Streik

Dass Ryanair Piloten streiken werden, passt mir gerade gar nicht – natürlich gönne ich ihnen ein besseres Gehalt, ich kann mir vorstellen, dass sie bei dem Billigflieger nicht top verdienen, aber ich will in zehn Tagen auf Fuerteventura sein, eine Pauschalreise mit Flügen von Ryanair. Vielleicht habe ich Glück, denn ich las, dass sie über die Weihnachtstage eine Streikpause einlegen. Ansonsten steht der Reiseveranstalter in der Pflicht, doch wer weiß, was dabei herauskommt… Es wäre ein großer Mist, wenn mein Urlaub ins Wasser fiele. Er war als besonderes i-Tüpfelchen am Jahresende gedacht – 2017 mit Sonne, angenehmen Temperaturen und Meeresrauschen abschließen. Kurz rauskommen aus der Depression des Alltags und dem Berliner Mief. Ein paar Tage ganz woanders sein, auf eine Horizontlinie blicken und in den Tag hineinträumen… Also, liebe Piloten, bitte am 26.12. nicht streiken und mich sicher auf diese Insel im Atlantik bringen. Ich finde es scheiße, dass ihr so schlecht bezahlt werdet. Wo man hinsieht, Ausbeuter! Ich muss nur mal an meine Zeiten als Altenpfleger denken. Da hatte ich auch eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit, die einen zudem ziemlich stresst und auf Dauer fertigmacht. Und wisst ihr, was man als gelernter Altenpfleger verdient?!? Gerade so viel, dass man sich selbst über Wasser halten kann. Einen Luxusurlaub kann man sich nicht leisten. Wenn man also mal rauskommen will, bleiben nur günstige Pauschalreisen oder die Angebote von Billigfliegern… Irgendwie beißt sich da die Katze in den Schwanz, oder? Die Leute sollen auf Teufel komm raus konsumieren, aber bei den niedrigen Löhnen (und hohen Mieten) geht das nur, wenn die Produkte billig sind. Und wer muss in diesem Pyramidensystem bezahlen? Das sind freilich die ganz unten… Somit werden wir quasi alle zu Ausbeutern… Versteht ihr? Wir sind alle Teile dieses unmenschlichen Systems. Mit jedem Schritt, den wir nach oben machen, treten wir nach unten. Vor kurzem stieß ich zufällig auf die Website „slaveryfootprint.org“ – dort kannst du dir ausrechnen lassen, wie viele Sklaven für dich auf der Welt arbeiten…

Es gibt Tage, an denen man neben sich steht. Es gibt Dienstage, die sich bereits nach Freitag anfühlen. Es gibt Tage, die an der Wahrnehmung einfach vorbeigehen. Heute ist Samstag. Ich habe Geburtstag, und es fühlt sich nicht wie Geburtstag an. Ich gewöhnte mich daran, dass sich Tage nicht so anfühlen müssen, wie sie heißen, bzw. wie sie, eine bestimmte Sache verheißend, auf einen zukommen. Umso weniger man erwartet, desto geringer die Enttäuschung. Freilich eine Binsenweisheit. Nicht einfach durchzuhalten. Geburtstage würde ich am liebsten vergessen. Insofern ein Fehler zu erwähnen, dass ich Geburtstag habe. Mist! Am liebsten wäre ich heute mit O. ins Kino gegangen und danach essen. Passt aber nicht, weil sie einen wichtigen Termin hat, von dem ich nichts wusste. Ich bin sehr enttäuscht, was dumm ist, da ich mir aus Geburtstagen nichts mache.
Das Geschenk ist ausgepackt. Ein riesiges Sparschwein. Mir fällt einfach nicht ein, was ich dazu sagen soll…
Liebe Ryanair Piloten, enttäuscht mich bitte nicht. Bringt mich auf die Insel. Es ist Zeit.

Alles Gute, nachträglich

Bobbele, nun biste fast in meinem Alter. Pleite zwar aber mit einer ansehnlichen Patchworkfamilie. Gar zu schlecht scheint es dir nicht zu gehen. Deinen Fünfzigsten feiertest du jedenfalls recht ausgelassen, wie zu lesen ist.
Ich erinnere mich noch gut an die Achtziger, als du Tenniserfolgsgeschichte schriebst. Ich herumtreibender Student an der TU Karlsruhe und du auf dem Center Court in Wimbledon. Deine Matches liefen überall, wo TV-Geräte standen oder hingen. Wir fieberten jedem Ballwechsel kollektiv entgegen. Bum-Bum Boris! Dann die Becker-Rolle! Wir feierten deine Siege und stießen auf dich und unser ödes Leben an. Bobbele hatte es mal wieder geschafft!
Was für eine tolle Zeit waren die Achtziger mit Koryphäen wie Helmut Kohl, Herbert Grönemeyer, Steffi Graf und dir! Da war noch nicht Internet, sondern Kneipe.
Und dein Gestammel in den Interviews – einfach göttlich! Wir machten uns regelmäßig lustig darüber. Das waren Running Gags.
Du hast dich ganz schön gemausert, alter Junge. Es verschlug dich nach London, mich nach Berlin. Weißt du, dass wir aus derselben Gegend stammen? Hast du noch Heimatgefühle? Als meine Eltern starben, starb für mich in gewisser Weise der letzte Rest Heimat…
In einem deiner letzten Interviews sagtest du: „Das Überschreiten der 50-Jahre-Marke ist ein wichtiger Geburtstag für einen Mann. Es ist das erste Mal, dass du zurückblickst auf dein eigenes Leben und wirklich beginnst, die Dinge einzuordnen. Gleichermaßen erreicht man einen Punkt, an dem man nach vorne sieht und in der fernen Zukunft die Ziellinie erkennen kann.“ So oder ähnlich hast du`’s ausgedrückt. Gar nicht so einfach, die Dinge einzuordnen, finde ich. Und von wegen Ziellinie – ich erkenne da eher einen Abgrund. Aber als Sportler siehst du die Dinge freilich sportlich.
Alles Gute zum Fünfzigsten, nachträglich! Halte die Ohren steif.