Die Leere

Die Leere blickt mich an durch die Autos, die am Straßenrand parken, durch die Fenster der Häuserfront gegenüber, durch meinen Badezimmerspiegel… Die Leere fließt durch die Straßen und Häuser der Stadt. Die Leere ist überall. Es bleiben Körper, Karosserien, Wohnungen, in denen niemand mehr lebt. Wir bilden uns nur noch ein, dass wir leben. Unsere Seelen schmelzen dahin wie Schnee. Wir huldigen der Leere. Ich wurde in die Leere hineingeboren. Die Zombies fraßen an meiner Seele. Ich flüchtete in die Einsamkeit.
Die Untoten beherrschen die Welt. Sie schütten leere Worte über mich. Ihr Lachen ist eine Schablone. Die Leere kann in jede Gestalt schlüpfen. Die Liebe entfernt sich von mir wie ein Schiff, das nicht zurückkommen wird. Ich schaue ihm hinterher. Ich schaue mir selbst hinterher.
Mir fehlen die Argumente, um die Untoten bloßzustellen. Ich bildete mir zu viel ein auf meine Empfindungen. Die Leere ist zu weit fortgeschritten.
Vielleicht ist die Leere das eigentliche Leben. Und ich bin weniger als nichts.

Brasko und der Engel

Als ich vom Pinkeln kam, saß ein Engel auf meiner Couch. Vorneweg: Nein, es war keine sexy Lady, auch kein Schwuler mit Plüschflügeln. Es war eine Lichtgestalt: überirdisch, schemenhaft, geschlechtslos… Wahrscheinlich nur ein Produkt meiner Einbildung. Ich hatte eine Flasche Gin intus… auf nüchternen Magen. Ein Delirium sollte man am besten ignorieren.
Doch dann fing meine Einbildung an, mit mir zu sprechen.

„Darf ich dir ein paar Fragen stellen?“
Ich rieb mir die Augen, aber es nutzte nichts.
„Bin ich schizophren, oder was?!“
„Nein, Mr. Brasko. Entschuldige, dass ich hier so hereinplatze…“ Und der Engel ergoss sich in einem Wust von Erklärungen, die ich nur auszugsweise verstand. So ähnlich machen es die Verkäufer am Telefon, wenn sie dir was aufschwatzen wollen. Sie labern dich schwindelig.
„Kurz und gut“, endete er/sie/es/divers, „Gott sucht einen Nachfolger und schickte uns mit einem Fragenkatalog zu einigen Tausend Auserwählten.“
Bestimmt spielte mir mein Gehirn einen Streich. Ich sollte auf Bier umsteigen. Die harten Sachen bekamen mir auf Dauer nicht. Ich sah den Engel an, als könne ich ihn mit meinen Blicken verscheuchen… Unwillkürlich musste ich lachen. „Ausgerechnet ich, haha, das muss ein Missverständnis sein, haha, oder ein blöder Witz, haha. Ich habe kein Interesse, lieber Engel. Du verschwendest deine Zeit.“
Doch der Engel rührte sich nicht von der Stelle und sprach: „Es ist der Wille Gottes. Besser, du sträubst dich nicht dagegen.“
Ich überlegte: Wenn diese Erscheinung auf meiner Couch keine Halluzination war, wollte mir vielleicht jemand mittels ausgefuchster Technik einen Streich spielen. Aber wieso? – und wozu dieser Aufwand? Normal war das jedenfalls nicht. Ich entschloss, für ein Stündchen an die frische Luft zu gehen. War ich verrückt, oder was?!
„Mr. Brasko, du solltest jetzt nicht gehen“, mischte sich der Engel in meine Gedanken.
„Willst du mich etwa daran hindern? … Gott sucht einen Nachfolger… Verarschen kann ich mich selbst – haha!“ Kopfschüttelnd schlüpfte ich in meine Schuhe und machte mich davon.

Ein mittelwarmer Sommertag begrüßte mich. Wolkengebilde zogen vereinzelt übers Himmelblau. Ich atmete tief durch. Zum Biergarten war es nicht weit. Natürlich ließ mich das Erlebte nicht los. Irre grinsend spazierte ich die Straße entlang, Wörter ausspuckend wie „Wahnsinn“, „Abgedreht“, „Unglaublich“ und kratzte mich immer wieder am Kopf. Die Menschen, die mir entgegenkamen, mussten denken: Was für ein Blödian.

Der Biergarten war gut besucht. Na klar, Sonntag, und die Sonne schien. Ich hockte mich mit meinem Bierglas an einen freien Stehtisch und betrachtete die Menschen…
„Ist hier noch frei?“
Ich schreckte zusammen. „Ja – natürlich“, entfuhr es mir automatisch. Eine Frau, Mitte Dreißig, schlicht angezogen und ungeschminkt, setzte sich auf den Platz mir gegenüber. Immerhin trank sie ein Bier und nicht Fassbrause. Sie sah nicht gut aus, aber auch nicht schlecht. Wahrscheinlich sah sie ohne Klamotten viel besser aus. Sie hatte schöne Augen. Bestimmt wartete sie auf ihren Partner. Ich setzte meine Sonnenbrille auf.
Plötzlich schaute mich die Frau unverhohlen an und sagte: „Gott ist überall. Du kannst ihm nicht entkommen.“
Ich war total verdattert. „Warum sagen Sie das zu mir? Sind Sie eine Zeugin Jehovas?
„Nein“, antwortete sie, „ich bin ein Engel.“
„Okay“ – ich lächelte verlegen. Vielleicht hatte die Lady wie ich ein Alkoholproblem. Oder sie hatte andere Drogen intus. Andererseits schon ein merkwürdiger Zufall… zwei Engelbegegnungen hintereinander. Ich prostete der Frau zu.
„Sind Sie glücklich?“ fragte diese, nachdem sie wie ich einen Schluck Bier genossen hatte.
Ich setzte meine Sonnenbrille ab – „Entschuldigen Sie, aber… ich äh…“
„Sie wollen mit einer Fremden nicht über sowas reden.“
„Also ich… äh…“
„Verstehe. Sie wollen in Ruhe gelassen werden.“
„Nein… äh… ich will nur nicht…“
„… über Gott reden“, beendete die Frau meinen Satz und trank in einem Zuge ihr Glas leer. „Ich hole mir noch eins. Soll ich Ihnen eins mitbringen?“ Die Frau lächelte mich engelhaft an.
„Ja… gern… danke“ – stotterte ich verdutzt und kramte nach meinem Geldbeutel.
„Lassen Sie ihn stecken“, sagte der Engel.

Hastig trank auch ich mein Bier aus, während meine Tischgenossin in der Schlange zum Bierausschank anstand. Sie sah wirklich viel besser aus, als ich es anfangs wahrgenommen hatte. Jedenfalls war sie keine Einbildung oder Halluzination. Sie wirkte äußerst real, als sie mit zwei frischgezapften Bieren zurückkehrte.

 

Herzblind

Die Spatzen hüpfen übers nasse Pflaster. Mir kommt die Redewendung „Mir rutscht das Herz in die Hose“ in den Sinn. Bei der Vorstellung muss ich unwillkürlich grinsen. Aber ernsthaft: Wo ist eigentlich der Sitz des Herzens? Ich meine nicht den faustgroßen pumpenden Muskel in meiner Brust…, und auch nicht den Sitz der Seele.
Wie so oft kann ich auch diese Sache besser über ihr Fehlen erklären. Also: Wenn man einen Menschen herzlos schimpft, meint man damit, dass er kein Mitgefühl zeigt und gefühlskalt wirkt. Ein herzloser Mensch hat kein Auge für die Gefühle, Ängste und Nöte seiner Mitmenschen und sieht wahrscheinlich die gesamte Welt mehr als eine Sache an, etwa wie Geld. Alles lässt sich für ihn zu Geld machen. Aber wahrscheinlich gibt es solch extrem herzlose Menschen gar nicht, denke ich und drehe meinen Kopf zum Fenster: blicke auf das nasse Pflaster der Straße, die parkenden Autos, die Fassade des Wohnblocks gegenüber. Feiner Nieselregen füllt die Luft aus – wie feine Nadeln, die nur kitzeln. Ein Paketzusteller quert mein Sichtfeld. Tausende Pakete werden täglich in die Hauseingänge geliefert. Und hinter jedem Hauseingang schlagen erwartungsvoll die Herzen…

Wenn wir im nicht anatomischen Sinne vom Herzen eines Menschen sprechen, dann denke ich an ein Auge. Mir rutscht das Auge ins Herz, und danach erst in die Hose. Wieder muss ich grinsen. Meine Gedanken hüpfen wie die Spatzen. Die umherhüpfenden Spatzen auf der Straße sind allerdings weg. Mir fehlen sie ein wenig, was wahrscheinlich Einbildung ist. Kommen Einbildungen auch aus dem Herzen?
Unvorstellbar, was man sich alles einbilden könnte, wenn man es denn wollte. Da geht es nicht mehr um Spatzen, sondern um ganz andere Dimensionen. Sehr viele Menschen bilden sich z.B. Gott ein. Ihre Herzen sehen Gott. Ich frage mich, warum mein Herz Gott nicht sieht.
Groll steigt in mir hoch und entlädt sich in einem kurzen Statement: „Mir macht keiner mehr was vor!!“
Zu viele Verführer und Schwätzer, zu viele Ausbeuter und Geschäftemacher, zu viele Scharlatane und Heilsversprecher!