Ausgeträumt

Die Träume versanden im Alter. Bleiben tut die schnöde Hoffnung auf ein paar gute letzte Jahre. Sowieso: Es kommt, wie`s kommt. „Ausgeträumt“ heißt der letzte Roman Charles Bukowskis – „ein selbstironisches Adieu des alten Mannes aus L.A.“ lese ich auf dem Buchrücken. Passt. Ich mag diesen Haudegen Bukowski. Die Lektüre seiner Bücher war stets ein Trostpflaster – ließ mich schmunzelnd sagen: „Scheiß drauf!“ Ich entdeckte Bukowski für mich Anfang der Achtziger, als ich noch zur Schule ging. Fast nahtlos löste er Walt Disneys „Lustige Taschenbücher“ mit meiner Lieblingscomicfigur Donald Duck ab, dem liebenswerten Verlierer. Ich habe ein Faible für Antihelden. Nur nicht zum Pharisäer und Großkotz werden, war meine Devise. Okay, jeder ist, wie er ist. Man muss sich nicht mögen aber irgendwie friedlich nebeneinander leben. Das ist die Kunst. Die Welt sollte groß genug sein… Oder nicht? Schon zu Zeiten einer wesentlich geringeren Weltbevölkerung gingen die Menschen aufeinander los. Wozu dieser ständige Brudermord à la Kain und Abel? Mein Leben währt zu kurz, um hinter das Geheimnis der menschlichen Natur zu steigen. Aber ich sehe, was ich sehe.

Für heute steht auf dem Programm, dass ich mich mit Bukowski in den Biergarten setze und ein paar gepflegte Biere trinke.


Ausgegraben

Über den Ungehorsam und andere Essays

Erich Fromm

Aus dem Vorwort:
Was es heißt, menschlicher Natur und dem Ziel einer humanen Gesellschaft gegenüber gehorsam, allen Arten von Idolen und politischen Ideologien gegenüber jedoch ungehorsam zu sein, das hat Erich Fromm in diesen Essays auf den Begriff gebracht. Seine Überlegungen sind nicht überholt. Denn der Ungehorsam gegenüber allen Arten von Konformismus und ein kritischer Standpunkt, was den common non-sense anbelangt, sollten immer noch unser wichtigstes Ziel sein.
Seine psychologische Einsicht in gesellschaftliche und politische Phänomene veranlasste Erich Fromm, für einige Zeit die Sozialistische Partei der Vereinigten Staaten zu unterstützen, sich in der Friedensbewegung und für die Abrüstung zu engagieren. Damit praktizierte er seinen eigenen Ungehorsam allen Formen des sogenannten »gesunden Menschenverstandes« und des offiziellen politischen Denkens gegenüber. Er gehorchte dem wirklichen rationalen Denken, wie es uns von den Propheten überliefert und von Menschen wie Albert Schweitzer und Bertrand Russell vorgelebt wurde.
(Annis Fromm, 1981)

Quelle: https://www.psychosozial-verlag.de

Ernste Fragen

Wenn die Welt noch zu retten ist, so wird sie von den Amateuren gerettet werden. Die Spezialisten sind mehr als alle anderen verantwortlich für die desolate Lage, in der wir uns befinden. Sie wissen über zu wenig zu viel, aber jeder weiß etwas ganz Besonderes. Sie können kaum einander verstehen; sie reden auch nicht miteinander; sie sitzen stumm und dienstbar da. Für die Laienwelt sind sie von sehr begrenztem Nutzen. Will man ihre Weisheit anzapfen, muss man die richtige Stelle des betreffenden Spezialfasses sehr genau kennen – die Fässer sind mit unzähligen falschen Hähnen besetzt, aus denen nichts als heiße Luft kommt. Nur ein einziges Spundloch steht wirklich mit der Quelle des Spezialwissens in Verbindung, und hier wird der Interessent mit einer üppigeren Dosis Wissen durchnässt, als ihm lieb ist.
Erwin Chargaff

Gleich der erste Absatz sagte mir, dass ich die richtige Lektüre gewählt hatte. Der Autor Erwin Chargaff (Wissenschaftler und Schriftsteller, 1905 – 2002) formuliert vorzüglich, was ich schon lange über den Wissenschaftsbetrieb und das zunehmende Spezialistentum denke.
Als Amateur werde ich nicht ernstgenommen, wenn ich die Elfenbeintürme dieser Welt kritisch beleuchte. Darum ist es wohltuend für mich, dass doch nicht alle Wissenschaftler und großen Geister im Gleichschritt gehen, wie uns aktuell weißgemacht wird.
Erwin Chargaffs Essayband „Ernste Fragen“ lege ich all jenen ans Herz, die sich gedanklich über den Tellerrand des Wissenschaftskultes hinauswagen wollen. Kritisches Hinterfragen tut Not.


Am Brunnen

Es ist schön, vor der Kupferkanne zu klönen, das Plätschern des Brunnens in den Ohren und mit lecker Bier versorgt. Was mich für die Wirtsleute Necip und Rose freut, dass sie immer öfter von Gruppen junger Leute/Studenten besucht werden. Die traditionelle Kiezkneipe wird von der jungen Generation entdeckt. Nicht allen eingesessenen Stammgästen gefällt das. Manche rümpfen die Nase. Aber das sei deren Problem, meint Necip. Ich pflichte ihm bei. Mir gefällt die Weltoffenheit, die sich in den unterschiedlichen Gästen widerspiegelt. Oft komme ich mit Necip, Rose oder Gästen ins Gespräch, lausche Lebensgeschichten und Schicksalen. Oder ich hole meine Lektüre hervor und lese ein paar Seiten (aktuell Maren Gottschalks „Sophie Scholl“-Biografie). So lässt es sich aushalten, denke ich, und setze das frischgezapfte Pils an meine Lippen – wie mir das fehlte in den langen Monaten der Lockdowns! Ein Lustseufzer entfährt mir, und ich kehre zu meiner Lektüre zurück – hinein in andere Zeiten und Lebensverhältnisse: 1. Weltkrieg, Weimarer Republik – am Horizont braute sich einiges zusammen… als Freigeist sollte man es bald schwer haben.

Eden

Es war einer der ersten warmen Tage des Jahres. Der junge Mann saß auf einem Mäuerchen auf dem Rathausplatz der Stadt – der Stadt, in der er aufgewachsen war und die Schule besucht hatte, wo er seine erste Liebe fand. Die Luft duftete nach Freiheit und wonniger Verheißung. Er las Hemingways letzten Roman „Eden“. Die Protagonisten genossen das Leben an der französischen Riviera… Der junge Mann träumte sich in die Erzählung des Schriftstellers, während die Sonne ihm auf die Nase schien, er eine Flasche Rotwein ansetzte. Niemals wollte er dieses Gefühl der Freiheit wieder verlieren, auch wenn er insgeheim wusste, dass er einer kurzfristigen Schimäre aufsaß. Der Vormittag schmolz dahin – die Pflicht rief ihn zu seinem Dienst im Altenheim. Er fühlte sich glücklich wie selten. Nur die Liebe zu einer Frau hatte ihn bisher mit mehr Glück beseelt. Er wunderte sich über seine Hochstimmung, die anhielt, als er sich bereits auf dem Weg zu seiner Arbeit befand. Er war jung und hatte das ganze Leben vor sich. Das Leben war wunderbar. Er war ein gutaussehender Bursche. Er gefiel sich.

Das Altenheim stand wie eine riesige Barke weithin sichtbar am Berghang. Die Alten fristeten dort den letzten Rest ihres Daseins. Sie befanden sich am anderen Ende – während er noch in seiner Jugend badete, warteten sie auf Erlösung, warteten auf sein Lächeln und seine Hilfe. Der junge Mann hatte bis vor wenigen Monaten noch nichts von dieser anderen Welt gewusst… Er hatte sie sich nicht so grausam vorgestellt.

   

Ich bin mir selbst die schwerste Geburt

Gestern begann das große „Frohe Weihnachten-rutsche gut ins Neue Jahr- (trotz Corona) -und bleibe gesund-Wünschen“ unter den Hühnern. Man kommt aus dem Wünschen gar nicht mehr raus. Selbst ich konnte mich nicht ganz entziehen. Ich gehöre zu den wenigen Hanseln, die die Stellung halten. Wobei ich von den verbleibenden 6 Werktagen 4 im Homeoffice verbringen werde. Das Jahr wird sehr gemütlich ausklingen… Viel Muße zum in der Nase bohren, oder fürs Bloggen. Ich könnte gegen die Leere in meinem Kopf anschreiben. Die moderne Physik lehrt, dass es keine absolute Leere gibt. Das lässt hoffen. Und dann schlummert in meinem Rucksack immer noch Jerofejews „Die Reise nach Petuschki“. Ich schaffte es erst etwa bis zur Mitte, bis zum Kapitel „Frjasewo – Kilometer 61“. Der Ich-Erzähler und ein Mitreisender stoßen gerade auf den großen Dichter und Denker Johann Wolfgang von Goethe an… Im Weiteren philosophieren sie betrunkener Weise übers Trinken. Ich überfliege ein paar Zeilen und merke, dass ich noch zu nüchtern zum Weiterlesen bin. Dumm nur, dass mir, wenn ich das nötige Level hätte, nicht mehr der Sinn nach Lesen steht, meistens jedenfalls. Die Lektüre dieses Schmökers kann also noch dauern, wie so vieles. Da steht z.B. noch dieses angefangene Bild „Eine Taube, die aus dem Bild fliegt, in Puerto de Mogán“ auf der Staffelei… Warum male ich nicht einfach weiter daran? Auf was warte ich?


Aus dem Kapitel „Nikolskoje – Saltykowskaja“

Ich weiß noch, schon früher, wenn die Leute in meiner Anwesenheit eine Unterhaltung oder Diskussion über irgendwelchen Unsinn anfingen, sagte ich: „Wie kann man sich nur mit so etwas Belanglosem auseinandersetzen?!“

*

Ich behaupte nicht, dass ich die Wahrheit erkannt hätte oder dicht an sie herangekommen wäre. Mitnichten! Aber ich habe mich ihr gerade so weit genähert, dass ich sie bequem betrachten kann.
Ich betrachte, erkenne und bin schmerzerfüllt. Ich glaube nicht daran, dass unter euch noch einer ist, der in seinem Bauch ein so explosives Gemisch mit sich herumschleppt wie ich
.

*

… und wie sollte ich da nicht Wodka trinken? Ich habe mir dieses Recht verdient. Ich weiß besser als ihr, dass der Weltschmerz nicht etwa eine Fiktion ist, die von den alten Literaten in Umlauf gebracht wurde. Ich weiß es, weil ich den Weltschmerz selbst im Herzen trage.

*

(„Die Reise nach Petuschki“, Wenedikt Jerofejew)

Ein kurzer Überblick

Frühstück war inklusive. Da musste ich also durch entgegen meiner Gewohnheit, eigentlich nie zu frühstücken. Während ich frühstückte, machten die Damen mein Zimmer. Viel war da nicht zu machen, denn ich bin ein ordentlicher deutscher Jung. Die Wirtsleute waren Italiener, sehr nett. Mir fiel schon am ersten Tag in Greifswald auf, dass es dort sehr viele Italiener gibt. Dafür weniger Türken. Wahrscheinlich mögen die Einheimischen lieber Italiener. Ich frühstückte also in der Pizzeria, die zur Pension gehörte: Zwei Brötchen, eine Ecke Schmierkäse, ein Teil Butter, zwei Scheiben Käse, drei Scheiben Wurst, vier Scheiben Salatgurke, ein Ei und drei Tassen Kaffee. Damit war ich ausreichend gestärkt und zog mich in mein Zimmer zurück. Dort überlegte ich mir bei Morgenfernsehen und ein paar Gläsern Rotwein, was ich den lieben Tag lang zu machen gedachte. Je nach Laune und Wetter legte ich mich schließlich fest: am 1. Tag mit dem Fahrrad nach Lubmin, am 2. Tag mit dem Zug nach Stralsund, am 3. Tag mit dem Fahrrad nach Lubmin, am 4. Tag mit dem Zug nach Stralsund, am 5. Tag mit dem Fahrrad nach Lubmin, am 6. Tag mit dem Zug nach Hause.
Also jeden Tag was anderes. Und niemand sollte sagen, dass ich die ganze Zeit auf der faulen Haut gelegen hätte. Die Tour nach Lubmin war nicht ohne, hin und zurück ca. 60 Kilometer, je nach der Route, die ich nahm, ein paar Kilometer mehr oder weniger, und auf der Rückfahrt immer fuckin` Gegenwind.
Lubmin ist ein kleines Seebad mit wenig Touristik. Ich fand schnell meinen Lieblingsplatz am Strand, wo ich aufs Meer blickte, Bier aus dem Supermarkt trank und las. Endlich schaffte ich Jörg Fausers „Das Schlangenmaul“. Bald ein Jahr lang trug ich diesen kleinen an sich nicht schlechten Detektivroman mit mir herum. Meine Leselust in den letzten Jahren nahm kontinuierlich ab. Ich führe es auf meine kognitiv anstrengende Arbeit als Tumordokumentar zurück. Da habe ich nach Feierabend die Schnauze voll von Buchstaben. Schade eigentlich. Nun konnte ich also mit der nächsten Lektüre in Stralsund beginnen, vor einer Hafenkneipe sitzend: Wenedikt Jerofejews „Die Reise nach Petuschkin“. Erster Eindruck: köstlich!
Nach meinen Ausflügen nach Lubmin und Stralsund setzte ich mich am frühen Abend in Greifswald an den Ryck. Am Ufer waren jede Menge Fress- und Trinkstände, und ich ließ mich auf die zum Wasser hin abfallenden Steinstufen nieder, streckte meine müden Glieder aus, beobachtete die Menschen, darunter viele Studenten, die Boote und Jachten und die Kulisse der gegenüberliegenden Altstadt.

So weit ein kurzer Überblick meiner Urlaubs-Unternehmungen.