CSD Berlin 2022

Mit Worten kann ich es kaum beschreiben. Die Menschenmassen, die sich durch die Straße bewegten, den Wägen hinterher, von welchen die Musik schallte. Der Boden vibrierte im Technosound. Die Körper vibrierten. Unwillkürlich kamen mir die Tränen. Ich war überwältigt. Lebenslust und pure Freude wurden zelebriert. Der CSD-Umzug kam als Loveparade daher.
Nachdem ich mich sattgesehen hatte, ging ich ins Pub. Puschel, der Wirt, stand vor der Tür und lachte mich an. Die meisten Gäste saßen draußen auf Bänken, um das Umzugsgeschehen zu verfolgen. Ich setzte mich an die Bar, immer noch hin und weg von den Eindrücken.
„Der gehört zum Inventar“, sagte eine Bedienung, die mich kannte, als mich ein neues Gesicht hinter der Theke gleich abkassieren wollte. Ich lachte. Schön, wenn man sich noch kennt. Seit 2G war ich das erste Mal wieder im Pub. Fast fühlte ich mich als Fremdgänger, weil ich in den letzten Monaten ausschließlich in der Kupferkanne mein Bier genossen hatte.
Ich blickte hinaus auf das bunte Treiben. Der Zug nahm kein Ende.

Potsdamer Straße, Ecke Kurfürstenstraße

Menschenmassen
Schlaglichter

vorm Pub

der Zug nimmt kein Ende

Am Rande

Mann o Mann! – was für ein Aufwand, wenn man das Passwort seines Emailkontos wechselt! – dieser ganze Verifizierungsscheiß! – vor allem wenn man mit einem E-Mail-Programm (in meinem Falle Thunderbird) arbeitet – von wegen ganz einfach! – kann natürlich auch sein, dass ich ein bisschen doof bin… Ich brauchte eine geschlagene Stunde, bis ich mit dem E-Mail-Programm wieder arbeiten konnte.

Als ich aufwachte, regnete es. Langsam zeigt sich wieder die Sonne. Inzwischen nach 10 Uhr. Bald startet der CSD in der Leipziger Straße. Der Umzug kommt nachher unweit von meinem Zuhause durch die Potsdamer Straße, bis er in die Bülowstraße abbiegt. Ich wollte zumindest kurz gucken gehen. Ein paar Fotos machen. Großen Bock dazu habe ich aber gerade nicht. Auf meinem Vormittagsprogramm stehen eigentlich noch Wäschewaschen und Haareschneiden.
Ich igele mich zurzeit ein. Ich weiß, dass das nicht gut ist. Ich sollte mir einen Ruck geben… Schließlich ist Sommer. Herbst und Winter kommen früh genug. Und wer weiß, was noch kommt.

Mit was man nicht alles seine Zeit verbringt. Vordererst der Job, der einem einen großen Teil der Lebenszeit stiehlt. Und dann dieser ganze Technik-Scheiß. Die Strömung des Zeitgeistes reißt uns alle mit. Dagegen anschwimmen ist fast unmöglich. Eine kurze Strecke vielleicht. Ich bewege mich schon relativ am Rande…

Sagen wollte ich noch

Als ich an der Absperrung stand, mein Bier trank und auf den Umzug wartete, durchströmte mich eine Welle des Stolzes, dass ich in einer solch aufgeschlossenen Stadt wie Berlin wohnte. Die Menschen (Jung und Alt), die beim CSD zusammenkamen, waren allesamt friedlich gesinnt und wollten nur eins: Für die Freie Liebe demonstrieren und Spaß haben. Nichts zu sehen von Rassisten, Nationalisten und anderem rückwärtsgewandtem Gesocks. Die hatten sich wahrscheinlich in ihre Mäuselöcher verkrochen oder betrachteten das Spektakel getarnt und kleinlaut vom Rande. Ich dachte bei mir: Bevor rechte oder islamistische Spinner in dieser Gesellschaft die Macht übernehmen, sind es die vielen toleranzgeprägten Menschen, die hier zusammenströmen, Schwule, Lesben, Transsexuelle… Mag sein, etwas zu viel Karneval, und die scheiß Technomusik ist auch nicht meins, aber was zählt, ist der weltoffene Geist dabei. Bei aller Kritik an dem oberflächlichen Gehabe meiner Mitmenschen, finde ich solche Events doch gut, weil sie für mehr Toleranz und Frieden werben. Ich halte es nur nicht lange im Getümmel aus. Egal ob mit oder ohne Bierbetäubung. Und auf Pillen stehe ich nicht.
War jedenfalls schön zu sehen, dass dieser Gesellschaft noch lange nicht der Sumpf rechter Ideologie droht – auch wenn einem bei manchen Nachrichten angst und bange werden kann. In Berlin jedenfalls ist Interkulturalität Programm. Und wem das nicht passt, der kann ja nach Hinterfurzingen ziehen*.

 

*frei nach Donald Trump

Zeittotschlagen beim CSD

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Ich hatte mich mit der Zeit vertan und war zu früh vor Ort. Um einiges zu früh. Der Verkehr lief noch, und es wurde erst peu à peu voller am Nollendorfplatz, von wo aus ich das Geschehen betrachten wollte. Asiaten hatten Getränke in Wannen voller Eis herangekarrt und verkauften die Dosen und Flaschen zur Hälfte günstiger als die Getränkestände. Da stand ich also blöde rum mit meinem Bier und wartete auf den Umzug.

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Inzwischen strömten immer mehr Menschen herbei und platzierten sich am Straßenrand. Zwei Stunden vergingen – da wurde es mir zu bunt, und ich marschierte dem Zug entgegen Richtung Zoo.

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Vorneweg wie immer die Polizei, und danach sah ich den ersten Wagen. Ich steckte mitten im Getümmel. Wollte ich das? Außerdem drückte das Bier. Also nichts wie zurück zu meinem Fahrrad.

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Im Pub auf die Toilette und ein Bier. Draußen das ganz normale Chaos, etwas zugespitzter als sonst wegen der vielen Straßensperrungen. Eigentlich war es noch zu früh, um nach Hause zu gehen. Zum Biergarten wollte ich aber nicht mehr. Ich hatte genug vom Maulaffen feilhalten und dem städtischen Treiben. Also blieb ich noch ein Stündchen beim Wirt an der Bar hängen und genoss die Ruhe unter ein paar vertrauten Figuren.

Sommer in Berlin

Kacke nochmal, die Woche schlauchte. Aber ich liebe den Sommer und will nicht über die hohen Temperaturen jammern. In der Sonne schwitzen und kaltes Bier trinken. Dazu meine Lieblingsmusik hören, verträumt in die Runde schauen. So lässt es sich leben. Nach ein/zwei Stunden zieht es aber auch mich in den Schatten. Seit Tagen trage ich ein neues Buch mit mir herum. Vielleicht beginne ich am Wochenende endlich mal mit der Lektüre. „Das Schlangenmaul“ von Jörg Fauser – sollte nach meinem Geschmack sein. Ist halt so, dass ich nach acht Stunden Tumordokumentation keine Lust mehr auf irgendeine kognitive Beschäftigung habe.

Heute keinen schweren Gedanken nachhängen, sondern nur blöde aus der Wäsche gucken – kann ich eh am besten. Mal sehen, wie ich durch den Tag komme. Später einen Abstecher zum Nollendorfplatz machen, am Straßenrand stehen und gaffen, wenn der CSD Umzug vorbeikommt. Danach von der Sonne das Hirn wegballern lassen und bierselig dahindösen…
Auf geht`s, junger Mann!

 

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