Deckel drauf, und gut ist

Also, ich wäre bereit fürs Jüngste Gericht. Wozu noch warten. Dann haben wir`s wenigstens hinter uns. Die Sache liegt doch klar auf der Hand. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn die Menschheit das 21. Jahrhundert überlebte. Die Zeichen stehen schon lange auf Sturm. Es ist nur noch die Frage, wann es passiert. Und wie.
Von mir aus gleich. Ich habe nichts vor. Ob ich noch ein paar Tumorfälle mehr oder weniger dokumentiere, dürfte egal sein. Ich hänge nicht an diesem Job. Manchmal denke ich, die haben`s wenigstens hinter sich, also die mit metastasiertem Lungenkarzinom zum Beispiel. Zuletzt dokumentierte ich davon eine Menge aus Klinikberichten. Diese Menschen, von denen ich sonst nichts weiß – einige sind nicht älter als ich. Ich dokumentiere ihren Leidensweg von Operationen, Chemo- und Strahlentherapien. Ein Leidensweg, der sich über Monate oder gar Jahre erstreckt. Der Tumor wird besiegt – Vollremission, und eine unbestimmte Zeitspanne später das Rezidiv…
Was für eine scheiß Welt, denke ich, warum geht sie nicht endlich unter… mit Katz und Maus. Dann wäre Ruhe. Wozu sich dieses Elend noch länger anschauen, wenn man weiß, worauf es unweigerlich hinausläuft. Ja, ich weiß, da ist noch die Liebe. Eine Hoffnung. Darum leben wir doch. Nur für die Liebe. Oder? Das mit dem Geld ist eine dumme Ersatzbefriedigung. Beziehungsweise ein Mittel zum Zweck. Wie die Macht. Einer muss schließlich das Sagen haben. Kann der letzte Depp sein, egal. Alles würde sonst in seine Einzelteile zerfallen. Anarchie ist Utopie. Wir sind nicht Gott, auch wenn wir auf der Erde Gott spielen.
Also. Deckel drauf. Am Besten gleich und radikal.

Zeit für die Wahrheit

Mir ist klar, dass die Wahrheit oft unbequem ist. Viele werden sie nicht hören wollen. Andere wiederum ahnten die Wahrheit sicher und werden nicht besonders überrascht sein. Bestimmt aber werden die meisten aus allen Wolken fallen. Sei`s drum. Meine Wahrheitsliebe verpflichtet mich dazu, Euch hier und jetzt mitzuteilen, was Sache ist.

Nein, das ist keine Show. Vor zwei Stunden, fünf Minuten und 23 Sekunden wurde mir aus sicherer Quelle die Wahrheit aller Wahrheiten zugespielt. Fragt mich nicht, warum ausgerechnet ich auserwählt wurde. Ich bin nur ein simpler Informant. Ich habe mich nicht um diesen Job gerissen. Auf der anderen Seite gehöre ich zu denen, die es schon lange ahnten.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob es eine gute Idee ist, wenn ich Euch die Wahrheit einfach so aufs Brot schmiere. Was sollte sich danach ändern? Die Mehrheit wird mich für verrückt erklären. Kann ich sogar gut verstehen. Aber da ich weiß, dass es die Wahrheit ist, werde ich nicht davon abrücken. Seid ihr also bereit?

Okay. Die Wahrheit ist… Wie jetzt?… Ich soll nicht mehr?!?… Wieso, verdammt!?… Aber Du sagtest… Scheiß Spiel!… Das lasse ich nicht zu!… Nein, auf keinen Fall… Ich sage jetzt die Wahrheit!!… Fuck!… Wieso soll das plötzlich nicht mehr die Wahrheit sein??… Verarschen kann ich mich selbst!… Noch nicht der richtige Zeitpunkt?…

Entschuldigt. Wir verschieben das. Ich kenne mich nicht mehr aus. Gott und Teufel. Sie lassen mich im Regen stehen mit der Wahrheit. Kalt abserviert. Bestimmt Methode. Passt nur auf – ich bin sicher nicht der einzige, den sie linkten und noch linken werden. Dabei erschien es mir echt plausibel: Die Welt ist die Hölle, und wir verdienen es, hier zu sein…

Wer stinkt am meisten?

Eine Wasserleiche nach Luftkontakt? Ein saufender Russe? Ein Nazi? Ein Igel vor dem Zelt? Ein Pole in einem gestohlenen Auto? Ein Stinktier? Trump? Vier Aborigines beim Zerlegen eines Kängurus? Heidi Klum? Der alte Schwede? Arabische Flüchtlinge? Inder? Kinder nach einem Kindergeburtstag in Mac Donalds? Fünfzig Rentner auf einer Kaffeefahrt? Wladimir Klitschko nach einem Boxkampf? Ein Indianer auf Kriegspfad? Ein deutscher Soldat vor Stalingrad? Ein sterbender Elefant im Zirkus? Ein verfaulender Mensch im Altenheim? Angela Merkel? Eine chinesische Reisegruppe im Bierzelt? Die Katze meines Nachbarn? Ein Asylbewerber? Kim Jong-un? Ein Jude? Die Türken in Neukölln? Alle Türken? Ein deutscher Spießer? Harvey Weinstein? Die Nutte nach einem Blow-Job? Ein Zigeuner? Fünf Zigeuner? Dreißig tote Zigeuner? Mein Hund, wenn er furzt? Mein Kind, wenn es Blähungen hat? Politiker bei Sondierungsgesprächen? Mein Arbeitskollege? Ein Anarchist? Der Papst? Bill Gates? Der liebe Gott? Ich?

Gott ist da

Auf dem Fenstersims zur Straße hin entdeckte ich beim morgendlichen Rausglotzen ein kleines grünes Holzkreuz an einem Zwirn mit einem Symbol drauf. Wie ich googelte, stellt es die ersten zwei Buchstaben des Wortes Christus im Griechischen dar und bedeutet so viel wie „Gott ist da“.
Vielleicht fand jemand das Kreuz auf dem Pflaster und legte es hoch auf den Sims. Vielleicht wanderten irgendwelche Anhänger christlicher Sekten durch die Straßen und wollten ein Zeichen ihres Glaubens hinterlassen… Wer weiß schon, was die Menschen so umtreibt.
Ich lasse das kleine grüne Kreuz an seinem Platz. Es stört mich nicht. An meinem Schreibtisch muss ich den Kopf nur um 90 Grad nach rechts wenden – und kann es angrinsen.

Sekt oder Selters (II)

Die Erde nicht als Mittelpunkt des Universums zu sehen, war das Eine. Dass die Menschen davon abrücken, sich als Krönung der Schöpfung aufzufassen, erscheint dagegen beinahe unmöglich. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr.

Mit dem Nutzen der menschlichen Intelligenz verhält es sich ähnlich wie mit Medikamenten und ihren Nebenwirkungen. Die Nebenwirkungen können unter Umständen verheerender sein als der Nutzen des Medikaments.

Wir bräuchten eine Intelligenz, welche über unsere Intelligenz wacht. Eines Tages die KI?
Und hoffen, dass die KI weiser als der Mensch sein wird.

Ich stelle mir eine zukünftige Welt vor, in der die Menschen mittels sanfter Gewalt gezwungen werden, friedlich zusammenzuleben. Alle Güter wären gerecht verteilt, so dass niemand mehr Hunger leiden müsste und jeder ein Dach über dem Kopf hätte. Die Herausforderungen der Menschen beständen nicht mehr in der gegenseitigen Ausbeutung und im Streben nach Macht und Reichtum, sondern in der Erforschung des Weltalls und des Lebens, des Daseins an sich.
Selbstverständlich würde man sich dabei als Teil der Schöpfung empfinden und nicht mehr als deren Krönung.

Es liegt in der Natur einer Utopie, dass sie naiv erscheint.
Die Utopie einer besseren Welt ist ein Menschheitstraum. Und ich meine, nicht der schlechteste.

Wir brauchen nicht den Umweg über Gott.

Die Menschheit befindet sich am Scheideweg: Sekt oder Selters. Heilvolle Weiterentwicklung oder Untergang.