Gedanken, während die Waschmaschine ihre Arbeit tut

Wird sich Merkel im Sattel halten? Ich switche hin und her zwischen Polittheater und WM. Schaffen die Deutschen heute Abend einen Sieg gegen die Schweden? Das Leben kann hart sein, der Druck groß.
Die Waschmaschine spult ihr Programm ab. Derzeit „Spülen“ – noch 43 Minuten bis Ende. Der Sommer hat eine Pause eingelegt. Die Temperatur sank unter 20°C. Berlin wolkenverhangen. Ein Wochenende, das nicht gerade in den Biergarten einlädt. Auf der Staffelei steht eine leere Leinwand und starrt mich an. Mir fehlt die zündende Idee. Etwas Abstraktes sollte es sein. Die Vorstellung ist noch zu diffus, um mit einem Bild anzufangen.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Merkel in der Flüchtlingsfrage klein beigibt. Seehofer ist ein Idiot. Leider gewinnt im Leben nicht immer die Vernunft. Europa gibt zur Zeit alles andere als ein gutes Bild ab. Unfassbar, wie kleinkariert viele denken. Sollen sie doch in ihrem tumben Nationalismus versumpfen…
Niemals würde ich eine Deutschlandfahne schwenken. Wie käme ich dazu? Freilich würde ich mich freuen, wenn die Deutschen in Sotschi gegen die Schweden auftrumpften. Macht mich das zu einem Nationalisten? Es gibt verdammt wichtigeres.
Im Büro tippte ich 2: 1 für die Schweden. Wir bildeten eine kleine Tippgemeinschaft für die WM mit 1 Euro Einsatz. Ich liege bis jetzt gar nicht schlecht im Rennen. Richtig spannend wird`s erst nach der Vorrunde, egal ob mit oder ohne Deutschland. Der Fußball ist keine so schlechte Allegorie auf alles Mögliche. Die Tendenzen sind klar, trotzdem erlebt man mitunter Überraschungen.
Die Waschmaschine schleudert bereits. Wie die Zeit verrinnt. Im Nachhinein sind wir alle schlauer.
Ich hänge dann mal die Wäsche auf.

Nachruf auf einen Großen

Der König von Deutschland ist tot. Helmut Kohl aus Oggersheim, seines Zeichens „die Birne“, segnete im hohen Alter von 87 das Zeitliche. Er nahm die letzte Hürde… hin zur Wiedervereinigung mit den Elementen des Kosmos. Ich wünsche ihm alles Gute für diese Reise.

Am Ende des Zweiten Jahrtausends regierte er sechzehn lange Jahre das Land meiner Väter. Mein Wohlwollen hatte er nicht. Mit seiner selbstherrlichen Art und seinem pfälzischen Gelispel ging er mir ganz schön auf den Geist. Von Anfang an mochte ich diesen Menschen nicht. Keine Ahnung, wer ihn überhaupt mochte, aber er wurde immer wieder gewählt. Mit einigem Machtgeschick verstand er es, innerhalb seiner Partei am Ruder zu bleiben. Wer nicht für ihn war, war gegen ihn (Merkel ging bei ihm in die Lehre). Auch perfektionierte er die Kunst des Aussitzens sowie des Einlullens.
Mit den Jahren resignierte ich. Helmut Kohl stand in meinen Augen für das kranke politische System, seinen Intrigen und seiner Heuchelei. In der Spendenaffäre manifestierte er nachhaltig diesen Eindruck. Sowieso schwebte er am Ende seiner politischen Karriere über den Dingen und fühlte sich unantastbar – gleich einem König. In trump`scher Manier ging er mit Presse und Kritikern um.
Die Geschichte spielte ihm die Bälle zu. Er war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Platz und gewann das Prädikat Kanzler der Einheit. Zum Kanzler der Herzen wie (Brandt) schaffte er es nicht. Dazu war er nicht der Typ. Ich möchte ihm weiß Gott nicht alle Verdienste absprechen in Sachen Einheit. Mit Genscher hatte er einen klugen Strategen an seiner Seite. Und offensichtlich konnte er ganz gut mit den Mächtigen dieser Welt. Ich bin mir nicht zu schade, ihm dafür meinen Respekt zu zollen, auch für seine unbeirrbare Haltung pro Europa.
Als die Kohl-Ära vorbei war, konnte ich es kaum glauben. Man muss sich das vorstellen: Gerade erst wahlberechtigt, als Helmut Kohl an die Macht kam, hatte ich am Ende bereits graue Haare. Ich erlebte die volle Packung Birne zur Unzeit, – als junger Mensch mit post-68er Idealen. Dieser Bundeskanzler passte absolut nicht in meine Welt. Er erschien mir weder vertrauenswürdig noch kompetent. Wenn ich ihn nur reden hörte oder im TV sah, ging mir das Messer in der Tasche auf.

Schließlich aber musste auch Helmut Kohl einiges im Lauf der Jahre einstecken, und das stimmt mich heute gnädig. Mir kommt Xavier Naidoos Song „Dieser Weg wird kein leichter sein“ in den Sinn. Ich sehe Helmut Kohl als eine tragische Figur im Leben… In die Geschichte geht er als Kanzler der Einheit und großer Europäer ein.

So long.

Inspiriert von

Klaas Heufer-Umlaufs Brandrede für Europa:

„Wie jeder jetzt gemerkt hat langsam, da ist ein sichtbarer Schaden entstanden, wenn es gerade um Europa geht. Ich bin 1983 geboren. Ich bin in eine Zeit hineingeboren worden, in der bestimmte Werte, die momentan in Frage gestellt werden – Toleranz, das Miteinander, eine offene Gesellschaft -, selbstverständlich waren. Auch christliche Werte, völlig egal ob man getauft ist oder nicht. Ich bin nicht getauft. Das respektvolle Miteinanderumgehen. Diese ganzen Dinge, von denen ich in meiner Generation immer denken durfte, das kommt mit der Post. Jetzt hab ich eben gemerkt, das ist überhaupt nicht selbstverständlich.
Da sind Leute nicht zur Wahl gegangen. Was passiert? Brexit.
Da gehen Leute zur Wahl, und zwar wahrscheinlich mehrheitlich die Menschen, die das aus falschen Motiven tun oder fehlgeleitet sind durch was auch immer für eine Informationspolitik – und wählen Trump.
Da sind Dinge kaputtgegangen. Vor unseren Augen. Dinge, die wir nie für möglich gehalten hätten. Deshalb glaube ich, dass jetzt die beste Zeit ist, einen Pulse of Europe und überhaupt eine europäische Identität wieder zu entwickeln. Von Leuten, die Europa niemals in der Erschaffung erfahren haben, sondern eigentlich immer mit einem mittlerweile erschaffenen Europa aufgewachsen sind.
Wir hatten nicht das Gefühl gehabt, zum ersten Mal mit einem Fahrrad über die Grenze zu fahren. In meiner Generation gab’s das alles schon Das heißt, jetzt weg von den verdammten Nationalitäten und zurück zur europäischen Identität. Und mal merken, wenn wir das jetzt machen, sind wir die dümmste Generation die je gelebt hat, wenn wir Europa kaputt machen.“

(Quelle: http://www.stern.de/kultur/klaas-heufer-umlauf–lesen-sie-seine-brandrede-fuer-ein-gemeinsames-europa-7433086.html)

So ist es. Aber nicht nur auf Europa, sondern auf die gesamte Welt bezogen.
Fortschritt passiert nicht automatisch. Werte wie Menschenrechte gelten nicht selbstverständlich. Wir Menschen, die in einer toleranten, aufgeschlossenen und fortschrittlichen Welt leben wollen, die ihren Kindern eine bessere Welt hinterlassen wollen, in welcher sie sich ohne Angst und Repressionen frei entfalten können, müssen immer wieder gegen Wellen der Ignoranz, Rückschrittlichkeit und geistiger Verirrung ankämpfen… mit klaren Argumenten und Ansagen. Wir müssen immer wieder uns selbst und unseren Mitmenschen erklären, was eine gute und lebenswerte Welt ausmacht und warum – warum Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Menschenrechte und die Achtung vor allem Leben wichtig sind, warum Demokratie und Gerechtigkeit ständig erstritten werden müssen.
Und wer sind dabei unsere Gegner? In der Hauptsache sind es unsere eigene Trägheit, unsere Bequemlichkeit, Feigheit und nicht zuletzt unsere Abgestumpftheit. Denn ich bin überzeugt, dass die Mehrzahl der Menschen im besten Sinne aufgeklärt und fortschrittlich denkt. Wir dürfen denen, die in Europa, den USA und überall sonst auf der Welt die Werte von Vernunft und Mitmenschlichkeit torpedieren (warum auch immer sie das tun), nicht die Meinungsführerschaft überlassen!
Bald wird in dieser Hinsicht von unseren französischen Nachbarn eine wichtige Entscheidung gefällt. Ich hoffe, sie wählen gegen rechts und für das gemeinsame Europa.
Es ist schwer auszuhalten, was derzeit Erdogan am Rande Europas anstellt. Die türkische Nation ist zerrissen. Ich wünsche den Türken, dass sie bald wieder auf den Weg hin zu mehr Demokratie und den Menschenrechten finden. Die Türken werden dafür kämpfen müssen und brauchen die Solidarität und Unterstützung aller fortschrittlichen Kräfte, vor allem aus Europa.
Seit dem Mittelalter wurden viele Kämpfe hin zu einer gerechteren, besseren Welt ausgefochten. Das Europa, in dem wir heute leben, dessen Wohlstand und geistigen Werte wir genießen dürfen, muss gegen alle rückständigen Kräfte und Ideen verteidigt werden! Und dies sollten wir nicht alleine unseren Politikern überlassen…
Die Zukunft wird (bald) zeigen, wie wehrhaft unsere westlichen Demokratien sind, und wie es um die kulturellen Werte sowie um den Geist Europas bestellt ist.