„Ich bin`s nur“ oder: Das Ding mit dem Dasein

Bevor ich die Frage nach einem Leben nach dem Tod stelle, frage ich vordererst nach dem Mysterium Leben. Was treibt mich an diesem Ort in dieser Zeit um als eine Kreatur, die sich Mensch nennt? Wer spricht aus mir? Ist das meine Seele? – oder ist es einfach dieser Nervenknoten in meinem Kopf, auch als Hirn bekannt? Und was heißt in diesem Zusammenhang Bewusstsein? Natürlich weiß ich, dass ich ich bin. Immer und immer wieder wache ich als derselbe auf, als der ich am Vorabend ins Bett ging. Und die Welt ist auch noch dieselbe, wenn ich meiner Erinnerung Glauben schenken darf. Freilich auf längere Sicht betrachtet, änderte ich mich schon – da muss ich mir nur ältere Fotos anschauen oder alte Gedichte und Blogbeiträge lesen. Es tat sich einiges in den mittlerweile fast sechs Jahrzehnten, in denen ich Tag für Tag die Sonne auf- und untergehen sah. Ich reifte heran und wurde Mitglied der Erwachsenenwelt. Wobei ich mit dem Attribut „erwachsen“ so meine Probleme habe. Aber das ist ein anderes Thema. Im Großen und Ganzen verlief mein Leben derart, wie es eben in unserer Gesellschaft vorgesehen ist. Wir leben in einer Art Korsett, und viele Menschen brauchen das auch, um nicht den Halt zu verlieren. Ich dagegen fühlte mich von den Erwartungen, Vorgaben und Zwängen durchweg gepiesackt und eingeengt. In meinem Kopf nahmen die Fragezeichen betreff der Sinnhaftigkeit menschlichen Treibens sowie der bestehenden Ordnung nie ab. Die Welt, in die ich geboren wurde, war mir fremd. Sie ist mir bis heute fremd. Ich lernte es, mich bis zu einem gewissen Grad anzupassen. Reiner Überlebenstrieb. Und natürlich veränderte ich mich mit den Jahren…, wie jede Kreatur dem Werden und Vergehen des Lebens unterworfen ist. Im Kern jedoch blieben meine Fragen nach dem, was ich hier eigentlich treibe. Und dieser Kern ist vielleicht das, was gemeinhin auch als Seele bezeichnet wird. Aber wo kommt die Seele her? Von meinen Eltern und Ahnen? Oder von den Sternen? (- was mir angenehmer wäre.) Ich glaube, dass von meinen Erzeugern lediglich die äußere Form stammt: zum einen körperlich, auch gewisse Charakterzüge, Begabungen, Stärken und Schwächen, quasi alles, was genetisch determiniert ist. Der Kern (oder die Seele) dagegen machen mein Ich aus. Selbst wenn das oberflächlich gesehen nur Leere sein sollte. Ich spüre, dass in meiner Form etwas ist, das den Tod überleben wird. Ich stelle mir die Seele wie einen Geistersamen vor, der von einer Form in die nächste fließt. Die Materie würde ohne diesen Geistersamen in sich zusammenfallen…

Soweit meine heutigen Gedanken zu dem entscheidenden Thema, welches mich, seit ich denken kann, beschäftigt und gewissermaßen prägt. Äußerst mysteriös das Ding mit dem Dasein…
Als ich am Morgen aufstand, hatte ich einen sonderbaren Gedanken: Wie wäre das, wenn ich in den Spiegel schaute, und die Person, die ich sähe, sie wäre nicht ich, sondern eine andere… Ich zögerte wirklich für ein paar Momente in den Badezimmerpiegel zu blicken. Verschlafen blinzelte ich dann doch hinein… und erkannte dieselbe Hackfresse wie immer. Die grinste mich breit an und meinte: „Ich bin`s nur.“
Was ein Trost!

 

Mein Baum

Wenn ich mir meine Lebenslinie als einen Weg vom Stamm hinauf in die Krone vorstelle, als eine Möglichkeit von vielen, je nachdem, ob ich an der Astgabel den Weg links oder rechts nehme, und es zwischen Lebensanfang und -Ende tausende solcher Abzweige gibt, und jedes Mal mein Ich kopiert wird  in eines, das links – , und eines, das rechts den Weg weitergeht usw. – usf., immer wieder eine Kopie von einer Kopie von einer Kopie entsteht, bis ich ganz oben in der Baumkrone ankomme als ein Schatten meiner selbst… doch auch als Teil eines viel größeren Gesamt-Ichs, welches von dem Baum mit allen seinen Verästelungen und Wegen gebildet wird, das ich nicht erkenne, weil ich nur einen Weg sehen kann, genau diesen einen, der sich mein Leben nennt…; wenn ich daran denke, dass ich auf der anderen Seite trotz meiner immer blasser werdenden Gegenwärtigkeit, den ganzen Baum repräsentiere mit all den anderen kopierten Ichs, die an anderer Stelle in der Krone ankommen, die womöglich dasselbe denken und fühlen, mit denen ich zusammen den gesamten Baum bilde, durch die Zeit und alle Möglichkeiten, wie jeder Würfelwurf gleichsam für alle Würfe steht, obwohl im Ergebnis anders, und jeder Mensch, egal, wo er auf die Welt kommt, für uns alle der Spezies Mensch steht, weil wir trotz unserer Unterschiedlichkeiten auf dieselben Wurzeln zurückblicken…; wenn ich derart in den Tag hineinträume, als könnte mein Selbst jeden Moment verschwinden wie ein Herbstblatt, das einsam zu Boden schwebt und sich im Dreck der Straße auflöst…, dann bin ich zurück, ganz bei mir.

Freitag

Als am Montag mein Arbeitstag begann, überkam mich das wahnsinnige Gefühl, dass alles gar nicht wirklich war – auch ich selbst: Was mache ich hier? Wer bin ich eigentlich? Wer stellt diese vermaledeiten Fragen? Dieses „Ich“ ist eine Farce, nichts als ein Witz…,dachte ich und fand keine Antwort.
Ich zählte die Tage runter bis Freitag. Die Tumorfälle flutschten durch meine Hände wie nichts. Die Hühner erstaunlich unanstrengend – ich mag sie irgendwie, und mittlerweile denke ich, dass sie auch mich mögen.
Seltsam, wie einem eine Woche elend lang und gleichsam kurz erscheinen kann. Ich schleppte mich durch. Müde bin ich. Ein paar Kolleginnen und Kollegen gehen heute nach Feierabend essen… Sie sollten jetzt unterwegs sein. Ich bin im Pub. Ich wollte eigentlich dabei sein. Ich versprach es. Jetzt sitze ich hier an der Bar und schaue raus auf den Betrieb in der Potsdamer Straße. Vor mir steht das Bier, das sich in regelmäßigen Abständen erneuert. Verhalten grüße ich den ein oder anderen Gast, der eintritt. Man kennt sich, ohne sich zu kennen. Man redet oder schweigt nebeneinander.
Schön, dass Freitag ist. Ich bin so müde. Ich weiß, das sagte ich bereits. Mindestens zur Hälfte ist es die Welt, die mich müde macht. Ich und meine Fragen sind die andere Sache. Und sicher auch das Bier… Egal. Eins geht noch, bevor ich mich zurückziehe. Alles ist gut. Oder auch nicht. Was spielt es für eine Rolle? Ich bin lediglich ein Abziehbild. Ich bin eine Kreatur, die am Tellerrand abhängt. Weil die Suppe nicht schmeckt – diese Brühe, die meine Mitmenschen allzu bereitwillig schlucken…

Ich stelle mir eine Welt vor, in welcher meine Geburt nicht vorgesehen ist. Das wäre die beste aller Welten.
Natürlich sage ich das nur, weil ich das Dasein ums Verrecken nicht kapiere, weil ich von der Liebe enttäuscht bin, weil ich so verflixt wenig Ehrgeiz habe, weil ich mich in diesem materialistischen Wahnsinn fremd fühle…, weil ich gewissermaßen lebensmüde bin.
Ich muss trinken, sonst steht das Bier ab. Scheiß Gedanken. Wie eine Krankheit sind diese Gedanken.
Mir fehlt die Ablenkung, z.B. : meinen Kopf an den Busen einer Frau legen, sie riechen und ihren Herzschlag hören. Wie sehr mir das fehlt…
Müde bin ich. Verflucht müde. Und trotzdem sitze ich noch hier. Wer versteht das? Wahrscheinlich bin ich gar nicht ich. Etwas anderes steuert mich, womöglich der Teufel.
Noch ein Bier? Warum nicht. Ich habe Zeit. Zuhause wartet niemand. Nur ein Herd und ein Bett. Morgen kann ich ausschlafen. Und dann werde ich weiterschreiben. Für heute bin ich fertig.

Nix wie weg

Was soll man sagen, wenn es nichts mehr zu sagen gibt? Auf die Menschheit in der heutigen Zeit übersetzt, bedeutet das: Ende Gelände. Bereits seit einigen Jahrzehnten. Ganz nett war noch die Demokratisierung einiger Gesellschaften durch die industrielle Revolution. Die Überführung in den Kapitalismus kam nicht nur den Wirtschafts-Magnaten zugute, sondern auch dem Kleinen Mann. Demgegenüber stand die Idee des Sozialismus, die vollkommen die Natur des Menschen ignorierte. Wir sind nun mal keine Bonobos. Wir sind aggressive Schimpansen. Größtenteils.
Ich liebe meine Mitmenschen. Ehrlich. In den drei Jahrzehnten, als ich Altenpfleger war, wurde mir bewusst, wie ähnlich wir uns im Prinzip alle sind – dass wir im Großen und Ganzen dasselbe Schicksal teilen. Dabei spielt es keine Rolle, wo wir herkommen, welche Hautfarbe wir haben, oder welche Religionen/Ideologien wir für uns präferieren.
Genaugenommen war mir das schon vorher bewusst. Aber es ist freilich nicht von Nachteil, wenn man seine Weltsicht durch Erfahrungen unterfüttern kann. Nun gehe ich auf die Sechzig zu, und der Käs ist für mich gegessen – oder niemand kann mir noch was vom Pferd erzählen.

So weit, so gut. Ich sitze also im Biergarten und höre über die Ohrstöpsel meine Lieblingsmusik. Plötzlich zucke ich zusammen. Ein paar Meter vor mir entdecke ich meine Ex, wie sie an der Theke ansteht. Das habe ich nicht erwartet. Ekelhaft!  – war mein erster Impuls. Ich muss so schnell wie möglich weg. Ich schaue sie mir dennoch kurz an und stelle beruhigt fest, dass sie, seitdem sie mich verließ, nicht gerade attraktiver wurde. Im Gegenteil. Sie nähert sich im Aussehen meinen Büro-Hühnern an. Damals sagte sie zu mir: „Dann geh doch zu diesen Kuhfrauen!“
Ich trank so schnell wie möglich mein Bier aus und schlich mich an ihr vorbei. Gespenstern aus der Vergangenheit sollte man besser aus dem Weg gehen.

Aufgefangen

Eine Invasion von Schmetterlingen hier… dazu brütende Hitze… Nein, kein Delirium wie damals, als ich morgens in einem Zimmer voller Schmetterlinge aufwachte… Aber kurz vor einem Hitzschlag dürfte ich sein.

Ein polnischer Wurzelzwerg, auch auf Fahrradreise, perfekt ausgerüstet und durchtrainiert erscheint plötzlich neben mir und spricht mich an… Ich gehöre nicht zu seiner Rasse.

18 Uhr, und es ist immer noch so heiß, dass es mir das Gehirn wegknallt… Am Horizont Kumuluswolken.

Ich erinnere mich an meine ersten Reiseabenteuer, als ich im jugendlichen Alter von 19 alleine per Interrail in Sizilien war… furchtbar unbeholfen, einsam – total auf mich zurückgeworfen… tapfer…

Ich weiß, dass ich sowas, wie den Everest ersteigen, nie hinkriegen würde (und auch gar nicht will) …, aber ich hatte eine Menge Abenteuer in meiner Dimension, auf die ich stolz sein kann… Prost!

Ich radle durch Pfützen, so groß wie Badewannen.

Leben zu spüren – direkt mit allen Konsequenzen, alleine im Dialog mit sich selbst… und an seine Grenzen kommend; am Morgen nicht zu wissen, wo man am Abend landet…

Ich kann den Alkohol nicht verdammen. Er war gerechter als die meisten Menschen zu mir.

In Polen ist der Geldbeutel immer dick, ohne dass wirklich was drin ist.

Wäre ich in dem Hexenwald umgefallen und bewusstlos liegengeblieben, in Kürze hätten mich die Viecher bis auf die Knochen aufgefressen.

Die Weinflasche liegt neben der Urinflasche im Zelt… Brüder im Geiste.

Vieles, was ich erlebte, war so eindrücklich – und doch bleiben nach Jahren davon nur Schatten.

Was mich auf meinen Reisen in andere Länder immer wieder verwundert: Kaum befindet man sich hinter der Landesgrenze, reden alle plötzlich chinesisch… Wie können Sprachen benachbarter Länder so gravierend unterschiedlich sein?

Was ist der scheiß Willen wert, wenn man nicht zwischendurch an seine Grenzen geht?

Nix verstan

Was einem nicht alles durch den Kopf geht auf so einer Fahrt. Man quasselt sich selbst zu. Ein Problem mit dem Alleinsein sollte man nicht haben. Dazu gehört auch die Toleranz zum eigenen Scheiße- oder Unsinn denken. Meine einzigen menschlichen Kontakte hatte ich, wenn ich am Nachmittag einen Zeltplatz klar machen musste. Da kam es dann sogar mal zu einem Gespräch mit einem anderen menschlichen Wesen. Die Kommunikation in Polen lief fast ausschließlich über Zeichensprache und ein paar Brocken Englisch. Man fühlt sich automatisch fremd und ausgeschlossen, wenn man so gar kein Wort von dem versteht, was die Leute um einen herum reden. Diese Sprachbarriere empfinde ich im Ausland immer als das größte Manko. Aber naja, was sollen die Polen, die neben mir sitzen, schon quatschen, sicher dasselbe profane Zeug wie die Menschen im eigenen Lande auch. Trotzdem hört sich eine fremde Sprache in meinen Ohren immer erstmal so an, als würde gerade über total großartige Sachen palavert – und es entsteht ein Minderwertigkeitsgefühl, jedenfalls bei mir.
Nun zurück in Berlin befinde ich mich wieder in meiner Sprachsphäre (Sarkasmus ist erlaubt) – wie angenehm!
Ich war also in den letzten Wochen weitgehend mit mir und meinen Gedanken alleine. Ein paar Punkte notierte ich mir. Darunter folgender: Ist es nicht verrückt, dass wir Menschen uns vor der Natur und gleichzeitig die Natur vor uns schützen müssen. Solche Sätze fielen mir eine Menge ein, während ich auf meinem Fahrrad durch die Landschaft holperte. Zum Weiterdenken kam ich nicht, weil ich mich zu sehr auf den Weg konzentrieren musste…

 

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ich bin mir sicher – eben war hier noch ein Weg!

Die Hölle friert niemals zu

Da klebe ich am Arsch des Lebens, und nur ich weiß, was ich denke, wenn ich`s nicht gerade aufschreibe und als Prosa oder Gedicht aufs Blog stelle. Ich gehe dabei sehr rücksichtslos vor. Beinahe täglich verpeste ich meine Umwelt mit meinen Gedanken. Wenn das jeder machen würde – unerhört! Seine Gedanken sollte man besser für sich behalten, und so ist es wohl auch von der Natur angedacht. Sonst würden wir ständig hören, was unsere Mitmenschen denken, und das kann wirklich niemand wollen.
Okay, ich notiere und veröffentliche nur, was ich für besonders wertig oder in irgendeiner Weise bemerkenswert* finde. All meinen Gedanken käme ich niemals hinterher. Auch frage ich mich manchmal: habe ich das wirklich gedacht? Und warum? Wo kommt der ganze Mist her? Unglaublich. Vielleicht kriege ich das alles von irgendwoher telepathisch geschickt oder suggeriert. Kann ich mit Sicherheit wissen, dass das originär meine Gedanken sind? Dann noch so ein zersetzendes Zeugs. Ich wünschte mir mehr spaßige Gedanken. Viele meiner Mitmenschen kommen mir vor, als hätten sie eine Menge davon. Gut, das kann man nicht genau wissen. Wir sehen nur die Oberfläche von uns. Zu tief sollte man bei einem Menschen besser nicht schürfen. Ebenso ist es besser, wenn man nicht in jedem Restaurant, in dem man speist, die Küche oder den Koch sieht. Der Blick hinter die Kulissen kann einem mehr als nur den Appetit verderben.
Am Ende finden wir heraus, dass (fast) alle Menschen (kleine) Faschisten im Geiste sind. Solche Erkenntnisse würden sofort nach hinten losgehen. Unsere Dämonen lassen sich ungern in die Suppe spucken.

(* damit zog ich den Unmut mancher Mitmenschen auf mich – eine Erfahrung aus der Zeit, als ich in sogenannten Literaturforen unterwegs war)

Woher weiß ich, dass ich ich bin?

Ich überlegte mir, dass Träume nichts anderes als undifferenzierte Gedanken sind – ähnlich den Krebszellen, die kaum noch als ordentliche Körperzellen zu identifizieren sind.
Ich beobachte meine Bewegungen beim morgendlichen Aufstehen. Ich blicke an mir herab und bin fasziniert davon, wie alles funktioniert, – wie ich automatengleich das Bad ansteuere und die Morgentoilette verrichte. Im Kopf währenddessen ein Bienenschwarm von Gedanken und Bildern, und ich mittendrin, steuere mal da und mal dorthin, verwerfe vieles, husche daran vorbei, bis ich plötzlich stutze: Woher weiß ich eigentlich, dass ich ich bin?
Die Wohnung ist still und leer. Ich drehe die Heizung auf. Ein Tastendruck und Bluessongs beschallen dezent den Raum. Wie jeden Morgen platziere ich mich am Schreibtisch, gehe ins Internet, durchforste die Blogseiten und lese Nachrichten. Dazu eine Flasche Bier, an der ich nuckele, – sozusagen meine Morgenmilch. Viel Neues gibt`s nicht auf der Welt. Alles schwappt vor sich hin mit den üblichen Meldungen… Ich picke mir Dies und Das heraus, so z.B., dass eine Berliner Startup Firma auf dem Mond ein 4G-Netzwerk installieren will. Sehr gut, denke ich, das ist genau das, was wir brauchen. Der Bienenschwarm kommt in meinen Kopf zurück, und die Bienen singen mit mir den Blues. Woher weiß ich eigentlich, dass ich ich bin? Wie ein Buddha sitze ich am Schreibtisch, wippe mit dem Fuß im Takt der Musik. Auch der Kopf wippt, fällt mir auf.

Schreiben oder Nichtschreiben

Muss ich etwas schreiben, wenn ich keinen rechten Bock dazu habe und besser an die frische Luft gehen sollte, um nicht am eigenen Mief zu ersticken…? Soll das Schreiben zur Pflicht oder zur lästigen Aufgabe werden, die ich erfüllen muss, um mich gut zu fühlen? Warum entspanne ich mich nicht einfach und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein?
Ähnlich wie ein Fotograf durch die Landschaft läuft und sich bei allem, was er sieht, überlegt, ob es ein gutes Motiv zum Knipsen hergibt, betrachte ich meine Gedanken und warte auf jene, von denen ich glaube, dass ich sie notieren muss, um sie nicht zu verlieren. Trotz dieser Aufmerksamkeit vergesse ich um ein Vielfaches mehr von den kostbaren Gedanken, als ich zumindest ansatzweise bewahren kann. Oft ist es so, dass mir das Beste gerade dann in den Sinn kommt, wenn ich den Stift zu Seite legte.
Meine Tagträume sind ebenso flüchtig wie ihre nächtlichen Kameraden. Zurück bleiben Ahnungen – zu schnell wird das Gedachte oder „Gesehene“ von den darauffolgenden Eindrücken zugeschüttet. Mit dem Schreiben will ich wenigstens ein paar Inhalte festhalten…
Ich denke: Muss es nicht jeder Kreatur mit Bewusstsein ähnlich gehen? Kann es einen Weg außer dem Tod aus diesem Albtraum Leben geben? Oder bleibt alles immer nur Traum – nur eben in anderen Daseinsräumen? Stellt sich das Bewusstsein letztendlich als Farce heraus?

Mein Fehler

Die Supermarktkassiererin, der Lagerarbeiter, der Verkäufer im Kaufhaus, der Päckchenausfahrer, der Maschinenbediener und Fabrikarbeiter, die Küchenhilfe, die Bedienung in Kneipe und Restaurant, die Putzfrau, die Altenpflegerin, der Postbote… und viele Menschen allermöglichen Berufsgruppen malochen Tag für Tag, um gerade so viel zu verdienen, dass sie sich über Wasser halten können; und die meisten sind damit glücklich und zufrieden, weil es für sie ein Segen ist, überhaupt einen Job unter annehmbaren Bedingungen gefunden zu haben. Es könnte einem schließlich noch viel schlechter gehen. Die Menschen haben Angst vor dem totalen sozialen Abstieg, sie wollen dazugehören, – denn nichts Schlimmeres, als um Almosen von Vater Staat zu betteln, seine Würde und Selbstbestimmung zu verlieren. Dann doch lieber Tag für Tag bis zur körperlichen und geistig-seelischen Erschöpfung arbeiten und danach zwar müde und gebeugt aber erhobenen Hauptes sein Feierabendbier trinken. Man befindet sich in der Zwickmühle. Man muss zufrieden sein mit dem, was man hat. Zu mehr reichte es eben nicht. Selbst schuld. Eigentlich geht es uns doch ganz gut. Wir werden satt und mehr als das – trotz geringem Salär leben wir im Überfluss, schieben volle Einkaufswägen aus Lidl und Aldi. Wir haben die Vierzigstundenwoche und 30 Tage Urlaub im Jahr. Sogar einen Trip nach Mallorca können wir uns dann und wann leisten, um mal so richtig abzufeiern. Es ist nachvollziehbar, dass wir uns an den hart erarbeiteten Wohlstand und das bisschen Luxus klammern, – und wehe, wenn uns das von irgendwem streitig gemacht wird! Eine regelrechte Flut von Ausländern und Flüchtlingen drängt sich in unsere Städte. Diese Menschen, woher sie auch immer kommen, schnappen uns die Wohnungen vor der Nase weg und arbeiten in unseren Berufen für Dumpinglöhne… Das Ganze ähnelt dem Gesellschaftsspiel „Reise nach Jerusalem“ – nur ist`s in diesem Falle kein Spaß, sondern bitterer Ernst.
Da ist sie wieder die Angst vor dem Abstieg, vor der Bedeutungslosigkeit. Können sich die Kleinen Leute noch kleiner machen? Müssen sie nicht schon genug darben? Sind sie nicht immer brav gewesen und richteten sich nach der Obrigkeit? Hören sie nicht geduldig den Politikerreden zu und glauben an die Wahlversprechen? Sind sie nicht still und genügsam? Was für eine prächtige Schafherde!
Und mit welcher Inbrunst arbeiten doch manche von uns, verwenden sogar ihre Freizeit dazu! Nehmen wir die Altenpflegerin, die den Schreibkram mit nach Hause nimmt und bei Festen im Pflegeheim in ihrer Freizeit tatkräftig mithilft. Oder nehmen wir die vielen, die unentgeltlich Überstunden schieben. All diese aufopferungsvollen Menschen lieben ihre Arbeit und wollen sie nicht verlieren. Schließlich muss man doch froh sein, wenn man wo unterkommt, vielleicht sogar unbefristet. Wer will schon ständig um seinen Job bangen?
Und weil das alles noch nicht genug ist, muss man ungläubig mitansehen, wie die Mächtigen und Superreichen Unsummen von Geldern verschwenden, verprassen oder in den Sand setzen. Wie fühlt sich dabei ein einfacher Arbeiter oder Angestellter, der mit Müh und Not die Raten für sein neues Auto berappt? Aber okay, Geld macht nicht glücklich. Man will mit diesen Reichen und ihrem dekadenten Lebensstil gar nicht tauschen. Die haben doch jegliches Maß verloren.
Schön, alles ist also gut, wie es ist. Jeder Mensch nimmt seinen Platz ein, füllt diesen irgendwie aus und muss ihn behaupten. Ein ständiger Kampf, nicht anders als im Dschungel. Die Natur ist grausam. Ein Glückspilz, wer in diesem Gerangel nicht vorzeitig auf der Strecke bleibt. Nach Gerechtigkeit hält man vergebens Ausschau. Mehr als leere Versprechungen gibt es nicht. Mich verwundert es darum absolut nicht, dass den Menschen nichts anderes als der Glaube an eine höhere Gerechtigkeit bleibt.
Oder sie ergeben sich in Lethargie und überbordenden Konsum. Oder sie werden zu Fanatikern und Fremdenhassern… Einige gehen in die Politik, andere ins Kloster.
Die meisten machen einfach ihren Job, halten damit den Laden am Laufen. Ohne viel Brimborium. Sie haben sich mit den Einschränkungen und den Ungerechtigkeiten arrangiert. Sie halten tapfer aus und pflegen ihre kleine Welt von Familie und Eigenheim. Besser man denkt nicht zu viel über alles nach.