich nicht gesehen.“ Daraufhin sie wieder zuckersüß: „Wie kann man das nicht sehen? Das müsstest du doch inzwischen wissen…“ Sie ließ nicht locker. Bei mir ging nichts mehr. Ich konnte keine klaren Gedanken mehr fassen und kam mir vor wie der letzte Trottel. Tja, und das platzte dann auch aus mir raus, – dass ich jetzt nicht mehr aufnahmefähig sei, und dass mir der Ton missfiele, in dem sie mit mir rede, so könne sie ihren Sohn belehren (keine Ahnung, ob sie einen Sohn hat), ich sei inzwischen 54 und ließe so nicht mehr mit mir reden, die Zeiten seien vorbei – und zwar endgültig! „Aber was ich nicht verstehe…“, hakte sie nach. Sie hob auf meinen Wissenstand ab, der doch inzwischen höher sein sollte. „Offenbar bin ich einfach zu blöd“, antwortete ich verärgert und frustriert. Sie rümpfte die Nase. „Schließlich sollst du bei uns etwas lernen, um auch ein paar Aufgaben zu unserer Entlastung zu übernehmen.“ „Ja klar, aber bei mir geht eben nicht mehr…“
Ich glaube nicht, dass sie meine Situation verstand. Zum Feierabend waren es nur noch ein paar Minuten. Ich starrte leer wie ausgebrannt auf den Computerbildschirm vor mir, im Kopf nur noch Gedankenmatsch.
Höflich wünschten wir uns frohe Weihnachten und einen guten Rutsch. Die kalte, frische Luft ein Segen, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben wanderte ich zur U-Bahnstation. Was für ein seltsamer Spruch aus meinem Handy des Morgens, was für eine seltsame Welt.