Krank

Ich wusste, dass ich nicht drum rumkommen würde, ihm zu sagen, dass ich die Blutdruckmedikamente abgesetzt hatte. Der Arzt meinte nach der Blutdruckkontrolle, dass ich mit diesen Werten das Rentenalter kaum erreichen würde. Danach verabreichte er mir einen Hub Nitro.
„Wollen Sie nicht noch etwas länger leben?“, fragte er, „Sie sind so ein netter Mann…“
„Na ja“, lächelte ich und dachte: Ich bin wegen einer scheiß Erkältung hier, und brauche lediglich eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, um mich auszukurieren.
„… und wir sind ein Jahrgang“, fügte er hinzu, „es täte mir sehr leid.“
„Ich verstehe“, erwiderte ich, „es liegt allein in meiner Verantwortung.“
So drucksten wir noch ein Weilchen herum. Ich denke, er spürte, dass bei mir sein gutes Zureden nicht fruchtete…
Mamma Mia! Das ist mein verdammtes Schicksal. Niemals dachte ich daran, so alt zu werden, wie ich inzwischen bin. Gut, wenn ich noch ein paar Jahre habe – wenn nicht, auch egal. Im Prinzip ist alles gesagt. Oder: Der Käs ist gegessen.

Die Krankschreibung geht über die gesamte Woche. Bis dahin dürfte ich die Rotzbirne los sein. Perfekt! Ich werde mich ein paar Tage lang einigeln. Das Übliche, bloß ohne Büro und Tumordokumentation.
Ich wollte endlich mit einem Bild anfangen…

Seltsam, dass ich in letzter Zeit von meiner Umwelt relativ viele Komplimente bekam. Egal, ob im Pub oder auf Arbeit. Auf der Weihnachtsfeier wurde ich sogar mit Sprüchen konfrontiert wie „Endlich mal ein schöner Mann!“. Das grenzte an sexuelle Belästigung! Peinlich, peinlich… Schon möglich, dass ich für die Kategorie Hässliche Entlein noch als gutaussehender Mann durchgehe.
Obwohl mir solcherlei Komplimente unangenehm sind, will ich nicht leugnen, dass ich mich ein wenig geschmeichelt fühle.
Nun noch mein Hausarzt, der mich als „netten jungen Mann“ bezeichnete. Hust! – Ist er krank oder schwul – oder was?

Rotznase und Qualia

Die Welt ist kryptisch. Nicht nur in der Philosophie, den Naturwissenschaften und der Kunst, sondern auch im Alltag. Besonders wenn man einen dicken Kopf aufgrund einer fetten Erkältung hat. Inzwischen quillt der Abfall von Rotztüchern über…
Zur Zerstreuung zog ich mir am frühen Morgen auf YouTube Physikzeugs und Philosophisches rein. Ich wälzte mich im Bett von einer Seite auf die andere und lauschte den Beiträgen. Schön war, dass ich viele meiner Gedankengänge und Fragen wiederentdeckte, bloß eben von Professoren formuliert. Erst quatschte Harald Lesch eine Stunde über die Grenzen der Erkenntnis in der heutigen Physik, und schließlich klickte ich auf ein Interview mit dem australischen Philosophen David Chalmers – war recht unterhaltsam, was er über Bewusstsein, respektive Qualia zum Besten gab. Unleugbar gibt es etwas, das aus mir herausschaut, riecht, schmeckt, fühlt, denkt…, sowas wie mein bester Kumpel, der auf Gedeih und Verderb an mich gekettet ist. „Hey Alter“, sagt er mir gerade, „lass dich von so`ner mistigen Erkältung nicht unterkriegen. Ruhe dich aus. Es ist Sonntag. Morgen gehst du zum Arzt und lässt dich ein paar Tage krankschreiben.“ Klar, recht hat er. Scheiß auf den hohen Krankenstand in der Firma. Der liegt nicht an mir… Hatschi!!! Schnäuz! Teufel, Teufel! Die können froh sein, wenn ich sie nicht mit dieser Seuche infiziere.
Aber zurück zum Qualia-Problem. Schon komisch, dass es dieses Bewusstsein gibt, mit welchem man eine Beziehung zu seiner Umwelt aufbaut bis hin zu philosophischen Fragestellungen. Chalmers fühlt sich zum Panpsychismus hingezogen. Kurzgefasst werden in dieser Theorie alle Erscheinungen der Welt als beseelt angesehen – jedenfalls mehr oder weniger. Daniel Dennett, seines Zeichens auch Philosoph (und der sieht wirklich wie einer aus!), vertritt einen relativ entgegengesetzten Gedankengang: Er vergleicht das Phänomen Bewusstsein mit der Benutzeroberfläche eines Smartphones, welche den komplexen Apparat für uns erst bedienbar macht. Das Bewusstsein ist in diesem Sinne ein von der Evolution hervorgebrachtes Konstrukt, eine naturalistische Software (um im Bild zu bleiben). Klar, dass sich Chalmers und Dennett öfters in den Haaren liegen. (Ich stelle mir vor, wie Chalmers Dennett am Bart zieht und Dennett Chalmers an seinen Haaren packt.)
Ich weiß nicht, wohin ich tendiere. Schätzungsweise sind wir alle Zombies und blasen uns lediglich geistig auf. Auf der anderen Seite verspüre ich in mir eine große Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmtheit… Dann das Problem mit dem Tod. Wo sitzt mein Bewusstsein, wenn nicht im Hirn? Und wo wird es einmal hingehen?
„Alter Walter!“ meint mein an mich geketteter bester Kumpel, „krieg dich wieder ein, du machst mich depressiv. Tu irgendwas, aber grübele nicht in einem fort über das Dasein und seine Macken. Es ist, wie`s ist. Vergiss das Leben nicht. Einfach mal wieder bumsen! Das wird dich wieder nach vorne bringen!“
„Hey, hey, hey! Du könntest dich etwas feiner ausdrücken. Von wem hast du diese ordinäre Seite? Erzwingen kann man nichts. Und ich philosophiere eben gern.“
„Noch nie was von Jekyll and Hyde, Faust und Mephisto gehört? Oder für dich weichgespült: Engelchen und Teufelchen?“

Ich brach die Unterhaltung ab. Ich lasse mich nicht aus der Fassung bringen, schon gar nicht von diesem Großmaul in mir. Ich bin ich. Zwischen mir und mir passt kein Blatt Papier.
Was läuft im Fernsehen? Gleich mal nachgucken. Ein nachmittagsfüllendes Wintersportprogramm wäre jetzt genau das Richtige.

Nikolaus

Dicken Kopf von Betriebsweihnachtsfeier + Pub + Erkältung.  Hab sie seit zwei Tagen kommen spüren mit Halsweh und Niesanfällen. Die Weihnachtsfeier bei der „Schwarzen Heidi“, einer zugigen Fonduehütte auf dem RAW-Gelände. Schlecht organisiert. Viel zu eng, miefig, und draußen Dauerregen ohne Unterstellmöglichkeit. (Gut, dass ich vorsorglich einen Schirm dabei hatte.) Die Leitungsebene hatte sich einen Tisch reserviert. Das Fußvolk musste dagegen gucken, wie es Platz fand. Das nächste Mal gehe ich lieber ins Büro arbeiten.
Bevor das Buffet eröffnet wurde, drei Stunden Berichte von Betriebsrat und Geschäftsleitung. Der hohe Krankenstand wurde hervorgehoben. Er stünde im Gegensatz zur allgemein bekundeten Arbeitszufriedenheit und Motivation der Belegschaft. Tja. Krank ist halt krank. Die schlechten Zahlen sind vor allem ein paar Langzeitkranken geschuldet. Dazu kommen Rehabilitationsmaßnahmen einzelner. Dann alleinerziehende Mütter, die bei Krankheit des Kindes zuhause bleiben. Würde die Geschäftsleitung genauer hinsehen, müsste sie sich nicht wundern.
Endlich Ende mit dem Gelaber. Ich hielt mich außerhalb der Hütte am Glühweinstand schadlos, wo auch die Raucher herumlungerten. Eigentlich war nur ein Glühwein pro Person vorgesehen, aber davon wussten wir nichts. Auch der junge Mann am Ausschank war ahnungslos. Ich stand also die meiste Zeit schniefend mit meinem Becher Glühwein in der Kälte, während drinnen das große Fressen startete.
Bevor die Dunkelheit hereinbrach, machte ich mich aus dem Staub. Direkt zum Pub. Sita bediente hinterm Tresen. Der Wirt gab einen Nikolauskorn aus. Ich saß zwischen Roland, dem Maurer, und Tomas, dem Musiker. Es blieb nicht bei einem Korn. Wir führten gute Gespräche über Gott, Frauen und die Welt. Richtig rührselig kann so eine Gesellschaft gestandener Mannsbilder sein. Sita trug eine Nikolausmütze und strahlte uns mit ihren großen dunklen Augen an. Auch ihr Ausschnitt strahlte. Ich glaube, sie mag mich. Ein bisschen.

 

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Die „Schwarze Heidi“

 

Endlich

Jetzt hat`s mich doch noch erwischt. Die Briefe an Arbeitgeber und Krankenkasse liegen neben mir auf dem Schreibtisch. Hätte mich auch gewundert, wenn ich dieses Jahr ausgesetzt hätte. Ehrlich gesagt wünschte ich mir den Infekt insgeheim herbei. Psychisch geht es mir schon eine Weile miserabel, aber deswegen wollte ich nicht krank machen. Geht auch niemanden was an. Dabei wäre es schon gut gewesen, mich mal auszusprechen.
Heute Nacht hatte ich extreme Schluckbeschwerden. Mein Hals brannte wie Feuer. Immer wieder wachte ich auf und fühlte diesen höllischen Schmerz. Inzwischen gesellte sich der Schnupfen hinzu, und das Halsbrennen ließ etwas nach. Schon komisch, dass ich trotz offensichtlichem Kranksein ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Kolleginnen habe. Kann sein, dass einige mit meinen Symptomen arbeiten gehen würden. Ich kenne die Hühnersprüche zur Genüge… in dem Sinne: „Ich habe Schnupfen, oder wie ein Mann sagen würde: Es geht zu Ende mit mir.“
Am Donnerstag ist Internationaler Frauentag. Die Hühner ließen bereits eine Liste herumgehen, wer was zum Fressen mitbringen könnte/wollte. Nun werde ich gar nicht in den Genuss dieser ganzen Spezialitäten kommen… Uff! Ich liebe es, wenn man mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen kann. Nein, so schlimm finde ich die Hühner gar nicht. Ihr Gegacker kann sehr lustig/belebend sein. Und ich verstehe Spaß…
Alleine zuhause mehrere Tage abhängen ist nicht unbedingt der größte Genuss. Momentan finde ich es noch cool, aber ich weiß, dass sich das bald ändern wird. Kommt auch drauf an, wie gemütlich es sich die Erkältungsviren bei mir machen.

Muffensausen und Matschbirne

Soll es also in Kürze wahr werden: seit nunmehr zweieinhalb Jahren Arbeitslosigkeit wieder in Lohn und Brot: Öffentlicher Dienst, unbefristeter Arbeitsvertrag… Heute Morgen las ich in Ruhe die Papiere durch und füllte den Personalbogen aus. Der Verdienst könnte freilich besser sein, aber ich will nicht meckern. Wichtiger ist mir, dass ich mich im Arbeitsumfeld wohlfühle und den an mich gestellten Aufgaben gerecht werde. Mit einer guten Portion Muffensausen sehe ich meinem Beschäftigungsbeginn entgegen… Aschermittwoch – ob das als ein gutes Omen zu sehen ist? Die negativen Erfahrungen an meinem letzten Praktikumsplatz sind mir noch gut im Gedächtnis. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich ziemlich blöd anstellte und zweifelte daran, ob der eingeschlagene Weg mit der Tumordokumentation der richtige sei… Also auf ein Neues! Ich bin dem Himmel dankbar für diese Chance!

Verregneter Sonntag. Unruhig geschlafen. Ich fühle mich zum Wegschmeißen. Wenn ich mal erkältet bin, dann meist richtig. Zwei Tage noch zum Ausruhen. O. unternimmt ihre sonntägliche Museumstour. Sie hat ein Abo. Ich weiß nicht, ob ich heute noch aus dem Haus will. Um die Ecke am Gleisdreieck ist Weinmesse, kostet allerdings 17 € Eintritt. Eine andere Option wäre das Brwhouse, welches in der Nähe vor kurzem eröffnete, eine Craft Beer Brauerei mit Restaurant. Bier versus Wein… Ich weiß nicht, nach was mir ist. O. freut sich sicher, wenn ich mich heute noch zu was aufraffe.

Infekt

Ich wartete auf sie seit letztem Spätjahr. Als O. vor ein paar Tagen damit anfing, wusste ich, dass meine Zeit gekommen war. Nun husten und niesen wir im Duett. O. sollte das Gröbste bereits hinter sich haben, wenn sie nicht in die Verlängerung geht; und ich steuere auf den Zenit zu.
Als männliches Wesen leide ich selbstverständlich sehr ausgeprägt – schon deswegen, weil ich niemanden in seinem stereotypen Denken enttäuschen will. Ich fühle mich wie ein leibhaftiges Schleimmonster. Der Papierkorb ist gefüllt mit Tempotaschentüchern. Zur Linderung stehen die üblichen Mittelchen griffbereit. Die ersten Tage, bis sich der Infekt manifestiert hat, finde ich persönlich am schlimmsten. Da ich keine Mandeln mehr habe, kriege ich meist das ganze Paket: es beginnt mit Schnupfen und befällt dann Rachen und Bronchien. Ich feuere mein Immunsystem an, als wäre ich ein Trainer: „Jungs, wir liegen zurück, aber das Wort Niederlage kennen wir nicht! Ich weiß, dass ihr euren Job gut macht! Weiter so! Nicht nachlassen!“
Fresszellen, Killerzellen und T-Zellen antworten unisono: „Jawohl Trainer, mache dir keine Sorgen. Ist bloß `ne beschissene Erkältung. Die hat null Chance. Nimm dir einen prima Lesestoff vom Bücherregal und lege dich lang. In zwei-drei Tagen ist der Bär geschält.“
Die Jungs haben recht. Aber ich will mich nicht den ganzen Tag im Bett rumfläzen und Bukowski lesen. Bin jetzt schon den dritten Tag zuhause. Langsam fällt mir die Decke auf den Kopf. Gut, dass sich mein Arbeitsbeginn verzögerte. Ich kann mich in Ruhe auskurieren. Mit Mitte Fünfzig geht man besser kein Risiko mehr ein. Vor zwei Jahren verschleppte ich eine Erkältung, die ich aus Gran Canaria mitgebracht hatte. Wochenlang ärgerte ich mich mit einer Bronchitis herum. Man wird eben nicht jünger. Wenn die Dinge älter werden, benötigen sie ein Mehr an Pflege. Ich fühle mich ziemlich pflegebedürftig… mit meiner Matschbirne. Sollte mal Fieber messen. Immerhin bin ich solange von meinen depressiven Verstimmungen geheilt. Die physische Erkrankung hat der seelischen kurzfristig den Rang abgelaufen. Husten Sie sich die Depression von der Seele! Rotzen Sie sich ihr Unglücklich Sein aus dem Leib! Haaaaatschiiiiiii!!!
Ich lege mich besser hin.