Was man nicht alles macht

Der neue Sattel prunkt bereits auf dem Reise-Bike. Ein Flyer Special, gefedert. Nicht dass ich nächstes Mal erneut mit dem Cambium auf Reise gehe. Ich mag`s zwar gern hart, aber diesmal zollte ich Tribut und scheuerte mich wund an Stellen, die kein Mensch je gesehen hat außer meine Mutter damals und eventuell einige Frauen… Die Schmerzen waren zwischenzeitlich höllisch. Die Unterhose klebte an den wunden Stellen. Jedes neue Niedersetzen auf den Sattel wurde zur Qual, bis ich eine halbwegs tolerable Sitzposition gefunden hatte. Ohne dieses pikante Problem wäre ich sicherlich um einiges besser unterwegs gewesen und auch flotter. So saß ich sprichwörtlich wie der Affe auf dem Schleifstein auf meinem Rad und vermied nach Möglichkeit streckengegebene Unebenheiten, die ich sonst locker weggesteckt hätte. Doch leider passierte es immer wieder und „Autsch!“ – mancher Ritt auf Wald- und Feldwegen wurde regelrecht zur Folter. Augen zu und durch. „Was man nicht alles macht…“, sagte ich dann wiederholt zu mir selbst.
Das Fahrrad steckte die Reise gut weg. Es steht mit dem neuen Sattel im Zimmer und grinst mich frech an. Gut, wenn das Material mehr aushält als ich. Eine Sorge weniger auf der Tour. Nach Kopenhagen meine zweite Reise mit dem Fahrrad, das ich mir erst letztes Jahr zulegte. Ich bin mehr als zufrieden. Langsam wachsen wir zusammen. Ich mag`s, wenn auf etwas Verlass ist. Das gilt nicht nur für Dinge. Und ich mag`s, wenn etwas was darstellt ohne viel Aufhebens darum. Ich liebe die Ästhetik der schlichten Funktionalität. Okay, ein Schuss Extravaganz darf schon sein. Der Cambium war so ein Schuss…, der aber in die Hose ging.

 

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mein Reise-Bock in Dömitz an der Elbe

Der Schleim hat sich gelöst

Im Spiegel blicke ich auf einen Dreitagebart, was äußert selten vorkommt, eben nur, wenn ich krankheitsbedingt das Bett hüte und in meinen Säften schmore. Nach drei Tagen ahne ich, warum Einzelhaft eine Folter ist. Wobei ich jederzeit rausgekonnt hätte. Meine Isolation war freiwillig. Kein Gespräch, kein Mensch, der einem Beachtung schenkt, während ein paar Meter weiter alles seinen gewohnten Lauf nimmt: die Autos über die Straße poltern, und die Menschen vorm Fenster vorbeilaufen. So ähnlich muss es auch den Alten gehen, die in ihren Wohnungen vereinsamen und dahinvegetieren. Vielleicht hie und da ein paar Worte beim Bäcker oder an der Supermarktkasse. Danach zurück in die vier Wände Einsamkeit.
Als ich mich am Dienstag auf der Arbeit krankmeldete, meinte die Oberdokumentarin: „Dann lass dich mal ein paar Tage verwöhnen.“ Worauf ich bitter lächelte und meinte: „Das glaube ich eher nicht – meine Partnerin arbeitet sehr viel.“
Aber gut. Ich bin das Alleinsein von früher gewohnt. Hart ist es trotzdem. Wenigstens fühle ich mich heute schon besser. Der Schleim hat sich gelöst. Keine erhöhte Temperatur, kein Halsweh. Am Nachmittag werde ich mit dem Bike ausreiten. Im Sanitätsfachgeschäft liegen ein Paar neue Einlagen für meine Plattfüße abholbereit. Danach Einkaufen. Und ein Bier im Pub ist auch drin. Ja, mich gibt`s auch noch, haha. Das Übliche.