„Ich bin`s nur“ oder: Das Ding mit dem Dasein

Bevor ich die Frage nach einem Leben nach dem Tod stelle, frage ich vordererst nach dem Mysterium Leben. Was treibt mich an diesem Ort in dieser Zeit um als eine Kreatur, die sich Mensch nennt? Wer spricht aus mir? Ist das meine Seele? – oder ist es einfach dieser Nervenknoten in meinem Kopf, auch als Hirn bekannt? Und was heißt in diesem Zusammenhang Bewusstsein? Natürlich weiß ich, dass ich ich bin. Immer und immer wieder wache ich als derselbe auf, als der ich am Vorabend ins Bett ging. Und die Welt ist auch noch dieselbe, wenn ich meiner Erinnerung Glauben schenken darf. Freilich auf längere Sicht betrachtet, änderte ich mich schon – da muss ich mir nur ältere Fotos anschauen oder alte Gedichte und Blogbeiträge lesen. Es tat sich einiges in den mittlerweile fast sechs Jahrzehnten, in denen ich Tag für Tag die Sonne auf- und untergehen sah. Ich reifte heran und wurde Mitglied der Erwachsenenwelt. Wobei ich mit dem Attribut „erwachsen“ so meine Probleme habe. Aber das ist ein anderes Thema. Im Großen und Ganzen verlief mein Leben derart, wie es eben in unserer Gesellschaft vorgesehen ist. Wir leben in einer Art Korsett, und viele Menschen brauchen das auch, um nicht den Halt zu verlieren. Ich dagegen fühlte mich von den Erwartungen, Vorgaben und Zwängen durchweg gepiesackt und eingeengt. In meinem Kopf nahmen die Fragezeichen betreff der Sinnhaftigkeit menschlichen Treibens sowie der bestehenden Ordnung nie ab. Die Welt, in die ich geboren wurde, war mir fremd. Sie ist mir bis heute fremd. Ich lernte es, mich bis zu einem gewissen Grad anzupassen. Reiner Überlebenstrieb. Und natürlich veränderte ich mich mit den Jahren…, wie jede Kreatur dem Werden und Vergehen des Lebens unterworfen ist. Im Kern jedoch blieben meine Fragen nach dem, was ich hier eigentlich treibe. Und dieser Kern ist vielleicht das, was gemeinhin auch als Seele bezeichnet wird. Aber wo kommt die Seele her? Von meinen Eltern und Ahnen? Oder von den Sternen? (- was mir angenehmer wäre.) Ich glaube, dass von meinen Erzeugern lediglich die äußere Form stammt: zum einen körperlich, auch gewisse Charakterzüge, Begabungen, Stärken und Schwächen, quasi alles, was genetisch determiniert ist. Der Kern (oder die Seele) dagegen machen mein Ich aus. Selbst wenn das oberflächlich gesehen nur Leere sein sollte. Ich spüre, dass in meiner Form etwas ist, das den Tod überleben wird. Ich stelle mir die Seele wie einen Geistersamen vor, der von einer Form in die nächste fließt. Die Materie würde ohne diesen Geistersamen in sich zusammenfallen…

Soweit meine heutigen Gedanken zu dem entscheidenden Thema, welches mich, seit ich denken kann, beschäftigt und gewissermaßen prägt. Äußerst mysteriös das Ding mit dem Dasein…
Als ich am Morgen aufstand, hatte ich einen sonderbaren Gedanken: Wie wäre das, wenn ich in den Spiegel schaute, und die Person, die ich sähe, sie wäre nicht ich, sondern eine andere… Ich zögerte wirklich für ein paar Momente in den Badezimmerpiegel zu blicken. Verschlafen blinzelte ich dann doch hinein… und erkannte dieselbe Hackfresse wie immer. Die grinste mich breit an und meinte: „Ich bin`s nur.“
Was ein Trost!

 

Alles ist hohl

Ich mag abwegige Ideen, also Ideen, die von unserer gelebten Wirklichkeit abweichen… teils erheblich abweichen. Auf YouTube ziehe ich mir allerlei rein: von UFO-Theorien, Präastronautik bis hin zur Hohlen Erde. Selbst die Mainstreamwissenschaft gelangte inzwischen an einen Punkt, wo irrwitzige Theorien sprießen. Wir reden vom Multiversum, von Wurmlöchern und eingerollten Dimensionen. Las ich als Kind noch fantasiesprengende Märchenbücher, so entdecke ich heute das Fantastische (Unheimliche) in den sogenannten konkreten Wissenschaften. Die Wissenschaftler erscheinen wie Magier, wenn sie über die Phänomene des Universums oder der Quantenwelt referieren. Ich weiß nicht, ob sie verstehen, worüber sie reden. Zumindest tun manche so. Erforschte Realität und menschlich erfahrbare Wirklichkeit stehen im Diskurs. Was ist Materie? Existiert sie als solche überhaupt? Was ist Raum? Was ist Zeit? Nicht einmal die genialsten Geister der Welt finden auf diese Fragen zufriedenstellende Antworten. Das Wesen der Welt bleibt ein Mysterium. Dazu gehört unser Dasein. Dazu gehören Bewusstsein und Intellekt, welche uns erst über die Welt sinnieren lassen.
Wer bin ich? Woher komme ich? Wozu das alles? Ich habe oft das Gefühl, dass solche Fragen ketzerisch sind. Niemand will sie hören. Selten gab es Menschen, mit denen ich mich darüber ernsthaft austauschen konnte. Der erste und zugleich wichtigste Mensch, der auf meine Fragen einging, war meine Mutter… Als Teenager wurde mir klar, dass ich niemals aufhören kann, unser Dasein zu hinterfragen. Ich kann mich nicht der materialistischen Welt ergeben. Auf der anderen Seite blieben mir die angebotenen Religionen suspekt. Ich sah in ihnen lediglich eine Ausrede.
Gott ist tot. Er passt schon lange nicht mehr in unsere Welt. In meine Welt hätte er nie gepasst. Zu jeder Zeit wäre ich ein Ketzer gewesen. Glücklicherweise lebe ich heute und nicht im Mittelalter.
Ich glaube an nichts. Ich verleugne gar meine Existenz. Ist das nicht verrückt? Dieser absurde Nihilismus schafft erst das, was ich zu begreifen meine… Eben nichts.
Da sitze ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor.

Das zumindest kapierte schon Goethe.

Zurück zur Faszination am Fantastischen: Weg von der Selbstvergewaltigung als funktionierendes Mitglied in einer Gesellschaft, die ich nicht verstehe. Weg von der irrsinnigen Bürokratie. Weg von der Leistungsgesellschaft. Weg von Ideen wie Glaube und Kapitalismus. Weg von Krieg und Ausbeutung. Weg von der Macht des Geldes. Weg von der Gewalt. Weg von den vielen Lügen…
– von mir aus hinein in eine Hohle Erde, wo das Gute nicht nur eine blasse Idee ist, sondern seit Jahrtausenden gelebt wird.

 

Alle noch am Leben?

Die Welt ist gefühlt gefährlich. Besonders der Großstadtverkehr. Dann die vielen Krankheiten, die nur darauf warten, sich in dein Leben einzumischen. Schließlich noch all das andere wie: von der Leiter fallen, einen tödlichen Stromschlag bekommen, von etwas Herabfallendem erschlagen werden, Ertrinken, Opfer eines Brandes werden, Vergiftung…, und schließlich und endlich gibt es da noch Mord und Totschlag, Terror und Krieg. Jeder Tag kann der letzte sein.
Ich habe mal wieder eine Woche geschafft. Gut, das Büro ist nicht unbedingt der gefährlichste Ort. Eher sterbe ich zuhause im Bad durch einen unglücklichen Sturz. Auch Herzinfarkt und Schlaganfall sind aufgrund meines Alters, meines Bluthochdrucks und Alkoholismus nicht ganz abwegig. Ich dachte in dieser Hinsicht schon immer fatalistisch. Es kommt, wie`s kommt. Muss man das Elend bis ins hohe Alter mitmachen? Am Ende holt dich der Tod doch. Ich setze mich mit dieser Thematik schon seit meiner Jugend auseinander und komme zu dem Schluss, dass Leben und Sterben für das selbstbewusste Individuum ein Irrsinn sind. Oder anders gesagt: Es sollte/dürfte mich gar nicht geben. Bewusstsein bedeutet im Denken eine hochgradige Freiheit, welche aber in der biologischen Schöpfungswelt nicht vorgesehen ist. Ein Grund, warum der Mensch Ideen von Gott und einem Leben nach dem Tod ersann – eben um sich der Widersinnigkeit seines Daseins nicht zu stellen. Dass man sich dabei selbst in die Tasche lügt, wird in Kauf genommen. Wie der Volksmund sagt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Und: Nichts Genaues weiß man nicht.

 

Rotznase und Qualia

Die Welt ist kryptisch. Nicht nur in der Philosophie, den Naturwissenschaften und der Kunst, sondern auch im Alltag. Besonders wenn man einen dicken Kopf aufgrund einer fetten Erkältung hat. Inzwischen quillt der Abfall von Rotztüchern über…
Zur Zerstreuung zog ich mir am frühen Morgen auf YouTube Physikzeugs und Philosophisches rein. Ich wälzte mich im Bett von einer Seite auf die andere und lauschte den Beiträgen. Schön war, dass ich viele meiner Gedankengänge und Fragen wiederentdeckte, bloß eben von Professoren formuliert. Erst quatschte Harald Lesch eine Stunde über die Grenzen der Erkenntnis in der heutigen Physik, und schließlich klickte ich auf ein Interview mit dem australischen Philosophen David Chalmers – war recht unterhaltsam, was er über Bewusstsein, respektive Qualia zum Besten gab. Unleugbar gibt es etwas, das aus mir herausschaut, riecht, schmeckt, fühlt, denkt…, sowas wie mein bester Kumpel, der auf Gedeih und Verderb an mich gekettet ist. „Hey Alter“, sagt er mir gerade, „lass dich von so`ner mistigen Erkältung nicht unterkriegen. Ruhe dich aus. Es ist Sonntag. Morgen gehst du zum Arzt und lässt dich ein paar Tage krankschreiben.“ Klar, recht hat er. Scheiß auf den hohen Krankenstand in der Firma. Der liegt nicht an mir… Hatschi!!! Schnäuz! Teufel, Teufel! Die können froh sein, wenn ich sie nicht mit dieser Seuche infiziere.
Aber zurück zum Qualia-Problem. Schon komisch, dass es dieses Bewusstsein gibt, mit welchem man eine Beziehung zu seiner Umwelt aufbaut bis hin zu philosophischen Fragestellungen. Chalmers fühlt sich zum Panpsychismus hingezogen. Kurzgefasst werden in dieser Theorie alle Erscheinungen der Welt als beseelt angesehen – jedenfalls mehr oder weniger. Daniel Dennett, seines Zeichens auch Philosoph (und der sieht wirklich wie einer aus!), vertritt einen relativ entgegengesetzten Gedankengang: Er vergleicht das Phänomen Bewusstsein mit der Benutzeroberfläche eines Smartphones, welche den komplexen Apparat für uns erst bedienbar macht. Das Bewusstsein ist in diesem Sinne ein von der Evolution hervorgebrachtes Konstrukt, eine naturalistische Software (um im Bild zu bleiben). Klar, dass sich Chalmers und Dennett öfters in den Haaren liegen. (Ich stelle mir vor, wie Chalmers Dennett am Bart zieht und Dennett Chalmers an seinen Haaren packt.)
Ich weiß nicht, wohin ich tendiere. Schätzungsweise sind wir alle Zombies und blasen uns lediglich geistig auf. Auf der anderen Seite verspüre ich in mir eine große Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmtheit… Dann das Problem mit dem Tod. Wo sitzt mein Bewusstsein, wenn nicht im Hirn? Und wo wird es einmal hingehen?
„Alter Walter!“ meint mein an mich geketteter bester Kumpel, „krieg dich wieder ein, du machst mich depressiv. Tu irgendwas, aber grübele nicht in einem fort über das Dasein und seine Macken. Es ist, wie`s ist. Vergiss das Leben nicht. Einfach mal wieder bumsen! Das wird dich wieder nach vorne bringen!“
„Hey, hey, hey! Du könntest dich etwas feiner ausdrücken. Von wem hast du diese ordinäre Seite? Erzwingen kann man nichts. Und ich philosophiere eben gern.“
„Noch nie was von Jekyll and Hyde, Faust und Mephisto gehört? Oder für dich weichgespült: Engelchen und Teufelchen?“

Ich brach die Unterhaltung ab. Ich lasse mich nicht aus der Fassung bringen, schon gar nicht von diesem Großmaul in mir. Ich bin ich. Zwischen mir und mir passt kein Blatt Papier.
Was läuft im Fernsehen? Gleich mal nachgucken. Ein nachmittagsfüllendes Wintersportprogramm wäre jetzt genau das Richtige.

Zimmer 7

Der Typ, der gerade diese Zeilen tippt, das bin nicht ich. Ich kann ihn beobachten, wie er das alles macht: morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, mit den Bürohühnern quatschen, Einkaufen, im Pub Bier trinken…, aber das bin nicht ich. Nicht wirklich – es ist ein Programm, das abläuft. Aber was ist schon wirklich? Heute Morgen, als ich aufwachte, kam mir alles total unwirklich vor. Lebe ich in derselben Welt wie gestern? Oder kriege ich es nur suggeriert? Fuck! Mich beschleicht das unheimliche Gefühl, dass irgendwas mit der Welt grundlegend nicht stimmt, und niemand merkt was. Jedenfalls nicht ernsthaft. Vielleicht haben viele einen ähnlichen Verdacht wie ich aber trauen sich nicht, darüber zu reden – weil es einfach zu verrückt ist. Dabei ist für uns das Leben, wie es sich abspielt, nur deswegen normal, weil wir nichts anderes kennen und unser Hirn darauf programmiert bzw. geeicht ist. Abweichungen gelten als pathologisch. Ich bin mir aber sicher, dass ich nicht irre bin, sondern die Welt. Ständig frage ich mich, was ich hier eigentlich mache. Spielt da jemand ein abgefahrenes Spiel mit uns? Nach dem Motto: du darfst jedes Zimmer dieses Hauses betreten, nur nicht Zimmer 7 im dritten Stock. Zimmer 7 ist tabu, kapiert! Darüber gibt`s keine Diskussion!
Oder anders gesagt: Wer über eine gewisse Grenze hinausdenkt, betritt gefährliches Terrain. Jedes Programm hat seine Knackpunkte. Wenn man nicht will, dass alles kippt, hält man sich besser an die Regeln. Dumm nur, dass ich im Denken ein verdammter Anarchist bin. Ich stehe auf der Türschwelle zu Zimmer 7. Ich habe Angst. Nein, es ist nicht direkt Angst. Ich kann es schwer in Worte fassen. Eine Art Kälte, würde ich sagen…

Der Typ, der gerade diese Zeilen tippt, das bin nicht ich. Habe ich das schon gesagt? Keine Ahnung, was mit mir heute los ist. Wiedermal einer von meinen idiotischen Tagträumen. Ich hätte gestern den Cidre besser ohne Wodka getrunken. Dazu die schwüle Hitze. Und auf der Wiese machten zwei Girls Yogaübungen, und ich musste immer wieder hingucken, auf ihre Ärsche und Titten, ihre weiblichen Kurven… Fuck! Das ist Leben!

Kopfsache

Schwer zu beschreiben solche Momente: es ist ein kurzes Innehalten… Ich habe das oft, wenn ich morgens vor die Tür gehe, mich auf den Weg zur Arbeit mache… schließlich dort angekommen im Hof mein Fahrrad abschließe… alles wie fremdgesteuert. Was mache ich hier? Ist das nicht total irre? Nicht nur, dass sich mir der Sinn nicht erschließt, – die ganze Welt, die Umtriebe der Menschen, der Blaue Planet, der um die Sonne eiert, die Schwärze und Kälte des Universums, mein eigenes Leben, mein Funktionieren in einem wahnsinnigen, unerklärlichen Getriebe Tag für Tag… Unmöglich, denke ich, und es schaudert mich. Der Mensch schwafelt viel von Bewusstsein, aber wenn er sich selbst und der Welt tatsächlich bewusst wäre, würde er den Verstand verlieren. Wir fantasieren uns etwas zusammen, und kein Schwein weiß wirklich, was da vor sich geht. Wenn ich mir die Menschen um mich herum anschaue, sind die meisten voll beschäftigt mit Familie, Arbeit, Freizeitgestaltung, Hobby… soziale Kontakte pflegen, ein bisschen rumficken und Blabla. Niemand stellt das Leben, in das er hineingeboren wurde, ernsthaft in Frage. Wozu auch? Man kriegt nur Kopfschmerzen.

Fünf lange Bürotage wartete ich auf das Wochenende. Ein schöner Samstagvormittag. Endlich mal ausgeschlafen. Ich sitze am Laptop und schreibe blödes Zeug – Hirnfickerei. Plötzlich klingelt es. Sicher der Paketbote – ich bestellte zwei 5 Kg Hanteln, um mit ihnen immer mal zwischendurch zu trainieren, z.B. wenn ich im Bett oder auf der Couch liege. Durch das tägliche Büro-Sitzen schlaffe ich zusehends ab. Erwartungsfroh hechte ich also zur Tür. Endlich mal ein Paket, dass ich an der Haustür entgegennehmen kann und nicht in einer Postfiliale abholen muss. Doch anstatt des Paketboten erblicke ich eine junge Familie, total rausgeputzt, als wäre Sonntag. Ich dagegen stehe in Unterhosen und T-Shirt in der Wohnungstür. „Bonanzamargot?“ fragt der Mann. „Kein Interesse!“ ich lasse ihn nicht weiterkommen. Schnell schließe ich die Tür wieder und kehre zurück an meinen Schreibtischplatz. Schon vorhin fielen mir ein paar herausgeputzte Familien auf, die auf der Straßenseite gegenüber vorbeispazierten. Sicher Zeugen Jehovas. Auch ihre Kinder hatten sie im Schlepptau… Es tut mir leid, dass die bei diesen Aktionen dabei sein müssen.
Wie muss man drauf sein, um hier als Bilderbuchfamilie von Haustür zu Haustür zu gehen und den Leuten was von Gott zu erzählen?

Zurück zu meiner Hirnfickerei: Nach Gott sieht diese Welt nicht aus. Wahrscheinlich mein Fehler, dass ich mir einen guten Gott vorstellen würde, glaubte ich an einen. Kann ja nicht sein, dass ein guter Gott nur denen wohlgesonnen ist, die an ihn glauben. Wie auch immer. Ich ficke mich lieber selbst ins Hirn, als mich von seltsamen Glaubensgemeinschaften ficken zu lassen. Fühle mich auch sonst nicht gerade frei. Was für ein Scheißspiel wird hier gespielt? Mein Geist hadert. Ich fasse einfach nicht Fuß auf dieser Welt. Ist vielleicht besser zu gehen.

Die Waitingsystem-App auf meinem Smartphone zeigt an, dass ich als einer der nächsten dran bin. Ich soll mich schon mal auf den Weg machen… zum Friseur.

 

 

Der vergebliche Kampf

Ein stetes Ringen zwischen Form und einem Inhalt, der sich befreien will. Ich fülle mir Wein in ein Glas und überlege, was wohl sein wird, wenn ich mich als Form auflöse. Dies wird unwiederbringlich der Fall sein. Womöglich hat es schon begonnen. Der Prozess des Alterns ist nichts anderes als eine langsame Auflösung der Form. Tag für Tag kämpft man dagegen an. Als ließe sich da etwas aufhalten.
Ich trinke aus dem Glas und spüre die Nebel des Weins in mir. Ich kämpfe um die Inhalte der Worte, die ich in den Computer tippe. Wann fing es an? Wann wurden meine Seele, mein Herz und mein Bewusstsein geformt? Eine (uns)innige Umarmung von Vater und Mutter und mein Schicksal nahm seinen Lauf. Ganz normal. Jeden Tag werden zig neue Menschen gezeugt. Viele Gläser füllen sich mit Wein…
Ich wuchs wie das Universum aus dem Nichts heran. Nach neun Monaten war die erste große Hürde geschafft, und ich hatte von nichts eine Ahnung. Das heißt, ich war auf der Welt. Am erschreckendsten war das Licht.
Mein Geist formte sich in dem Maße, wie ich die Gestalten um mich herum wahrnehmen konnte, darunter auch meine eigene Gestalt. Wein floss unaufhörlich nach. Woher nur? Wo ist die Quelle von alldem? Was machte mich zu dem Mann, der ich heute bin? Wer schreibt diese Worte?
Nein, ich befinde mich nicht in einer Identitätskrise. Mich wundert es nur, dass sich so wenige Menschen ähnliche Fragen stellen. Was macht ihr Selbstbewusstsein aus? Es ist doch Wahnsinn, wie leicht und selbstverständlich sich all die Menschen um mich herum mit den ihnen vorgelegten Formen/Gefäßen identifizieren, sei es Familie, Religion oder Nation…
Ich wusste nie, wohin ich gehöre. Ich fühlte mich immer fremd auf dieser Welt. Die angebotenen Zugehörigkeiten erschienen mir äußerst suspekt. Die meisten jedenfalls. Ich wurschtelte mich durch. Ich passte mich an. Ohne soziale Kontakte und Liebe wäre ich eingegangen. Immerhin, hier verband mich etwas Grundlegendes mit meinen Mitmenschen. Wir tranken offenbar denselben Wein, nur aus unterschiedlichen Gläsern. Scheiß auf die Gläser!
Heute bin ich mir nicht mehr sicher. Kann die Form so sehr über den menschlichen Geist bestimmen? Offenbar gibt es auch Unterschiede in der Güte des Weins. Die Realität zeigt mir, dass es alles gibt: eine wertige Verpackung mit billigem Inhalt ebenso wie eine 0815-Verpackung mit wertigem Inhalt. Alle Variationen, die man sich denken kann, – und man selbst ist nur eine davon, die aus ihrer Einbildung lebt. Wer weiß schon, wie er von den anderen wahrgenommen wird?
Ich wollte immer glauben, dass wir Menschen alle gleich wertvoll sind. Wie`s aussieht, gibt es aber dazu nur eine Wahrheit: unsere Ethik wird von der vorherrschenden Macht bestimmt. Heute der Materialismus, der wahrscheinlich auch das Ende der Fahnenstange in der Menschheitsgeschichte darstellt. Der Materialismus ist in meinen Augen eine sehr hässliche Form. Aber gut, es kommt bekanntlich drauf an, was drin steckt.
Es ist ein stetes Ringen zwischen Form und Inhalt. Ich bin auf der Suche nach der richtigen Form für meinen Inhalt. Ich führe einen vergeblichen inneren Kampf darum.

Schreiben oder Nichtschreiben

Muss ich etwas schreiben, wenn ich keinen rechten Bock dazu habe und besser an die frische Luft gehen sollte, um nicht am eigenen Mief zu ersticken…? Soll das Schreiben zur Pflicht oder zur lästigen Aufgabe werden, die ich erfüllen muss, um mich gut zu fühlen? Warum entspanne ich mich nicht einfach und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein?
Ähnlich wie ein Fotograf durch die Landschaft läuft und sich bei allem, was er sieht, überlegt, ob es ein gutes Motiv zum Knipsen hergibt, betrachte ich meine Gedanken und warte auf jene, von denen ich glaube, dass ich sie notieren muss, um sie nicht zu verlieren. Trotz dieser Aufmerksamkeit vergesse ich um ein Vielfaches mehr von den kostbaren Gedanken, als ich zumindest ansatzweise bewahren kann. Oft ist es so, dass mir das Beste gerade dann in den Sinn kommt, wenn ich den Stift zu Seite legte.
Meine Tagträume sind ebenso flüchtig wie ihre nächtlichen Kameraden. Zurück bleiben Ahnungen – zu schnell wird das Gedachte oder „Gesehene“ von den darauffolgenden Eindrücken zugeschüttet. Mit dem Schreiben will ich wenigstens ein paar Inhalte festhalten…
Ich denke: Muss es nicht jeder Kreatur mit Bewusstsein ähnlich gehen? Kann es einen Weg außer dem Tod aus diesem Albtraum Leben geben? Oder bleibt alles immer nur Traum – nur eben in anderen Daseinsräumen? Stellt sich das Bewusstsein letztendlich als Farce heraus?