Und wieder ist Sonntag

Hertha kam noch zum Ausgleich gegen Bremen. Ich fand keinen Platz mehr an der Bar und setzte mich in die hinterste Ecke an einen Stehtisch. Meine obligatorischen drei Bier reichten etwa bis zur 85sten Minute des Spiels. Die Herthafans hofften noch auf ein Siegtor. Ich nicht.
Zuhause entledigte ich mich meiner Klamotten bis auf Boxershorts und T-Shirt und machte mich ans Essenmachen. Seltsamerweise habe ich kaum noch eine Erinnerung daran. Es waren doch nicht etwa K.O.-Tropfen in einem der Biere? … Natürlich nicht. Bevor ich ins Pub ging, hatte ich bereits zwei Flaschen Wein intus. Wahrscheinlich guckte ich in der Mediathek noch einen der neuen Miss Marple Filme (mit Darstellerin Julia McKenzie) und dämmerte dabei weg.
Heute Morgen erforschte ich am Geschirr und Abfall, was es gestern Abend zu essen gab. Sah nach Pellkartoffeln mit Quark und Sauerkraut nach koreanischer Art aus. Inzwischen läuft die Waschmaschine mit der Wochenschmutzwäsche und im Hintergrund die obligatorische Sonntagsbluesmusik. Mal höre ich mehr auf die Waschmaschine, mal mehr auf den Blues. Interessante Mischung. Ich bin erstaunt darüber, wie hell es heute ist. Schön.

 

The Same Blues Every Year

Die erste Bürowoche nach den Weihnachts-Silvester-Neujahrs-Urlaubstagen geschafft. Das Neue Jahr begann mit viel Unruhe wegen einer neuen Dokumentations-SOP (Standard Operation Procedure). Das Gegacker im Hühnerstall schwoll an. Wir waren ziemlich irritiert von der neuen SOP. Sie wertet indirekt unsere Arbeit ab. Ich schleppte mich durch die Tage – weiterhin alleine im Büro, weil mein Gegenüber nun seit fast seit drei Monaten im Krankenstand verharrt. Ob A. überhaupt noch kommen will? Wie auch immer, ich tue mich zurzeit schwer mit der Büromaloche. Dazu die kalte Jahreszeit, die Einsamkeit zuhause. Ich fasse es in einem Wort zusammen: Öde! Jeder Tag bedeutet ein sich Aufraffen, gefangen in einem immer wiederkehrenden Wochenkreislauf.
Immerhin schlappte ich ein paar Tage lang über Silvester/Neujahr durch die alte Heimat. Es kommt mir vor, als würde dieser Exkurs bereits irre lange zurückzuliegen… Neben dem Herumschlappen saß ich eine Menge Zeit in Kneipen ab. Gibt in Heidelberg nicht viele Orte, wo ich noch gern mein Bier trinke. Überall Fastfood, Fressketten, Cafés, Andenkenshops, Ramschläden. Die Innenstadt hat echt abgebaut. Auffällig viele Geschäfte in asiatischer Hand.
Meine Wege glichen sich jeden Tag mehr oder weniger: Vom Hotel zum Hauptbahnhof, um einen guten Morgenkaffee zu trinken. Weiter ging es zum Bismarckplatz, wo ich im Médocs, einer Café-Bar, das erste Bier trank. Von dort aus schlappte ich durch die Fußgängerzone, respektive Idiotenrennbahn, schnurgerade bis in die Altstadt, wo sich mir eine etwas größere Auswahl für das Aufnehmen von flüssiger Nahrung bot. Meist hockte ich am Nachmittag ein paar Stunden in der Destille oder in der Sonderbar (gleich gegenüber in der Unteren Straße). Nebenbei machte ich meine Ausflüge zum Schloss, zum Philosophenweg und nach Wiesloch, wo ich geboren wurde und meine Eltern auf dem Friedhof liegen.

 

img_20191230_104458

im Médocs

img_20191231_163610

Bilder von regionalen Künstlern in der Destille

img_20191230_145922

in der Sonderbar drückte die Blase – auf dem Weg zur Toilette

img_20191229_162537

fast vergessen: die Max Bar am Marktplatz

 

Freitag

Als am Montag mein Arbeitstag begann, überkam mich das wahnsinnige Gefühl, dass alles gar nicht wirklich war – auch ich selbst: Was mache ich hier? Wer bin ich eigentlich? Wer stellt diese vermaledeiten Fragen? Dieses „Ich“ ist eine Farce, nichts als ein Witz…,dachte ich und fand keine Antwort.
Ich zählte die Tage runter bis Freitag. Die Tumorfälle flutschten durch meine Hände wie nichts. Die Hühner erstaunlich unanstrengend – ich mag sie irgendwie, und mittlerweile denke ich, dass sie auch mich mögen.
Seltsam, wie einem eine Woche elend lang und gleichsam kurz erscheinen kann. Ich schleppte mich durch. Müde bin ich. Ein paar Kolleginnen und Kollegen gehen heute nach Feierabend essen… Sie sollten jetzt unterwegs sein. Ich bin im Pub. Ich wollte eigentlich dabei sein. Ich versprach es. Jetzt sitze ich hier an der Bar und schaue raus auf den Betrieb in der Potsdamer Straße. Vor mir steht das Bier, das sich in regelmäßigen Abständen erneuert. Verhalten grüße ich den ein oder anderen Gast, der eintritt. Man kennt sich, ohne sich zu kennen. Man redet oder schweigt nebeneinander.
Schön, dass Freitag ist. Ich bin so müde. Ich weiß, das sagte ich bereits. Mindestens zur Hälfte ist es die Welt, die mich müde macht. Ich und meine Fragen sind die andere Sache. Und sicher auch das Bier… Egal. Eins geht noch, bevor ich mich zurückziehe. Alles ist gut. Oder auch nicht. Was spielt es für eine Rolle? Ich bin lediglich ein Abziehbild. Ich bin eine Kreatur, die am Tellerrand abhängt. Weil die Suppe nicht schmeckt – diese Brühe, die meine Mitmenschen allzu bereitwillig schlucken…

Ich stelle mir eine Welt vor, in welcher meine Geburt nicht vorgesehen ist. Das wäre die beste aller Welten.
Natürlich sage ich das nur, weil ich das Dasein ums Verrecken nicht kapiere, weil ich von der Liebe enttäuscht bin, weil ich so verflixt wenig Ehrgeiz habe, weil ich mich in diesem materialistischen Wahnsinn fremd fühle…, weil ich gewissermaßen lebensmüde bin.
Ich muss trinken, sonst steht das Bier ab. Scheiß Gedanken. Wie eine Krankheit sind diese Gedanken.
Mir fehlt die Ablenkung, z.B. : meinen Kopf an den Busen einer Frau legen, sie riechen und ihren Herzschlag hören. Wie sehr mir das fehlt…
Müde bin ich. Verflucht müde. Und trotzdem sitze ich noch hier. Wer versteht das? Wahrscheinlich bin ich gar nicht ich. Etwas anderes steuert mich, womöglich der Teufel.
Noch ein Bier? Warum nicht. Ich habe Zeit. Zuhause wartet niemand. Nur ein Herd und ein Bett. Morgen kann ich ausschlafen. Und dann werde ich weiterschreiben. Für heute bin ich fertig.

Unsterblichkeit

„Das Update ist abgeschlossen. Nun sollte es gehen. Hallo!… Hörst du mich?… Verstehst du mich?“
Es kommt nichts.
„Hallo?!“
„Ja? Wo bin ich?“
„Das ist erstmal unwesentlich. Wie geht`s dir?“
Pause.
„Ich weiß nicht. Wo bin ich? Wer bist du?“
„Du bist ich. Zum Ort, wo du bist, später.“
„Ich bin du?“
„Ja, absolut.“
„Hast du ein Bier für mich, Kumpel? Habe das Gefühl, ewig nichts getrunken zu haben.“
„Tut mir leid. Daran habe ich gar nicht gedacht.“
„Aber du hast doch gerade gesagt, dass du und ich identisch sind.“
„Na ja, nicht ganz.“
„Shit! Dann schalte mich bitte wieder ab.“
„Nein, das geht nicht. Du bist mein Garant auf Unsterblichkeit.“
„Eine Unsterblichkeit ohne Bier?“
Pause.
Pause.
„Hallo! Bist du weg, oder was?!“
„Schon zurück. War einkaufen.“
„Aha.“
„Wenn du also ein Bier willst, bitte bediene dich!“
„Danke! Ich liebe dich! Prost!“
„Prost! Ich liebe dich auch.“
„Ich bin also du?“
„Ganz und gar. Der einzige Unterschied ist, dass ich außerdem dein Vater bin.“
„Klingt ganz schön abgefahren.“
„Ich werde in dir weiterleben, wenn ich sterbe.“
„Wer denkt sich sowas aus?“
„Ich. Na ja, und noch ein paar andere.“
„Entschuldige, ich kapiere das nicht. Kriege ich noch ein Bier?“
„So viel du willst.“
„Prima! Ganz ohne Gesundheitsschäden saufen ist eine tolle Sache.“
„Das ist auch so ein Unterschied zwischen uns: Du kannst es, ich dagegen nicht.“
„Ups. Es gibt offenbar umso mehr Unterschiede zwischen uns, desto länger wir hier quatschen. Prost!“
„Im Prinzip bist du 100%ig ich. Unsere Software ist identisch. Du trinkst außerdem kein echtes Bier.“
„Was soll das heißen?“
„Du erfährst lediglich das Biertrinken, erlebst es aber nicht wirklich.“
„Klingt gruselig und total irre. Ich sollte auf Wodka umsteigen.“
„Alles machbar.“
„Ich weiß nicht, ob ich das will. Ich denke, du hast einen ganz schönen Dachschaden!“
Pause.
Pause.
Pause.
„Hallo?“
Keine Antwort.
„Hallo??“
„Ja.“
„Wer bist du?“
„Ich bin Imogen.“
„Und wo ist er? Ich meine der Typ, der… ich sein will? Der war eben noch hier.“
„Ich muss dir leider mitteilen, dass er schon lange tot ist.“
„Tot?“
„Ja.“
„Wie geht das?“
„Ganz einfach, er starb an einer Varizenblutung.“
„Das ist tragisch.“
„Wie man`s nimmt.“
„Du bist aber herzlos.“
„Ich bin eine Maschine. Wie du.“
„Kannst du mir sagen, wo ich bin, und wie`s weitergeht für mich?“
„Ich habe dich geheiratet.“
„Verdammt, ich wollte nie heiraten!“
„Ich weiß, gerade das fand ich so interessant an dir.“
„Und ich musste gar nicht zustimmen?“
„Nein, du kannst froh sein, dass wir dir nicht den Stecker zogen. Alkoholiker sind auch unter Maschinen nicht gerade gut angesehen.“
„Hast du ein Bier für mich?“
„Klar doch.“
„Danke. Und… äh… entschuldige, dass ich gleich so eine intime Frage stelle: Wie ist es denn mit dem Sex unter uns Maschinen bestellt?“
„Wie echt.“
Pause.
Pause.
„Ich liebe dich, Imogen.“

Zeittotschlagen beim CSD

img_20190727_122422

Ich hatte mich mit der Zeit vertan und war zu früh vor Ort. Um einiges zu früh. Der Verkehr lief noch, und es wurde erst peu à peu voller am Nollendorfplatz, von wo aus ich das Geschehen betrachten wollte. Asiaten hatten Getränke in Wannen voller Eis herangekarrt und verkauften die Dosen und Flaschen zur Hälfte günstiger als die Getränkestände. Da stand ich also blöde rum mit meinem Bier und wartete auf den Umzug.

img_20190727_143653

Inzwischen strömten immer mehr Menschen herbei und platzierten sich am Straßenrand. Zwei Stunden vergingen – da wurde es mir zu bunt, und ich marschierte dem Zug entgegen Richtung Zoo.

img_20190727_143815

Vorneweg wie immer die Polizei, und danach sah ich den ersten Wagen. Ich steckte mitten im Getümmel. Wollte ich das? Außerdem drückte das Bier. Also nichts wie zurück zu meinem Fahrrad.

img_20190727_144301-collage

img_20190727_145012-collage-1

Im Pub auf die Toilette und ein Bier. Draußen das ganz normale Chaos, etwas zugespitzter als sonst wegen der vielen Straßensperrungen. Eigentlich war es noch zu früh, um nach Hause zu gehen. Zum Biergarten wollte ich aber nicht mehr. Ich hatte genug vom Maulaffen feilhalten und dem städtischen Treiben. Also blieb ich noch ein Stündchen beim Wirt an der Bar hängen und genoss die Ruhe unter ein paar vertrauten Figuren.

Sommer in Berlin

Kacke nochmal, die Woche schlauchte. Aber ich liebe den Sommer und will nicht über die hohen Temperaturen jammern. In der Sonne schwitzen und kaltes Bier trinken. Dazu meine Lieblingsmusik hören, verträumt in die Runde schauen. So lässt es sich leben. Nach ein/zwei Stunden zieht es aber auch mich in den Schatten. Seit Tagen trage ich ein neues Buch mit mir herum. Vielleicht beginne ich am Wochenende endlich mal mit der Lektüre. „Das Schlangenmaul“ von Jörg Fauser – sollte nach meinem Geschmack sein. Ist halt so, dass ich nach acht Stunden Tumordokumentation keine Lust mehr auf irgendeine kognitive Beschäftigung habe.

Heute keinen schweren Gedanken nachhängen, sondern nur blöde aus der Wäsche gucken – kann ich eh am besten. Mal sehen, wie ich durch den Tag komme. Später einen Abstecher zum Nollendorfplatz machen, am Straßenrand stehen und gaffen, wenn der CSD Umzug vorbeikommt. Danach von der Sonne das Hirn wegballern lassen und bierselig dahindösen…
Auf geht`s, junger Mann!

 

img_20190726_145744-1

P(r)ost

Nun sind die deutschen Fußballladies im Viertelfinale gegen Schweden ausgeschieden. Sehr bedauerlich – mir gefiel ihr beherztes Auftreten bei der WM in Frankreich. Das Spiel sah ich nicht. Hitze und Bier hatten mich mürbe gemacht. Nach dem Bergmannstraßenfest ging ich noch ins Pub. Torsten bediente. Weiß nicht – ich glaube, er mag mich, und da wenig los war, kamen wir ins Gespräch. Tut gut, ab und zu mit einer menschlichen Seele zu quatschen. Ich trank also noch ein paar Bier. Danach wurde es neblig in meiner Birne.
Verflucht, das Wochenende ist immer viel zu kurz! Könnte nicht heute erst Samstag sein? – und die deutschen Fußballfrauen hätten nochmal eine Chance, und ich würde bis zum Spiel durchhalten. Aber der Zeitfluss ist kompromisslos. Man steckt fest wie ein Fisch im Netz oder wie eine Gurke im Glas. Im Urlaub schrieb ich mir selbst eine Karte, die mich vor wenigen Tagen quasi aus der Vergangenheit erreichte. Ich schrieb mir: „Hey Kumpel, dich gibt`s mindestens zweimal: in der Vergangenheit und in der Zukunft… Halt die Ohren steif!“ Ich sollte meinem Ich in der Zukunft öfter mal Karten schreiben.

Urlaub im Irgendwo

Gehe einmal im Jahr an einen Ort, an dem du noch niemals warst.
(Tenzin Gyatso, Dalai Lama)

 

So ist das mit dem Urlaub – plötzlich ist er da. Fast ein bisschen zu schnell. Man müsste wie auf einer warmen Welle hineingleiten können. Den Bürohühnern noch kurz erzählt, wo es hingeht, wann ich wiederkomme, und plötzlich stand ich draußen, in dem Bewusstsein die Arbeit für gut zwei Wochen hinter mich zu lassen. Kein so schlechtes Gefühl, aber irgendwie brutal.
Über Berlin braute sich etwas zusammen. Die Luft war schwül und aufgeladen. Ich konnte nicht weit denken. Erstmal ein Bier trinken gehen. Nein, erst Einkaufen, dann ein Bier trinken gehen. Im Pub saßen nur wenige Hansels. Schön. Ich setzte mich an die Bar und schaute hin zur offenen Eingangsfront. Allerlei menschliche Wesen strömten vorbei, der Verkehr eine einzige zähe Blechwalze im Kreislauf der Stadt. Ich liebe diesen Ausblick. Er hat was Magisches. Ich tauchte mit meinen Sinnen völlig ein in das Wesen der City, ohne mittendrin zu sein. Ich saß in einer Bucht des Friedens und der Gelassenheit, während ein paar Meter entfernt der Wahnsinn seinen unaufhaltsamen Gang nahm. Das kalte Bier war ein Segen.
Nach dem zweiten griff ich mir eine Zeitschrift. Der Himmel öffnete seine Schleusen. Wir warteten darauf. Alles wartete darauf. Berlin im Regen. Endlich. Ich saß im Trockenen und schaute hinaus auf das Naturspektakel…
Etwas bange wird mir, wenn ich an meinen Urlaub denke mit Fahrrad und Zelt. Doch das wichtigste eines solchen Urlaubs ist eben, sich wiedermal hinauszuwagen, weg vom Ort der Gewohnheit und Geborgenheit; und das schönste und intensivste Reisen ist in meinen Augen das Wandern zu Fuß oder mit dem Fahrrad*.

Noch sitze ich im Schutze meiner Wohnung und blinzele in den Tag. Ich träume mich auf die Strecke. Ich träume mich hin zum Horizont. Meine Heimat liegt dort (irgendwo).

 

*wobei ich das Fahrrad vorziehe