Da war ich

Ich war an meinem erklärten Reiseziel verflucht dicht dran, also musste ich den letzten Schritt auch noch tun, zumindest um ein paar Postkarten zu kaufen und Fotos zu schießen. Von Sopot, wo ich zuletzt für drei Nächte mein Zelt aufschlug, waren es etwa 15 Kilometer bis in die Danziger Innenstadt. Zuerst einmal wollte ich am Bahnhof mein Rückreiseticket kaufen. Danach schmiss ich mich ins touristische Gewimmel. Grausig…, fast wie in Heidelberg (meine alte Heimat) nur zwei Dimensionen größer und noch voller – ich wollte nach Danzig, und jetzt war ich in Danzig. Okay, es gibt dort wirklich viel Sehenswertes zu knipsen, und in den Seitensträßchen fand ich einige Plätze mit Liebreiz – mehr nach meinem Geschmack. Ich unternahm also an beiden Tagen meines Aufenthalts je einen Ausflug in die Stadt. So war ich wenigstens beschäftigt. Ein Problem am Ende einer solchen Radreise ist eine gewisse Starre, in die du verfällst. Plötzlich gibt es kein Ziel mehr – da ist kein Weg mehr, den du bewältigen musst. Du schlappst in der Fremde umher, und die Einsamkeit setzt sich wie ein fetter Sumoringer auf deinen Brustkorb.
Nach einer Stunde in einer Schlange am Ticketschalter des Bahnhofs machte ich mich auf die Suche nach dem eigentlichen Zentrum. Ich war noch nicht besonders weit, als vor mir eine Rockerkneipe auftauchte. Ich konnte nicht umhin, mich erstmal auf die Terrasse zu setzen und ein paar Zywiec zu süffeln, die dort favorisierte Biermarke, ansonsten auch Tyskie. Aus einem Außenlautsprecher tönte ZZ Top. Ich hatte Zeit.

 

img_20190617_102242

am Bahnhof

Kaltblütig heuchelte sie mir Liebe vor


Als Kind verdarb ich mir an einem Reissalat derart den Magen, dass ich jahrelang keinen mehr genießen konnte. Schon wenn ich an ihn dachte, wurde mir übel. Dabei war der Reissalat eine meiner von Muttern zubereiteten Lieblingsspeisen. Ich weiß noch, dass es ihr unendlich leidtat. Mit der Liebe kann etwas ganz Ähnliches passieren – jedenfalls fühlt es sich für mich danach an. Irgendeine Ingredienz wird schlecht und vergiftet die ganze Speise. Schätzungsweise war es beim Salat die Mayonnaise. Ich schmeckte es nicht und schaufelte das Zeug gierig in mich hinein… Demgegenüber: Die schlimmste Vergiftung in der Liebe geschieht durch Lüge und Betrug. Ich bemerkte es erst, als die Sache längst gegessen war. Kotzen könnte ich, wenn ich an diese Person und unsere gemeinsame Zeit denke. Obwohl inzwischen mehr als ein Jahr vergangen ist, wurden Ekel und Abscheu kaum geringer. Nun passierte es mir nicht zum ersten Mal, dass mir eine Frau Hörner aufsetzte, und ich lange um die verlorene Liebe trauerte; aber diesmal spüre ich kaum Trauer, sondern viel mehr einen ätzenden Widerwillen, dem ich nichts entgegenzusetzen habe. Unglaublich, wie lange und heftig sowas anhält. Eine „schlechte“ Liebe ist freilich eine ganz andere Hausnummer als eine schnöde Lebensmittelvergiftung. Ich rechne mit einer lebenslangen Aversion gegen meine Ex und alles, was mit ihr zusammenhängt…
Würg – ich muss das Thema wechseln.
Gestern bestellte ich mir einen Radreiseführer für meine geplante Tour nach Danzig. Gar nicht mehr so lange hin. Ich freue mich darauf, unterwegs zu sein. Es gibt nichts, wobei ich mich freier fühle. Wenigstens für ein paar Tage. Hoffentlich spielt das Wetter im Juni mit.
Und: Ich setzte meine Blutdruck-Medikamente ab. Brachten eh nicht viel, außer Müdigkeit und Potenzstörungen. Raus mit dem Gift aus meinem Körper! Das einzige Gift, das ich mir bewusst reinziehen will, ist Alkohol. Prost! Das Scheiß Leben, auf das wir von klein auf geimpft werden, war mir schon immer zuwider… Auf die Vergiftung unserer einsamen Seelen! Auf die Schwanzlutscher des Universums! Und zur Hölle mit meiner Ex!