Zur Inspektion

Die Woche fiel mir schwer. Trotz der schönen Herbsttage. Vor dem Computer brannten mir die Augen vor Müdigkeit und Überanstrengung. Meine Kollegin ging in ihren wohlverdienten Urlaub. Ich muss nun die PDFs, an denen sie saß, weiter abarbeiten. 233 Histologien bleiben noch, und es warten bereits die nächsten CDs voller pathologischer Diagnosemeldungen. Anders als bei Papiermeldungen starre ich nun nur noch auf die Bildschirme.

Privat ist inzwischen die Atmosphäre distanziert und kühl. Unter der Woche sehen wir uns lediglich beim Kommen und Gehen. Es gab doch Tage, an denen es anders war. Ich kriege nicht zusammen, was mit uns los ist. Vielleicht längst der Anfang vom Ende. In mir nagen Unmut und Eifersucht. In einem Anflug von Sehnsucht fragte ich sie, ob sie Lust auf einen Wochenendtrip habe. Ich erinnere mich an die schönen Ausflüge, die wir zusammen unternahmen: nach Stettin, Hamburg, Rostock, Magdeburg, Lübeck…

Es ist Samstagmorgen. Sie liegt noch im Bett, – kam erst spät von der Arbeit zurück. Die morgendliche Ruhe wirkt auf mich wie eine zärtliche Umarmung von Innen. Im Hintergrund dudelt Musik aus dem polnischen Lieblingsbluessender. Die Stadt wacht langsam auf. Ich blicke in das erste Tageslicht. Über den Dächern grauer Himmel. Der Gehsteig übersät mit braunen Herbstblättern.
Sie wird mit einem alten Bekannten dessen Eltern in Köthen besuchen und über Nacht bleiben. Ich weiß noch nicht, was ich mit dem Wochenende anstelle, – werde nachher in die Oranienstraße fahren und endlich das neue Fahrrad zur ersten Inspektion abgeben (die ist gratis).
Für Liebesbeziehungen sollte es auch Inspektionen geben. Vielleicht ließe sich dann noch was retten.

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Zurück…

Das Meiste kriegt man nicht mit. Vielleicht gut so. Man konzentriert sich auf seinen Weg, bemerkt noch das ein oder andere am Wegesrand oder guckt bei einem Halt in die Landschaft – die sieht man dann freilich immer aus der momentanen Perspektive.
Ich habe das Gefühl, dass ich eine ganze Menge nicht mitkriege… wie sich die Menschen um mich herum verändern, wie sich das Denken verändert – und damit alles: die Moden, die Angewohnheiten, die Wünsche und Sehnsüchte…

Es gibt Momente auf meiner Tour, da frage ich mich: Was mache ich hier eigentlich? – radle bepackt mit Klamotten und Zelt durch die Gegend – sieht das nicht wahnsinnig komisch aus? – wie ich mir da einen abstrample, die Hügel rauf und runter, über Feld- und Waldwege, die Flussläufe entlang, durch Städte, auf dem Fahrrad geduckt Kilometer für Kilometer einsam auf einem willkürlich ausgewählten Weg…

Der Weg führt quer durch mein Herz. Und in meinem Herz ist sehr viel Einsamkeit, an die ich mich längst gewöhnte – wenn auch mit einem bitteren Beigeschmack. Na ja, das ist wohl mein Bier.

Viele Landstriche strahlen eine unglaubliche Weite aus. Von erhabener Stelle schaue ich zum Horizont und sehe die immer gleichen Muster. Der Himmel drückt auf meine Schultern, meinen Rücken, während ich in die Pedale trete. Der Himmel kommt der Erde immer näher. Ich empfinde mich als ein Insekt unter einer Cellophan-Folie, das sich einen abschwitzt.
Unglaublich ist auch die Stille, die ich an manchen Orten erlebe – eine Stille, die den Raum um einen herum wahnsinnig ausdehnt. Eine Stille, die Angst machen kann – die einem mehr sagt als jede Philosophie: Jedes Geschöpf ist auf sich selbst zurückgeworfen.
Ich trinke eine Menge Bier unterwegs. Der Alkohol verwässert die vielen Eindrücke, die auf mich einstürmen, und er hilft auch etwas über die Schmerzen hinweg, die sich während der Fahrt einstellen – Schmerzen in den Armen, im Rücken, in den Beinen…

Und es gibt den seelischen Schmerz der Verlorenheit. Ich versinke in den Tagen des Alleinseins total in mir. Automatengleich stiere ich auf die Strecke…

Von Fahrrädern und Drumrum

Gleich nach der Arbeit machte ich mich auf den Weg. In der Oranienstraße stiegen mir Schwaden von Cannabisrauch in die Nase. Um mich herum brandender Feierabendverkehr, ein Gewimmel von Menschen, die kreuz und quer durcheinanderliefen. Die vielen Kneipen und Restaurants waren meist zur Straße hin offen, und auf den schmalen Gehsteigen standen dicht an dicht Stühle und Tischchen. Ich wollte zu einem Fahrradladen Richtung Görlitzer Platz. Innerhalb weniger hundert Meter verwandelte sich die Szenerie hin zum typisch Kreuzberger Trubel und Flair. Hier schlug das Herz der autonomen Szene. Ich war vom Hingucken und Luftholen wie berauscht…

Eigentlich wollte ich mir noch kein neues Fahrrad kaufen. Die geplante Fahrradreise nach Kopenhagen Anfang September sollte mit meinem alten Schlachtross erfolgen. Ein letztes Mal. Dazu musste es freilich hergerichtet werden. Seit Wochen stand es marode im Hof. Es hatte mich ein gutes Jahrzehnt im Alltag und auf meinen Reisen begleitet – nun lief seine Zeit ab.
Für den kurzen Weg zur Arbeit und fürs Streunen im Kiez benutzte ich in den letzten Monaten das Faltrad. Dafür reicht es aus.

Dass auch Fahrradschlösser alt werden, musste ich letzten Sonntag auf einer kleinen Fahrradtour erfahren. Das Schloss, das ich fürs Faltrad dabeihatte, ließ sich nicht mehr öffnen, und als ich es nach einigem Probieren doch offen hatte, ließ es sich nicht mehr schließen. Schon blöd, wenn man in Berlin ohne funktionsfähiges Fahrradschloss unterwegs ist. Ja, und dummerweise war Sonntag, so dass ich nicht einfach im Laden ein Schloss nachkaufen konnte. Das war ärgerlich, aber nicht weiter schlimm – ich suchte mir einfach Orte, wo ich mein Bier quasi neben dem Fahrrad trinken konnte. Das Wetter war danach. So z.B. am Gendarmenmarkt. Dort saß ich entspannt neben Spießern und Touristen bei Geigen-Gesäusel im Schatten…
Mein Problem war, das der nächste Tag ein Montag war, und ich zur Arbeit musste. Dazu brauchte ich ein Fahrradschloss. Mein altes Schlachtross kam mir in den Sinn, das von meinem zweiten Schloss abgesichert im Hof stand. Zugegeben, es hätte auch andere Optionen gegeben. Aber die waren anstrengender. Wer sollte das alte, verschlissene Fahrrad aus dem Hof klauen? Und wenn. Rein materiell wäre es kein Verlust. Einen Tag würde ich es unabgeschlossen dort stehen lassen können.

Nach Feierabend kaufte ich mir ein neues Schloss fürs Faltrad. Als ich nachhause kam, bog ich gleich in den Hof ab, um das Schlachtross wieder anzuketten. Doch siehe da – das Fahrrad war weg! Ich schaute doppelt und dreifach nach, weil ich es einfach nicht glauben mochte.
Nach dem ersten Schrecken ging mir alles Mögliche durch den Kopf: Wer macht sowas? Wer braucht sowas? Das Fahrrad war nur sehr bedingt fahrtüchtig. Für die Reise nach Kopenhagen hätte ich es erneut auf Vordermann bringen lassen, obwohl es sich eigentlich nicht mehr lohnte. Mir wurde mal wieder schmerzhaft bewusst, warum wir auch an alten, sogar schrottreifen Dingen hängen, – weil sie eben für uns nach Jahren des Gebrauchs einen ideellen Wert besitzen.
Die Berliner Diebe hatten wieder zugeschlagen! Auf sie ist Verlass! Wer ein altes, untaugliches Gerät zu verschrotten hat, stellt es einfach vor die Tür (oder in den Hof). Den Hinweis „Zum Mitnehmen“ kann man sich sparen.
Ich glaube nicht, dass mein Schlachtross dem Dieb viel Freude machen wird. Es ist so eigen wie ich. Meine Seele steckt in ihm.

Nun, es ist, wie es ist. Ich hätte mir einen besseren Abschied vom alten Schlachtross gewünscht. Aber so verhält es sich mit dem Schicksal: man weiß nicht, wofür das, was passiert, letztlich gut ist.
Eingehüllt von Cannabis-Schwaden betrat ich den Fahrradladen in der Oranienstraße…