Life goes on

Meine derzeitige Lieblingskollegin gab mir einen Ausflugstipp für Ostern mit in den Feierabend. Sie war erst kürzlich mit ihrem Mann am Orankesee und ließ sich nicht davon abhalten, mir ein paar Stichworte auf einen Zettel zu notieren, inkl. einem Museumstipp: das Mies van der Rohe Haus – ein Museum für Moderne Kunst (dort um die Ecke).
Ich googelte den Orankesee… und erkannte ihn wieder. Erinnerungen schoben sich blass und zögerlich zurück in mein Bewusstsein. Meine Ex und ich hatten fast jedes Wochenende Ausflüge in alle möglichen Ecken Berlins unternommen. Die Namen der von uns angesteuerten Örtlichkeiten merkte ich mir nicht alle. Deshalb sagte mir „Orankesee“ erstmal nichts, als mir meine Kollegin davon erzählte. Mit dem Fahrrad wäre es ein kleiner Tagesausflug. Die Strecke führt von meiner Haustüre aus ca. 14 Kilometer mitten durch Berlin Richtung Hohenschönhausen. Vielleicht nicht die schlechteste Idee für Ostersonntag oder Ostermontag. Am Schlachtensee, wo es mich sonst hinzieht, wird es grausam überfüllt sein. Überall wird es voll sein. Berlin quillt von Menschen über, die bei dem zu erwartenden schönen Frühlingswetter natürlich alle nach draußen strömen. Menschenmassen ertrage ich nur in einer mäßigen Dichte gut. Gedränge ist mir zuwider. Zum Herdentier tauge ich nicht.

Auf der Biermeile

Quer durch Berlin zu radeln, ist eine Herausforderung. Wiedermal wurde mir bewusst, in was für einer berstend vollen Wahnsinnsstadt ich lebe. Der mittlerweile vertraute Kiez vermittelt mir das nicht in dem Maße. Wenn man also durch Berlin radelt, muss man alle Sinne hellwach halten. Nach einigen Bier auf der Biermeile freilich nicht mehr ganz einfach. Ich war froh, als ich wieder in vertraute Gefilde kam. Zuletzt noch ein Bier im Biergarten am Gleisdreieck, und der Kanal war voll.
Zu viele Menschen, zu viele Rüben, zu viel Verkehr, zu viele Ampeln, zu laut, zu wuselig… zu viele Eindrücke.

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Ich machte mein Fahrrad an einem Straßenschild fest und schlappte los, trank da und dort einen Halben in der Sonne (die Preise waren horrend) … Mir reichte es bald. Wenn ich was nicht mag, dann ist es Gedränge. Wo ich auch stehenblieb, stand ich jemandem im Wege. Nicht dass ich vom Bierfest enttäuscht war, ich kannte es schon von früheren Besuchen. Es sollte einfach ein Ausflugsziel sein, um mir den Samstagnachmittag um die Ohren zu schlagen.

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Auf solchen Massenveranstaltungen gerate ich automatisch in einen inneren Konflikt. In der Regel hege ich gegenüber meinen Mitmenschen Gefühle wie Zuneigung und Anteilnahme – ich gehöre schließlich zur selben Spezies… Ich kann stundenlang im Biergarten sitzen und meine lieben Mitmenschen betrachten. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Ab einer gewissen Dichte kippt die eigentlich positive Stimmung in mir. Die Menschen um mich herum verwandeln sich in oberflächliche, widerliche fressende und saufende Kreaturen. Ekel erfasst mich, und ich verlasse fluchtartig diesen Ort. Nur weg von hier!
Ähnlich kann es mir auch in Shoppingcentern, Fußgängerzonen oder auf von Menschen überfluteten Plätzen gehen. Mich zieht es dann an ein ruhiges Plätzchen in einem Park oder in eine mäßig besuchte Kneipe.
Ich halte meine Reaktion für völlig normal… Seltsam diese Welt – für viele kann es nicht voll genug sein. Verstehe ich nicht.