Ostersonntag

Ich kam nur bis zum Park am Gleisdreieck. Es war kühler als gedacht. Zuerst steuerte ich den BRLO-Biergarten an. Ich wendete auf der Stelle, als ich der Menschenschlange am Bierstand gewahr wurde. Auch der Park war gut besucht, aber nicht übervoll. Ich fand einen Sonnenplatz auf der Holztribüne an dem großen Sandbecken. Keine Frescobol- und keine Volleyballspieler zu sehen, was ich eigentlich erwartet hatte (um mich von ihrem Spiel hypnotisieren zu lassen). Sonnenbebrillt und mit dem Kopfhörer auf den Ohren starrte ich vor mich hin. Aus meinem Rucksack holte ich eine Flasche Roten. Um mich herum jede Menge meist jüngere Leute, die sich sonnten, Eiskugeln schleckten, zusammensaßen, lachten, plauderten.
In mir hatte sich eine Leere ausgebreitet, die ich nicht zurückzudrängen vermochte. Ich hätte einfach aus mir herausschlüpfen können und in den Weltäther entweichen. Bye, bye Bon… Der Griff zur Flasche automatisch, die Gedanken flossen an mir vorbei wie ein Bach. Ich stellte meine nackten Füße in die Strömung. Ich schaute auf meine Füße. Ich redete mit meinen Füßen…
Es gibt Dinge, die kann man niemandem erklären.
Das Leben ist perforiert. Nur aus der Entfernung sieht es stabil aus. Die meisten Menschen machen den Anschein, als wären sie weit von ihrem Leben entfernt. Sie haben große Angst, näher hinzugucken.
Ganz schön gruselig das alles, dachte ich bei mir und killte den Rotwein mit einem letzten großen Schluck aus der Pulle.



Familie beim Eisessen

Eine helfende Hand zur rechten Zeit

Ich stand mal wieder vor der Packstation wie der Ochs vorm Berg. Der Strichcode auf der DHL-Benachrichtigung wurde nicht angenommen. Ich führte es auf den starken Wind zurück, der es unmöglich machte, das Blatt still vor den Scanner zu halten. Eine Asiatin, die hinter mir anstand, fragte freundlich, ob sie mir helfen könne. Auch sie hatte Probleme, doch endlich sprang ein Paketfach wie von Geisterhand auf. Tausendmal bedankte ich mich bei der netten Frau. Ich konnte mein Päckchen entnehmen.
Der BRLO-Biergarten ist gerade um die Ecke. Es lag nahe, dort ein Bier auf das gute Ende meines kleinen Abenteuers an der Packstation zu trinken.

 

der BRLO-Biergarten am Gleisdreieck

Das Nest

Über das Haus, in dem ich wohne, gibt es nicht viel zu sagen. Es hat fünf (oder sind es sechs?) Stockwerke. Ich wohne unten. Ich kenne die Leute kaum, die über mir wohnen. Sie ziehen ein und aus. Nur wenige wohnen wie ich seit Jahren hier. Zu den Eingesessenen gehören außer mir eigentlich nur das schwule Pärchen unterm Dach und der Pole in der 1. Etage, der als Hausmeister fungiert. Ansonsten wechseln die Namen auf den Klingelschildern oft. Ich tippe auf Studenten. Alle möglichen Nationen sind vertreten. Der Pole drängt sich jedem auf. Ich mag ihn nicht. Inzwischen kapiert er es und wir grüßen uns nur noch anstandshalber.
Im Hinterhof gibt es eine Werkstatt für Mini Cooper. Der Chef ist okay. Er nimmt die Pakete an, die nicht zugestellt werden können und ist immer freundlich. Ich glaube, er macht einen guten Job. Aber ich besitze leider keinen Mini… Daneben im selben Gebäude ist eine Tanzschule. Viele junge Leute sehe ich des Öfteren im Hof, wenn sie kommen oder gehen. Keine Ahnung, was dort für Tänze aufgeführt werden.
Hinter dem Hinterhof existiert noch ein zweiter Hinterhof, in dem ich so gut wie noch nie war. Auch dort ist irgendwas. Meine Neugier hält sich in Grenzen.

Das Haus, in dem ich wohne, steht in Berlin unter tausenden ähnlichen Häusern. Alles klebt aneinander… In unmittelbarer Nähe befinden sich zwei Parks. Das finde ich gut, vor allem im Frühling und Sommer. Da ich keinen Balkon habe, sind das die Orte, wo ich Wärme, Lebendigkeit und Licht auftanke. Auch die ein oder andere Kiezkneipe besuche ich gern (seit einigen Monaten für Ungeimpfte wie mich dummerweise nicht möglich). Ich finde es ziemlich praktisch, dass im Kiez vieles zu entdecken ist und nah beieinander liegt. Das Fahrrad reicht mir völlig. Zum Glück wohne ich sogar relativ nah an meinem Arbeitsplatz, was mir einige Kollegen/Kolleginnen neiden.
Alles in allem will ich nicht meckern.

Ich bin so frei: Prost!

Gestern nach dem Wochenendeinkauf im Park gesessen, Bier geschlabbert und über den Kopfhörer meine Lieblingsmusik genossen… Ich erfreute mich an der ausgelassenen Atmosphäre um mich herum: Unweit neben mir feierten junge Leute einer kleinen Hochzeitsgesellschaft, tranken Sekt und tanzten. Direkt vor mir ein lesbisches Pärchen in inniger Umarmung… Die Polizei durfte nicht fehlen. Sie hatten zwei Mannschaftswägen positioniert und patrouillierten in Zweiergruppen durch den Park, griffen aber (noch) nicht ein.
Meine Parkbesuche sind Kneipen- und Biergartenersatz. Die Menschen weichen in die Parkanlagen aus, picknicken und feiern dort, treffen sich zum Quatschen, Spielen und Sport. Nur Regenwetter vermag die Menschenströme zu bremsen. Das megaschlechte Wetter im April hatte wahrscheinlich die Regierung bei Petrus bestellt… Doch für dieses Wochenende hat Petrus wohl ein Einsehen und beschenkt uns mit warmem und sonnigem Maiwetter – Wie im Himmel wohl über die Corona-Krise gedacht wird? Vielleicht sind die da oben auch in zwei Lager gespalten… (Und der liebe Gott hält sich mal wieder aus allem heraus.) Eine besonders ehrgeizige Vertreterin auf Erden rief per „Wort zum Sonntag“ (vor 1 Woche) das TV-Publikum zur Impfung auf. Impfen sei Nächstenliebe… (Würg-Kotz!) Also, liebe Impflinge, ihr habt einen Freifahrschein ins Paradies, während böse Impfverweigerer wie ich an der Himmelspforte erstmal um Einlass betteln müssen. Na ja, als Ungläubiger komme ich sowieso in die Hölle… So what?!


Die Steigerung

Die Menschen lassen sich nicht bremsen… Ich hatte Glück und ergatterte einen Platz, an dem ich mich nicht zu bedrängt fühlte. (Das mache ich auch ohne Corona-Abstandsregel.) Sonnenbrille auf, Bluetooth-Kopfhörer auf und bei meiner Lieblingsmusik in die Runde schauen. Ich konnte mich der um mich herum ausgelassenen Stimmung und Lebensfreude nicht verwehren – immer wieder war ich geradezu ergriffen… Wie gut mir das Bad in der Menge tat, wo ich eigentlich große Menschenansammlungen normalerweise meide. Als wäre ich lange weg gewesen, z.B. im Knast oder auf einer einsamen Insel.
Von der Staatsmacht nichts zu sehen. Nur ein einzelner Streifenwagen fuhr im Schritttempo die Parkwege ab. Die Polizisten taten gut daran, die Menschen nicht zu maßregeln… Ein alter Bekannter vom Sommer letzten Jahres tippte mir auf die Schulter. Flaschensammler und Alt-Freak. Er hatte sich den Frescobol-Spielern angeschlossen. Seine Tage bestanden aus Flaschensammeln, Frescobol und Joints. Ich reichte ihm meine leeren Bierflaschen und freute mich, dass es ihm gut ging.
Zwischendurch stand ich von meinem Platz auf und machte mit dem Smartphone ein paar Bilder… Die Bilder geben leider nur oberflächlich wieder, was ich sah und empfand. Das Ganze erschien mir wie ein zwangloses Happening der Hingabe an das Leben.