Nikolaus

Dicken Kopf von Betriebsweihnachtsfeier + Pub + Erkältung.  Hab sie seit zwei Tagen kommen spüren mit Halsweh und Niesanfällen. Die Weihnachtsfeier bei der „Schwarzen Heidi“, einer zugigen Fonduehütte auf dem RAW-Gelände. Schlecht organisiert. Viel zu eng, miefig, und draußen Dauerregen ohne Unterstellmöglichkeit. (Gut, dass ich vorsorglich einen Schirm dabei hatte.) Die Leitungsebene hatte sich einen Tisch reserviert. Das Fußvolk musste dagegen gucken, wie es Platz fand. Das nächste Mal gehe ich lieber ins Büro arbeiten.
Bevor das Buffet eröffnet wurde, drei Stunden Berichte von Betriebsrat und Geschäftsleitung. Der hohe Krankenstand wurde hervorgehoben. Er stünde im Gegensatz zur allgemein bekundeten Arbeitszufriedenheit und Motivation der Belegschaft. Tja. Krank ist halt krank. Die schlechten Zahlen sind vor allem ein paar Langzeitkranken geschuldet. Dazu kommen Rehabilitationsmaßnahmen einzelner. Dann alleinerziehende Mütter, die bei Krankheit des Kindes zuhause bleiben. Würde die Geschäftsleitung genauer hinsehen, müsste sie sich nicht wundern.
Endlich Ende mit dem Gelaber. Ich hielt mich außerhalb der Hütte am Glühweinstand schadlos, wo auch die Raucher herumlungerten. Eigentlich war nur ein Glühwein pro Person vorgesehen, aber davon wussten wir nichts. Auch der junge Mann am Ausschank war ahnungslos. Ich stand also die meiste Zeit schniefend mit meinem Becher Glühwein in der Kälte, während drinnen das große Fressen startete.
Bevor die Dunkelheit hereinbrach, machte ich mich aus dem Staub. Direkt zum Pub. Sita bediente hinterm Tresen. Der Wirt gab einen Nikolauskorn aus. Ich saß zwischen Roland, dem Maurer, und Tomas, dem Musiker. Es blieb nicht bei einem Korn. Wir führten gute Gespräche über Gott, Frauen und die Welt. Richtig rührselig kann so eine Gesellschaft gestandener Mannsbilder sein. Sita trug eine Nikolausmütze und strahlte uns mit ihren großen dunklen Augen an. Auch ihr Ausschnitt strahlte. Ich glaube, sie mag mich. Ein bisschen.

 

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Die „Schwarze Heidi“

 

Aus meinem Gedichte-Fundus

Zum Stichwort „Tod“ ausgegraben:

 

Der Sackflohblues oder wie ich zum Tod kam

 

Komm, mein kleiner Held
und kriech zu mir ins Zelt
dort zeig ich dir – oho
den schönsten Floh
der Welt

Ich steige hinab ins
Totenreich
Zerberus lasse ich links liegen
ich habe eine Thermoskanne
mit Glühwein dabei
und 2 Käsebrötchen
in Stanniolpapier
Die Treppen führen weder
nach unten noch nach oben
gerade so, wie ich es sehen
will
überall brennende Fackeln
am Wegesrand
Bald bin ich rußgeschwärzt
Wyatt Earp und Doc Holiday
versperren mir den Weg
Sie sagen:
„Nigger sind hier unerwünscht!“
Ich besteche sie mit einem
Käsebrötchen
Die Zeit stöhnt, heult, winselt
Sekunden, Stunden, Tage
driften mir entgegen
Zerrgesichter
Ich begegne meiner Mutter
am Windeltisch
Ich sehe mich selbst als kleinen Bub
am Kiosk stehen
Wundertüten kaufen
wie ich in Gummistiefeln in der
Kloake des Baches auf Abenteuerreise
gehe
Jules Verne und Karl May kreuzen
meinen Weg
sie sehen ziemlich mitgenommen aus
ich schenke ihnen mein zweites
Käsebrötchen
Bald darauf erreiche ich ein
riesenhaftes Gewölbe
vor mir liegt das Meer der Seelen
myriaden Stimmen mischen sich zum
Meeresrauschen
alles ist in purpurnes Licht getaucht
die Linie des Horizonts
ein geschlossener Mund
die Oberlippe wie das Abendrot
Ich setze mich an den Strand
gerade so, dass die Wellen meine
Füße umspülen
es ist Zeit für den Glühwein
um mein kaltes Herz aufzuwärmen
ich trinke
schaue zum Horizont
ich rieche mich
es ist nicht das Salz
dann stehe ich hinter mir
sehe mich da sitzen wie in einem dieser
Bilder von Caspar David Friedrich
sind das meine Träume?
frage ich
meine Stimme ist wie aus Draht
mein Mund öffnet sich
meine Lippen klebrig vom
Glühwein
Plötzlich schrecke ich hoch
der irre Tod klopft mir auf die Schulter
„Hey Mann, haste für mich auch `nen
Schluck?“
ich reiche ihm den Becher
„Ich weiß, was du denkst“, sagt er
„Du könntest ewig hier sitzen bleiben …“
„Ja“, sage ich trocken
„und was ist mit meiner Einführung?“
Der Tod trinkt und schweigt
auf einmal werde ich furchtbar müde
und sinke zur Seite
lege meinen Kopf
auf seinen Schoß

 

19.02.2003