Ich muss ich selbst sein

„O Vater, o Mutter, o Weib, o Bruder, o Freund, ich habe bisher nach dem Schein mit euch gelebt. Von nun an gehöre ich der Wahrheit. Wisset, dass ich hinfort keinem anderen als dem ewigen Gesetz gehorchen werde. Ich will nicht mehr mit euch im Bunde, sondern nur euer Nachbar sein. Ich kann mich nicht mehr nach euren Gewohnheiten richten. Ich muss ich selbst sein. Ich kann mir um euretwillen willen nicht länger Gewalt antun, noch sollt ihr dies um meinetwillen tun. Wenn ihr mich lieben könnt, so wie ich bin, werden wir alle glücklicher sein. Wenn ihr es nicht könnt, will ich trotzdem versuchen, eure Liebe zu verdienen. Ich werde keinen Hehl mehr machen aus dem, was mir gefällt, und was mir nicht gefällt.“
(Ralph Waldo Emerson)

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I remember Antonin Artaud



Es gibt in der Magie
die fortwährende Einmischung Gottes,
nicht als ein Geist oder als ein Wesen,
sondern als einen noch mehr kariösen Zustand
des Herzens.
Denn was ist das Herz?
Eine Karies,
eine bohrende Fleischkaries,
deren Weichheit
diesen Organismus aus lauem und pochendem Blut
gemacht hat,
dieses fortwährende Erdbeben,
diese Ohnmacht des Lebens.
Was ist ein Herzschlag des Lebens?
Ein Leben, das plötzlich aufhört zu fließen,
dorthin zu fließen,
und wieder anfängt.
Womit angetrieben?
Das ist unbekannt.
Eine bereits düstere Notwendigkeit,
eine drohende Karies des Gehirns,
die den Kot aus rohem Fleisch wiederbelebt
und ihn antreibt, herzugeben, was er hat,
zu sagen, was er will und was er hat.


(Antonin Artaud, 1896 – 1948)

Der letzte Biss

Hundewetter heute. Der Sonntag tröpfelt vor sich hin bei Vocal Jazz aus dem Internetradio. Das Brummen der Waschmaschine dazu. Das Tageslicht dämmrig sanft, umkleidet mich wie ein leichter Pelz. Sehr smooth das Ganze, ein Schwebezustand zwischen Aktivität und Passivität. Ich könnte die Hunde zählen, die vorm Fenster vorbeilaufen…
Seltsamerweise geht es in dem Roman, den ich seit Monaten mit mir herumtrage, auch um einen Hund: „Westlich von Rom“ von John Fante. Ich mag John Fantes Schreibe, aber ich befinde mich zurzeit in einer lesefaulen Phase.
Ein kurzer Auszug:
„Er war ein Hund und kein Mann, aber ein Tier, und er würde mit der Zeit mein Freund werden, meinen Schädel mit Stolz und Spaß und Unsinn füllen. Er war Gott näher, als ich je sein würde, er konnte weder lesen noch schreiben, und auch das war gut. Er passte nicht hierher, genau wie ich. Ich würde kämpfen und verlieren, und er würde kämpfen und siegen. Die hochnäsigen dänischen Doggen, die stolzen deutschen Schäferhunde, er würde sie alle fix und fertig machen und dann auch noch bumsen, und ich würde meinen Spaß haben.“
Ich fühle mich weder als Gewinner noch Verlierer. Mein Standpunkt war schon immer: lieber ein guter Verlierer sein als ein schlechter Gewinner. Das „Glück“ als Gewinner ist flüchtig und macht außerdem süchtig. Nein, ich bin kein Gewinnertyp. Wenn ich siege, kann ich mich oft gar nicht richtig freuen. Wettkampfsituationen erlebte ich immer als unangenehm.
Ich spielte jahrelang sehr gern Billard, und das gar nicht mal schlecht. Freilich entwickelte ich dabei einen gewissen Ehrgeiz. Ich war über einen mißlungenen Stoß enttäuscht und freute mich, wenn für mich die Kugeln super liefen, so dass die anderen staunten. Am liebsten würde ich ohne letztes Ergebnis spielen: Man müsste nicht zwischen Gewinnern und Verlierern unterscheiden, und es ginge hauptsächlich um die Spielfreude, bzw. den Spaß an der Sache.
Es ist eine verdammte Schwäche, dass mir der letzte Biss fehlt. Auch als Hund würde ich sicher nicht zu den Gewinnern gehören.

Die Welt – ein Durcheinandertal

(…) Gott wurde zu einer bloßen Idee (…) wieder spielte ihm die Theologie einen Streich: Sie idealisierte den Sohn Gottes. Die Huren und Zöllner wurden ihm weggedacht, bei denen er sich wohlgefühlt, deren Witze und Zoten er gehört und auch darüber gelacht hatte, er wurde nie als Mensch ernst genommen, sondern nur als Gott, der den Menschen spielte, weil er ein Gott war, der nie bei Weibern liegen durfte (…) Gottes Sohn wurde etwas Abstraktes, abstrakter noch als der Vater, aber auch etwas Kitschiges, ein Marzipanheiland am Kreuz (…) denk dir keinen Gott mehr aus, dann brauchst du dir auch keine Hölle auszudenken. Der Mensch braucht den Menschen und keinen Gott, weil nur der Mensch den Menschen begreift (…) Bei einem Physiker hatte er einmal gelesen, wenn die Wirklichkeit reden könnte, so würde sie keine physikalischen Formeln aufsagen, sondern ein Kinderlied singen, und so dachte er, wenn Gott sich zeigen könnte, wäre er etwas völlig Unbegreifliches, Abstruses wie das Paket Kaffee Oetiker Fr. 10.15 (…) die Welt war ein ständig anwachsendes, von ineinandergeschachtelten Weltallen gebildetes Welthirn, dessen einzelne Neuronen wiederum aus ineinandergeschachtelten Weltallen bestanden, deren jedes aus einem Ich bestand, das dieses Weltall dachte samt den Galaxien, Sonnen und Planeten, die es brauchte, um die Evolution in Gang zu setzen, die auf dem Weg über Einzeller, Vielzeller, Weichtiere, Wirbeltiere den Menschen erzielte, der in einem phantastischen Zirkelschluß wiederum das Weltall dachte und einen Gott, einen hundertköpfigen oder tausendfüßigen, einen vielnasigen oder einen aus Holz oder aus Gold, oder eine vielbrüstige Göttin, so viele Götter wie Weltalle (…)
zitiert aus den letzten Seiten Dürrenmatts Roman „Durcheinandertal“

Aus Miguel de Unamuno „Ein Besuch beim alten Dichter“

… „Mein Name? Warum soll ich meine Seele meinem Namen opfern? Warum den Lärm um ihn verlängern? Nein! Ich will nicht mehr, als meiner Seele in dem Schweigen der Ewigkeit eine Ruhestätte bereiten. Denn, bedenken Sie dies, Jüngling, viele opfern ihre Seele ihrem Namen und die Wirklichkeit einem Schatten. Nein, dass meine Persönlichkeit, das, was Literaten eine Persönlichkeit nennen, den Menschen in mir erstickt (und bei diesen Worten schlug er sich auf die Brust). Das Ich, dieses konkrete Ich, das atmet, leidet, genießt und lebt, dieses auf niemanden übertragbare Ich will ich nicht der Idee opfern, die ich von mir selber habe, dem Selbst, das in ein abstraktes Ideal verwandelt wurde, diesem mit dem Gehirn erfassten Ich, das uns knechtet …“
„Das Ich eben, das Sie das konkrete nennen …“
„Ist das einzig wahre Ich, das andere ist ein Schatten, ein Reflex, den die Welt von uns selbst zurückstrahlt, die Welt, die uns stets mit ihren tausend Spiegeln umgibt …, Menschen unseresgleichen! Dachten Sie, junger Mann, je an den furchtbaren Kampf zwischen unserem innersten Sein, das in unserem tiefsten Seelengrunde wurzelt, das den Gesang einer reinen fernen Kindheit in uns singt, und diesem erworbenen, übergestülpten Wesen, das nicht mehr ist als die Idee, die sich die anderen von uns bilden, eine Idee, die sich uns aufzwingt und die uns endlich erstickt?“ …

„Warten auf Wunder“ v. John Fante

… Ich ging zur Schreibmaschine und setzte mich vor sie. Ich dachte daran, einen Satz zu schreiben, einen einzigen perfekten Satz. Wenn ich einen Satz schreiben konnte, konnte ich zwei schreiben, und wenn ich zwei schreiben konnte, konnte ich drei schreiben, und wenn ich drei schreiben konnte, würde ich immer weiter schreiben können. Aber, angenommen, es gelang mir nicht? Angenommen, ich hätte alles von meinem schönen Talent verloren? Angenommen es war verbrannt, im Feuer von Biff Newhouse, der mir die Nase einschlug, oder im Tod von Helen Brownell? Was würde mit mir geschehen? Würde ich zu Abe Marx gehen und wieder Hilfskellner werden? Ich hatte siebzehn Dollar im Geldbeutel. Siebzehn Dollar und die Angst vor dem Schreiben. Ich saß aufrecht vor der Schreibmaschine und blies mir in die Finger. Bitte, lieber Gott, bitte, Knut Hamsun, verlass mich jetzt nicht. Ich fing zu schreiben an, und ich schrieb:
„Die Zeit ist gekommen“, sagte das Walroß,
„Zu reden von vielen Dingen:
Von Schuhen – und Schiffen – und Segelwachs –
Von Kohlköpfen – und Königen -.“
Ich schaute es an und schürzte die Lippen. Es war nicht von mir, aber, zum Teufel, irgendwo musste man ja anfangen.

(aus „Warten auf Wunder“ v. John Fante)

Aus „Revolte gegen die Poesie“ v. Antonin Artaud

Es gibt etwas hinter seinem Kopf, um die Ohren seines Denkens herum. Etwas, das in seinem Nacken keimt, wo es schon seit Anbeginn war. Er ist vielleicht der Sohn seiner Werke, aber seine Werke stammen nicht von ihm, denn was in seiner Dichtung von ihm stammte, hat nicht er dort eingesetzt, sondern dieser unbewußte Produzent des Lebens, der ihn dazu bestimmt hatte, sein Dichter zu sein und den nicht er sich ausgesucht hatte. Un der ihm niemals wohlgesonnen war.
Ich will nicht der Dichter meines Dichters sein, dieses Ichs, das mich zum Dichter wählen wollte, sondern der schöpferische Dichter im Aufstand gegen das Ich und das Selbst. Und ich erinnere mich des alten Aufstandes gegen die Formen, die auf mich kamen.

(Antonin Artaud)