Objekte-Wotschofska-Bukoitza-Lehde

Das mit dem Paddelbootfahren verwarf ich. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ich hatte am Vortag beobachtet, wie dämlich sich Anfänger beim Einsteigen in ihr Paddelboot anstellten. Ich wollte es ihnen nicht gleichtun. (Beim nächsten Mal nehme ich all meinen Mut zusammen, versprochen!)
Das Wetter war herrlich, und ich überlegte mir eine Radtour durch den Spreewald. Die erste Station sollte das Ausflugslokal Wotschofska sein. Dann würde ich schon weitersehen. Zu früh durfte ich nicht los, um dort nicht vor verschlossenen Türen zu stehen, also gammelte ich nach dem Frühstück ein gutes Weilchen in Lübbenau herum.

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Bis zur Wotschofska war es nicht weit. Eine schöne Strecke über viele Holzbrücken, an den Fließen entlang. Die Spaziergänger und Radler, denen ich begegnete, waren alle gut gelaunt und lächelten mich an. Vielleicht sah ich auch lustig aus auf meinem kleinen Fahrrad.
Die Wotschofska hat einen großen Biergarten. Als ich ankam, war noch genügend Platz. Die Touristen-Kähne trudelten erst nach und nach ein. Ich süffelte Bier und kramte meine Urlaubslektüre hervor: Charles Bukowski „Dante Baby, das Inferno ist da!“ – 94 unzensierte Gedichte… Ich las ein paar davon. Ich ließ mir Zeit. Der Tag war noch lang.
Ich studierte die Rad- und Wanderkarte. Nach Möglichkeit wollte ich wohin, wo ich noch nicht gewesen war. Im Lübbener Spreewald machte ich ein Gasthaus aus… Dort konnte ich meine nächste Bierpause einlegen. Natürlich hatte ich genügend Bier im Rucksack, um auch ohne Biergärten über die Runden zu kommen.

Biergarten Wotschofska

Ich verließ den Touristen-Radius, fuhr über Panzerplattenwege und kam durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet. Lange sah ich keinen einzigen Menschen.
Das Gasthaus mit dem Namen Bukoitza hatte einen kleinen Biergarten. Ein Radler-Pärchen saß dort im Schatten. Ich setzte mich in die Sonne und ließ den lieben Gott einen guten Mann sein. Alles passte irgendwie. Ich nahm meinen Bukowski aus dem Rucksack und las ein paar Gedichte.

das liebe Vieh
Bukowski und Bier im Biergarten des Gasthauses Bukoitza

Auf dem Rückweg nach Lübbenau wurde es anstrengend. Ich hatte teuflischen Gegenwind. Etwa 3 Kilometer vor dem Ziel setzte ich zum Endspurt an, überholte alle Radler, sogar die mit E-Bikes. Wieder war ich zu früh zurück. Also unternahm ich noch einen kleinen Ausflug zum Museumsdorf Lehde.

Museumsdorf Lehde

Und das war`s dann für den Tag.

      

Es war gestern und ist doch heute (25)

Die Leber im Whiskeyglas

Ich saß mit Fauser an der Bar, während Henry seine Wette abgab.
„Was hältst du von ihm?“ fragte ich Jörg.
„Er ist besser als ich.“
„Ist er besser als Burroughs?“
„Er ist anders.“
Wir bestellten uns noch 2 Whiskey ohne Eis. L.A. war ein heißes Pflaster, das ich nur scheintot ertragen konnte.
Ich sagte: „Aber Ernest ist der beste von allen.“
„Sie waren alle gut. Mal mehr, mal weniger.“
„Stimmt.“ Wir stießen an.
„Auf die nächste Möse, die uns über den Weg läuft.“
„Yeah.“
„Yeah.“
Ich drehte mich um und betrachtete die Menschen, die wie Ameisen durcheinanderliefen.
„Hoffentlich platziert er eine gute Wette.“
„Hoffentlich überlebe ich heute“, sagte Jörg.
„Elsa mag ihn nicht“, sagte ich.
„Elsa?“
„Sie erinnert sich nur an Die Leber im Whiskeyglas.“
Jörg kippte seinen Whiskey hinunter.
„Ist Elsa ein Pferd?“
Ich schwieg. Jörg drehte sich einen Joint. Der Barkeeper war im Hinterzimmer verschwunden und holte sich einen runter. Henry kam vom Wettschalter zurück.
„Hello Boys.“
„Hi Henry.“
„Hallo Arschloch.“
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich euch Zombies hier treffe.“ Ich grinste so breit wie die Golden Gate Bridge. Henry war schon eine Weile tot, Jörg noch länger. Der Barkeeper knöpfte seine Hose zu und schaute uns fragend an.
„Three Whiskey please“, sagte ich, „Ähm, und schmeiß in Henrys bitte ein Stück Leber.“
„What?!“
Wir bekamen unsere 3 Whiskey. Henry platzierte seine nächste Wette. Elsa ging als letzte über die Ziellinie. Jörg und ich wetteten darum, bei wem von uns zuerst das Licht ausgehen würde.

27.08.2002

Eine gute Reiselektüre ist Gold wert

Als Reiselektüre hatte ich Bukowski im Gepäck. Der hält mich immer bei Laune, auch wenn er etwas viel übers Ficken schreibt. Bereits nach dem 2. Tag hatte ich die Short Stories halb durch. Ich konnte schließlich nicht nur auf die großen Pötte auf der Elbe und die Spießer gucken, die da rumliefen oder sich zum Fressen in den Restaurants niederließen. Wedel ist nicht die Stadt, wo ich unbedingt leben wollte. Eine typische Ortschaft ohne nichts, wie es tausende Orte in Deutschland und überall auf der Welt gibt. Immerhin fand ich dort einen Laden, wo ich ein paar Hosen erstehen konnte. Die Verkäuferin war jung, hübsch und aufrichtig freundlich. Ich hatte Glück.  
Ich trieb mich den halben Tag dort an der Elbe herum und trank Bier. Mir wurde bald langweilig. Also radelte ich zurück zum ElbeCamp und weiter nach Blankenese, wo ich nochmal ein Bier trank. Ich erkannte, dass es mehr oder weniger arme und reiche Spießer gibt. Hier waren offensichtlich die reicheren und eingebildeteren unterwegs. Ich kann gar nicht sagen, wie mich diese Laffen ankotzen…
Gut, dass ich meinen Bukowski dabeihatte.

Ausgeträumt

Die Träume versanden im Alter. Bleiben tut die schnöde Hoffnung auf ein paar gute letzte Jahre. Sowieso: Es kommt, wie`s kommt. „Ausgeträumt“ heißt der letzte Roman Charles Bukowskis – „ein selbstironisches Adieu des alten Mannes aus L.A.“ lese ich auf dem Buchrücken. Passt. Ich mag diesen Haudegen Bukowski. Die Lektüre seiner Bücher war stets ein Trostpflaster – ließ mich schmunzelnd sagen: „Scheiß drauf!“ Ich entdeckte Bukowski für mich Anfang der Achtziger, als ich noch zur Schule ging. Fast nahtlos löste er Walt Disneys „Lustige Taschenbücher“ mit meiner Lieblingscomicfigur Donald Duck ab, dem liebenswerten Verlierer. Ich habe ein Faible für Antihelden. Nur nicht zum Pharisäer und Großkotz werden, war meine Devise. Okay, jeder ist, wie er ist. Man muss sich nicht mögen aber irgendwie friedlich nebeneinander leben. Das ist die Kunst. Die Welt sollte groß genug sein… Oder nicht? Schon zu Zeiten einer wesentlich geringeren Weltbevölkerung gingen die Menschen aufeinander los. Wozu dieser ständige Brudermord à la Kain und Abel? Mein Leben währt zu kurz, um hinter das Geheimnis der menschlichen Natur zu steigen. Aber ich sehe, was ich sehe.

Für heute steht auf dem Programm, dass ich mich mit Bukowski in den Biergarten setze und ein paar gepflegte Biere trinke.


Durch die Dünen

Fuck, morgen geht`s zurück ins Büro – dann hat mich der schnöde Alltag wieder. Die zwei Wochen gingen vorbei wie nichts. Vor wenigen Tagen tankte ich noch Sonne auf Gran Canaria und ließ die Seele baumeln. Die Fotos zeugen jedenfalls davon – es muss also passiert sein. Der Urlaubslack ist schnell wieder ab. Gestern war ich im Biergarten am Gleisdreieck. Er hatte tatsächlich schon geöffnet. Die Schlange an der Kasse war lang, darum bestellte ich mir gleich zwei große Helle. Es war kälter, als ich dachte. Eine leichte Dunstglocke minderte die Kraft der Sonne. Außerdem ging ein frostiger Wind. Ich schlabberte das Bier und las Stories aus Bukowskis Nachlass. Was für eine Knalltüte, dieser Bukowski! Ich mag seine Schreibe. Einiges kann ich ganz gut nachvollziehen.
Z.B.: „Um zu schreiben muss man sich entweder sehr gut oder sauschlecht fühlen, aber malen kann man, wenn man sich gut, schlecht oder irgendwo dazwischen fühlt. Wobei für mich alles besser ist, wenn ich betrunken bin, Sex genauso wie das Schreiben, Malen und der Stierkampfbesuch. Bei anderen mag das anders sein. Aber Malen, Trinken, Ficken, Schreiben sind nicht alle eins, nur beinah.“
Stierkämpfe habe ich noch nicht besucht, aber was das andere angeht, stimme ich im Großen und Ganzen mit Buk überein.
Langsam wurde es mir zu kalt im Biergarten. Ich hatte nur ein T-Shirt und eine Jacke drüber an. Also beschloss ich, die Sache abzubrechen. Am späten Nachmittag lief im Cinemaxx am Potsdamer Platz Sisters Brothers. In den Streifen wollte ich schon vor meinem Urlaub gehen. Ein Western über zwei ungleiche Brüder, die als Auftragskiller unterwegs sind. Gutes Handwerk. Ich meine den Film.
Okay, so weit so gut. Stellt sich die Frage, was ich heute mache, wenn ich hier mit dem Schreiben fertig bin… Nur kein Stress, Baby. Der Tag geht ganz von alleine rum. Wo geht sie eigentlich immer hin, die Zeit? Man kriegt sie nicht zu fassen. Man muss immer weiter, selbst wenn man stehenbleibt.
Ich denke an meinen ersten Spaziergang von Playa del Ingles zum Faro de Maspalomas. Ich schlappte durch die Dünen. Mann, war das mühsam, durch den Sand zu gehen. Und heiß! Die alten Säcke überholten mich. Woher nahmen sie diese Energie? Ich sagte zu mir: Mach langsam, du hast alle Zeit der Welt. Sollen sie dich überholen. Scheiß drauf. Ich lasse mich auf kein Wettrennen ein.
Warum fühlen wir uns im Leben immer so getrieben? Bringt uns das irgendwie weiter? An der nächsten Ampel müssen wir sowieso warten. Oder so ähnlich. Egal, wie sehr man sich abstrampelt, – man hängt wie ein Fisch am Haken der Zeit. Ich sehe im Geiste, wie ich morgen die Hühner in ihren Büros begrüße, Smalltalk über den Urlaub; ich hole mir die Arbeit aus dem Stahlschrank, tausende Tumorfälle, fahre den Computer hoch, mache mir einen Kaffee…
And so on.

 

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Ohne Bukowski nach Kopenhagen

Seit Monaten trage ich einen Gedichtband Bukowskis in der Tasche mit mir rum. Er hat den sympathischen Titel „Alle reden zu viel“. Ich gehe nicht gern ohne Buch aus dem Haus. Es könnte doch sein, dass ich unterwegs lesen will. Früher las ich tatsächlich viel in Kneipen, Cafés, im Biergarten oder auf einer Sommerwiese. Heute doch wesentlich weniger, aber die Angewohnheit blieb. Na ja, für ein paar Gedichte Bukowskis reicht`s schon noch. Ich nehme mir oft vor, dass ich wieder mehr lesen sollte. Was man sich nicht alles vornimmt, und die Jahre vergehen…
Vielleicht jetzt im Urlaub. Ich erinnere mich noch gut an die ein oder andere Reiselektüre, wie sie mir über die Tage half, wenn ich alleine unterwegs war. Das tagelange Alleinsein stellt selbst für einen Eigenbrötler wie mich eine gewisse Herausforderung dar. Ein Buch kann zu einem guten Reisegefährten im Geiste werden. Was will ich mir also für meine unmittelbar bevorstehende Reise zu lesen mitnehmen? Nein, Bukowski eher nicht, lieber einen Autor, den ich noch nicht kenne…, z.B. Hunter S. Thompson „The Rum Diary“ ( – steht schon länger auf meiner Wunschliste).
Übermorgen starte ich. Eine Fahrradreise von Berlin nach Kopenhagen. Ich spüre bereits das Reisefieber. Kaum zu glauben, wie schnell der Urlaub plötzlich vor der Tür stand. Ein halbes Jahr im neuen Job. Leicht fällt mir diese Tumordokumentation immer noch nicht. Trotzdem – die Probezeit geschafft, wieder eine Etappe abgehakt. Nun drei Wochen ganz was anderes: kein Büro, kein Computer, keine Tumorfälle, keine gackernden Hühner…, raus aus dem stickigen, lärmenden Berlin: nur frische Luft, der Weg, mein Fahrrad, jede Menge Natur, schöne Ausblicke, Sonne, Strand und Meer.
Zuerst geht`s quer durch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern nach Rostock, mit der Fähre rüber nach Dänemark und dann die Küste entlang bis Kopenhagen. Summa summarum 700 Kilometer. Keine ganz kleine, aber auch keine große Tour. Ich plane etwa zwei Wochen ein. Danach bin ich bestimmt mega-satt an Reiseeindrücken. Außerdem werde ich mich auf mein Bett freuen.

Allen bis dahin eine gute Zeit!