Stippvisite

Die Hühner staunten nicht schlecht, als ich vor der Tür stand…
Ich hatte vorher einen Termin beim Frisör wahrgenommen, war kurz nach Hause gefahren, um die losen Härchen von der Rübe zu spülen. Fühle mich dann einfach wohler. Bei der Gelegenheit gleich noch ein oder zwei Gläser hinter die Binde geschüttet und dabei gebloggt. Nun aber auf, dachte ich beim Blick auf die Uhr. Ich wollte noch einkaufen und irgendwo ein Tagesabschluss-Bierchen trinken.
Ich saß bereits auf meinem Fahrrad, als ich merkte, dass etwas Entscheidendes fehlte: der Rucksack, den ich sonst am Rücken fühlte! Und im Rucksack waren Hausschlüssel, Geldbeutel und Smartphone… Seit ich solo bin, also seit gut zweieinhalb Jahren, warte ich darauf, dass ich mich aussperre. Jetzt war es passiert! Nur gut, dass ich vorgesorgt hatte…, und so stand ich plötzlich vor der Türe meiner Arbeitsstelle. Die Hühner machten große Augen ob meines unerwarteten Besuches (noch habe ich etwas Urlaub). Nach einer kurzen Erläuterung der Sachlage und ein paar netten Worten schnappte ich mir die im Büro deponierten Zweitschlüssel und entschwand so schnell, wie ich gekommen war. Uff!
Also zurück nach Hause, Rucksack aufgesetzt und weiter im Text.

 

 

Homeoffice, Toilettenpapier, Wochenende und die Sehnsucht nach einem Frisör

Nun klappt es also doch mit dem Homeoffice für Dokumentare/Dokumentarinnen. Zumindest für einige unter uns. Auch ich bekam das Angebot. Nach ein paar Formalitäten und einer Einweisung durch die IT, kann ich loslegen. Bin schon sehr gespannt darauf. Die Sache ist zwar nur für die Corona-Zeit geplant, aber erstens weiß kein Mensch, wie lange wir damit noch beschäftigt sind (bis zur Herdenimmunität oder bis zur Freigabe eines Impfstoffes), und zweitens werde ich um eine interessante Joberfahrung reicher sein. Schaden sollte es mir nicht…

Ein sonniges Wochenende steht vor der Tür! Gestern nach Feierabend eine Packung Klopapier beim türkischen Supermarkt ergattert. Eine ganze Palette stand draußen neben dem Gemüse. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Bisher gehörte ich zu denen, die sich über den deutschen Toilettenpapier-Hype lustig machten. Aber seit ich meine letzte Packung angebrochen hatte und bei jedem Einkauf schmerzlich wahrnahm, dass Toilettenpapier tatsächlich ständig ausverkauft war, sah die Sachlage etwas anders aus…
Mein Herz hüpfte vor Freude, als ich mit einer Achtrollen-Packung auf die Straße trat. Schnell verstaute ich sie in meinem Rucksack. Nicht dass noch jemand dachte, ich gehörte auch zu den Toilettenpapier-Geiern.

Übrigens beobachte ich zunehmend Mitbürger, die es mit den geltenden Kontakteinschränkungen nicht so genau nehmen. Ganze Gruppen, vor allem junger Menschen, ziehen bei dem herrlichen Frühlingswetter um die Häuser oder rotten sich in den Parks zusammen. Auch bei vielen älteren scheint die Angst vor Ansteckung nicht sonderlich groß zu sein… Entweder nehmen diese Leute allgemein die Gefahr, die von Covid-19 ausgeht, nicht sehr ernst, oder sie meinen, sie seien immun, oder sie sind asozial, oder es ist Gedankenlosigkeit… Jedenfalls fände ich`s scheiße, wenn durch deren laxes/dummes Verhalten die Ansteckungsrate wieder anstiege, was zur Folge hätte, dass sich die Lockerungen weiter verzögerten… Oder sieht das jemand anders?
Ab 04. Mai dürfen voraussichtlich die Frisöre wieder öffnen, und ich brauche dringend einen Haarschnitt! Also…bitte haltet Abstand und trefft Euch nicht in Gruppen. Für schwachsinnige Partys habt Ihr noch Euer ganzes Leben lang Zeit.
Ach ja, und das gilt auch für Herrn Spahn, seines Zeichens Bundesgesundheitsminister.

 

Filme, die das Leben dreht

Viele Erinnerungen an mein Leben wirken auf mich irreal, wenn sie vergangene Lebensphasen markieren: meine Jugend, die Schulzeit, die vielen Jahre in der Altenpflege (besonders als Nachtwache), die Zeit mit den damaligen Kumpels und Freunden, die alte Heimat, verlorene Lieben…
Ich erzähle von Ereignissen aus meiner Vergangenheit und mich überkommt ein seltsames Gefühl der Fremdheit. Von wem rede ich? Wer sitzt hier und plaudert z.B. von einer vergangenen Liebe? War das alles real? Natürlich zeugen alte Fotos, Postkarten, Briefe, Geschenke und andere Relikte, dass ich mir mein vergangenes Leben nicht nur einbilde. Ich frage mich aber, wo alles hin ist. Ich blicke in den Spiegel und sehe einen alternden Mann. Gestern war ich beim Frisör. Man sollte auf Wunsch den Spiegel verhängen dürfen. Aber gut, das Problem hatte ich schon als halbwegs attraktiver junger Mann. Darum existieren kaum Fotos von mir. Will mich jemand fotografieren, kann ich echt sauer werden! Alle meine Frauenbekanntschaften übers Internet begannen als Blinddate, jedenfalls für die Frauen. Sehr mutig von ihnen. Na gut, in der Hauptsache geht es ja in der Liebe um die inneren Werte… Hust!
Immer wenn ich in einer beziehungslosen Phase stecke, die sich länger hinzieht, kann ich irgendwann kaum noch glauben, dass ich mal echten Sex mit einer Frau hatte (und das sogar regelmäßig); und all das andere wie Zärtlichkeiten, romantische Stunden und gemeinsame Unternehmungen selbstverständlich zu meinem Leben gehörten. Es ist gerade so, als würde ich behaupten, dass ich vor ein paar Jahren noch Zirkusartist war… (Genau: Das würde ich mir selbst nicht abnehmen.)
Das Leben ist nicht wie ein Film, sondern wie viele Filme. Die können mal lustig und mal traurig, spannend oder langweilig sein. Gerade stecke in einem scheußlich langweiligen Film. Ich wünschte, ich könnte einfach in eine andere Filmaufführung wechseln.

 

 

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einige meiner Lieblingsfilme

 

Drückeberger

Das Spanferkelessen im Pub war auf 19 Uhr angesetzt. Geschlossene Gesellschaft. Eine Art Pub-Weihnachtsfeier für die Stammgäste. Ich hatte am Nachmittag einen Frisörtermin zwei Hauseingänge weiter und wartete im Pub. Ich kriege automatisch eine SMS, wenn`s so weit ist.
Sita bediente und sprach mich auf das Spanferkelessen an.
„Du kommst doch? Ich habe dich eingetragen.“
„Klar“, antwortete ich. Ich werde jedes Jahr vom Wirt eingeladen, aber wenn der Tag dann da ist, habe ich den Termin entweder nicht auf dem Schirm, oder ich habe schlicht keine Lust.
Der Frisörtermin verzögerte sich. Es war mittlerer Nachmittag, so gegen 16 Uhr. Ich trank mein Bier im Pub und wartete. Der Wirt spendierte mir einen Korn. Harry gab mir das nächste Bier aus.
„Du kommst doch nachher auch?“
„Klar“, meinte ich und: „Danke!“
Endlich war es soweit. Eine SMS signalisierte mir, dass ich drankam. Ich trank schnell aus und gab Sita Bescheid, dass ich nur kurz beim Frisör sei. „Kein Problem“, sagte sie.

Ich mag Frisörbesuche nicht. Sie kommen in meiner Unbeliebtheitshitliste gleich hinter Zahnarzt- und anderen Arztbesuchen. Warum sehe ich dort im Spiegel stets viel hässlicher aus als zuhause? Wegen der Helligkeit? Ganz besonders schlimm wird es, wenn die Frisörin mir am Schluss per Handspiegel zeigt, wie meine Rübe von hinten aussieht. „Alles recht so?“ „Ja“, antworte ich schnell.
Gut, dass die gesamte Prozedur selten länger als 15 Minuten dauert. Noch kurz die Haare ausspülen, abfrottieren, bezahlen, und ich latsche die paar Meter zurück ins Pub.

Inzwischen war kaum noch jemand zugegen. Es ist wie bei einem Tsunami: das Wasser zieht sich erstmal zurück, bevor die große Welle kommt. Ich bestellte noch ein Bier. Sita begutachtete meinen Haarschnitt.
„Guuut!“
Anstandshalber lächelte ich. Die Uhr sagte: Noch fast zwei Stunden bis zum Spanferkel-Showdown. Ich spürte, wie ich langsam meine sowieso nicht üppige Lust an diesem Event verlor. Mist aber auch! – Ich bin ein Mensch, der normalerweise zu seinem Wort steht.
Der Wirt war vollauf beschäftigt mit den Vorbereitungen, als ich mich verdünnisierte.
„Ich gehe dann auch noch mal… kurz Luft schöpfen. Bis dann!“
„Jo.“
Ein verhaltenes Winke-Winke, und draußen war ich. Uff! Hatte eben ein anderer mehr vom Spanferkel… Wenigstens erledigte ich den Frisör, den ich zwei Wochen lang vor mir herschob. Im Prokrastinieren bin ich spitze.

 

Letzter Urlaubstag

Der Urlaub war derart intensiv, dass ich nur wenig ans Büro und die Hühner dachte. Ich finde es irreal, dass ich morgen wieder an meinem Schreibtisch sitzen werde, mir aus dem Panzerschrank einen neuen Stapel Tumorfälle greife… Wenigstens eine kurze Woche für mich. Hoffentlich hat sich meine Kollegin wieder gefangen und ist aus dem Krankenstand zurück, so dass ich nicht alleine im Zimmer hocke. Ich spürte, dass sie irgendwas ausbrütete. Mehr psychisch. Sie ist keine einfache Person… Die angesagte Hitze wird uns ganz schön zu schaffen machen. Ich sollte mich morgens sputen, damit ich möglichst früh auf Arbeit bin. Bis in den späten Nachmittag am Schreibtisch zu schwitzen, ist kein Vergnügen – das habe ich noch gut vom letzten Sommer in Erinnerung.
Also wieder ran an den Speck, – d.h. Krebs!
Mir bleibt, am letzten Urlaubstag zu relaxen und früh ins Bett zu gehen. Zum Frisör wollte ich noch, die restlichen Zloty zurückwechseln, umgerechnet 10 Euro. Mein Bedarf an Polenreisen ist für dieses Jahr gedeckt.

Verpeilt

Ich duschte und rasierte mich unter den Achseln. Ein Haarschnitt sollte auch noch sein, also ging ich auf die Frisör-App, um mich anzumelden. Fluchend nahm ich zur Kenntnis, dass der Laden heute wegen Krankheit geschlossen bleibt. Mist im Quadrat! Ich hatte mich seelisch bereits darauf eingestellt. Klar, ich könnte hier auch zu einem der tausend Türkenfriseuren gehen, aber es gibt Dinge, bei denen ich relativ unflexibel bin. Ich lasse mir nicht gern von Fremden auf dem Kopf rumfummeln. Damit hier keine Missverständnisse entstehen, ich meine ganz allgemein mir fremde Menschen, egal ob Türken, Deutsche, Italiener oder Russen. Seit ich hier in Berlin bin, gehe ich zu diesem Friseurladen in der Potsdamer Straße, unweit einer Kneipe, wo ich mir das Warten bei einem Bier verkürze. Auf der App sehe ich, wann ich an der Reihe bin – praktische Sache… Was sagt Hannibal, der Chef des A-Teams, in einem solchen Fall? – „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.“ Genau! Aber heute funktionierte mein Plan nicht. Ich muss ein weiteres Wochenende mit den ungeschnittenen Fransen auf meinem Kopf aushalten. Na gut. Um trotzdem etwas in dieser Hinsicht nützliches zu machen, schneide ich mir die Zehennägel. Warum sind die schon wieder so lang? Die Wochen fliegen mir nur so um die Ohren. Die Bürotage reihen sich eintönig aneinander. „Und ewig grüßt das Murmeltier“, meinte ich zu einer meiner Kolleginnen am Morgen in der Kaffeeküche. Gerade letzte Woche, als die Hitze in den Büros stand, fieberten alle dem Wochenende entgegen. Inzwischen kühlte es etwas ab, dafür wurde es so schwül, dass alles an einem zu kleben scheint. Der Sommer kam dieses Jahr wie ein brüllendes Untier über die Stadt und verschluckte den Frühling fast vollständig. Jedenfalls in meiner Wahrnehmung. War nicht eben noch Winter – mit dem Kälteeinbruch im März? Ein brutaler Wechsel dieses Jahr beim Wetter fast synchron laufend mit dem Wechsel in meinem Leben aus einer Beziehung zurück zum Junggesellendasein. Mir ist immer noch ganz schlecht von dieser Sache. Aber gut.
Die Zehennägel sind wieder fein. Ich mag meine Füße. Hoffentlich wissen sie das.