Wie ich zur Abtreibung stehe

Darf ich auch als Mann eine Meinung zum Thema Abtreibung haben? Ich musste mich in meinen Zeiten mit Frauenbekanntschaften nie konkret damit auseinandersetzen. So weit ich weiß, wurde keine meiner Freundinnen oder Liebschaften schwanger von mir. Eine Freundin erzählte mir, dass sie (vor meiner Zeit mit ihr) abgetrieben hatte. Ich habe allen Respekt vor Frauen, die vor einer solch schwierigen Entscheidung stehen. Es kann viele Gründe geben, sich für eine Abtreibung zu entscheiden, und ich bin sicher, dass sich dies keine Frau leicht macht. Ich will mir gar nicht vorstellen, unter welchem Druck manche stehen…
Natürlich sehe ich das ethische Dilemma: Schließlich bedeutet eine Abtreibung die vorsätzliche Tötung von werdendem menschlichem Leben.
Oft sann ich im stillen Kämmerchen darüber nach, wie ich mich positionieren sollte, falls eine Frau von mir schwanger würde und sich für eine Abtreibung entschlösse. Also, ich kann durchaus verstehen, dass eine Frau nicht unbedingt ein Kind von einem Trinker will. Aber wenn echte Liebe zwischen uns im Spiel wäre, würde es mich hart treffen. Vielleicht könnte ich doch ein guter Vater werden… Okay, das Schicksal wollte es sowieso anders. Ich blieb kinderlos.
Dunkel erinnere ich mich an die Auseinandersetzung Anfang der Siebziger um den § 218. Viele tausend (junge) Frauen demonstrierten für das Recht auf Abtreibung und die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen. Immerhin wurde damals erreicht, dass der Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten 12 Schwangerschaftswochen für die Frauen und durchführenden Ärzte straffrei blieb.
Nun im Jahre 2022 kocht dieses Thema in den USA hoch, nachdem der Supreme Court das Abtreibungsrecht kippte. Ich sympathisiere ganz klar mit den Frauen, die für ihr Recht auf Abtreibung auf die Straße gehen. Frauen sind keine Gebärmaschinen, die unter allen Umständen funktionieren müssen. Fötus und Mutter bilden bis zur Geburt eine Einheit, wobei die Mutter die Versorgung wie auch die Verantwortung für das neu heranwachsende Leben natürlicherweise übernimmt. Sie hat das alleinige Verfügungsrecht über ihren Körper und die Vorgänge darin. Wenn sie abtreiben will, darf ihr die Gesellschaft keine Steine in den Weg legen. Vielmehr sollte die Gesellschaft Frauen, die in eine solche Problematik geraten, empathisch auffangen.
Soweit meine bescheidene Meinung zum Thema Abtreibung. Viele Menschen sehen das ganz anders und plädieren für ein absolutes Abtreibungsverbot aus persönlichen/religiösen/ethischen/kulturellen Gründen. Gesellschaften verändern sich. Nach einigen Jahrzehnten vorangetriebener progressiver Öffnung und Liberalität, beobachte ich (in Deutschland) seit einigen Jahren zunehmend reaktionäre Tendenzen… hin zu mehr Unfreiheit, Kontrolle und Staatsgewalt. Viele Themen, welche wir glaubten, längst abgearbeitet zu haben, rücken wieder auf die Agenda. Normalerweise kommt alles aus den USA früher oder später bei uns an (siehe „MeToo“ oder „black lives matter“). Wir müssen nicht darauf warten und können schon jetzt anfangen, über Abtreibung zu diskutieren. Oder was meint ihr?