Ist die Natur irre?

Seit ich als Tumordokumentar arbeite, lernte ich nicht nur viel über Krebs, sondern auch über die menschliche Anatomie, weil Tumoren nahezu überall im Körper vorkommen können. Jeder von uns trägt ein komplexes Meisterwerk durch sein Leben. Das Zusammenspiel all der Innereien, der Organe, des Blutkreislaufs, des Lymphsystems, der Muskeln und Sehnen, der Faszien, des Knochen- und Stützapparats, des Nervensystems und der Schutzhülle Haut – ein absoluter Wahnsinn! Solche und ähnliche Gedanken übermannten mich heute Morgen, als ich mich nach dem Aufstehen streckte und dehnte. Vor allem: Wie kann es sein, dass ein solches Naturwunder von so wenig Geist regiert wird? Was hat sich die Evolution dabei gedacht? Jeder würde für verrückt erklärt, wenn er seinen wertvollsten Schatz einem Schwachkopf überließe. Ist die Natur irre?

Sieht so aus, als hätte ich mit diesem Gedankengang mein Pulver für heute bereits verschossen. Das Morgenbier gluckert meine Kehle hinunter. Bluesmusik im Hintergrund. Ein grauer Sonntag im Februar. Es geht mir weder gut noch schlecht. Die Schwerkraft hält mich auf dem Bürostuhl vor meinem Schreibtisch.

 

MeNot

Seltsam, dass überhaupt sowas wie Emanzipation nötig ist. Wie kam es soweit? Welcher Neandertaler hat das verzapft? Wo fing das, was wir Patriarchat nennen, an? Es gab angeblich auch matriarchalische Völker. Wie nennt man eigentlich Kulturen, in denen die Geschlechter gleichberechtigt miteinander leben? Wir sollten uns was ausdenken. Nomen est omen.
Oder wäre ein Zustand der Gleichberechtigung auf Dauer einfach zu instabil? Es kommt wohl auf die Lebensverhältnisse an. Die Natur ist nicht blöde. Sie probiert dies und jenes aus… Evolution halt, Survival of the Fittest. Dummerweise wissen wir immer noch viel zu wenig darüber, wie Natur funktioniert, woher das Leben im Universum kommt, und warum. Wie hängt das ganze Gelumps zusammen? Und was für eine Stellung haben wir Menschen inne? Beweist das Universum etwa Humor?

Ich schweife aus. Ich wollte einen Beitrag über die Sinnhaftigkeit von Geschlechtergleichheit schreiben. Offenbar gibt es da ein Problem, wie man an der seit Monaten gärenden MeToo-Debatte sehen kann. Es fing mit dem Filmmogul Weinstein an – der Bösewicht schlechthin, schon rein äußerlich. Der sieht noch schlimmer aus als Bukowski. Frauen, die Karriere machen wollten, ließen sich von ihm sexuell anmachen. Alle wussten davon. Nix besonderes in Hollywood. Man knallt sich nach oben. An den Schalthebeln der Macht sitzen oft Arschlöcher. Und eben hauptsächlich Männer.
Die Frage, die sich mir stellt: Wie weit geht man für seine Karriere oder für Geld? Und das gilt unabhängig vom Geschlecht. Auf der einen Seite haben wir die Arschlöcher und auf der anderen die Arschkriecher. Nicht nur in Hollywood, sondern überall in hierarchischen Systemen.
Wie gesagt, alle wissen davon. Nicht erst seit Heute und dieser überzogenen oberflächlichen MeToo-Geschichte, welche sich eifrig durch die Medien bumst. Sie wird regelmäßig befeuert von angeblichen Opfern. Nach vielen Jahren melden sie sich zu Wort. „Ja“, rufen sie, „ich auch!“ Jetzt können wir es diesen Arschlöchern heimzahlen, sagen sich die Arschkriecher und kehren dabei ihre eigene beschissene Motivation und Feigheit unter den Teppich.
Keine Ahnung, ob Wedel auch zu den Arschlöchern gehört. Ganz davon abgesehen, finde ich es einfach ungehörig, was da in den Medien im Zuge von MeToo stattfindet. Das sind übelste Vorverurteilungen. Wo leben wir denn, dass wir Menschen bereits an den Pranger stellen, bevor ihre Schuld nachgewiesen ist? Jede Woche lesen wir einen neuen Artikel und raunen: „Ach, der also auch.“
Gleichberechtigung fühlt sich für mich anders an.

Okay, die Natur wird schon wissen, warum sie solche Kapriolen zulässt. Besser, wir wären alle Schnecken. Das würde zwar nicht das Problem der Arschkriecherei und des Machtmissbrauchs aus der Welt schaffen, aber zumindest die Geschlechterungleichheit.