Nachtrag

Ich muss mich wirklich bei allen Spießern entschuldigen. Nicht, dass ich noch zum spießig verkrampften Anti-Spießer werde. Das ist ja immer die Gefahr, wenn man gegen was ist. Am Ende besteht man nur noch aus einer Antihaltung. Und damit ist man unter Umständen kaum noch besser als das, was man kritisiert. Darum tut ein guter Mensch gut daran, dass er nicht auf den Bösen herumhackt, sondern sich in Verständnis übt. Nur wer die andere Seite versteht, kann verzeihen und zu einem vernünftigen Miteinander kommen. Man muss da auch mal in Vorleistung gehen und sollte nicht darauf warten, bis der andere den ersten Schritt macht. Also, liebe Spießer, ich schieße manchmal etwas übers Ziel hinaus. (Die mich kennen, wissen das schon.) Verzeiht mir bitte! Ich bin wirklich alles andere als ein Streithahn. Ich suche immer den Ausgleich zwischen den Menschen und möchte in Harmonie mit ihnen leben. Egal ob Nazi, Spießer oder Islamist, alle sind wir nur Menschen. Ich bin sicher, dass wir uns im Grunde alle gern haben… Der Ausruf „Ihr könnt mich alle mal gernhaben!“ zeugt von der unbändigen Sehnsucht, alle unsere Mitmenschen in den Arm zu nehmen. Bestimmt! Und zur Weihnachtszeit sind wir geradezu beseelt von Mitmenschlichkeit, Verzeihen und gesellschaftlicher Harmonie. Ist das nicht schön? Ihr müsst wissen, dass ich ein sehr sentimentaler Typ bin. Mir liegt nichts daran, es mit euch zu verderben. Wer liest dann noch den Kram, den ich hier in aller Regelmäßigkeit absondere? Auch Spießer haben Empfindungen und lassen nicht alles mit sich machen. Es wäre allzu menschlich, wenn ihr mir den Rücken zukehrt… Verzeiht ihr mir? Ich bin nicht der Misanthrop, den ich manchmal raushänge. Ganz im Gegenteil: Ich denke, ich liebe die Menschen zu sehr… Seufz. Besonders die Spießer. Sie sind so… unglaublich normal, wenn sie hingebungsvoll den Weihnachtsbaum schmücken, die Zutaten für das Festtagsessen einkaufen, die Geschenke für ihre Liebsten einpacken… Mist, gleich fange ich an zu flennen. Wahrscheinlich bin ich gerade an Weihnachten deswegen miesepetrig, weil mir das alles fehlt. Was bringt es mir, kein Spießer zu sein, wenn mir die Liebe fehlt?
Hans, ein alter Spezi aus Niederbayern sagte nach einem Streit immer: „Samma wieder gut.“ Und dann drückten wir uns.
In diesem Sinne:

Allen Bloggern und Lesern ein schönes Weihnachtsfest!

 

Schuld

Das Wochenende gut begonnen, indem ich mir Finger- und Fußnägel schnitt. Ich mache das immer fein mit der Nagelschere und nicht mit einem Nagelknipser. Trotzdem fällt bei der Prozedur schon mal ein Nagel zu Boden. Wo ist der nur wieder hin? Mit meinem Adlerblick suche ich den Boden ab. Nichts zu sehen. Dann streiche ich mit der flachen Hand über den Boden… und hab ihn! Aber nicht immer. Manchmal muss ich die Suche aufgeben. Fingernagel vermisst, irgendwo in der unendlichen Weite vor oder unter dem Schreibtisch. Es ist wirklich so, dass es Dinge gibt, die einfach so verschwinden, nicht nur kleine Dinge wie Fingernägel, Schrauben oder Unterlegscheiben von Schrauben. Seit einem Jahr vermisse ich eine Haushaltschere. Ich zweifelte bereits an meinem Verstand.
Ich denke besser nicht weiter drüber nach, was auf nicht nachvollziehbare Weise schon alles aus meinem Leben verschwand. Es ist nicht so sehr der Verlust, der mich nachhaltig wurmt, sondern dass ich nicht hinter das Verschwinden komme. Wieso? Habe ich nicht aufgepasst? War`s meine Schuld?
Womit ich endlich beim Thema dieses Beitrags wäre: Schuld. Ein sehr schweres Thema. Ich spüre, wie ich mich innerlich verkrampfe, wenn ich drüber nachdenke. Schuld. Besser noch einen Drink nehmen, bevor ich weiterschreibe…

Jegliches Sein lädt per se Schuld auf sich. Das Sein steht immer in Konkurrenz zum ihm umgebenden Sein. Sein gegen Sein. Aktion und Reaktion. Alle tragen wir ein Riesenpaket Schuld auf unseren Schultern, stehen unter einem permanentem Rechtfertigungsdruck. Ausnutzen tun dies diejenigen, die an der Macht sind. Sie liefern uns scheinheilig die Absolution, nach der wir lechzen. Dafür wollen sie lediglich unsere Seelen. Ein guter Deal für Menschen, die von der Seele wenig Ahnung haben. Sie tappen arglos in die Falle. Weltweit zu sehen. Religionen und Ideologien entstehen. Menschen wie du und ich erklären sich zu Moralwächtern über die gesamte Menschheit. Wir generieren eine Hitparade der Schuld. Diejenigen mit den besten Entschuldigungen stehen dabei besser da als die Menschen, die zu ihrer Schuld stehen.
Keine Seele ist ohne Schuld. Die Schuld verbindet uns mehr als alles andere auf der Welt. Es ist töricht, vor ihr wegzulaufen. Funktioniert sowieso nicht. Freilich können wir eine Mauer der Ignoranz und Selbstlüge errichten. Aber die hat ihren Preis…

Eines Tages wird die Menschheit von der Erde verschwunden sein. Die Sonne macht ein Nickerchen, wacht auf, reibt sich die Augen und denkt verwundert: Wo sind denn die Menschen hin? Wo sind diese wunderlichen Geschöpfe auf dem Planeten Erde geblieben? Bin ich etwa daran schuld?