Es war gestern und ist doch heute (12)

Kängurus trinken Havana

Wer reitet zu später Stund durch die Nacht?
Es ist der Tiger auf seinem Bike…
Ich denke immer mal über das Leben nach
in der Küche.
Es ist viel zu kompliziert.
Die Moderne reißt dem Menschen den Arsch auf.
Wir sind heute pränatal
unselbstständig.
Wir können ohne den ganzen Scheiß gar nicht mehr leben.
Ihr wisst schon, welchen Scheiß ich meine.
Wir erleben einen Weltuntergang zweiter Klasse,
wenn das Klopapier alle ist,
oder das Auto nicht anspringt.
Wir mutierten zu Hybridwesen,
zu Maschinenmenschen.
Wir funktionieren wie Maschinen.
Wenn etwas kaputt ist, lassen wir uns von
den Weißkitteln reparieren.
Und wenn wir durchdrehen, mischt sich der Seelenklempner ein:
„Sie fühlen sich als Känguru?“
„Nein, eigentlich als Tiger.“
„Seit wann haben Sie das Gefühl, ein Tier zu sein?“
„Ich kann mich nicht erinnern. Es muss schon lange her sein.“
„Wie viel trinken Sie?“

Manche Antworten spare ich mir, sonst muss ich noch mehr trinken.


(14.05.2009)

Es war gestern und ist doch heute (8)

Er hatte das Gefühl, dass nichts gut sein kann. Wenn er die Musik aufdrehte, verschwand die Wirklichkeit hinter einem trüben Vorhang. Er sah die weichen Konturen einer Nackten hinter einem Duschvorhang. Er sah den Frühling und die Wände seines Zimmers. Er setzte die kalte Bierflasche an.
Wenn man wollte, konnte man einfach verschwinden. Und die Welt war nichts als ein surrealer Traum.
Nichts wusste er von seinem Gehirn und dem Herz, das in seiner Brust den Takt des Blutes schlug.
Nichts wusste er von seinen Händen, die auf der Computertastatur schrieben.
Was war die Sprache? Sie hing irgendwie in der Luft.
Es war Mittag, der 1. Mai. Er saß am Computer und suchte nach Worten. Für Alles und Nichts. Wenigstens ist es kein Albtraum, dachte er, es ist nur ein Tag – ein Tag in meinem Leben.
Er saß vor der Kamera. Er war die Kamera. Nichts wusste er von der Natur, von den Jahreszeiten. Nichts wusste er von der Erde, von dem Himmel. Schon gar nichts wusste er von den Sternen.
Er trank und schrieb. Er hörte laut Musik. Es gab keinen Raum. Es gab all die Dinge nicht. Man konnte sie anschauen, ohne sie zu sehen. Was blieb neben dem Funktionieren übrig?

(01. MAI 2009)