Berliner Luft

Der Wetterfrosch hatte fürs Wochenende Unwetter mit Starkregen vorausgesagt. Gestern Nachmittag verdunkelte sich der Tag, und es klarte nicht mehr auf. Keine regelrechten Unwetter passierten, aber Regen bis in den Abend hinein. Den Biergarten konnte ich abhaken. Nur zum Einkaufen war ich draußen. „Die Natur braucht`s“, meinte die Kassiererin. Ich nickte: „Ja, schön für die Natur.“

Auch der Sonntag beginnt trübe. Genau die richtige Stimmung für Bob Dylan Songs… Oder was in der Richtung: Guter Blues- oder Country Rock mit tiefen Bässen und einer schmutzigen Stimme. Ich empfehle „Aardvark Blues FM“ ein ums andere Mal.
Die Wäsche, die ich gestern Vormittag aufhing, ist immer noch feucht. Die aktuelle Luftfeuchtigkeit in Berlin liegt bei 85%, lese ich. Ist das hoch? – Ja, Mann, das ist verdammt hoch!
Man sollte die Luft mit hochprozentigem Alkohol durchsetzen… Immer schön tief ein- … und ausatmen. Geil.
„Hey Mann, wie machst Du das, dass Du, ohne was getrunken zu haben, betrunken bist?“
„Die Luftfeuchtigkeit ist hier hoch.“
„Ach so.“
„Ja, das macht der Alkoholgehalt der Luft.“
„Wusste nicht, dass in der Luft Alkohol ist.“
„Berliner Luft… haha!

Sehr geehrte Damen und Herren, aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit in Berlin kam es zu zahlreichen alkoholbedingten Verkehrsunfällen im Stadtgebiet. Die Polizei ruft die Bevölkerung auf, das Auto heute stehen zu lassen. Die Promillegrenzen gelten auch bei passivem Alkoholgenuss…

 

Wer den Stein runterrollen lässt, muss ihn mühsam wieder hochtragen

Freiheit ist kein Zustand, der an Bedingungen/Lebensumstände geknüpft ist, sondern ein Gefühl. Doof halt, dass gewisse repressive äußere Umstände sich in aller Regel negativ auf mein Freiheitsgefühl auswirken. Dem wirke ich dann mit ein paar Flaschen Bier entgegen. Bestimmt gibt es auch wirksamere Drogen, um in einem Gefühl der Freiheit zu schwelgen… Ich persönlich bleibe lieber bei meinem alten Kumpel Alkohol. Ich bin etwas altmodisch. Es soll auch Menschen geben, die dasselbe durch Meditation erreichen. Das ist dann auf alle Fälle gesünder.
Was ich mit meinem Eingangssatz sagen wollte: Die Welt mit ihren Einschränkungen, Doktrinen, Gesetzen, Geboten, Regeln und Grenzen können wir schwer ändern. Im besten Falle erreichen wir punktuell mehr Freiheit für Einzelne oder Gesellschaftsgruppen, indem wir für geistige Aufklärung, Emanzipation und Gerechtigkeit eintreten. Viele Kämpfe wurden im Laufe der Geschichte für mehr Freiheit geführt. Einige wurden sogar gewonnen. Darum lebe ich heute in einer freieren Gesellschaft als vor… 80 Jahren. Würde ich mal behaupten. Noch – denn gesellschaftliche Freiheiten können uns auch wieder verloren gehen, oder sie verändern sich im Zuge der technischen und kulturellen Entwicklung. Die nächsten Generationen entwickeln womöglich ganz andere Werte, als ich sie habe. Die Digitalisierung der Welt weist bereits in eine Richtung, die mir nicht besonders angenehm ist. Ebenso existieren gegenwärtig auf der Welt Kulturen mit zum Teil unterschiedlichen Freiheitsvorstellungen. Eine westliche Demokratie ist nicht mit einem islamischen Staat zu vergleichen. Freiheit in der menschlichen Gesellschaft/Wirklichkeit ist also sehr relativ… Wir werden immer im Zeitgeist einer Kultur gefangen sein.
Eigentlich ist es müßig, ständig von Generation zu Generation, von Zeitalter zu Zeitalter gegen Ungerechtigkeit und Unfreiheit in der Welt anzukämpfen. Das Leben selbst mit seiner täglichen Routine ist Sisyphos in Reinkultur. Darum befasse ich mich lieber mit der Tagträumerei und der Freiheit als Gefühl – mehr oder weniger unabhängig von der Welt da draußen.
Freilich, würde man mir mein Bier wegnehmen, wäre ich echt sauer! Denn dann bliebe nur noch Meditieren…

 

Wer ehrlich ist, lügt

Halb Berlin ist ständig alkoholisiert und/oder unter Drogen, vermute ich, – nicht weil ich von mir ausgehe. Ich schaue mich um und zähle eins und eins zusammen. Eine ganze Indizienkette zeigt sich mir. An jeder Hausecke oder Eingang stehen leere Bier- oder Schnapsflaschen und auf den Gehwegen und Straßen Scherben, so dass ich vom Pub bis nach Hause Slalom fahren muss…
Ein Grund, warum ich trinke: ich bin von der Welt traumatisiert. Nicht von den ganzen Trinkern. Nein. Sondern von denen, die vorgeben, nüchtern zu sein (- dabei das Leben lieben?)… Es ist nämlich keinesfalls so, dass die schlimmen Dinge immer von den Betrunkenen ausgehen. Man muss sich nur mal die Moslems ansehen, die per se nicht saufen dürfen. Ich kann bislang nicht entdecken, dass sie die besseren Mitmenschen sind. Ich meine jetzt nicht die ganzen Clans, Verbrecher und Extremisten – sind das überhaupt Moslems? Nein, ich meine die echten Gläubigen, die sich aber auch in einem fort kloppen. Z.B. im Nahen Osten. Gut, ich muss nicht alles verstehen. Auch darum trinke ich… – jedenfalls lieber, als dass ich an Gott oder sonst was religiös-ideologisches glaube.
Doch lassen wir das. Es hat einen guten Grund, warum man in Kneipen und auf der Arbeit besser nicht über Politik, Religion oder den Zustand der Gesellschaft redet. Das endet nämlich oft im Streit. Und hernach kann man sich nicht mehr leiden. Ist doch klar, dass es Mitmenschen gibt, die so gar nicht meiner Meinung sind. Dem ein oder anderen sehe ich es sofort an. Also, besser Schnauze halten oder blöde lachen. Noch ein Bier bestellen, und alles ist gut. Im Pub ist man mit Korn ganz vorn. Wer an der Theke zum Korn eingeladen wird, gehört dazu. Es gibt Tage, an denen ich mich diskriminiert fühle…
Egal. Ich bin autark und stark. Ich ruhe in mir. Wer offensichtlich Scheiße schwätzt, den klammer ich nicht gleich aus. Mein Herz ist groß. Vielleicht würde ich sogar Erdogan und Trump mögen, wenn wir uns in einer Kneipe träfen. Es käme auf einen Versuch an. Ich kann mir vorstellen, dass sie sehr umgängliche Typen sind, solange man sie beim Blödsinnlabern nicht unterbricht.
Als Sita gestern Nachmittag die Schicht übernahm, hatte ich bereits genug. Schließlich bin ich inzwischen (fast) ein alter Sack. Wenn man einen Menschen mit einer Jeans vergleicht, dann befinde ich mich in dem Übergangsstadium von verwaschen-sexy und ausgebeult-cool hin zu untragbar. Leider kann niemand diesen Verfall aufhalten. Immerhin: Im Gegensatz zu früheren Zeiten, weiß ich inzwischen, wann ich besser gehe. Dauerte lange genug, bis bei mir der Groschen fiel.
Nachdem ich mich von meinen Fans im Pub verabschiedet hatte, machte ich mein Brompton vom Verkehrsschild los, an welches ich es gekettet hatte (andere Möglichkeiten, sein Fahrrad zu sichern, gibt`s dort nicht), und radelte nach Hause… Ich war noch nicht weit gekommen, stand an der Ampel Ecke Potsdamer Straße/Kurfürstenstraße, wo mir der Gedanke kam, den ich im ersten Satz beschrieb. In meinem halbtrunkenen Zustand fand ich ihn erstaunlich gut – er hatte beinahe Erleuchtungscharakter -, und darum nahm ich mir vor, am nächsten Tag (also heute), daraus einen Blog-Beitrag zu entwickeln.
Vielen Dank fürs Lesen.

Kontakt

Er steht seit Monaten im Regal. Wird Zeit, dass ich ihn verkoste. Ein Zurück gibt`s nicht mehr. Sieht aus wie Pisse. Den ersten Schluck habe ich schon hinter mir – etwas gewöhnungsbedürftig für meine an Bier und Wein gewöhnten Geschmacksknospen. Aber ich will Glen Buchenbach nicht gleich abhaken. Wäre auch seltsam, wenn ich schlagartig zum Whisky-Fan würde. Vergleichsmöglichkeiten zu anderen Whiskeysorten habe ich nicht. Ich glaube, ich nippte nur ein einziges Mal an einem Whiskycola. In Erinnerung blieb mir ein widerlicher Käsefußgeschmack. Also, ein déjà gouté habe ich schon mal nicht. Oder doch?! – ich rieche nochmal… Es ist nur viel länger her, reicht zurück in meine Kindheit… Als Kind naschte ich übermäßig Süßigkeiten, was freilich Karies förderte. Die Löcher in den Zähnen folgten auf dem Fuße. Wenn ich dann über tierische Zahnschmerzen klagte, fabrizierte meine Mutter einen in einer Tinktur getränkten Wattebausch in das Loch des kranken Backenzahns. Dass die Tinktur ein alkoholisches Getränk war, wusste ich alsbald – und nun bin ich sicher, dass es sich um Whiskey handelte, der mich damals benebelte und den Zahnschmerz schnell verfliegen ließ. Mit der Zeit gefiel mir dieses Gefühl gut. Ich biss solange auf den Wattebausch, bis nichts mehr aus ihm rauszuholen war… Genaugenommen fing damit meine Trinkerkarriere bereits im smarten Alter von 4-5 Jahren an.

Das Whiskyglas steht leergesüffelt auf dem Schreibtisch. Soll ich nachgießen? Nein, ich gehe es besser langsam an und mache mit Bier weiter. Das Zeug steigt einem wirklich schnell zu Kopfe.

Verfolgt

Letzte Nacht lieferte ich mir mit der Polizei eine Verfolgungsjagd. Ich träume manchmal davon, dass ich noch mit meinem alten Ford Fiesta unterwegs bin. Bevor ich den Lappen verlor, fuhr ich fast ausschließlich Ford Fiesta, weil mein Vater in einer Ford-Werkstatt arbeitete und günstig an Unfallwagen kam, die er dann nach Feierabend reparierte. Darin war mein Vater spitze, – und ich kam günstig zu einem Auto. Außerdem wartete er den Wagen regelmäßig, so dass ich mich nie um irgendwas kümmern musste. Der Fiesta war zwar etwas schwach auf der Brust, aber sehr zuverlässig und völlig ausreichend für meine Belange. Ich kurvte damit ganz schön wild durch die Gegend… Wenn ich in Frankreich und Italien Urlaub machte, ließ ich mich zu regelrechten Rennen auf den Landstraßen animieren, überholte an den unmöglichsten Stellen und drückte das Gaspedal bis zum Boden durch. Die waren dort (fast) alle so unterwegs – vollkommen irre. Als junger Mann befindet man sich auf dem Testosteron-Trip, und der Alkohol erledigt den Rest… Im Nachhinein bin ich froh, dass ich diese wilde Zeit unfallfrei überstand. Was hätte nicht alles passieren können. Der Verlust des Führerscheins war insofern ein Segen für mein weiteres Leben.
Obwohl das nun schon über zwanzig Jahre zurückliegt, kurve ich in meinen Träumen immer noch durch die Gegend, meist in der Angst, dass ich in eine Polizeikontrolle geraten könnte – ohne Führerschein und dann noch alkoholisiert… Im Traum passiert schließlich das, wovor man die meiste Angst hat, so auch letzte Nacht. Ich entdeckte die Polizeikontrolle, als es bereits zum Anhalten und Wenden zu spät war. Ich hätte mich damit nur verdächtig gemacht. Also hoffte ich, dass sie mich durchwinken, denn sie hatten gerade einen anderen in der Mache. Aber Pustekuchen! Ein Polizist schaute mich direkt an, und ich wusste sofort, dass er mich zur Seite dirigieren würde…
In der direkt nachfolgenden Traumsequenz war ich immer noch auf der Landstraße unterwegs und wunderte mich darüber. Ich schaute in den Rückspiegel, und sah erstmal keine Auffälligkeiten. Doch kurz darauf hörte ich die Sirene eines Polizeiwagens hinter mir. Offenbar hatte ich einen Blackout am Kontrollpunkt gehabt. Eine wilde Verfolgungsjagd begann, die ich aufgrund ihrer Verrücktheit hier schwer wiedergeben kann. Typisch Traum halt. Mein Herz allerdings raste. Am Ende schnappten sie mich, als ich in einen Waldweg abbog, um mich zu verstecken. Ich fühlte eine Mischung aus Frustration und Erleichterung, wie wenn man als Kind von den Eltern bei einem großen Mist ertappt wird…
Prima – nur ein Traum! wurde mir gewahr, als ich aufwachte. Klopfenden Herzens taumelte ich zur Toilette. (Was man nicht alles für einen Scheiß träumt.)

 

Kaltblütig heuchelte sie mir Liebe vor


Als Kind verdarb ich mir an einem Reissalat derart den Magen, dass ich jahrelang keinen mehr genießen konnte. Schon wenn ich an ihn dachte, wurde mir übel. Dabei war der Reissalat eine meiner von Muttern zubereiteten Lieblingsspeisen. Ich weiß noch, dass es ihr unendlich leidtat. Mit der Liebe kann etwas ganz Ähnliches passieren – jedenfalls fühlt es sich für mich danach an. Irgendeine Ingredienz wird schlecht und vergiftet die ganze Speise. Schätzungsweise war es beim Salat die Mayonnaise. Ich schmeckte es nicht und schaufelte das Zeug gierig in mich hinein… Demgegenüber: Die schlimmste Vergiftung in der Liebe geschieht durch Lüge und Betrug. Ich bemerkte es erst, als die Sache längst gegessen war. Kotzen könnte ich, wenn ich an diese Person und unsere gemeinsame Zeit denke. Obwohl inzwischen mehr als ein Jahr vergangen ist, wurden Ekel und Abscheu kaum geringer. Nun passierte es mir nicht zum ersten Mal, dass mir eine Frau Hörner aufsetzte, und ich lange um die verlorene Liebe trauerte; aber diesmal spüre ich kaum Trauer, sondern viel mehr einen ätzenden Widerwillen, dem ich nichts entgegenzusetzen habe. Unglaublich, wie lange und heftig sowas anhält. Eine „schlechte“ Liebe ist freilich eine ganz andere Hausnummer als eine schnöde Lebensmittelvergiftung. Ich rechne mit einer lebenslangen Aversion gegen meine Ex und alles, was mit ihr zusammenhängt…
Würg – ich muss das Thema wechseln.
Gestern bestellte ich mir einen Radreiseführer für meine geplante Tour nach Danzig. Gar nicht mehr so lange hin. Ich freue mich darauf, unterwegs zu sein. Es gibt nichts, wobei ich mich freier fühle. Wenigstens für ein paar Tage. Hoffentlich spielt das Wetter im Juni mit.
Und: Ich setzte meine Blutdruck-Medikamente ab. Brachten eh nicht viel, außer Müdigkeit und Potenzstörungen. Raus mit dem Gift aus meinem Körper! Das einzige Gift, das ich mir bewusst reinziehen will, ist Alkohol. Prost! Das Scheiß Leben, auf das wir von klein auf geimpft werden, war mir schon immer zuwider… Auf die Vergiftung unserer einsamen Seelen! Auf die Schwanzlutscher des Universums! Und zur Hölle mit meiner Ex!

 

 

Unter Wasserhüpfern

Das Leben bleibt unergründlich. Du denkst, da müsste doch noch was kommen, aber es kommt nichts. Lediglich auf der Oberfläche verändert sich dies und jenes. Gut für die Materialisten. Sie flitzen durch das Leben wie Wasserhüpfer über einen Teich. Ich sehe ihnen dabei zu und staune. Während ich schwerfällig am rudern bin, springen sie wie Kobolde um mich herum, als wäre das Leben eine Art Spiel – nach dem Motto „weiter-höher-schneller!“. Ich versuchte, mich an diese mir wesensfremde Welt anzupassen, indem ich Alkohol trank. Nach ein paar Bier fühlte ich mich ebenso schwerelos. Das Leben erschien mir mit Alkohol leichter. Nur war das nicht ich. Und ich musste immer mehr schlucken. Ich konnte nicht mehr aufhören.
Man ist, wie man ist. Ich mache den Materialisten und Wasserhüpfern der Welt keinen Vorwurf. Nur wohlfühlen kann ich mich unter ihnen nicht wirklich. Ich trank mir das Leben schön wie eine Geliebte, die einem ungefragt zuflog. Ich wusste immer, dass ich mir etwas vormachte. Mit Selbstlügen habe ich`s nicht so. Das Leben ist ein Teufelskreis. Du denkst, da müsste noch was kommen, aber es kommt nichts… Lediglich auf der Oberfläche verändert sich dies und jenes.
Ich hatte verflucht viel Glück, dass ich nicht absoff. An manchen Tagen bin ich sogar stolz darauf, weil es nicht nur Glück war. Es war nicht ganz einfach, der zu sein, der ich bin…, trotzdem immer wieder einen Platz zu finden, – ein Seerosenblatt auf dem Teich, an dem ich mich eine Weile festhalten konnte.

Die Kiste

Seit sie weg ist, räumte ich das ein oder andere um. So auch eine Kiste mit Postkarten und Briefen, die ich in die Rumpelkammer verbannt hatte und nun wieder auf dem Regal im Wohnzimmer einen Platz fand. Man könnte die Kiste als die Schatztruhe meines Liebeslebens bezeichnen. Die darin versteckten Zeugnisse reichen fast vier Jahrzehnte auf der Zeitschiene zurück. Die Kiste ist inzwischen proppenvoll, und ich überlege mir, ein größeres und schmuckeres Behältnis anzuschaffen. Aber wer weiß, ob noch viel hinzukommt… Handgeschriebene Postkarten und Briefe sterben langsam aber sicher aus. Auch kann ich mir momentan nicht vorstellen, dass sich bei mir in Liebesdingen noch viel tun wird. (Oder gängiger ausgedrückt: Ich bring`s nicht mehr.) Im Nachhinein betrachte ich es als ein Wunder, dass es diese Kiste überhaupt gibt – ihr bloßes Vorhandensein stellt mich vor ein Rätsel. Wie kam es zu diesen Begegnungen? Wieso wurde Liebe draus? Und wieso blieb es nicht Liebe?
Natürlich ist es nicht das erste Mal, dass ich darüber nachdenke, auch schwirren ein paar Antworten in meinem Kopf herum. Doch sie lösen alle nicht das Rätsel. Sie kreisen lediglich drumherum.
Nein, ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Vieles lief besser, als ich gedacht hatte. Es reichte immer, um mich halbwegs über Wasser zu halten. Als Alkoholiker hielt ich mich ziemlich gut. Darum ließen sich die Frauen auf mich ein, bis sie sich eingestehen mussten, dass ich… immer ein unverbesserlicher Schluckspecht bleiben würde. Einen Menschen gibt es eben nur als Gesamtpaket. Ich machte ihnen nie etwas vor. Doch sieht der Mensch nur, was er sehen will. Das ist der Blues des Lebens. Oder der Scheiß, mit dem wir bis zum Schluss kämpfen müssen.
So gesehen gäbe es eine einfache Antwort: Der Alkohol! Es ist die beste Antwort für die oberflächliche Gesellschaft. Die Klischees werden bedient, und die scheinheiligen Moralisten sagen in belehrendem Tonfall: Siehst du, das kommt davon…
Meine letzte Liebe akzeptierte im Großen und Ganzen meine Trinkerei. Es schien so, als ob sie mich wirklich so nehmen würde, wie ich bin. Im Gegenzuge bemühte ich mich, es nicht auf die Spitze zu treiben. Vielleicht überschätzte sie sich. Und ich vernachlässigte mein Bemühen…

Das Scheitern all dieser Lieben – es ist beklemmend. Versagen und Glück liegen dicht nebeneinander, über Jahre hinweg aufgeschichtet wie bei einer archäologischen Ausgrabung. Der Strom der Zeit reißt mich unaufhaltsam mit. Die Kiste schwimmt neben mir. Ich blicke immer mal zu ihr rüber… und weiß nicht, was ich denken soll.

Ritchie

Wie alles anfing. Das Wasser floss noch schneller, und Gebüsche waren noch Gebüsche. Ritchie fuhr einen Fiat 500 mit Faltdach. Er war der erste von uns mit einem Auto. Wir waren Schüler des Ottheinrich-Gymnasiums. Die Schule lag in einem weitläufigen Komplex mit anderen Schulen und den Sportstätten am Stadtrand. Sie hatte nichts Besonderes, außer dass sie unsere Schule war. Knapp tausend Pennäler wurden von mehr oder weniger dazu begabten Paukern unterrichtet. Jahr für Jahr wurden wir durch diese Wissensmühle gezogen, und plötzlich standen wir kurz vorm Ende. Zehn Jahre lang (inklusive Ehrenrunde) war diese Schule für mich zu einer meist ungeliebten Pflichtübung geworden. Andererseits entwickelten sich dort Freundschaften, die erste Liebe… Als mittelmäßiger Schüler am unteren Rand schlug ich mich so leidlich durch. Dementsprechend gehörten meine Kumpels nicht zu den Klassenbesten, sondern eher zu den Außenseitern. Was wir gemeinsam hatten: wir schissen auf die Schule (und überhaupt alles). Aber wir waren zu gut erzogen, um nicht eine Restdisziplin aufzubringen. Instinktiv wussten wir, dass ein Abbruch nur noch mehr Probleme gebracht hätte. Wir waren abhängig von den Eltern. Wir wussten nicht viel vom Erwachsensein und Geldverdienen. Was uns die Eltern vorlebten, erschien jedenfalls nicht sehr begehrenswert.
Ritchie war ein pummeliger, kleiner Typ, dem sehr früh die Haare ausgingen. Ich mochte sein Lachen, und er hatte schöne Augen. Und: er war kein Schwätzer. Schwätzer und Angeber waren mir schon immer ein Gräuel. Ritchie mochte Levis Jeans, Led Zeppelin und Fußball.
Endlich konnten wir unsere Entschuldigungen selbst schreiben! Den Sportunterricht am Nachmittag ließen wir gern ausfallen und machten stattdessen eine Sause nach Heidelberg. Alles was weiter als fünf Kilometer von unserem Zuhause entfernt lag, bedeutete damals noch Abenteuer. Auf der Fahrt öffneten wir das Faltdach des Fiat 500 und sangen lauthals Beatles Songs nach oder französische Chansons, die wir bei unserem Französischlehrer gelernt hatten, einer der wenigen guten Pauker, ein Kettenraucher. Seine Stimme klang danach, und er lief ziemlich schlampig durch die Gegend. Aber wir hingen an ihm. Bei ihm fühlten wir uns verstanden.
In der Oberstufe hatten wir jede Menge Freistunden zwischen den Kursen (oder wegen Krankheit einer Lehrkraft). Ritchie fuhr oft für den Hausmeister mit der markanten Säufernase zum Supermarkt und holte dessen Lieblingswein für einen Obolus von zwei Mark. Das reichte für ein Sixpack Bier, das wir schnell noch vorm nächsten Unterricht vernichteten. Die Zeit bis zur nächsten Schulstunde musste dabei genau kalkuliert werden. In jedem Fall waren wir danach lustig drauf. So fing es damals an. Der Beginn meiner Alkoholkarriere.