Gruß nach Gotha

Heute Morgen erstmal den Wecker zurückgestellt. Alles schläft noch. Nix los vorm Fenster. Ein paar Rabenvögel flattern durch mein Sichtfeld. In einem Fenster gegenüber zeigt sich ein junger Mann im T-Shirt. Er schaut kurz raus und klappt das Fenster wieder zu. Das herbstliche Laub der Bäume wippt und zittert leicht. Scheint ein sanftes Lüftchen zu gehen. Trübe blickt der Sonntag zu mir herein. Ich sitze im Kerzenlicht am Schreibtisch. Die Nachrichten überflog ich bereits. Mir sprang nichts von besonderem Interesse ins Auge. Ach ja, in Thüringen wird gewählt…
Aus Thüringen kommt meine Mutter. Aus Gotha. Ich habe nur blasse Erinnerungen an die Heimatstadt meiner Mutter. Nur meine Oma verblieb dort. Die Teilung Deutschlands erschwerte den Kontakt. Ausserdem waren sich Oma und Schwiegersohn nicht grün. Ich war noch sehr klein und verstand nichts von familiärem Knatsch und politischen Umständen. Ich wuchs damit auf, dass meine Oma in der Ostzone lebte, deswegen uns nicht besuchen konnte. Aber ich weiß, dass meine Mutter mit mir ein- oder zweimal zu ihr in die DDR reiste. Wie gesagt, die Erinnerungen daran sind sehr blass; eine Szene jedoch prägte sich mir nachhaltig ein, nämlich, als mir ein ostdeutscher Grenzpolizist im Zug das Fix und Foxi Comicheft wegnahm. Da halfen alle Proteste meiner Mutter und mein Heulen nichts.
Vor kurzem recherchierte ich die Adresse des Hauses, in dem meine Mutter aufwuchs, dort lebte, bis sie meinen Vater kennenlernte… Das letzte Mal kam ich vor Jahren auf einer meiner Fahrradreisen durch Gotha. Ein schönes Städtchen zwischen Eisenach und Erfurt am Thüringer Wald. Die Kindheit meiner Mutter war von den Entsagungen des Krieges geprägt. Sie erzählte mir von den Bombenangriffen, von den Luftschutzkellern, von Kriegsgefangenen, die wie Vieh durch die Straßen Gothas getrieben wurden. Ich bin mir sicher, dass ihre Kinderseele unter diesen Grausamkeiten sehr litt. Und als der Krieg endlich ein Ende hatte, kamen die nächsten Nöte: die Angst vorm Russen und Hunger.
Viele sagen, dass die Gräuel des Zweiten Weltkrieges inzwischen Schnee von gestern sind. Einige Politiker würden am liebsten die Deutsche Geschichte umschreiben, die Kriegsverbrechen und die Vernichtungslager leugnen. Rechte Nationalisten, die sich in Sprache und Gedankengut von den Nazis nicht wesentlich unterscheiden, sammeln sich in der AfD und erheischen in Deutschland wieder Aufmerksamkeit und Stimmen, sitzen inzwischen gar im Bundestag.
Im Bundesland Thüringen steht die AfD u.a. am heutigen Sonntag zur Wahl. Björn Höcke, ein rechter Demagoge und Blender der übelsten Sorte, ist ihr Spitzenkandidat. Wenn es nach ihm ginge, wäre er in ein paar Jahren König von Deutschland und würde Hitler zum Nationalhelden erklären…
Hui! Ich schaue aus dem Fenster. Das sanfte Lüftchen frischte auf. Blätter wirbeln durch die Straße. Es ist noch düsterer geworden. Das Wetter schlägt seine ganz eigenen Kapriolen. Darauf haben wir keinen Einfluss. Gut so. Aber gegen die aufkommende Düsternis in der politischen Landschaft können wir durchaus agieren. Für Thüringen, der Heimat meiner Mutter und Großmutter wünsche ich mir, dass die Wähler den Dummschwätzer Höcke heute abstrafen. Ich werde die Hochrechnungen und Kommentare zum Wahlergebnis gespannt verfolgen.

Ich weiß gar nicht, wie ich eigentlich dazu kam, die alte Adresse in Gotha zu recherchieren. Vielleicht war es irgendein TV-Bericht aus Gotha in Hinblick auf die Thüringenwahl. Ja, das könnte sein. Sofort googelte ich den Stadtplan Gothas… Warum nicht mal eine Reise dorthin? Was wird in mir vorgehen, wenn ich durch die Heimatstadt meiner Mutter wandere, an dem Haus vorbeikomme, in dem sie als Kind und junge Frau wohnte…?

Erledigt

Die Sonne will es nochmal wissen, aber natürlich hat sie verloren wie ich. Man kann halt nicht einfach aus seiner Haut. Ich mixe mir einen Drink nach dem anderen und registriere, dass der Vorrat im Kühlschrank schmilzt. Im Großen und Ganzen habe ich alles Notwendige für heute erledigt: Wäsche gewaschen, Kartoffeln gekocht und mir einen runtergeholt. Alles geklappt. Nur ein paar Worte zu schreiben, schaffte ich noch nicht. Ich überlegte hin und her, wartete auf Inspiration, las die Nachrichten und einige Beiträge von Bloggern, surfte im Internet: Trump hat sich in Kim Jon Hig Un verliebt erfuhr ich u.a. … Sowas aber auch. Eine Arschlochliebe, – soll`s geben. Lindner appelliert, die AFD-Wähler nicht schlechter zu machen, als sie sind. Oder so ähnlich. Logo Pogo. Schließlich ist die AFD inzwischen zweitstärkste politische Kraft im Lande. Lindner ist ein echt heller Kopf. Er kann Eins und Eins zusammenzählen. Aber ich mag ihn nicht. Ich mag ihn noch weniger als Westerwelle, falls sich noch jemand an den Schwuli erinnert. Nein, ich habe absolut nichts gegen Homosexuelle. Ich habe gegen gar keine Minderheit nichts, und auch nichts gegen Juden, solange sie sich nicht wie Arschlöcher aufführen. Ich bin da ganz ehrlich und schere mich einen Dreck drum, ob meine Aussagen politisch korrekt sind. Ich verabscheue die heutige Politikerklasse, die nur noch konfus im Sinne ihres jeweiligen politischen Machtstrebens zwischen unterschiedlichen Haltungen herumeiert und keinerlei Rückgrat mehr zeigt. Trotzdem würde ich niemals die AFD wählen. Eine echte Arschloch-Partei das. Offenbar haben Arschlöcher gute Chancen, gewählt zu werden. Auch nichts Neues. Kacke aber auch. Was mache ich eigentlich noch auf der Welt, wenn ich alles so zum Kotzen finde? Nicht nur die Politik. Fast dasselbe gilt für die Liebe. Man verliebt sich meist in die größten Arschlöcher… Ist es nicht so?
Man kann halt nicht aus seiner Haut. Die Sonne schreit mich von der Seite an. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich weiß nicht, was ich von dem Leben halten soll, von alldem, was mir jeden Tag wie eine Welle „Irgendwas“ entgegenschwappt.