Unter Wolken

Leider blieben die dunklen Wolken nicht am Horizont. Bei meiner zweiten Radtour nach Lubmin erwischte es mich auf dem Rückweg. Ich suchte unter den Bäumen einer langen Allee Schutz. Eine große fette Wolke regnete sich über mir ab. Gespenstisch wirkte die Kulisse. Hätte sich aus der Wolke ein Tornado entwickelt, wäre ich nicht erstaunt gewesen. Nach einer halben Stunde wagte ich mich wieder auf die Strecke. Der Wind hatte die Wolke hin zur Küste getrieben. Wolkenlöcher taten sich auf, aber vom Horizont schoben sich bereits die nächsten dunklen Wolkenungetüme heran. Der Fahrtwind trocknete mich schnell. Ich trat ordentlich in die Pedale, und als ich in Wiek am Ryck ankam (vier Kilometer vor Greifswald), war ich nassgeschwitzt. Vor einem Restaurant gegenüber der historischen Zugbrücke gönnte ich mir ein leckeres Hüttenbier…

Lecker!

Ein kurzer Überblick

Frühstück war inklusive. Da musste ich also durch entgegen meiner Gewohnheit, eigentlich nie zu frühstücken. Während ich frühstückte, machten die Damen mein Zimmer. Viel war da nicht zu machen, denn ich bin ein ordentlicher deutscher Jung. Die Wirtsleute waren Italiener, sehr nett. Mir fiel schon am ersten Tag in Greifswald auf, dass es dort sehr viele Italiener gibt. Dafür weniger Türken. Wahrscheinlich mögen die Einheimischen lieber Italiener. Ich frühstückte also in der Pizzeria, die zur Pension gehörte: Zwei Brötchen, eine Ecke Schmierkäse, ein Teil Butter, zwei Scheiben Käse, drei Scheiben Wurst, vier Scheiben Salatgurke, ein Ei und drei Tassen Kaffee. Damit war ich ausreichend gestärkt und zog mich in mein Zimmer zurück. Dort überlegte ich mir bei Morgenfernsehen und ein paar Gläsern Rotwein, was ich den lieben Tag lang zu machen gedachte. Je nach Laune und Wetter legte ich mich schließlich fest: am 1. Tag mit dem Fahrrad nach Lubmin, am 2. Tag mit dem Zug nach Stralsund, am 3. Tag mit dem Fahrrad nach Lubmin, am 4. Tag mit dem Zug nach Stralsund, am 5. Tag mit dem Fahrrad nach Lubmin, am 6. Tag mit dem Zug nach Hause.
Also jeden Tag was anderes. Und niemand sollte sagen, dass ich die ganze Zeit auf der faulen Haut gelegen hätte. Die Tour nach Lubmin war nicht ohne, hin und zurück ca. 60 Kilometer, je nach der Route, die ich nahm, ein paar Kilometer mehr oder weniger, und auf der Rückfahrt immer fuckin` Gegenwind.
Lubmin ist ein kleines Seebad mit wenig Touristik. Ich fand schnell meinen Lieblingsplatz am Strand, wo ich aufs Meer blickte, Bier aus dem Supermarkt trank und las. Endlich schaffte ich Jörg Fausers „Das Schlangenmaul“. Bald ein Jahr lang trug ich diesen kleinen an sich nicht schlechten Detektivroman mit mir herum. Meine Leselust in den letzten Jahren nahm kontinuierlich ab. Ich führe es auf meine kognitiv anstrengende Arbeit als Tumordokumentar zurück. Da habe ich nach Feierabend die Schnauze voll von Buchstaben. Schade eigentlich. Nun konnte ich also mit der nächsten Lektüre in Stralsund beginnen, vor einer Hafenkneipe sitzend: Wenedikt Jerofejews „Die Reise nach Petuschkin“. Erster Eindruck: köstlich!
Nach meinen Ausflügen nach Lubmin und Stralsund setzte ich mich am frühen Abend in Greifswald an den Ryck. Am Ufer waren jede Menge Fress- und Trinkstände, und ich ließ mich auf die zum Wasser hin abfallenden Steinstufen nieder, streckte meine müden Glieder aus, beobachtete die Menschen, darunter viele Studenten, die Boote und Jachten und die Kulisse der gegenüberliegenden Altstadt.

So weit ein kurzer Überblick meiner Urlaubs-Unternehmungen.

 

 

Vorbereitungen

Die Reisetasche habe ich schon mal aus der Kammer geholt. Wird langsam Zeit, dass ich für ein paar Tage rauskomme. Sonst kommt noch das Grauen über mich – wie in Lovecrafts Erzählungen.
Ich lade schon mal den Zusatzakku fürs Smartphone, bevor ich`s vergesse. Das Reisefeeling mit ein paar Vorbereitungen hervorkitzeln. Der Zug fährt morgen Mittag. Also genug Zeit für alles. Eine Maske deponiere ich vorausschauend in der Reisetasche, nicht dass ich auf dem Bahnsteig ohne Maske dastehe, und der Zug fährt ein.
Dann überprüfe ich die Kulturtasche. Muss ich noch was nachkaufen? Nein, alles da. Nicht vergessen: Dosenbier für die Reise kaufen!
… Nur nicht zu viel Klamotten einpacken. Auf der anderen Seite werde ich um ein zusätzliches Paar lange Hosen, Strickjacke und Pullover nicht herumkommen. Was noch?
Mein Blick schweift übers Bücherregal… Welcher Lesestoff soll`s sein, mein Herr? Die Novellen von Miguel Unamuno wären sicher kein Fehlgriff. Oder doch lieber Wenedikt Jerofejew „Die Reise nach Petuschki“?
Eine Umgebungskarte, die Buchungsbestätigung und meine Fahrkarten liegen unübersehbar neben mir auf dem Schreibtisch. Ich falte die Karte auseinander. Ah ja. Schnell kommen Erinnerungen vom letzten Jahr hoch. Schön war`s da. Ruhig, friedlich. Ein Kontrast zu Berlin. Ich falte die Karte wieder zusammen. Es bleibt mir noch jede Menge Zeit, Zeit für alles…

 

 

2 Wochen also

Ja…, ich teilte mir den Urlaub dieses Jahr in zwei Blöcke: Anfang des Sommers (Ende Mai/Anfang Juni) und Ende des Sommers (Ende August/Anfang September).
Meine sonst alljährliche Fahrradreise lasse ich sausen. Ich haderte eine ganze Weile mit mir. Aber ehrlich gesagt bin ich zu träge. Ich hoffe, dass ich nächstes Jahr wieder mehr Feuer im Arsch habe. Dieses Jahr ist mir einfach nicht danach… Warum auch immer – Corona? Berufliche Belastung? Depri?
Eine kleine Reise werde ich aber doch unternehmen. Mir kam das schöne Städtchen Greifswald in den Sinn, wo ich im August letzten Jahres ein verlängertes Wochenende verbrachte und mich dort recht behaglich fühlte. Im Gepäck werde ich natürlich mein Brompton Faltrad haben, mit dem ich die Gegend unsicher machen kann. Ruck zuck bin ich an der Ostsee, z.B. bei Lubmin, oder ich radle Richtung Stralsund.
Und wenn so gar nicht Ausflugswetter ist, mache ich mir einen schönen Tag in Greifswald. Wirklich sehr nett dort. Hat eine beschauliche Innenstadt und sogar ein Kino. Im letzten Jahr sah ich mir dort Tarantinos „Once Upon A Time In Hollywood“ an. Auch an dem Flüsschen Ryck kann man gut bei einem Bierchen chillen. Genau meine Kragenweite, dieses Greifswald: ruhig, aber nicht zu ruhig, klein, aber nicht zu klein… und außenherum die wunderbare Bodden-Landschaft.

Nun erstmal ganz gemütlich in den Urlaub hineingleiten…   

 

 

Ausflug nach Lubmin

Der Samstag begann mit Regen. „Scheiße“, dachte ich. Sollte meine geplante Fahrradtour an die Ostsee ins Wasser fallen? Auf gar keinen Fall! Ich lag bis in den Vormittag hinein im Hotelbett und las Fausers „Schlangenmaul“. Nicht übel – was nicht anders zu erwarten war. Schließlich raffte ich mich auf und machte mich erstmal auf den Weg in die Innenstadt. Es regnete vor sich hin. Der Himmel war eine graue Grießsuppe. In dem einzigen geöffneten Café trank ich einen Kaffee, schaute aus dem Fenster, schaute auf die Fahrradkarte und überlegte hin und her. Es half nichts. Ich startete nach Lubmin. Dreißig Kilometer, zumeist Fahrradweg. Ich schwitzte in der Regenjacke, so dass mir nach ein paar Kilometern der Schweiß an Armen und Rücken hinunterlief. Der Landregen wirkte erfrischend.

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erst am Ryck entlang

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auf halber Strecke die Dorfkirche in Kemnitz – etwas unheimlich an diesem trüben Tag

Lubmin ist ein kleines, unaufgeregtes Ostseebad. Ganz nach meinem Geschmack: wenig los, schöner Strand mit Seebrücke. Hier ließ es sich gut zwei-drei Stunden verbringen. Inzwischen hatte sich die Sonne durch die grauen Schwaden gearbeitet und zeigte sich immer kräftiger. Ich packte die Regenjacke in den Rucksack, schlappte die Seebrücke einmal rauf und runter, fläzte mich schließlich mit einer Dose Bier an den Strand, genoss die Aussicht auf die See, die völlig ruhig dalag. Am Horizont zeichnete sich die Küste Rügens ab.

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Was guckst du?

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Der Himmel veränderte sich zusehends. Wind kam auf und trieb die Wolken auseinander. Es war immer noch schwül. Auf dem Rückweg wählte ich eine andere Strecke, die mich auf Waldwegen entlang der Küste führte. Bei einem beschaulichen Landgasthof legte ich eine Bierpause ein. Am Horizont bauten sich Gewitterwolken auf. Die Windsurfer kamen auf ihre Kosten.
Ich hatte Zeit. Nur der erneut drohende Regen machte mir etwas Kummer. Ich kramte die Regenjacke aus dem Rucksack und radelte weiter.
Nassgeschwitzt landete ich in Wieck. Bis Greifswald waren es nur noch wenige Kilometer den Ryck entlang. Die fette Wolke hatte sich abgeregnet, und ich erwischte ein sonniges Plätzchen mit Blick auf die historische Zugbrücke, um zu trocknen und meinen Durst zu stillen. Verrücktes Wetter an diesem Samstag.

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Greifswald erreichte ich gerade noch im Trockenen. Gerne wäre ich wieder wie am Vortag auf den Stufen am Flüsschen Ryck gesessen, aber na gut. Wenn ich nicht irgendwo drinnen sitzen wollte, blieb nur ein schirmgeschützter Platz auf dem Marktplatz. Den fand ich vorm „Fritz“ Braugasthaus. Mit der Lektüre von Fausers „Schlangenmaul“ und lecker Craft-Bier ließ ich den Tag ausklingen.

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zweites Gebäude von rechts ist „Fritz“ Braugasthaus

 

Greifswald

Am späten Nachmittag zeigte sich doch noch die Sonne. So ist es oft bei wolkenverhangenen Tagen. Ich querte den Ryck auf einer Fussgängerbrücke. Auf den Stufen zum Wasser saßen und lagen Menschen in der Sonne. Liegestühle standen zur freien Verfügung herum. Ein paar Buden boten Essen und Getränke an. Ich holte mir ein Lübzer vom Fass und setzte mich mit Blick auf den Ryck, die geparkten Segelschiffe und die Kulisse der Greifswalder Innenstadt mit dem Dom. Schön, dass ich diese kleine Reise unternommen hatte. Raus aus dem Moloch Berlin, etwas Neues sehen, hinein ins Unbekannte, Freiheit anfassbar machen.
Ich schaute auf die Uhr: 18 Uhr – ich hatte noch eineinhalb Stunden bis „Once Upon a Time in Hollywood“. Das Lübzer kam gut. Ich blinzelte verträumt in die Sonne…
Greifswald ist eine schöne kleine Hansestadt, nicht direkt an der Ostsee, aber auch nicht allzu weit weg davon. Vielleicht etwas verschlafen, wenn man aus Berlin kommt, aber es gab alles, was mein Herz begehrte: Bier, hübsche Frauen, schöne Plätze und Kneipen. Greifswald hat eine Uni, was sich positiv in der Atmosphäre widerspiegelte. Nichts Schlimmeres als Orte, wo übermäßig viel alte Knacker* leben… Die Innenstadt war sehr fahrradfreundlich. Ich hatte nirgends Probleme, mein Fahrrad anzuschließen. An den Häusern und auf den Plätzen waren dafür extra Geländer installiert. Sowas finde ich in Berlin vergleichsweise selten.
Ich schloss Greifswald schnell ins Herz, vielleicht weil ich vor Berlin ausschließlich in Kleinstädten wohnte und hier auf dieselbe Übersichtlichkeit und Heimeligkeit stieß.

 

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*nix gegen alte Knacker (die gibt`s auch in Greifswald zur Genüge), bin selbst (schon fast) einer, aber ich betrachte doch lieber die Frische und Lebendigkeit der Jugend

Back from Greifswald

Alter Walter, gefalteter Verwalter! – die Regionalbahn wurde umso voller, desto näher sie Berlin kam. Ich saß im Fahrradabteil mit meinem gefalteten Faltrad. Als ich in Greifswald zustieg, ergatterte ich noch relativ leicht einen Sitzplatz. Nur ein paar Jungs hatten sich ausgebreitet. Prima, dachte ich, vielleicht werden ja die drei Stunden Fahrt etwas angenehmer als die Hinfahrt. Ich hatte ein paar Bier und eine Flasche Rotwein im Gepäck. Das sollte reichen.
Die Jungs waren gut drauf, ziemlich lässig. Sie lagen da so rum und quatschten dummes Zeug. Ich grinste mir einen und machte das erste Bier auf. Lange blieb es allerdings nicht so friedlich. Schon zwei oder drei Haltestellen nach Greifswald stiegen die ersten Fahrräder zu. Dann noch ein paar Kinderwägen. Und danach wieder Fahrräder. Die Jungs hatten sich inzwischen mit ihrem Gepäck in die äußerste Ecke verdrückt. Das Platzangebot war ausgereizt, dachte ich, und auch die anderen dachten das. Ich kann zugeben, wenn ich mit einer Annahme falsch liege. Das ist eine meiner Stärken. Es kamen noch ein halbes Dutzend Fahrräder mehr, die sich o Wunder irgendwie zwischenrein quetschten. Gut, dass mein Platz davon relativ unberührt blieb. Ich hörte über Ohrhörer meine Lieblingsmusik und schaute auf das zunehmende Gewirr um mich herum. Eine dreiviertel Stunde vor Berlin stieg schließlich noch ein junger Vater mit einem riesigen Fahrradanhänger ein, in dem seine zwei Knirpse saßen. Um überhaupt in den Zug zu kommen, musste der Anhänger über ein paar am Einstieg stehende Fahrräder hinweggehoben werden. Stehen blieb er quasi vor meinen Füßen. Ich blickte in zwei süße, verschmierte Kindergesichter. Die zwei Knirpse kümmerte das Chaos um sie herum herzlich wenig. Sie waren ausschließlich mit sich beschäftigt. Sah so aus, als dürften sie ihre Kindheit richtig ausleben. Prima Vater, dachte ich bei mir, und nahm einen großen Schluck aus meiner Pulle Rotwein. So weit ich das mitkriegte, hatte er seine Knirpse ganz gut im Griff. Er lenkte sie mit Spielen und Reiswaffeln ab.
Ich fand`s gut, dass in dieser Beengtheit alle Reisenden ruhig blieben, obwohl manche relativ besorgt aus der Wäsche guckten. Wie würde sich dieses Gewirr an Kinderwägen, Fahrrädern, Gepäck und Menschen wieder auflösen, fragte auch ich mich. Aber o Wunder: es klappte ohne nennenswerte Schwierigkeiten.

Inzwischen hocke ich zuhause und koche mir Pellkartoffeln für den Abend. Daneben läuft die Waschmaschine. Nicht dass ich nächste Woche ohne meine Lieblings-T-Shirts dastehe. Ich grinse schräg. Warum auch immer. Draußen grinst die Sonne. Schön, sie als  „Willkommen-zurück“ zu haben.

 

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Dunkle Wolken bei meiner Ankunft in Greifswald