Schwerelosigkeit

Das Leben entschied sich letztendlich gegen mich. Ich rede von der Liebe. Von was sonst… Ich schaffe es nur auf den ersten Metern davonzuziehen. Als kurz- bis mittelfristige Romanze lande ich bei Frauen ganz gut. Zur Überbrückung, wenn sie sich von ihrem Mann trennen. Oder zum Aufbauen, wenn sie eine Enttäuschung hinter sich haben. Ich bin in der Liebe trottelig unkompliziert. Ich ergebe mich dem Gefühl, ohne viele Gedanken an das Morgen und die Umstände zu verschwenden. Ich lasse mich fallen, und das gefällt der ein oder anderen Lady. Die Probleme tauchen auf, wenn es in die erste Kurve geht, und die Taktiererei beginnt. Am liebsten möchte ich geradeaus weiterlaufen, aber das lässt das Leben nicht zu. In dieser Phase verliert die Liebe an Schwung. Die Schwerelosigkeit ist raus. Ich kann regelrecht zugucken, wie die Liebeskapsel gen Erde stürzt. Den Aufschlag will ich nicht wahrhaben… und träume mich lieber zurück in den Orbit. Wie konnte das passieren? frage ich mich konsterniert, immer noch in der Liebeskapsel liegend. Ich schaue auf den Platz neben mich, der leer ist… Scheiß Technik! Wohl ein Steuerungsfehler.
Wir wissen von den Astronauten, die längere Zeit in der Schwerelosigkeit verbrachten, dass es eine Weile dauert, bis sie auf der Erde wieder Fuß fassen. Ähnlich geht es auch dem abgestürzten Liebenden. Eigentlich viel brutaler, da er nicht immer behutsam aufgefangen und wiederaufgebaut wird.
Mir fehlte das weibliche Äquivalent zu mir, das mich nach der Enttäuschung wieder als Mann und Mensch aufrichtete. Seit eineinhalb Jahren dümpele ich vor mich hin. Und als ich endlich glaubte, ich wäre halbwegs genesen, traf ich sie

Wundgescheuert

Ich tanze den Blues, nicht glücklich sein zu müssen. Die Gedanken amorph. Jeder Tag ein Abziehbild. Ich sehe einen Film mit mir als Nebenrolle. Ich verschwinde ganz in mir. Ich liege so rum in meinem Bauch und starre die Wände an oder durchs Fenster. Wurde ich überhaupt geboren?

Aus dem Nebenraum erreichen mich seltsame Geräusche meiner Mitbewohnerin. Wahrscheinlich wird sie gerade wach. Wahrscheinlich wird sie gleich aufstehen.
Es tut sich was. Es kommt auf mich zu…

Ich stelle mir vor, dass ich abstürze, aber da es keinen Boden gibt, schlage ich nicht auf, – und so gewöhne ich mich ans Abstürzen. Ich stürze kopfüber, und aus meinen Taschen fallen alle Gedanken und Gefühle. Sie purzeln vor meinen Augen herum. Ich kann sie nicht greifen und zurück in meine Taschen stopfen. Ich kann nicht.

Meine Mitbewohnerin erzählt mir, wo sie am Vorabend war. Es interessiert mich nicht. Mein Brustkorb ist eine Kühlschranktür. Meine Mitbewohnerin fragt nach den Tagestemperaturen. Ich sage: „Keine Ahnung.“ Sie schaut auf der Wetter-App ihres Smartphones nach und berichtet über die Aussichten für die nächsten Tage. Ich blicke aus dem Fenster: die Sonne scheint. Mehr muss ich nicht wissen.

Bukowski sprach vom Frozen-Man-Syndrom, Hemingway hatte den Black Dog. Keine Ahnung, was es bei mir ist. Ich werde einen Namen finden. Währenddessen tanze ich den Blues, nicht glücklich sein zu müssen. Alles ist gut, solange ich meine Ruhe habe – in der Placenta meines Selbst.
Es fühlt sich an, als wäre meine Seele total wundgescheuert. Wovon nur?