Vom geistigen Abstand halten

Das neue Jahr fing an, wie das alte aufhörte. Mehr oder weniger. Für mich privat und im Job.
Die Hühner wie immer fleißig am Gackern und Dokumentieren. Zu fleißig für meinen Geschmack. Ich komme nicht immer hinterher. Ich will auch gar nicht hinterherkommen. Anrufe wie „Können wir Dir etwas abnehmen?“ nerven mich. Ich hasste schon immer den Wettbewerb. Das Hervorgetue ist nicht meine Welt. Am Schlimmsten fand ich es in der Altenpflege. Wie abscheulich, damit anzugeben, wie viele Bewohner(innen) man bis zum Frühstück schaffte. Ich konnte da nie mithalten. Wurde halt hinter meinem Rücken getuschelt. Scheiß drauf! Es waren ja nicht alle so arschgeigenhaft drauf. Irgendwie brachte ich es hin, dass man mich meist in Ruhe ließ. Einige dagegen bekamen die volle Breitseite des kollegialen Unmuts ab, – wurden z.B. bei der Pflegedienstleitung angeschwärzt im Sinne von: „Wir sehen nicht ein, dass wir für diese Schlaftablette mitarbeiten“. Ich fand so was immer extrem mies… Von den Rädelsführern hielt ich geflissentlich Abstand.
Solch niederträchtiges menschliches Verhalten begegnete mir nicht nur in Schule und Beruf, sondern auch im Privaten. Ich gehe so weit zu sagen, dass alle Bereiche menschlichen bzw. gesellschaftlichen Lebens durchseucht sind von solch kleingeistigen Umtrieben. Mehr oder weniger. Man muss nur mal in den jetzigen Corona-Zeiten genau hinschauen… Ehrlich, ich mache mir mehr Sorgen um den gesellschaftlichen Frieden als um Covid-19.

 

Wie kommt`s?

Heute ist so ein Tag, wo ich mich einigermaßen tatkräftig und gut fühle – Am Liebsten würde ich gleich mit irgendwas loslegen – Ich drücke das Gaspedal durch, bewege mich aber nicht von der Stelle – Wie kommt`s? – Ich sitze in einem Auto, das aufgebockt ist – Wie ein Tiger im Käfig bewege ich mich unruhig hin und her – Ich glaube, ich würde nicht mal bemerken, stände der Käfig offen – Solche Zustände habe ich öfter – Ich sitze in mir fest – Vielleicht fordere ich zu viel von mir – Also lockerlassen – Nicht zwanghaft etwas schreiben müssen – Einfach das Dasein genießen – die Musik, den Sonnentag, das Ein- und Ausatmen, meine vier Wände, meine Bilder, die schönen Dinge, Erinnerungen, Licht und Schatten…

Der Installateur kam gegen Halb Zehn. Nach etwa eineinhalb Stunden hatte er den Job bei mir erledig. Ich habe nun einen neuen Durchlauferhitzer, und am Klosett wechselte er eine Gummidichtung. Netter Mann das. Er macht das schon 41 Jahre, sagte er. Ich rechne zurück: Dann hat er also mit 16 als Stift damit angefangen. Solche geradlinigen beruflichen Lebensläufe gibt`s heute nicht mehr viele. Wenn ich da nur mal an mich denke: 6 Jahre Technischer Zeichner, 30 Jahre Altenpfleger, aktuell 3 Jahre Tumordokumentar. Zwischendurch mal dies und das studiert – vor allem Kneipenwissenschaften.
Der Installateur war ein alter Hase. Er erweckte in mir sofort Vertrauen. Schnell hatte er die Defekte entdeckt und machte sich an die Arbeit… Ein Profi.
War ich jemals in irgendwas ein Profi? frage ich mich. Weiß nicht. Ich war niemals mit Leib und Seele meinem Beruf verhaftet. Die stärkste Identifizierung mit meiner Tätigkeit empfand ich als Altenpfleger… Nein, niemals könnte ich derart einer Profession verfallen, wie ich es bei manchen meiner Mitmenschen wahrnehme. Warum gehöre ich eher zur Fraktion der Tunichtgute, Faulenzer und Tagträumer? Warum kann ich nicht für eine Sache mal richtig viel Ehrgeiz entwickeln?

 

Durchgezogen

Von Kindheit an tendiere ich zum Einzelgänger. Ich finde das Gebaren meiner Mitmenschen bis heute seltsam und fremdartig*. Zum Beispiel reden viele viel zu viel. Und ich verstehe nicht, was sie reden, oder was sie meinen. (Ich hebe nicht auf die vielen Ausländer ab, sondern auf jene, die die gleiche Sprache wie ich sprechen.) Dann die ständigen Wiederholungen… Auch kann ich übertriebenen Ehrgeiz und Großkotzigkeit nicht leiden. Ich mag z.B. diese künstlich aufgebauten Konkurrenzen in Beruf und Sport nicht. Ich mag ebenso nicht die Konkurrenz, die sich über das Haben definiert. Ich habe mehr als du – Ätsch! – oder ich habe etwas, was du nicht hast. Schule und Beruf sind mir wegen des Leistungsdrucks und Konkurrenzdenkens ein Gräuel. Dazu kommen Hierarchie, Fremdbestimmung und Unfreiheit. All das sind Sachen, die in mir Widerwillen erzeugen. Mal mehr, mal weniger. Seit ich denken kann. Während die anderen in Grüppchen kungeln und ihren Leitwölfen huldigen, ziehe ich mich zurück. Meistens werde ich in Ruhe gelassen. Übergriffigkeiten wie Mobbing gegen meine Person erlebe ich selten. Wenn ich Freundschaften entwickele, dann meist mit anderen Außenseitern. Ganz selbstverständlich stehe ich zu den Benachteiligten und Schwachen in der Gruppe. Ich halte mich gern zurück, aber Ungerechtigkeiten und offensichtliche Bösartigkeiten bringen mich auf die Palme. Ebenso verabscheue ich Lüge und Betrug. Meine abstrakten Lieblingsbegrifflichkeiten sind Wahrheit, Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit. Leider erscheint mir die gegenwärtige Welt eher gegenteilig erfüllt von Unwahrheit, Unfreiheit, Hass und Ungerechtigkeit. Dazu eine auf die Spitze getriebene Informationsgesellschaft, welche nicht orientiert, sondern desorientiert… Nun kenne ich es nicht anders, als mir zu allem meine eigenen Gedanken zu machen. Ich bin ein waschechter Eigenbrötler. Wer mich in irgendeiner Weise geistig beeinflussen will, muss schon verdammt gut sein. Dämonisch gut. Dummerweise habe auch ich Schwachpunkte. Da ist zum einen die Liebe… Außerdem mag ich schöne Dinge. Und schließlich und endlich schlucke ich zu viel C2H5OH. Es kann also passieren, dass ich einer Lady verfalle, die mir absolut nicht guttut, oder dass ich mir etwas Schönes kaufe, was ich nicht wirklich brauche, oder dass ich zu oft einen über den Durst trinke. So viel Ehrlichkeit muss sein.
Im Großen und Ganzen bin ich mit mir zufrieden. Ich setze mich so wenig wie möglich unter Druck. Das besorgt zur Genüge das gesellschaftliche Pflichtgefüge – am stärksten spürbar durch die Erwerbsarbeit mit ihren Zwängen… Ätzend! Drum nahm ich mir mal wieder einen Tag frei. Statt im Büro vor zwei Bildschirmen hockend stundenlang Tumoren zu dokumentieren, tippe ich gerade zuhause diesen Beitrag, der direkt aus mir kommt, weil ich gern schreibe, – aus Interesse an der Weltseele, meinem Bewusstsein und dem Dasein. Ein paar Stunden Freiheit erkauft mit einem Urlaubstag.
Zeit, meinen Schwächen zu frönen. Der einen oder anderen.

 

*als fremdartig empfinde ich auch einige Gewohnheiten, Traditionen und Rituale meiner Mitmenschen wie Weihnachten, Ostern, Fasching, Halloween, Silvester etc.