Filme, die das Leben dreht

Viele Erinnerungen an mein Leben wirken auf mich irreal, wenn sie vergangene Lebensphasen markieren: meine Jugend, die Schulzeit, die vielen Jahre in der Altenpflege (besonders als Nachtwache), die Zeit mit den damaligen Kumpels und Freunden, die alte Heimat, verlorene Lieben…
Ich erzähle von Ereignissen aus meiner Vergangenheit und mich überkommt ein seltsames Gefühl der Fremdheit. Von wem rede ich? Wer sitzt hier und plaudert z.B. von einer vergangenen Liebe? War das alles real? Natürlich zeugen alte Fotos, Postkarten, Briefe, Geschenke und andere Relikte, dass ich mir mein vergangenes Leben nicht nur einbilde. Ich frage mich aber, wo alles hin ist. Ich blicke in den Spiegel und sehe einen alternden Mann. Gestern war ich beim Frisör. Man sollte auf Wunsch den Spiegel verhängen dürfen. Aber gut, das Problem hatte ich schon als halbwegs attraktiver junger Mann. Darum existieren kaum Fotos von mir. Will mich jemand fotografieren, kann ich echt sauer werden! Alle meine Frauenbekanntschaften übers Internet begannen als Blinddate, jedenfalls für die Frauen. Sehr mutig von ihnen. Na gut, in der Hauptsache geht es ja in der Liebe um die inneren Werte… Hust!
Immer wenn ich in einer beziehungslosen Phase stecke, die sich länger hinzieht, kann ich irgendwann kaum noch glauben, dass ich mal echten Sex mit einer Frau hatte (und das sogar regelmäßig); und all das andere wie Zärtlichkeiten, romantische Stunden und gemeinsame Unternehmungen selbstverständlich zu meinem Leben gehörten. Es ist gerade so, als würde ich behaupten, dass ich vor ein paar Jahren noch Zirkusartist war… (Genau: Das würde ich mir selbst nicht abnehmen.)
Das Leben ist nicht wie ein Film, sondern wie viele Filme. Die können mal lustig und mal traurig, spannend oder langweilig sein. Gerade stecke in einem scheußlich langweiligen Film. Ich wünschte, ich könnte einfach in eine andere Filmaufführung wechseln.

 

 

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einige meiner Lieblingsfilme

 

Einer der letzten Tage

Ich denke an meine alte Heimat, wo jetzt das alljährliche Winzerfest stattfindet. Der Festplatz liegt an erhabener Stelle, und man hat im nahen Park einen Blick über die Dächer der Stadt und hin zu den Weinbergen des Kraichgaus. Ich denke an meine Eltern, die dort seit 2013 auf dem Friedhof ruhen. Das Schwimmbad, das sicher auch heute gut besucht sein wird, liegt gleich dahinter. Je nachdem, wie der Wind steht, tönt das Kindergeschrei über die Gräber. Ob`s die Toten stört?
Ich denke an die Jahre meiner Kindheit und Jugend, in denen mir meine Heimat zur zweiten Haut wurde. Ich denke an die vielen Freunde und Schulkameraden, die lange schon aus meinem Leben verschwunden sind. Ich denke an meine erste Liebe und unsere Spaziergänge in den Weinbergen.
Das Winzerfest bedeutete Abschied nehmen vom Sommer. Wir saßen auf den Stufen vor der Eissporthalle, die als Festhalle diente, und betranken uns. Ich blickte auf die zahllosen Menschen, die ihre Runden auf dem Festplatz drehten, die Musik der Fahrgeschäfte, die gebetsmühlenartigen Mikrofon-Ansagen der Schausteller in den Ohren, der Duft von Zuckerwatte in der Luft…, daneben der Geruch von Alkohol und Pisse.
Die Jahre gingen ins Land. Eine Liebe folgte der anderen. Bier floss in Strömen. Ich ließ die Schulzeit hinter mir. Ich arbeitete. Ich studierte. Ich trank. Ich liebte.
Sechshundert Kilometer liegen zwischen mir und der alten Heimat. Aber es sind nicht nur die Kilometer. Ich wuchs aus ihr heraus wie aus alten Klamotten (– die sind dann für die Tonne). Nur die Erinnerungen bleiben, eine ganze Geisterstadt voller Erinnerungen.

Hier ein Relikt meiner schriftstellerischen Bemühungen aus der damaligen Zeit, 1984:

 

Einer der letzten Tage

 

Der Sommer lag in den letzten Zügen, spuckte noch ab und zu einen warmen Tag aus; und man besuchte das Schwimmbad, weil man Urlaub hatte und nichts Besseres zu tun wusste. Es war kein richtiger Sommer und kein richtiger Urlaub gewesen. Das Ganze schien wie ein Kampf zwischen den vier Jahreszeiten, von denen sich keine geschlagen geben wollte. Sie stritten und balgten sich und vernachlässigten ihre Pflichten. So kam es bei ihm zu einer Verwirrung des Geistes. Er wurde vor- und zurückgeworfen in Geist und Gefühl, schwankte in seinem Schaffen und träumte in den Tag hinein.
Mit dem alljährlichen Winzerfest verließ die warme Jahreszeit Stadt und Land, und der Herbst begann seine blassen Farben auf die Wiesen und Felder zu sprühen. Aber noch war es nicht so weit, und er lag an diesem Nachmittag auf der Liegewiese des Schwimmbads in einem von Bäumen und Sträuchern begrenzten Abteil. Ameisen kitzelten ihn an allen möglichen Stellen, und er kratzte sich, zuckte nervös. Die Wiese war voll von unzähligem Kleingetier, das krabbelte und schwirrte und juckte. Er konnte nicht stillliegen. Das Leben fraß an ihm. Er hörte die Duschen und das Gerede der anderen Badegäste und hörte einen Hubschrauber und hörte ihn auch wieder verschwinden. Die Geräusche wechselten sich ab.
Er war unruhig und unzufrieden an jenem Tag, und es war möglich, dass es der Sommer war, der seine letzten Grüße sandte; es war auch möglich, dass es die Ameisen waren, die ihn wie verrückt kitzelten. Es gab eine Menge Dinge, die ihn beunruhigten, eine Menge Fragen, die er beantworten wollte. Das war so ein Tag, an dem er sich zwang nachzudenken, weil er das Gefühl hatte, es wäre der letzte, und alles wäre einmalig – und wenn nicht heute, wann dann?

 

Zeitmüll

Es gibt Dinge, die die Zeit überstehen. Andere fliegen weg. Als ich mich vorhin in meinen vier Wänden umguckte, fielen mir noch einige Relikte aus der Vergangenheit auf… gar nicht wenige, wenn ich mir überlege, wie viel ich zwischenzeitlich wegschmiss. Vor meinem Umzug nach Berlin mistete ich gründlich aus – was auch nötig war. Und erst vor kurzem wanderte so einiges in den Müll. Wozu etwas aufheben, mit dem man schlechte Erinnerungen verbindet. Trotz allem bleibt genug alter Kram übrig, vor allem wenn die Zweckdienlichkeit im Vordergrund steht. Es wäre ziemlich aufwendig, die gesamte Wohnungseinrichtung auszutauschen. Bloß weil wir damals nach dem Einzug diese Sachen zusammen einkauften? Nö, so krass bin ich dann doch nicht drauf. Ich würde auch nicht die Kneipe wechseln, oder bestimmte Orte nicht mehr besuchen, an denen wir mal zusammen waren… Obwohl, es war schon ein Stück traurig, als ich in Warnemünde über den Strand schlappte. Aber dann dachte ich mir, dass ich mir solche schönen Orte nicht vermiesen lassen will, bloß weil ich hier schon mal mit meiner Ex war. Ich werde die Erinnerungen daran mit neuen besseren überschreiben. Es war gut, hier zu sein, auch wenn es wehtat. Irgendwann wird mein Herz einer neuen gehören, und ich werde kaum noch daran denken, dass es einmal eine andere Frau und eine andere Zeit gab. Der Horizont und die Sonne werden den Liebenden gehören, als wäre es nie anders gewesen.

Könnte man doch die Zeit wie anderen Müll entsorgen. Ich stelle mir vor, dass alle paar Monate die Zeitmüllmänner an meiner Tür klingeln und mich fragen: „Haben Sie Zeitmüll?“
Wenn sie heute vorbeikämen, würde ich lächeln und antworten: „Ja, ich habe da noch einiges…“