Brasko und das Lächeln der Freiheit (1)

Mir war nicht danach, die Tür zu öffnen, als es klingelte. Es war Sonntagmorgen. DHL konnte es nicht sein und auch sonst niemand meines Interesses, denn ich kannte niemanden in Berlin. Ich unterhielt keinerlei privaten Kontakte in dieser Millionenstadt. Ich führte seit ein paar Jahren das Leben eines Einzelgängers. Es klingelte ein zweites Mal. Mein Puls erhöhte sich. Vorsichtig linste ich aus dem Fenster hin zum Eingang, konnte aber niemanden erspähen. Vielleicht hatte ein Nachbar seine Schlüssel vergessen und wollte ins Haus. Vielleicht wollte mich meine Ex, die mich vor vier Jahren verlassen hatte, überraschen… Ich saß in Boxershorts am Schreibtisch, unrasiert und ungeduscht. Ein drittes Mal ertönte die Klingel. Warum klingelt dieser Mensch nur bei mir? fragte ich mich. Welcher Idiot störte Anfang des Jahres meine Kreise?

Eine junge Lady begrüßte mich, nachdem ich geöffnet hatte. Die Neugier ist eine verdammte Arschbeißerin. Wenn ich nicht stundenlang darüber grübeln wollte, wer so hartnäckig den Klingelknopf strapazierte, musste ich aufmachen.
„Mr. Brasko, bitte lassen Sie mich eintreten! … Sie sind doch Privatdetektiv?!“
„Äh ja, aber… ich… mein letzter Fall liegt Jahre zurück…“, stotterte ich verlegen. Die Lady ließ mich nicht ausreden und drückte sich an mir vorbei in den Flur.
„Entschuldigen Sie“, sagte sie schnell, „ich benötige Ihre Hilfe!“
Da ich die Erscheinung des Eindringlings nach kurzem Abscannen als unbedenklich und gewissermaßen reizvoll kategorisierte, lächelte ich, wie ich schon lange nicht mehr gelächelt hatte, und folgte der Lady in die Tiefen meiner Wohnhöhle. Sie fand den Weg von selbst und nahm auf meiner Couch Platz.
„Tja“, begann ich, „ich bin, wie gesagt, schon eine gute Weile aus dem Geschäft.“
„Das macht nichts, Mr. Brasko, Sie haben gute Referenzen. Sie sind genau der richtige.“
Ich war immer noch ganz aus dem Häuschen über meinen unerwarteten Besuch und verspürte das dringende Bedürfnis nach einem Drink. Die Lady wollte erstmal nichts. Auch gut. Ich setzte mich zu ihr und gönnte mir einen großen Schluck Wodka + Cola Zero koffeinfrei.
„Ich bin nicht gerade auf Besuch vorbereitet“, sagte ich lächelnd, „darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?“
„Nennen Sie mich Freedom“, antwortete die Schöne auf meiner Couch und lächelte auch.

Ich bin zu alt für den Scheiß

Wie hypnotisiert starre ich auf die Sanduhr. Der Sand füllt nach und nach das untere Glas. Längst ist unten mehr als oben.
Ich kotze meine Seele in die Kloschüssel und spüle den Scheiß weg.

Vorgestern standen eine junge Frau und ein junger Mann in dunkelblauen Jacken von Gasag vor meiner Wohnungstür. Äußerst wichtigtuerisch. Sie wollten meine Stromrechnung einsehen. Die Frau laberte sofort auf mich ein. Ich stand in Unterhosen im Türspalt und starrte sie an. Gingen die Zeugen Jehovas unter die Stromanbieter?
„Sie haben wohl nicht verstanden, worum es geht?“ sagte die Frau mit ernster Miene, „die Strompreise werden immens ansteigen.“
„Klar, davon habe ich gehört“, sagte ich müde.
„Wir wollen anhand ihrer Rechnung prüfen, wo Sie zu viel bezahlen.“
„Sie wollen, dass ich zu Ihrem Verein wechsele. Aber ich bin schon groß – ich kümmere mich selbst um solche Angelegenheiten.“

Ich habe das Gefühl, dass bei solchen Begegnungen und Gesprächen der Sand besonders schnell von der oberen in die untere Hälfte der Sanduhr rieselt. Fremde Menschen und Institutionen mischen sich in Sachen ein, die sie nichts angehen. Es geht niemanden was an, wo ich meinen Strom oder meine Unterhosen kaufe, und wie viel Geld ich dafür ausgebe.