Brasko und der Engel (4)

„Sehen wir uns morgen wieder?“ fragte ich Birgit, als wir uns verabschiedeten.
„Natürlich“, antwortete sie und strahlte mich an.
Sie hatte mir erzählt, dass sie geschäftlich in der Stadt war und unweit in einem Hotel unterkam. Ich fragte nicht, was sie denn beruflich machte. Ich fragte auch nicht nach ihrem Beziehungsstatus. Solche Fragen ziemen sich nicht beim ersten Kennenlernen. Freilich, wenn sie von sich aus damit herausgerückt wäre… Nein, ich wollte es gar nicht wissen. Die meisten Frauen in ihrem Alter waren liiert und hatten Kinder.    
„Selber Ort, selbe Zeit?“
„Wir werden uns schon nicht verpassen, Mr. Brasko“, sagte Birgit, bevor sie davonhuschte.
Ich blieb einige Momente wie angewurzelt stehen und blickte in den Nachthimmel. Eine Sternschnuppe kreuzte mein Sichtfeld. Oder war es ein UFO? Vor mich hinlächelnd schritt ich schließlich meinem Zuhause entgegen. Wann hatte ich das letzte Mal so lange im Biergarten geklönt? Trotz des vielen Alkohols fühlte ich mich hellwach und von einem unglaublichen Glücksgefühl getragen. Noch mehrmals schaute ich hoch in den Nachthimmel. Leider war vom herrlichen Sternenzelt wegen der Lichtverschmutzung der Stadt nicht viel zu sehen.

In meiner Wohnung angekommen, setzte ich mich auf die Couch und schaltete die Glotze ein, um die Stille zu vertreiben. Ich kriegte nichts von dem Programm mit, das lief. In meinem Kopf blitzten Bilder und Gesprächsfetzen auf. Was war Wirklichkeit, was war Traum? – Diese Engelsbegegnung am Mittag, ein überaus kurioses Erlebnis. Der Engel saß an derselben Stelle wie ich jetzt. Vollkommen irre. Es war die richtige Entscheidung gewesen, in den Biergarten zu gehen. Vielleicht trennt man im gegenwärtigen Materialismus zu sehr Realität von Fiktion. Letztlich kann doch niemand erklären, warum es die Welt gibt. Wir kommen um das Wunder des Daseins nicht herum. Dann das Phänomen der Liebe. Auch Materialisten verlieben sich. Habe ich mich in Birgit verliebt? Meine Gedanken fuhren Achterbahn… Gott braucht einen Nachfolger? Unwillkürlich lachte ich laut auf. Als ein Kind von Vernunft und Aufklärung glaubte ich weder an Engel noch an Geister und Götter. Diese Erscheinungen waren allesamt Hirngespinste. Birgit dagegen war eine Frau mit allem Drum und Dran. Ich stand von der Couch auf und holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank, ein letztes vorm Schlafengehen.

  

Noch

Noch gibt es Bücher – ich meine Bücher zum Anfassen, Aufschlagen und dran riechen. Noch gibt es Bargeld. Noch gibt es Kneipen, Begegnungsstätten, wo sich Menschen leibhaftig treffen, um sich zu unterhalten (ohne Werbung und Zensur). Noch gibt es zwischen den Mauern, Zäunen und Grenzen Land, auf dem ich mich frei bewegen kann, nicht Eintritt zahlen muss, nicht gefragt werde, wer ich bin und wohin ich will.
Vielleicht ist diese Restfreiheit lediglich Fiktion, vielleicht lebe ich bereits in einer Art Zoo. Und die Wärter machen mir vor, dass die Gitter zu meinem Schutze da seien, zu nichts anderem. Die Wärter sorgen für alles: für Essen und Trinken, für die medizinische Versorgung, für die Hygiene… sogar für Unterhaltung, damit ich nicht depressiv werde. Sie kümmern sich hingebungsvoll um mich. Ich darf nur keinen Ärger machen. Ich darf ihr Narrativ nicht anzweifeln.
Einige Führer und Technokraten reden davon, dass die Menschen in der Zukunft weder Besitz noch ein Anrecht auf Privatheit haben werden (natürlich abgesehen von den Privilegierten/Eliten/Wärtern). Es wird die beste aller Welten sein, schwärmen sie.
Mir schaudert vor solcherlei Zukunftsaussichten. Wie weit sind wir von solchen Verhältnissen entfernt? Blicken wir nach China…  Ist der Menschenzoo nicht bereits grausame Wirklichkeit?
Auch hier im (noch) freiheitlichen* Westen haben wir sehr „fürsorgliche“ Wärter…


*die Corona-Krise zeigt exemplarisch, wie schlecht es um Menschenrechte und Freiheit bestellt ist