Eine Idee von allem und nichts

Mit Brummschädel aufgestanden. Nein, kein Kater. Ich lag schlicht zu lange in der Koje. Zudem malträtierte ich meinen noch schlaftrunkenen Geist mit einer Mathematikvorlesung (auf YouTube) zur Riemannschen Vermutung. Der Stoff stellte sich als zu heavy heraus. Den Teil über die Primzahlen verfolgte ich noch gespannt. Doch bei der Zetafunktion musste ich passen. Sei`s drum. Wird wohl nichts mit der Million, die ich mit dem Beweis der Riemannschen Vermutung verdienen könnte. Lieber Lotto spielen – dabei dürfte die Wahrscheinlichkeit für mich zu gewinnen größer sein.
Schön, Wochenende, zwei Tage lang rumgammeln. Sieht nicht gerade einladend draußen aus. November-Tristesse. Dann Dreißig Jahre Mauerfall. Seit Tagen spulen sie die Geschichte in den Medien rauf und runter. Heute Abend am Brandenburger Tor großes Spektakel mit Bühnenshow. Nein Danke (auch wenn u.a. Anna Loos auftritt). Würde bei mir sicher einen Brummschädel erzeugen – dann aufgrund anderer Umstände. Mal das Kinoprogramm googeln. Vielleicht läuft noch „Parasite“. Seit über zwei Wochen habe ich diesen Film auf dem Schirm…
Yeah! – läuft noch! Alternativ „Zombieland: Doppelt hält besser“. Somit ein Anhaltspunkt für eine Tätigkeit außerhalb meiner vier Wände. Nur nicht versacken. Scheiße, wie düster es ist. Dazu kalt und klamm.
Lärm im Treppenhaus. Wiedermal ein Umzug. Passiert meist an den Wochenenden. Ein großer weißer Transporter steht in der Hofeinfahrt und wird nach und nach beladen. Viele zupackende Hände. Junge Leute. Studenten, denke ich. Irgendwo in einer Etage über mir zieht jemand aus. Ich bin froh, dass ich Hochparterre wohne und sich somit die Schlepperei in Grenzen halten wird. Weiß nicht, wie lange ich mir die hohe Miete hier noch leisten will.
Meine Gedanken streunen hin und her. Die Waschmaschine läuft. Blues aus dem Internetradio. Die Musik eine Idee lauter… Primzahlen faszinieren mich schon immer. Wen nicht? Sie sind in meinen Augen mehr als nur Zahlen. Sie bilden das Gerüst, an dem alles andere hängt. Dabei tun sie sich auf den ersten Blick gar nicht besonders hervor. Etwas sperrige Zeitgenossen in der Zahlenwelt, wenn man sie eingehender betrachtet. Sehr sympathisch. Gestern im Pub den Feierabend begossen. Wie üblich drei Bier und dabei ein Geo-Magazin durchgeblättert. Die Bilder angeschaut. Der Wirt an seiner Grenze. Hatte zu viel Korn intus. Wenn er gereizt ist, halte ich mich bewusst zurück. Ich kann mir vorstellen, wie er innerlich zu kämpfen hat (– als mitfühlender Alki). Egal. Ich bin an einer Theorie dran, welche das Universum anhand der Primzahlen erklärt. Mehr emotional als gedanklich. Ich will das Dasein erfühlen. Die Magie der Zahlen. Die Welt (er)zählen. Der Kosmos als irres Zahlenkonstrukt. Ich glaube nicht, dass man das Dasein rein intellektuell verstehen kann. Unglaublich aber, wie weit der Intellekt des Menschen in den Wissenschaften und der Mathematik kommt. Unbedingt pflegenswert.
Bleibt die Frage, in welchen Film ich am Nachmittag gehen werde. Ich sollte erstmal „Parasite“ abarbeiten. „Zombieland“ läuft mir nicht davon.

Berlin ist die Welt

Woran ich merke, dass ich in Berlin bin: Am Kopfsteinpflaster, an den vielen SUVs und Luxuskarossen selbst in Wohngegenden wie meiner…, am chaotischen Verkehr und daran, dass alles vollgeparkt ist, an den vielen Spätkauf-Läden, den vielen Kebap-Buden, dass an manchen Orten kaum noch deutsch gesprochen wird, an den vielen bärtigen Männern, den vielen Burka tragenden Frauen, an den traumatisierten Ostdeutschen und den saufenden Polen und Russen, an den Dealern nicht nur im Görlitzer Park, am Straßenstrich ein paar Meter von hier, an den gebrauchten Spritzen im Gebüsch neben einem Kinderspielplatz, an den vielen Bettlern und Gestrandeten allerorts, an den vollen Bussen und U-Bahnen, an dem Dreck und Elend, an dem ich jeden Tag vorbeigehe und wegschaue…, an der maximalen Spanne menschlicher Existenzen – von absurd hässlich bis zu ikonischer Schönheit, von widerlich abstoßend bis zu faszinierender Anziehungskraft…, und alles (und noch viel mehr) läuft nebeneinander im Potse-Kiez ab, wo ich seit vier Jahren wohne, arbeite, lebe, atme, mein Bier trinke.
Das Ganze erscheint mir in seiner Bildgewalt wie aus einem wahnwitzigen Comic entlehnt, und ich mittendrin. Um mich herum abertausend Geschichten: Paralleluniversen Wand an Wand. Die unterschiedlichsten Menschen ertragen einander, denn sie sind allesamt Nutznießer des Gebildes Großstadt. Neben dem Nebeneinander müssen sie in Alltagssituationen in ein Miteinander eintauchen, verlieren dabei vielleicht die Scheu voreinander und gewinnen Toleranz – sogar Sympathien für den Mitmenschen, der so viel anders ist. Wäre in meinen Augen jedenfalls wünschenswert. Was sich hier in Berlin jeden Tag vor meiner Haustür abspielt, bildet die Zukunft der Menschheit ab in einer Welt, die immer voller wird, wo wir alle dichter zusammenrücken müssen, uns notwendigerweise ertragen müssen… Es gibt keinen Ausweg und keinen Platz für Extrawürstchen. Mauern werden eingerissen unter dem Druck der Menschenmassen. Nicht nur die Mauern und Grenzen zwischen Staaten und Lebensbereichen werden obsolet, auch die Schranken in unseren Köpfen müssen sich zwingend öffnen. Ich behaupte nicht, dass es einfach ist – weil ein sich der Welt öffnen nicht ohne Einschränkungen funktionieren wird. Vor allem Einschränkungen im Konsum, im Wohnraum und in der Mobilität werden wir alle hinnehmen müssen. Ich würde eine solche Entwicklung als eine Gesundung der Gesellschaft empfinden nach dem Motto „Weniger ist mehr“.
Klar ist auch, dass es nicht ohne Chaos abgehen wird. Ich hege allerdings Vertrauen in die synergetischen Kräfte und hoffe auf eine friedliche Zusammenführung der Weltkulturen und Staaten. Wenn die Menschheit sich bewusst für eine Zukunft auf dem Planeten Erde entscheidet, wird sie keine andere Wahl haben: Wir werden nur mit Menschenliebe, der Achtung vor der Natur, unseren Mitgeschöpfen und unserem Lebensraum der Selbstvernichtung entgehen…
Okay, genug geschwafelt. Bin ja eher pessimistisch drauf, was die Zukunftsaussichten angeht.
Aber ich denke, wenn ich es schaffte, in Berlin anzukommen, dann ist noch nicht aller Tage Abend.