Abgebrannt II

Beim Wiederlesen eines alten Textes traf ich auf mein vergangenes Ich. Es sprach mich aus dem Text heraus an.

„Bist du es wirklich?“
„Glaubst du, dass außer mir, irgendwer Interesse an deinen Texten und Gedichten hat?“
„Ha-ha-ha, unverkennbar ich! Wie weit lebst du in der Zukunft?“
„Juni 2021.“
„Himmel, Arsch und Zwirn! Da bist du – äh – bin ich bald schon 60! – Nein erzähle mir nichts, will ich gar nicht wissen!“
„Du wirst es ja erleben.“
„Hey Alter, kannst du etwas Kleingeld rüberwachsen lassen? Wie du bestimmt gelesen hast, bin ich abgebrannt. Oder bin ich etwa 2021 immer noch pleite?“
„Nein.“
„Prima! Also, wie sieht`s aus?“
„Schätze, das klappt nicht. Du kennst doch das Großvater-Paradoxon.“
„Klar kenne ich das. Ich bin doch du. Erinnerst du dich noch, wie dreckig es dir damals ging?“
„Dunkel. Aber jetzt, wo ich deinen Text las, kommen mir einige Bilder wieder ins Bewusstsein aus der Zeit nach der Trennung von P.  – da kackte ich ganz schön ab.“
„Worauf du einen lassen, kannst, Alter! Die Narbe an deinem rechten Handgelenk wird ja wohl nicht verschwunden sein.“
„Das hättest du besser anstellen können.“
„Sorry – nach einer Flasche Bacardi…“
„Schnee von gestern.“
„Für mich noch nicht! … Es tut so verflucht weh!“
„Wird noch öfter wehtun.“
„Halt die Klappe! – will ich gar nicht wissen! Helfe mir lieber aus der Patsche – scheiß auf dieses Großvater-Paradoxon!“
„Selbst wenn es ginge, würdest du mit meiner Kohle nichts anfangen können.“
„Wieso das denn?“
„Die D-Mark ist nicht mehr. Wir haben den Euro… Du wirst es auch ohne meine Hilfe packen.“
„Soll mich das beruhigen? – Aber danke fürs Lesen, Alter. Darf ich dich noch was fragen?“
„Nur zu.“
„Wo hängst du… hänge ich 2021 so ab?“
„Berlin.“
„Wow! Als alter Sack in Berlin – ich glaub, ich träume. Wie geht`s mir denn so in Berlin?“
„Gut genug, um dir jeder Zeit ein Bier leisten zu können.“
„Dann habe ich`s wohl noch zu was gebracht?“
„Mache dir keine Illusionen, was deine Zukunft angeht.“
„Schade. Hätte mich auch gewundert, wenn ich mich wesentlich ändern würde… Aber vielleicht habe ich ja bis dahin wenigstens einen Gedichtband rausgebracht oder einen Roman geschrieben?“

„Dein Schweigen sagt mehr als tausend Worte.“
„Du wolltest doch gar nicht so viel über deine Zukunft wissen.“
„Du hast recht – ich sollte mich wieder der Gegenwart zuwenden. Habe da so`ne Idee, wen ich noch anschnorren könnte.“
„Mach das!“
„Ciao Alter! Man sieht sich!“

Ich verabschiedete mich von meinem vergangenen Ich, korrigierte den alten Text und stellte ihn auf meinen Blog. Mein vergangenes Ich hat es verdient gelesen zu werden.


Es war gestern und ist doch heute (11)

ABGEBRANNT

Ich habe keine müde Mark mehr im Sack, aber ich bin doch noch ein Mensch?! Zwei Tage und zwei Nächte schwitzte ich in meinem Bett, grübelte, was zu tun sei. Ich erniedrige mich in jedem Falle.
Das Beste wäre, einfach nicht daran zu denken. Was soll`s: Eine Woche oder zwei ohne Geld… Der Hunger verschwindet, und fließend Wasser habe ich allemal.
Ich dusche mir Schweiß und Gestank von Körper und Seele, bringe mich in Form. Danach fühle ich mich wieder halbwegs als Mensch.
Es drängt mich nach draußen.
Würde doch eine verheißungsvolle Nachricht oder ein WUNDERBRIEF im Briefkasten liegen. Oh, dass die Welt zu einem leeren Geldbeutel schrumpfen kann!
Ich schaue aus dem Fenster und verstehe nichts: Die Helligkeit des Tages, Geräusche emsiger Betriebsamkeit, ein leichter Wind, Nachrichten aus dem Radio, Nachrichten von weit her – Krieg in Europa. Alles durchdringt mich, schmerzt und lähmt, weil…, weil ich traurig bin über die Unabänderlichkeit, über die Kleinkariertheiten, über die vergangene Liebe, über diesen schwindeligen Kreislauf von Tag und Nacht – endlose Wiederholungen in den alltäglichen Verrichtungen.
Aber: Raffe dich auf! Zähme deine Gedanken! Du bist doch noch ein Mensch!
Draußen wartet die Welt.

Und ich bringe es, setze mich mit einer Lektüre in den Park. Das Panorama der Kleinstadt breitet sich vor mir aus, zur Mittagszeit eine friedliche Idylle – zu friedlich für meinen haltlosen Geist. Ich finde keine rechte Muße in dieser heilen Welt. Alle meine Gedanken drehen sich um die Zukunft: Was soll werden?
Ich überdenke die Situation immer und immer wieder, wie sich das abzeichnende Dilemma vermeiden ließe, die Erniedrigung!

Als ich nach Hause gehe, taumele ich – und dann plötzlich eine fixe Idee – ich greife zum Telefon. Es ist einen Versuch wert. Doch die niederschmetternde Auskunft folgt auf dem Fuße:
„P. ist in Urlaub“, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung.
Und ich weiß nichts davon… Sie hatte bei unserem letzten Zusammentreffen nichts davon erwähnt. Mir schießen die Tränen in die Augen. Welche Auswege bleiben noch? Natürlich, sie hat ihre eigenen Angelegenheiten. Was erwarte ich noch von ihr?

Ich rolle mich in mein Bett. Mein Stolz…, mein Stolz, denke ich verwirrt und zittere vor Schmerz, winde mich, springe auf… zum Kühlschrank. Hungern muss ich noch nicht.
Ich stelle mir vor, wie du mich mitleidig beobachtest. Oft genug nervte ich dich mit meinen Tiraden, angetrunken, mit meiner Ablehnung gegen die Konventionen, meinem billigen Sarkasmus:
„… nur nichts Ungebräuchliches tun, gel?“
Ich ließ es dich spüren, dass ich dich davon nicht ausschloss, ebenso deine Familie, deine Freunde, einfach jeden, mit dem du Kontakt hattest.
War ich gut drauf, also fünf Bier aufwärts, wollte ich gegen die ganze beschissene Welt anrennen.
Wie gutmütig und geduldig ertrugst du meine menschenverachtenden Ausbrüche, die dich oft verletzen mussten… bis zuletzt.
Du hattest den Mut und betätigtest den Schleudersitz, um dich aus dieser schlingernden Maschine mit Triebwerksschaden herauskatapultieren zu lassen – um dich zu retten, wie du sagtest.

Langsam finde ich mich wieder. Was sind schon fünf Jahre?
Ich identifiziere meine Vergangenheit an meinen Gedichten und Bildern, an den Büchern meiner Lieblingsautoren, meinen Lieblingsschallplatten und meinen Freunden.
Ich bin noch derselbe. Habe ich die Demütigungen nötig, dass mein Stolz wie über Eis von mir schlittert und mit ihm meine ganze Kraft, mein Selbstbewusstsein?
Oh nein, ihr Dämonen, ihr zwingt mich nicht so schnell in die Knie, und ihr Menschen zweimal nicht! Ihr schmeckt nach Einheitskost. Eure Seelen habt ihr, pflichtbewusst, wie ihr seid, beim Eismann abgegeben…
Fünf Jahre Exkursion ins Innere intellektueller Spießer – da muss doch außer Entbehrungen noch was abfallen, oder? Ich weiß, P., du verstehst mich nicht… Du weißt dich bei allem, was ich sage, nur umso mehr bestätigt.

Ich trinke! Ich trinke auf unsere Unverbesserlichkeit!



(Sommer 1990)