2 Wochen also

Ja…, ich teilte mir den Urlaub dieses Jahr in zwei Blöcke: Anfang des Sommers (Ende Mai/Anfang Juni) und Ende des Sommers (Ende August/Anfang September).
Meine sonst alljährliche Fahrradreise lasse ich sausen. Ich haderte eine ganze Weile mit mir. Aber ehrlich gesagt bin ich zu träge. Ich hoffe, dass ich nächstes Jahr wieder mehr Feuer im Arsch habe. Dieses Jahr ist mir einfach nicht danach… Warum auch immer – Corona? Berufliche Belastung? Depri?
Eine kleine Reise werde ich aber doch unternehmen. Mir kam das schöne Städtchen Greifswald in den Sinn, wo ich im August letzten Jahres ein verlängertes Wochenende verbrachte und mich dort recht behaglich fühlte. Im Gepäck werde ich natürlich mein Brompton Faltrad haben, mit dem ich die Gegend unsicher machen kann. Ruck zuck bin ich an der Ostsee, z.B. bei Lubmin, oder ich radle Richtung Stralsund.
Und wenn so gar nicht Ausflugswetter ist, mache ich mir einen schönen Tag in Greifswald. Wirklich sehr nett dort. Hat eine beschauliche Innenstadt und sogar ein Kino. Im letzten Jahr sah ich mir dort Tarantinos „Once Upon A Time In Hollywood“ an. Auch an dem Flüsschen Ryck kann man gut bei einem Bierchen chillen. Genau meine Kragenweite, dieses Greifswald: ruhig, aber nicht zu ruhig, klein, aber nicht zu klein… und außenherum die wunderbare Bodden-Landschaft.

Nun erstmal ganz gemütlich in den Urlaub hineingleiten…   

 

 

Aufgefangen

Eine Invasion von Schmetterlingen hier… dazu brütende Hitze… Nein, kein Delirium wie damals, als ich morgens in einem Zimmer voller Schmetterlinge aufwachte… Aber kurz vor einem Hitzschlag dürfte ich sein.

Ein polnischer Wurzelzwerg, auch auf Fahrradreise, perfekt ausgerüstet und durchtrainiert erscheint plötzlich neben mir und spricht mich an… Ich gehöre nicht zu seiner Rasse.

18 Uhr, und es ist immer noch so heiß, dass es mir das Gehirn wegknallt… Am Horizont Kumuluswolken.

Ich erinnere mich an meine ersten Reiseabenteuer, als ich im jugendlichen Alter von 19 alleine per Interrail in Sizilien war… furchtbar unbeholfen, einsam – total auf mich zurückgeworfen… tapfer…

Ich weiß, dass ich sowas, wie den Everest ersteigen, nie hinkriegen würde (und auch gar nicht will) …, aber ich hatte eine Menge Abenteuer in meiner Dimension, auf die ich stolz sein kann… Prost!

Ich radle durch Pfützen, so groß wie Badewannen.

Leben zu spüren – direkt mit allen Konsequenzen, alleine im Dialog mit sich selbst… und an seine Grenzen kommend; am Morgen nicht zu wissen, wo man am Abend landet…

Ich kann den Alkohol nicht verdammen. Er war gerechter als die meisten Menschen zu mir.

In Polen ist der Geldbeutel immer dick, ohne dass wirklich was drin ist.

Wäre ich in dem Hexenwald umgefallen und bewusstlos liegengeblieben, in Kürze hätten mich die Viecher bis auf die Knochen aufgefressen.

Die Weinflasche liegt neben der Urinflasche im Zelt… Brüder im Geiste.

Vieles, was ich erlebte, war so eindrücklich – und doch bleiben nach Jahren davon nur Schatten.

Was mich auf meinen Reisen in andere Länder immer wieder verwundert: Kaum befindet man sich hinter der Landesgrenze, reden alle plötzlich chinesisch… Wie können Sprachen benachbarter Länder so gravierend unterschiedlich sein?

Was ist der scheiß Willen wert, wenn man nicht zwischendurch an seine Grenzen geht?

Tourstart

Den ersten Tag ließ ich locker angehen. Ich schlief aus und packte in aller Ruhe meine Sieben Sachen zusammen. Etwas aufgeregt war ich schon – wie jedes Mal, wenn ich auf große Tour gehe. Der Zug fuhr erst am späten Vormittag. Ich hatte entschieden, die Fahrradreise bei Schwedt an der Oder zu starten und nicht ab Wohnungstür.
Es war der Samstag am Pfingstwochenende. Kein Wunder also, dass sich das Fahrradabteil schnell mit Wochenendausflüglern füllte. Viele hatten Sorge, dass sie vor lauter Fahrrädern ihren Ausstieg nicht schafften. Die Atmosphäre war angespannt. Ich dagegen konnte relativ gelassen bleiben, da ich bis zur Endstation fuhr. Trotzdem war ich froh, als wir endlich Schwedt erreichten und ich mich auf meinen Bock schwingen konnte. Jetzt so schnell wie möglich an die Oder – dann war ich auf der Strecke!

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Weit kam ich nicht – ich konnte nicht widerstehen, auf einem kleinen Volksfest unter den Einheimischen ein-zwei Bierchen zu trinken. Ziemlich öde der Rummel, aber ich hatte mich während der gesamten Zugfahrt zurückgehalten. Außerdem hatte ich jede Menge Zeit. Der Zeltplatz, den ich anvisiert hatte, lag nur etwa dreißig Kilometer die Oder runter.

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Dort traf ich auf bekannte Gesichter aus dem Zug – ein hübscher kleiner Campingplatz bei Mescherin direkt am Fluss. Sehr idyllisch. Gleich daneben ein Gasthaus, wo ich den ersten Tag auf der Terrasse beendete.

Immer vorwärts

Kaum wenige Tage von meiner Reise zurück – erscheint mir jedoch, als wäre es schon viel länger her. (Hat wirklich alles so stattgefunden?) Vielleicht liegt dieses Distanzgefühl daran, dass die 12 Tage unterwegs ein einziger innerer Monolog waren. Die Landschaften, Städte und Dörfer zogen traumhaft an mir vorbei. Ich war jeden Tag 24 Stunden mit mir allein. Eine solche Reise ist noch flüchtiger als das an sich flüchtige Leben. Ich entführte mich selbst auf meinem Fahrrad nach Kopenhagen. Auf was habe ich mich da nur eingelassen!? fragte ich mich manchmal, wenn ich eine besonders anstrengende Strecke zu bewältigen hatte und mit den Kräften am Ende war.
Mir begegneten insgesamt wenige Radreisende. Nur an den Wochenenden die vielen Radausflügler, ganze Gruppen. An den letzten drei Tagen war ein deutsches Pärchen auf derselben Strecke. Wir begegneten uns auf den Campingplätzen, grüßten uns, wechselten aber sonst kein Wort. Sowieso mag ich diese fachlichen Diskussionen über Fahrrad und Ausrüstung nicht. Ich will mich nicht gerne mit anderen vergleichen. Sollen sie wegen mir die Nase rümpfen… Wenn ich was an meinen Geschlechtsgenossen nicht mag, dann, dass sie sich alle als Fachmänner aufspielen. Ätzend.
Gut, dass ich keine Panne hatte. Das neue Fahrrad hielt sich hervorragend. Die Wege waren zwar größtenteils gut, aber einige Kilometer ging es auch über Stock und Stein. Am gefährlichsten dabei Schlaglöcher oder Wurzeln, die durch den Weg brachen. Je nach Geschwindigkeit hätte ich da böse auf die Nase fallen können. Neben der physischen Belastung, musste ich versuchen, die Konzentration während der gesamten Fahrt hochzuhalten, auch um nicht einen Abzweig zu verpassen und falsch zu fahren. Dazu die Vorsicht vor dem Autoverkehr auf den größeren Straßen. Wenn ich am frühen Abend das Zelt aufgestellt und gefuttert hatte, wurde ich schnell müde und verkroch mich in meinen Schlafsack…

Ohne Bukowski nach Kopenhagen

Seit Monaten trage ich einen Gedichtband Bukowskis in der Tasche mit mir rum. Er hat den sympathischen Titel „Alle reden zu viel“. Ich gehe nicht gern ohne Buch aus dem Haus. Es könnte doch sein, dass ich unterwegs lesen will. Früher las ich tatsächlich viel in Kneipen, Cafés, im Biergarten oder auf einer Sommerwiese. Heute doch wesentlich weniger, aber die Angewohnheit blieb. Na ja, für ein paar Gedichte Bukowskis reicht`s schon noch. Ich nehme mir oft vor, dass ich wieder mehr lesen sollte. Was man sich nicht alles vornimmt, und die Jahre vergehen…
Vielleicht jetzt im Urlaub. Ich erinnere mich noch gut an die ein oder andere Reiselektüre, wie sie mir über die Tage half, wenn ich alleine unterwegs war. Das tagelange Alleinsein stellt selbst für einen Eigenbrötler wie mich eine gewisse Herausforderung dar. Ein Buch kann zu einem guten Reisegefährten im Geiste werden. Was will ich mir also für meine unmittelbar bevorstehende Reise zu lesen mitnehmen? Nein, Bukowski eher nicht, lieber einen Autor, den ich noch nicht kenne…, z.B. Hunter S. Thompson „The Rum Diary“ ( – steht schon länger auf meiner Wunschliste).
Übermorgen starte ich. Eine Fahrradreise von Berlin nach Kopenhagen. Ich spüre bereits das Reisefieber. Kaum zu glauben, wie schnell der Urlaub plötzlich vor der Tür stand. Ein halbes Jahr im neuen Job. Leicht fällt mir diese Tumordokumentation immer noch nicht. Trotzdem – die Probezeit geschafft, wieder eine Etappe abgehakt. Nun drei Wochen ganz was anderes: kein Büro, kein Computer, keine Tumorfälle, keine gackernden Hühner…, raus aus dem stickigen, lärmenden Berlin: nur frische Luft, der Weg, mein Fahrrad, jede Menge Natur, schöne Ausblicke, Sonne, Strand und Meer.
Zuerst geht`s quer durch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern nach Rostock, mit der Fähre rüber nach Dänemark und dann die Küste entlang bis Kopenhagen. Summa summarum 700 Kilometer. Keine ganz kleine, aber auch keine große Tour. Ich plane etwa zwei Wochen ein. Danach bin ich bestimmt mega-satt an Reiseeindrücken. Außerdem werde ich mich auf mein Bett freuen.

Allen bis dahin eine gute Zeit!