Zweite Runde

Das Wochenende ist wie ein Karussell, das sich genau zwei Runden dreht und einen danach zurück in die Tretmühle schickt. In Corona-Zeiten dreht man seine Runden weitgehend zuhause. Zumindest als Alleinlebender wie ich. In Gemeinschaft mit einem oder mehreren anderen Menschen würde ich schnell eine Fluchttendenz entwickeln… Aber vor mir selbst kann ich schlecht wegrennen. Da ist es im Großen und Ganzen wurscht, ob ich zuhause alleine rumhänge oder außerhalb der Wohnung. Jedenfalls solange die Kneipen zuhaben. Auch wenn etwas Bewegung an der frischen Luft allgemein Geist und Körper nicht abträglich ist… Vielleicht sollte ich mir einen Hund vorstellen, der neben dem Schreibtisch sitzt und mich flehend anschaut: „Bitte, bitte, Gassi gehen!“ … Und weil ich ein Herz habe, würde ich meinem Hund an der Leine auf den Wegen hinterherstolpern. Oder im Park Stöckchen Apportieren mit ihm spielen. Und die Leute würden mit dem Finger auf mich zeigen, weil ich mir den Hund ja nur vorstelle.

Inzwischen beschloss der hohe Rat meiner cerebralen Wurstigkeit, dass ich die zweite Runde des Wochenendes zuhause verbringen werde. Das Ergebnis war nahezu einstimmig. Der Kühlschrank ist voll. Es sollte mich weder dürsten, noch sollte ich Hunger leiden. Zum Einlullen Wintersport im Ersten… Meine Wohnzimmercouch guckt mich augenzwinkernd an: „Na los, fläze dich auf mich! War ich schon mal schlecht zu dir?“


Nix wie weg

Was soll man sagen, wenn es nichts mehr zu sagen gibt? Auf die Menschheit in der heutigen Zeit übersetzt, bedeutet das: Ende Gelände. Bereits seit einigen Jahrzehnten. Ganz nett war noch die Demokratisierung einiger Gesellschaften durch die industrielle Revolution. Die Überführung in den Kapitalismus kam nicht nur den Wirtschafts-Magnaten zugute, sondern auch dem Kleinen Mann. Demgegenüber stand die Idee des Sozialismus, die vollkommen die Natur des Menschen ignorierte. Wir sind nun mal keine Bonobos. Wir sind aggressive Schimpansen. Größtenteils.
Ich liebe meine Mitmenschen. Ehrlich. In den drei Jahrzehnten, als ich Altenpfleger war, wurde mir bewusst, wie ähnlich wir uns im Prinzip alle sind – dass wir im Großen und Ganzen dasselbe Schicksal teilen. Dabei spielt es keine Rolle, wo wir herkommen, welche Hautfarbe wir haben, oder welche Religionen/Ideologien wir für uns präferieren.
Genaugenommen war mir das schon vorher bewusst. Aber es ist freilich nicht von Nachteil, wenn man seine Weltsicht durch Erfahrungen unterfüttern kann. Nun gehe ich auf die Sechzig zu, und der Käs ist für mich gegessen – oder niemand kann mir noch was vom Pferd erzählen.

So weit, so gut. Ich sitze also im Biergarten und höre über die Ohrstöpsel meine Lieblingsmusik. Plötzlich zucke ich zusammen. Ein paar Meter vor mir entdecke ich meine Ex, wie sie an der Theke ansteht. Das habe ich nicht erwartet. Ekelhaft!  – war mein erster Impuls. Ich muss so schnell wie möglich weg. Ich schaue sie mir dennoch kurz an und stelle beruhigt fest, dass sie, seitdem sie mich verließ, nicht gerade attraktiver wurde. Im Gegenteil. Sie nähert sich im Aussehen meinen Büro-Hühnern an. Damals sagte sie zu mir: „Dann geh doch zu diesen Kuhfrauen!“
Ich trank so schnell wie möglich mein Bier aus und schlich mich an ihr vorbei. Gespenstern aus der Vergangenheit sollte man besser aus dem Weg gehen.