Warten auf die Haarschneidemaschine

Geil, dass heute erst Samstag ist. Mein Weinvorrat ist aufgebraucht. Man(n) kann ja nicht nur Bier trinken. Wenn das Wetter so bleibt, werde ich den Einkauf mit einem sonnigen Stündchen im Park verbinden. Vielleicht ist der alte Herr Flaschensammler auch wieder vor Ort. Ich mag ihn. Er hat Stil, immer ordentlich gekleidet und höflich. Ich schätze ihn auf (mindestens) Mitte Sechzig. Ich möchte ihm was zustecken, – womit ich hoffentlich nicht seinen Stolz verletze.
Vorerst harre ich allerdings zuhause aus und warte auf die Haarschneidemaschine. DHL kündigte die heutige Lieferung an. Mal sehen, ob ich dieses Wochenende den Mut aufbringe, damit das fahle Gemüse auf meinem Kopf zurechtzustutzen. Und nein, ist nicht das erste Mal, dass ich es mir selbst mache…
Sonst gibt`s eigentlich nichts Neues von meinem Corona-Frontabschnitt. Keine Ahnung, wo die Einschläge sind. Im Radio höre ich, dass es auf einen monatelangen Stellungskrieg rausläuft. Weiß der Teufel, was sich die Politik dabei denkt. Egal. Ich konnte es mit mir schon immer gut aushalten. Dann und wann in netter Gesellschaft hat freilich auch seinen Reiz, insbesondere seit den Tagen, als ich die Frauen entdeckte.
Auf die Frauen!
Und hoffentlich taucht der DHL-Bote nicht erst am Nachmittag auf…

 

Spannung

DHL bietet neu an, dass sie zusätzlich abends liefern. Allerdings muss man dafür knapp 3 Euro blechen. Na gut, dachte ich, einen guten Service lasse ich mir gern was kosten. Mal ausprobieren. Ich erwarte gerade ein Päckchen. Gestern sollte es zwischen 18 und 21 Uhr geliefert werden. Ich freute mich darauf und wartete. Wer nicht kam, war der DHL-Bote.
Bin gespannt, wie`s weitergeht. In der Sendungsverfolgung sind die Angaben irreführend. Da steht immer noch, dass sie das Päckchen am Abend liefern wollen. Doch das galt nach meiner Wunsch-Eingabe nur für den 06.09., und heute ist der 07.09., wenn ich mich nicht irre. Auch wollte ich den heutigen Abend nicht unbedingt zuhause verbringen. Ich könnte mal wieder ins Kino gehen. Vorher in den Potsdamer Platz Arcaden einkaufen und ein paar Bier süffeln. Mit dem Biergartenwetter ist langsam aber sicher Schluss. Ade geliebte Biergärten! Ade kurze Hosen! Das Leben ist hart.

War wohl ein Satz mit X das Spiel der Deutschen National Elf gegen die Niederlande gestern Abend. Beim Warten auf den DHL-Boten schlief ich ein und erwachte erst wieder Mitternacht. Okay, da habe ich also nicht viel verpasst. Wenn man alleine lebt, verfolgt man ganz gerne solche Sportevents. Ich bin kein Fußballfan und auch kein Tennis-, Leichtathletik- oder Motorsportfan, aber ich ziehe mir das Zeug trotzdem rein, vor allem die internationalen Wettbewerbe. Wahrscheinlich geht`s um Ablenkung und unangestrengtes Zeittotschlagen. Dazu die Ästhetik des Sports, die Spannung und der Kampfgeist. Dass ich mich als Deutscher über deutsche Siege freue und mich ein wenig gräme, wenn die deutschen Sportasse verlieren, kann und will ich nicht leugnen. In jedem von uns steckt ein kleiner Nationalist. Es geht um die Identität in Sprache, Kultur und Heimat – eine ganz normale Sache überall auf der Welt. Mensch wäre aber nicht Mensch, wenn er es nicht übertreiben würde. Was soll dieser übertriebene Patriotismus im Lande? Was treibt manche Menschen zu den Islamisten? Und wie kommt man zu den Ultras, den fanatischen Fußballfans? Warum müssen diese Arschlöcher immer wieder das friedliche Miteinander stören? Echt, ich könnte zum Extremisten gegen den Extremismus werden!

Bei aller Lust an der Spannung, wann DHL das Päckchen liefern wird, bereue ich inzwischen, dass ich die neu angebotene Abendlieferung wählte. Scheiß auf die 3 Euro Kosten – ich mag`s nicht, wenn man mich an der Nase herumführt! Sowas nehme ich persönlich!! Am liebsten würde ich eine Bombe in diesen verkackten DHL- und Postladen schmeißen! Oder viel besser: Ich schicke ihnen die Bombe!
Man muss diesen Armleuchtern doch mal zeigen, wo der Hammer hängt! Meint Ihr nicht auch?

Paketzustellung mal anders

Die Lieferung der Bücher verlief kurios. Auf dem Smartphone konnte ich den Status verfolgen. Ich war auf ein Feierabendbier im Pub, als ich las, dass die Sendung angekommen sei, sie läge an einem sicheren Ablageort. Zuhause angekommen fand ich nichts, nicht vor der Tür, nicht auf und nicht im Briefkasten. Viele Möglichkeiten für einen Ablageort gibt es nicht, schon gar nicht für einen „sicheren“. Ich musste davon ausgehen, dass das Päckchen gestohlen wurde. Alle anderen Szenarien verwarf ich per Ausschlussverfahren. Ich kontaktierte also Amazon, um den Nichterhalt der Buchsendung zu reklamieren. Ich hatte einen freundlichen Herrn vom Kundenservice am Telefon. Er wusste auffallend schnell, worum es ging. Nach kurzer Recherche, meinte er, dass es einen zu großen Aufwand bedeuten würde, der Sache auf den Grund zu gehen. Stattdessen sollte ich die Bücher nochmals erhalten. Freilich ohne zusätzliche Kosten. Prima, dachte ich, guter Service. Ich bedankte mich artig und legte auf. So weit, so gut. Am nächsten Abend, ich hatte es mir bereits mit dem Tablet im Bett bequem gemacht, klingelte es an der Wohnungstür. Mein polnischer Nachbar von schräg über mir hielt mir ein Päckchen entgegen…
„Lag auf meinem Balkon“, sagte er mit furchtbar ernster Miene. Ich mag meinen polnischen Nachbarn nicht. Er spielt sich immer auf und quatscht einen voll. Darum gehe ich ihm am Liebsten aus dem Weg.
„Aha“, meinte ich lapidar, „sieht so aus, als ob das die Bücher sind, die ich vermisse. Danke.“ Das Päckchen war aufgerissen.
„Das ist vom Regen“, ihm war mein fragender Blick nicht entgangen.
Ich bedankte mich nochmals bei ihm, und er stiefelte hoch zu seiner Wohnung.
Zwanzig Minuten später stand er erneut vor meiner Tür. Ihn ließ die Sache offenbar nicht in Ruhe.
„Ich erinnere mich“, sagte er, „da war gestern ein Mann, der bei mir klingelte, und ich machte auf. Wahrscheinlich wollte er das Päckchen zustellen. Aber du warst nicht da. Warum hat er es nicht zu mir gebracht!? Wir sind Nachbarn. Ich hätte es entgegengenommen!“
„Natürlich“, lächelte ich gequält.
„Warum wirft er es auf meinen Balkon!?“ Er schimpfte auf den Paketzusteller und auf die Lieferdienste im Allgemeinen. Am Schlimmsten sei die DHL. Als er merkte, dass ich seine Aufgeregtheit nicht teilte, fragte er: „Was hättest du gemacht, wenn die Bücher weggewesen wären?“
„Dann hätte ich Pech gehabt. Danke nochmal.“
Ich schloss die Tür und legte mich zurück ins warme Bett. Sachen gibt`s.