Erschöpft

Ich befinde mich seit geraumer Zeit in einem Erschöpfungszustand. Die physischen Symptome sind Müdigkeit, Schwäche/Mattheit, Trägheit – die psychischen Symptome Antriebslosigkeit, Depression, Angst, Stumpfheit/innere Leere. Es ist wie durch Morast waten. Jeder Schritt ein Kraftakt, wo andere leichtfüßig daherkommen. Nun bin ich seit jeher eine eher schwermütige Seele und gewöhnte mich an die damit verbundenen Schwierigkeiten im sozialen Zusammenleben und an die Last im persönlichen Empfinden sowie im Geiste… Auch als unverbesserlicher Grübler und Zweifler war ich doch im Grunde dem Leben gegenüber immer positiv eingestellt. All die Lebensfreude, die ich erleben durfte, vor allem in der Liebe oder in anderen innigen sozialen Bindungen, ebenso meine Faszination am Mysterium Dasein/Leben/Universum halfen mir stets wieder auf die Beine. Man könnte fast sagen, dass ich die Lebenskunst beherrschte, mich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen… with a little help from my friends. Diese kleine Hilfe soll man nicht unterschätzen, wie ich besonders in den letzten Jahren feststellen musste. Ein Leben alleine ist ungeheuer kräftezehrend, selbst wenn man wie ich eine ausgeprägte eigenbrötlerische Seite hat.

In der vergangenen Woche rebellierte mein Körper: Gliederschmerzen, Fieber… Kurz: Ich war platt! 36 Stunden lang verließ ich das Bett nur zum Pinkeln. Vielleicht hätte ich besser noch länger im Krankenstand verharren sollen, aber krank sein kann man nicht wirklich genießen, wenn da niemand ist, der sich sorgt und einen verwöhnt.

    

Nix los in der Hos

Uli ist ins Büro eingezogen. Sehr schön, nicht mehr allein vor mich hinzubrüten. Wir lachten viel. Zwei Tage war ich im Büro, drei Tage im Homeoffice. Die Arbeit selbst bietet wenig bis gar keinen Spaßfaktor. Ich bin die ewige Tumordokumentation leid. Zumal der Druck wegen unseres immensen Rückstandes zunimmt. Aber gut. Ich sehe keine Alternative. Wahrscheinlich fehlt überhaupt etwas Entscheidendes in meinem Leben… Ich schlurfe so durch die Tage. Das Leben mehr ein Müssen als ein Wollen. Aufstehen, Arbeiten, Einkaufen, Essen und Trinken – man muss halt. Und der diesjährige Sommer kriegt auch nicht recht die Kurve. Jedenfalls nicht hier.
Was für eine Woche. Der Himmel grau in grau, die Temperaturen um die 15° am Tage. Düsterkeit und Regen. Heute Morgen endlich mal wieder blauer Himmel… Ich träumte von Sonne und Fahrradfahren. Fast 12 Stunden geschlafen mit nur wenigen Pinkelunterbrechungen. Ich frage mich, woher diese Erschöpfung kommt. Vielleicht leide ich unter einem chronischen Erschöpfungssyndrom… oder mittlerweile unter einer waschechten Depression. Allerdings halte ich von solcherlei Psychodiagnosen nicht viel. Ich bringe die Dinge lieber auf den Punkt. Auf mich bezogen würde ich sagen: Nix los in der Hos.
Nein, alles in Ordnung. Als geborener Durchhänger kann ich ganz zufrieden sein, wenn ich mir überlege, was ich in meinem Leben trotz allem schaffte. Nicht, weil ich es unbedingt wollte, sondern weil ich musste. Das, was man soziale Hängematte nennt, ist nämlich alles andere als bequem und außerdem entwürdigend. Dann doch lieber tagein tagaus Tumoren dokumentieren und als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft sein Feierabendbierchen genießen… Mein Gott, was für eine Luftnummer das Dasein doch ist!

 

Büromania

Die Kapriolen des Wetters schlagen aufs Gemüt. Anfang Juli, jede Menge Regen und kühle Temperaturen. Fürs wohlverdiente Wochenende hätte ich mir ein wenig Sonne gewünscht, etwas Aufmunterung für meine büromüden Glieder. So fühlt sich also ein Bürojob an. Nach vier Monaten bin ich mehr als drin. Überdruss macht sich breit. Die Tumordokumentation ist oft eine zähe und unzufriedenstellende Angelegenheit. Ich brüte über den Fällen und kloppe sie ins Tumordokumentationssystem. An einem guten Tag komme ich auf Dreißig. Mehr schaffe ich (noch) nicht. Zurzeit arbeite ich kunterbunt alles an Papiermeldungen ab: Diagnosebögen, Therapiebögen, Todesmeldungen, Epikrisen, Histologien… alle Entitäten.
Nach acht Stunden vor den Computerbildschirmen habe ich Augenkrebs, und mein Kopf wünscht sich nur noch Entspannung.
Vom diesjährigen Sommer bekam ich bisher nicht viel mit. Die Arbeit bestimmt den Alltag. Für Unternehmungen nach Feierabend und an den Wochenenden fehlen mir meist Energie und Lust.
Ich befinde mich wieder mitten in der Tretmühle mit all ihren Mühseligkeiten. Zum einen froh, dass ich den Absprung aus der Altenpflege schaffte – habe ich nun einen Job, der mich auf andere Weise erschöpft. Zum einen stolz auf das, was ich in den letzten zwei Jahren leistete, um überhaupt an diesen Punkt zu kommen – hadere ich mit dem Weg, den ich einschlug. Ich weiß, ich könnte mehr als zufrieden sein – und bin`s verflucht noch eins nicht!
Wie bei einem Puzzle, das sich nach und nach zu einem verständlichen Bild zusammensetzt, verändert sich mit jedem neuen Tag ein klein wenig die Sicht auf die Menschen, Dinge und Orte im Leben. Und irgendwann fragt man sich: Wohin verschwand die Sonne? Wo blieben Glück und Ausgelassenheit? Was ist mit dieser Stadt und ihren Menschen passiert? War die Welt schon immer so verrückt? Wohin ging die Liebe? Was ist mit mir?

Meine Kollegin trinkt viel Tee. Auf den Etiketten ihrer Teebeutel stehen kluge Sprüche. Sie kam um den Schreibtisch herum und reichte mir eins der Etiketten. Ich las: „Deine Überzeugung ist deine Stärke“. „Hm-hm-hm“, brummte ich in meiner Manier und bedankte mich.
Ich bin froh über jeden zwischenmenschlichen Anker, jede nette Geste und jedes freundliche Gespräch, welche den Bürotag auflockern und gefühlt verkürzen.