Wundgescheuert

Ich tanze den Blues, nicht glücklich sein zu müssen. Die Gedanken amorph. Jeder Tag ein Abziehbild. Ich sehe einen Film mit mir als Nebenrolle. Ich verschwinde ganz in mir. Ich liege so rum in meinem Bauch und starre die Wände an oder durchs Fenster. Wurde ich überhaupt geboren?

Aus dem Nebenraum erreichen mich seltsame Geräusche meiner Mitbewohnerin. Wahrscheinlich wird sie gerade wach. Wahrscheinlich wird sie gleich aufstehen.
Es tut sich was. Es kommt auf mich zu…

Ich stelle mir vor, dass ich abstürze, aber da es keinen Boden gibt, schlage ich nicht auf, – und so gewöhne ich mich ans Abstürzen. Ich stürze kopfüber, und aus meinen Taschen fallen alle Gedanken und Gefühle. Sie purzeln vor meinen Augen herum. Ich kann sie nicht greifen und zurück in meine Taschen stopfen. Ich kann nicht.

Meine Mitbewohnerin erzählt mir, wo sie am Vorabend war. Es interessiert mich nicht. Mein Brustkorb ist eine Kühlschranktür. Meine Mitbewohnerin fragt nach den Tagestemperaturen. Ich sage: „Keine Ahnung.“ Sie schaut auf der Wetter-App ihres Smartphones nach und berichtet über die Aussichten für die nächsten Tage. Ich blicke aus dem Fenster: die Sonne scheint. Mehr muss ich nicht wissen.

Bukowski sprach vom Frozen-Man-Syndrom, Hemingway hatte den Black Dog. Keine Ahnung, was es bei mir ist. Ich werde einen Namen finden. Währenddessen tanze ich den Blues, nicht glücklich sein zu müssen. Alles ist gut, solange ich meine Ruhe habe – in der Placenta meines Selbst.
Es fühlt sich an, als wäre meine Seele total wundgescheuert. Wovon nur?