Aussicht auf den Urlaub und Sehnsucht nach einem Frauenfuß

Den Schraubverschluss der Weinflasche zu lösen, brauchte ganz schön viel Kraft. Ich verbuche das unter Morgengymnastik. In einer Woche werde ich, falls alles glatt läuft, lt. Reiseunterlagen bereits auf Gran Canaria gelandet sein. Halt! auf den Kanaren muss ich die Uhr um eine Stunde zurückstellen, also wird der Pilot jetzt erst die Landung einleiten. Wahrscheinlich sitze ich angeschnallt neben einem Rentnerpärchen und wünsche mir nichts sehnlicher, als endlich aus dieser fliegenden Blechbüchse rauszukommen. Schon merkwürdig: Da fliegt man zu einer über 3,5 Tausend Kilometer entfernten Steinwüste im Atlantik, um dort Urlaub zu machen. Die Kargheit der Landschaft Gran Canarias ist gewöhnungsbedürftig. Ich erinnere mich noch schemenhaft an meinen letzten Urlaub dort, Weihnachten 2014. Auf dem Transfer zum Hotel sah ich nur niederschmetternde Öde ähnlich einer Marslandschaft und fragte mich, wo ich da gelandet war. Doch schon bald konnte ich mich am Licht, den Farben und dem Meer nicht mehr sattsehen. Die Öde entfaltete ihren speziellen Reiz, und eigentlich liebe ich ja Steine. Damals wäre ich nach einer Woche am liebsten gar nicht mehr runter von der Insel. Eine Woche ist auch wirklich zu kurz – kaum akklimatisiert hat man bereits die Heimreise vor Augen. Diesmal also 10 Tage. Ich steigere mich langsam.

Genug von fernen Inseln geträumt. Ich schaue aus dem Fenster meiner kleinen Berliner Wohnung: Ein trister Tag umrandet von Hausfassaden, parkenden Autos und Straßenpflaster. Die Stadtbäume nackte Gespenster, die schlapp mit ihrem dürren Geäst den eingemummelten Passanten zuwinken. Ich stehe von meinem Schreibtischplatz auf, stütze mich auf der Fensterbank ab und drücke meine Nase an der Scheibe platt. Ein einzelner High-Heel liegt auf dem Bürgersteig. Ich musste zweimal hingucken, um das Objekt zu identifizieren. Niemand beachtet ihn. Na ja, was nicht alles auf Berlins Bürgersteigen im Dreck liegt. Irgendwo gibt es einen Frauenfuß, zu dem der High-Heel gehört. Plötzlich verspüre ich Lust, diesen Fuß zu liebkosen (und mehr) … Okay, mit den Hormonen stimmt`s also noch.

 

9 lange Wochen und Geronimo im Bauch

10 Tage Gran Canaria, Playa del Ingles. Zugeschlagen. In solchen Fällen bin ich ein Mann der schnellen Entschlüsse. Das Reisebüro liegt in der oberen Etage der Potsdamer Platz Arkaden. Ich hatte Glück, niemand war vor mir. Nach 20 Minuten ging ich mit der Buchung im Rucksack runter ins Untergeschoss Einkaufen, ein paar Lebensmittel fürs Wochenende.
9 lange Wochen zähle ich am Kalender bis zum Abflug. Meine Freude darauf hält sich komischerweise in Grenzen, aber vielleicht kommt das noch. Alles besser, als zwei Wochen zuhause rumgammeln.
Auch wenn ich inzwischen einige solcher Pauschalreisen unternahm, konnte ich meine Vorbehalte gegen diese Form des Massentourismus nie ganz ausräumen. Bequem ist`s halt.
An Playa del Ingles habe ich ganz gute Erinnerungen. 2014 verbrachte ich dort Weihnachten, d.h. ich floh vor Winter und Weihnachten auf die Insel. Damals stand der Umzug nach Berlin noch bevor, – der Liebeshimmel rosarot eingefärbt. Wie die Zeit vergeht. Man kratzt sich ein paarmal am Arsch und vier Jahre und eine Liebe sind rum.
Die Reiseberaterin wollte mich am liebsten in Ägypten haben. Eine meiner Arbeitskolleginnen machte erst vor kurzem in Ägypten Urlaub und erzählte begeistert davon. Vor allem könne man dort prima schnorcheln. Aber kann man dort auch überall ungezwungen sein Bierchen trinken? Oder ist man quasi in einer riesigen Ferienanlage eingesperrt? Ganz abgesehen von den Terroranschlägen und Entführungsfällen… Eine dritte Option war Fuerte Ventura, aber dort verbrachte ich erst Silvester 17/18 meinen Urlaub. Das Wasser sei auf Fuerte Ventura klarer als auf Gran Canaria, meinte die Reiseberaterin, man könne bis zu seinen Fußzehen sehen. Ich schaute sie an, lächelte und sagte schüchtern: „Trotzdem Gran Canaria.“
Ich vertraue in solchen Sachen ganz meinem Bauchhirn.

Per Mail bekam ich inzwischen die Rechnung, von der ein Teil sofort fällig wird. Ein Sonntagsausflug zu meiner Hausbank steht somit auf dem Programm. Zum Internetbanking konnte ich mich bis dato nicht durchringen. Howgh! – mein Bauchhirn hat gesprochen. Bestimmt habe ich einen Indianerhäuptling im Bauch. Keine leichte Sache. Immer dieses Kriegspfadgetue.
Sonntagvormittag, die Waschmaschine schleudert. Ich drehe die Musik lauter und tanze durch die Wohnung…