Wenn der Tag lang ist

… denke ich allerlei zusammen. Das meiste ist schnell vergessen. Das ein oder andere notiere ich mir, weil ich weiß, dass ich es sonst vergesse. Manches davon war es nicht wert zu notieren. (Egal.) Es ist so ähnlich wie mit den Steinen oder Muschelschalen an einem Strand, die ich aufhebe und einstecke. Zuhause schmeiße ich die meisten wieder weg. Sie sehen nicht mehr so glanzvoll aus wie bei erster Betrachtung.

Warum gibt es eigentlich für Deutsche keinen weiblichen Plural? fragte ich mich. Keine Ahnung, wo ich da gerade war. Vielleicht im Zug, oder auf dem Fahrrad, oder ich saß im Biergarten. Ich ging im Geiste alle möglichen Länder/Staaten durch und bildete den Plural der Bewohnerinnen:
Französinnen, Engländerinnen, Belgierinnen, Schweizerinnen, Amerikanerinnen, Schwedinnen, Russinnen, Polinnen, Chinesinnen…
Für Deutschland gibt es nur die Deutschen, weiblich wie männlich. Jedenfalls hörte ich noch nie von Deutschinnen oder Deutschländerinnen. (Ich bin gespannt, wie der aktuelle Genderisierungs-Wahn dieser sprachlichen Anomalie begegnet.)

Ist manchmal schon merkwürdig, was mir so alles durch den Kopf geht.

Nichtstun als Lebensentwurf

Wochenende, und ich mache das, was ich am besten kann, nämlich Nichtstun. Das ist nicht unbedingt typisch deutsch. Ich weiß nicht, von wem ich es habe, von meinen Eltern sicher nicht. Die waren alles andere als faul. So weit ich mich erinnern kann, gaben sie sich nie dem Nichtstun hin. Meine Eltern waren fleißige, ordnungsliebende, brave und genügsame deutsche Bürger. Ich nehme an, dass sie nach den traumatischen Kriegserfahrungen, eine große Sehnsucht nach Ordnung und Normalität hatten. Dazu kam eine Erziehung im Dritten Reich, welche auf Zucht und Ordnung abhob. In vielen deutschen Haushalten ging es ähnlich zu wie in dem unseren. Das deutsche Spießertum erlebte seine Blütezeit…
Am Nichtstun fand ich schon damals großen Gefallen. Die Schule war mir bald verleidet. Sie gerierte sich zu einem Hort des Zwanges, Drucks und der Angst – Vorbereitung auf die lebenslange Tretmühle. Mein Nichtstun bekam schnell den Anstrich von Rebellion. Ich entwickelte für mich das Prinzip der minimalen Anstrengung und Verdeckung, um in diesem Umfeld nicht unterzugehen. Dieses Prinzip bewahrte ich mir bis heute, ein halbes Jahrhundert später. Denn an der Tretmühle hat sich kaum was geändert. Die Leistungsgesellschaft zeigt nach wie vor ihre hässliche und verlogene Fratze, wenn man ihr die Schminke abwischt. Von wegen sozial und menschlich… Die Angepassten leben heute wie gestern am besten. Wer dem nackten Kaiser die schönsten Kleider andichten kann, kommt am weitesten.
Aber gut. Es ist, wie es ist. Ich hänge meinen Gedanken nach… Ich folge meinem Prinzip und genieße das Nichtstun.

      

Ostersonntag

Ich kam nur bis zum Park am Gleisdreieck. Es war kühler als gedacht. Zuerst steuerte ich den BRLO-Biergarten an. Ich wendete auf der Stelle, als ich der Menschenschlange am Bierstand gewahr wurde. Auch der Park war gut besucht, aber nicht übervoll. Ich fand einen Sonnenplatz auf der Holztribüne an dem großen Sandbecken. Keine Frescobol- und keine Volleyballspieler zu sehen, was ich eigentlich erwartet hatte (um mich von ihrem Spiel hypnotisieren zu lassen). Sonnenbebrillt und mit dem Kopfhörer auf den Ohren starrte ich vor mich hin. Aus meinem Rucksack holte ich eine Flasche Roten. Um mich herum jede Menge meist jüngere Leute, die sich sonnten, Eiskugeln schleckten, zusammensaßen, lachten, plauderten.
In mir hatte sich eine Leere ausgebreitet, die ich nicht zurückzudrängen vermochte. Ich hätte einfach aus mir herausschlüpfen können und in den Weltäther entweichen. Bye, bye Bon… Der Griff zur Flasche automatisch, die Gedanken flossen an mir vorbei wie ein Bach. Ich stellte meine nackten Füße in die Strömung. Ich schaute auf meine Füße. Ich redete mit meinen Füßen…
Es gibt Dinge, die kann man niemandem erklären.
Das Leben ist perforiert. Nur aus der Entfernung sieht es stabil aus. Die meisten Menschen machen den Anschein, als wären sie weit von ihrem Leben entfernt. Sie haben große Angst, näher hinzugucken.
Ganz schön gruselig das alles, dachte ich bei mir und killte den Rotwein mit einem letzten großen Schluck aus der Pulle.



Familie beim Eisessen

Es war gestern und ist doch heute (8)

Er hatte das Gefühl, dass nichts gut sein kann. Wenn er die Musik aufdrehte, verschwand die Wirklichkeit hinter einem trüben Vorhang. Er sah die weichen Konturen einer Nackten hinter einem Duschvorhang. Er sah den Frühling und die Wände seines Zimmers. Er setzte die kalte Bierflasche an.
Wenn man wollte, konnte man einfach verschwinden. Und die Welt war nichts als ein surrealer Traum.
Nichts wusste er von seinem Gehirn und dem Herz, das in seiner Brust den Takt des Blutes schlug.
Nichts wusste er von seinen Händen, die auf der Computertastatur schrieben.
Was war die Sprache? Sie hing irgendwie in der Luft.
Es war Mittag, der 1. Mai. Er saß am Computer und suchte nach Worten. Für Alles und Nichts. Wenigstens ist es kein Albtraum, dachte er, es ist nur ein Tag – ein Tag in meinem Leben.
Er saß vor der Kamera. Er war die Kamera. Nichts wusste er von der Natur, von den Jahreszeiten. Nichts wusste er von der Erde, von dem Himmel. Schon gar nichts wusste er von den Sternen.
Er trank und schrieb. Er hörte laut Musik. Es gab keinen Raum. Es gab all die Dinge nicht. Man konnte sie anschauen, ohne sie zu sehen. Was blieb neben dem Funktionieren übrig?

(01. MAI 2009)

„Ich bin`s nur“ oder: Das Ding mit dem Dasein

Bevor ich die Frage nach einem Leben nach dem Tod stelle, frage ich vordererst nach dem Mysterium Leben. Was treibt mich an diesem Ort in dieser Zeit um als eine Kreatur, die sich Mensch nennt? Wer spricht aus mir? Ist das meine Seele? – oder ist es einfach dieser Nervenknoten in meinem Kopf, auch als Hirn bekannt? Und was heißt in diesem Zusammenhang Bewusstsein? Natürlich weiß ich, dass ich ich bin. Immer und immer wieder wache ich als derselbe auf, als der ich am Vorabend ins Bett ging. Und die Welt ist auch noch dieselbe, wenn ich meiner Erinnerung Glauben schenken darf. Freilich auf längere Sicht betrachtet, änderte ich mich schon – da muss ich mir nur ältere Fotos anschauen oder alte Gedichte und Blogbeiträge lesen. Es tat sich einiges in den mittlerweile fast sechs Jahrzehnten, in denen ich Tag für Tag die Sonne auf- und untergehen sah. Ich reifte heran und wurde Mitglied der Erwachsenenwelt. Wobei ich mit dem Attribut „erwachsen“ so meine Probleme habe. Aber das ist ein anderes Thema. Im Großen und Ganzen verlief mein Leben derart, wie es eben in unserer Gesellschaft vorgesehen ist. Wir leben in einer Art Korsett, und viele Menschen brauchen das auch, um nicht den Halt zu verlieren. Ich dagegen fühlte mich von den Erwartungen, Vorgaben und Zwängen durchweg gepiesackt und eingeengt. In meinem Kopf nahmen die Fragezeichen betreff der Sinnhaftigkeit menschlichen Treibens sowie der bestehenden Ordnung nie ab. Die Welt, in die ich geboren wurde, war mir fremd. Sie ist mir bis heute fremd. Ich lernte es, mich bis zu einem gewissen Grad anzupassen. Reiner Überlebenstrieb. Und natürlich veränderte ich mich mit den Jahren…, wie jede Kreatur dem Werden und Vergehen des Lebens unterworfen ist. Im Kern jedoch blieben meine Fragen nach dem, was ich hier eigentlich treibe. Und dieser Kern ist vielleicht das, was gemeinhin auch als Seele bezeichnet wird. Aber wo kommt die Seele her? Von meinen Eltern und Ahnen? Oder von den Sternen? (- was mir angenehmer wäre.) Ich glaube, dass von meinen Erzeugern lediglich die äußere Form stammt: zum einen körperlich, auch gewisse Charakterzüge, Begabungen, Stärken und Schwächen, quasi alles, was genetisch determiniert ist. Der Kern (oder die Seele) dagegen machen mein Ich aus. Selbst wenn das oberflächlich gesehen nur Leere sein sollte. Ich spüre, dass in meiner Form etwas ist, das den Tod überleben wird. Ich stelle mir die Seele wie einen Geistersamen vor, der von einer Form in die nächste fließt. Die Materie würde ohne diesen Geistersamen in sich zusammenfallen…

Soweit meine heutigen Gedanken zu dem entscheidenden Thema, welches mich, seit ich denken kann, beschäftigt und gewissermaßen prägt. Äußerst mysteriös das Ding mit dem Dasein…
Als ich am Morgen aufstand, hatte ich einen sonderbaren Gedanken: Wie wäre das, wenn ich in den Spiegel schaute, und die Person, die ich sähe, sie wäre nicht ich, sondern eine andere… Ich zögerte wirklich für ein paar Momente in den Badezimmerpiegel zu blicken. Verschlafen blinzelte ich dann doch hinein… und erkannte dieselbe Hackfresse wie immer. Die grinste mich breit an und meinte: „Ich bin`s nur.“
Was ein Trost!

 

Mein Baum

Wenn ich mir meine Lebenslinie als einen Weg vom Stamm hinauf in die Krone vorstelle, als eine Möglichkeit von vielen, je nachdem, ob ich an der Astgabel den Weg links oder rechts nehme, und es zwischen Lebensanfang und -Ende tausende solcher Abzweige gibt, und jedes Mal mein Ich kopiert wird  in eines, das links – , und eines, das rechts den Weg weitergeht usw. – usf., immer wieder eine Kopie von einer Kopie von einer Kopie entsteht, bis ich ganz oben in der Baumkrone ankomme als ein Schatten meiner selbst… doch auch als Teil eines viel größeren Gesamt-Ichs, welches von dem Baum mit allen seinen Verästelungen und Wegen gebildet wird, das ich nicht erkenne, weil ich nur einen Weg sehen kann, genau diesen einen, der sich mein Leben nennt…; wenn ich daran denke, dass ich auf der anderen Seite trotz meiner immer blasser werdenden Gegenwärtigkeit, den ganzen Baum repräsentiere mit all den anderen kopierten Ichs, die an anderer Stelle in der Krone ankommen, die womöglich dasselbe denken und fühlen, mit denen ich zusammen den gesamten Baum bilde, durch die Zeit und alle Möglichkeiten, wie jeder Würfelwurf gleichsam für alle Würfe steht, obwohl im Ergebnis anders, und jeder Mensch, egal, wo er auf die Welt kommt, für uns alle der Spezies Mensch steht, weil wir trotz unserer Unterschiedlichkeiten auf dieselben Wurzeln zurückblicken…; wenn ich derart in den Tag hineinträume, als könnte mein Selbst jeden Moment verschwinden wie ein Herbstblatt, das einsam zu Boden schwebt und sich im Dreck der Straße auflöst…, dann bin ich zurück, ganz bei mir.

Freitag

Als am Montag mein Arbeitstag begann, überkam mich das wahnsinnige Gefühl, dass alles gar nicht wirklich war – auch ich selbst: Was mache ich hier? Wer bin ich eigentlich? Wer stellt diese vermaledeiten Fragen? Dieses „Ich“ ist eine Farce, nichts als ein Witz…,dachte ich und fand keine Antwort.
Ich zählte die Tage runter bis Freitag. Die Tumorfälle flutschten durch meine Hände wie nichts. Die Hühner erstaunlich unanstrengend – ich mag sie irgendwie, und mittlerweile denke ich, dass sie auch mich mögen.
Seltsam, wie einem eine Woche elend lang und gleichsam kurz erscheinen kann. Ich schleppte mich durch. Müde bin ich. Ein paar Kolleginnen und Kollegen gehen heute nach Feierabend essen… Sie sollten jetzt unterwegs sein. Ich bin im Pub. Ich wollte eigentlich dabei sein. Ich versprach es. Jetzt sitze ich hier an der Bar und schaue raus auf den Betrieb in der Potsdamer Straße. Vor mir steht das Bier, das sich in regelmäßigen Abständen erneuert. Verhalten grüße ich den ein oder anderen Gast, der eintritt. Man kennt sich, ohne sich zu kennen. Man redet oder schweigt nebeneinander.
Schön, dass Freitag ist. Ich bin so müde. Ich weiß, das sagte ich bereits. Mindestens zur Hälfte ist es die Welt, die mich müde macht. Ich und meine Fragen sind die andere Sache. Und sicher auch das Bier… Egal. Eins geht noch, bevor ich mich zurückziehe. Alles ist gut. Oder auch nicht. Was spielt es für eine Rolle? Ich bin lediglich ein Abziehbild. Ich bin eine Kreatur, die am Tellerrand abhängt. Weil die Suppe nicht schmeckt – diese Brühe, die meine Mitmenschen allzu bereitwillig schlucken…

Ich stelle mir eine Welt vor, in welcher meine Geburt nicht vorgesehen ist. Das wäre die beste aller Welten.
Natürlich sage ich das nur, weil ich das Dasein ums Verrecken nicht kapiere, weil ich von der Liebe enttäuscht bin, weil ich so verflixt wenig Ehrgeiz habe, weil ich mich in diesem materialistischen Wahnsinn fremd fühle…, weil ich gewissermaßen lebensmüde bin.
Ich muss trinken, sonst steht das Bier ab. Scheiß Gedanken. Wie eine Krankheit sind diese Gedanken.
Mir fehlt die Ablenkung, z.B. : meinen Kopf an den Busen einer Frau legen, sie riechen und ihren Herzschlag hören. Wie sehr mir das fehlt…
Müde bin ich. Verflucht müde. Und trotzdem sitze ich noch hier. Wer versteht das? Wahrscheinlich bin ich gar nicht ich. Etwas anderes steuert mich, womöglich der Teufel.
Noch ein Bier? Warum nicht. Ich habe Zeit. Zuhause wartet niemand. Nur ein Herd und ein Bett. Morgen kann ich ausschlafen. Und dann werde ich weiterschreiben. Für heute bin ich fertig.

Nix wie weg

Was soll man sagen, wenn es nichts mehr zu sagen gibt? Auf die Menschheit in der heutigen Zeit übersetzt, bedeutet das: Ende Gelände. Bereits seit einigen Jahrzehnten. Ganz nett war noch die Demokratisierung einiger Gesellschaften durch die industrielle Revolution. Die Überführung in den Kapitalismus kam nicht nur den Wirtschafts-Magnaten zugute, sondern auch dem Kleinen Mann. Demgegenüber stand die Idee des Sozialismus, die vollkommen die Natur des Menschen ignorierte. Wir sind nun mal keine Bonobos. Wir sind aggressive Schimpansen. Größtenteils.
Ich liebe meine Mitmenschen. Ehrlich. In den drei Jahrzehnten, als ich Altenpfleger war, wurde mir bewusst, wie ähnlich wir uns im Prinzip alle sind – dass wir im Großen und Ganzen dasselbe Schicksal teilen. Dabei spielt es keine Rolle, wo wir herkommen, welche Hautfarbe wir haben, oder welche Religionen/Ideologien wir für uns präferieren.
Genaugenommen war mir das schon vorher bewusst. Aber es ist freilich nicht von Nachteil, wenn man seine Weltsicht durch Erfahrungen unterfüttern kann. Nun gehe ich auf die Sechzig zu, und der Käs ist für mich gegessen – oder niemand kann mir noch was vom Pferd erzählen.

So weit, so gut. Ich sitze also im Biergarten und höre über die Ohrstöpsel meine Lieblingsmusik. Plötzlich zucke ich zusammen. Ein paar Meter vor mir entdecke ich meine Ex, wie sie an der Theke ansteht. Das habe ich nicht erwartet. Ekelhaft!  – war mein erster Impuls. Ich muss so schnell wie möglich weg. Ich schaue sie mir dennoch kurz an und stelle beruhigt fest, dass sie, seitdem sie mich verließ, nicht gerade attraktiver wurde. Im Gegenteil. Sie nähert sich im Aussehen meinen Büro-Hühnern an. Damals sagte sie zu mir: „Dann geh doch zu diesen Kuhfrauen!“
Ich trank so schnell wie möglich mein Bier aus und schlich mich an ihr vorbei. Gespenstern aus der Vergangenheit sollte man besser aus dem Weg gehen.

Aufgefangen

Eine Invasion von Schmetterlingen hier… dazu brütende Hitze… Nein, kein Delirium wie damals, als ich morgens in einem Zimmer voller Schmetterlinge aufwachte… Aber kurz vor einem Hitzschlag dürfte ich sein.

Ein polnischer Wurzelzwerg, auch auf Fahrradreise, perfekt ausgerüstet und durchtrainiert erscheint plötzlich neben mir und spricht mich an… Ich gehöre nicht zu seiner Rasse.

18 Uhr, und es ist immer noch so heiß, dass es mir das Gehirn wegknallt… Am Horizont Kumuluswolken.

Ich erinnere mich an meine ersten Reiseabenteuer, als ich im jugendlichen Alter von 19 alleine per Interrail in Sizilien war… furchtbar unbeholfen, einsam – total auf mich zurückgeworfen… tapfer…

Ich weiß, dass ich sowas, wie den Everest ersteigen, nie hinkriegen würde (und auch gar nicht will) …, aber ich hatte eine Menge Abenteuer in meiner Dimension, auf die ich stolz sein kann… Prost!

Ich radle durch Pfützen, so groß wie Badewannen.

Leben zu spüren – direkt mit allen Konsequenzen, alleine im Dialog mit sich selbst… und an seine Grenzen kommend; am Morgen nicht zu wissen, wo man am Abend landet…

Ich kann den Alkohol nicht verdammen. Er war gerechter als die meisten Menschen zu mir.

In Polen ist der Geldbeutel immer dick, ohne dass wirklich was drin ist.

Wäre ich in dem Hexenwald umgefallen und bewusstlos liegengeblieben, in Kürze hätten mich die Viecher bis auf die Knochen aufgefressen.

Die Weinflasche liegt neben der Urinflasche im Zelt… Brüder im Geiste.

Vieles, was ich erlebte, war so eindrücklich – und doch bleiben nach Jahren davon nur Schatten.

Was mich auf meinen Reisen in andere Länder immer wieder verwundert: Kaum befindet man sich hinter der Landesgrenze, reden alle plötzlich chinesisch… Wie können Sprachen benachbarter Länder so gravierend unterschiedlich sein?

Was ist der scheiß Willen wert, wenn man nicht zwischendurch an seine Grenzen geht?

Nix verstan

Was einem nicht alles durch den Kopf geht auf so einer Fahrt. Man quasselt sich selbst zu. Ein Problem mit dem Alleinsein sollte man nicht haben. Dazu gehört auch die Toleranz zum eigenen Scheiße- oder Unsinn denken. Meine einzigen menschlichen Kontakte hatte ich, wenn ich am Nachmittag einen Zeltplatz klar machen musste. Da kam es dann sogar mal zu einem Gespräch mit einem anderen menschlichen Wesen. Die Kommunikation in Polen lief fast ausschließlich über Zeichensprache und ein paar Brocken Englisch. Man fühlt sich automatisch fremd und ausgeschlossen, wenn man so gar kein Wort von dem versteht, was die Leute um einen herum reden. Diese Sprachbarriere empfinde ich im Ausland immer als das größte Manko. Aber naja, was sollen die Polen, die neben mir sitzen, schon quatschen, sicher dasselbe profane Zeug wie die Menschen im eigenen Lande auch. Trotzdem hört sich eine fremde Sprache in meinen Ohren immer erstmal so an, als würde gerade über total großartige Sachen palavert – und es entsteht ein Minderwertigkeitsgefühl, jedenfalls bei mir.
Nun zurück in Berlin befinde ich mich wieder in meiner Sprachsphäre (Sarkasmus ist erlaubt) – wie angenehm!
Ich war also in den letzten Wochen weitgehend mit mir und meinen Gedanken alleine. Ein paar Punkte notierte ich mir. Darunter folgender: Ist es nicht verrückt, dass wir Menschen uns vor der Natur und gleichzeitig die Natur vor uns schützen müssen. Solche Sätze fielen mir eine Menge ein, während ich auf meinem Fahrrad durch die Landschaft holperte. Zum Weiterdenken kam ich nicht, weil ich mich zu sehr auf den Weg konzentrieren musste…

 

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ich bin mir sicher – eben war hier noch ein Weg!