Hamburg erreicht

Der Montag, als ich durch Hamburg kam, begann diesig mit vereinzelten Regenschauern. Hinter Lauenburg fuhr ich bergauf-bergab über steinige Waldwege. Immer als ich dachte, jetzt müsste ich endlich aus diesem finsteren Labyrinth herauskommen, ging es doch noch eine Ecke weiter. Es war wie verhext. Aber als es stärker regnete, fand ich Schutz unter dem dichten Blätterdach.
Dann endlich Geesthacht, die letzte größere Stadt an der Elbe vor Hamburg. Ich hatte die Elbe wieder links von mir im Blick. Bis zur Nordseeküste blieb ich auf der rechten Seite flussabwärts. Hier sah ich die ersten Frachtschiffe. Die Elbe hatte Niedrigwasser und die Schifffahrt war erheblich eingeschränkt.
Hamburg City erreichte ich schon mittags. Die Bewölkung riss zur Begrüßung auf. Der Himmel sah aufregend aus mit den vielen Wolkenfetzen. Der Campingplatz, den ich ansteuerte, lag ein paar Kilometer hinter Blankensee. Ich konnte in aller Gemütsruhe die Speicherstadt, die Landungsbrücken und den Fischmarkt passieren. Unglaublich viele Menschen waren unterwegs – wie die Ameisen, und ich mittendrin. Dann der brausende Verkehr, der mir nach den vielen ruhigen Wegen wie ein einziges riesiges Blechungeheuer vorkam. Man entkam ihm nicht, musste ständig auf der Hut sein, nicht zerstampft zu werden. Gemütlichkeit kam da selbst bei der Bierpause nicht richtig auf. Ich schoss ein paar Fotos und wechselte die Radwanderkarte. Ich befand mich nun auf dem Nordseeküsten-Radweg.
Kurz vor Blankensee fand ich an der Elbpromenade endlich etwas Ruhe. Ich saß vor einem Lokal in der Sonne und blinzelte verträumt zur Elbe hin, auf das gegenüberliegende Ufer und die berauschende Wolkenkulisse…

An der Rezeption wartete eine lange Schlange von Campinggästen. Ich dachte schon: Oje, hoffentlich erwische ich noch einen Platz für mein Zelt. Wie sich dann herausstellte, war die lange Wartezeit der akribischen Anmeldung geschuldet. Alles lief über den Computer. Und der junge Mann, der dort saß, redete gern und viel und fand sich auch noch witzig. Endlich waren alle Formalitäten erledigt und ich stapfte durch den Sand auf der Suche nach einem geeigneten Platz. Eigentlich ein netter kleiner Campingplatz am Elbstrand, aber in der Ferienzeit ziemlich überlaufen vor allem mit Familien und kunterbunt internationalen Reisegruppen. Nach dem Aufbau des Zeltes setzte ich mich in den Biergarten. Ein schöner lauer Abend. Ich blickte auf die Leute bei ihren Fressorgien, trank Bier und versuchte mich in ein Buch zu vertiefen. Als Reiselektüre hatte ich John Fantes „Little Italy“ dabei. Er erzählt darin Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend. Ich wusste, wenn ich Fante mitnehme, kann ich nicht viel falsch machen. Die Lektüre war sehr erfrischend und auch erheiternd. Auf diesem Campingplatz war aber nicht viel mit Lesen, dazu war es zu unruhig. Das Kindergeschrei und Herumgetolle wollte überhaupt nicht enden. Schließlich fuhr sich auch noch ein Wohnmobil im Sand fest. Immer wieder heulte der Motor auf, und die Räder drehten durch. Sie kriegten das tonnenschwere Gefährt nicht frei… „Gute Nacht!“ hätte ich beinahe gebrüllt, aber so bin ich eben nicht.

Hunter S. Thompson – „Angst und Schrecken in Las Vegas“

… Das war der fatale Fehler an Tim Learys Trip. Er tobte durch Amerika und verhökerte „Bewusstseinserweiterung“, ohne je einen Gedanken an die grimmigen Fleischerhaken-Realitäten zu verschwenden, die auf alle Leute lauerten, die ihn zu ernst nahmen…

… Zweifellos haben sie alle nur bekommen, was sie verdienten. All diese bemitleidenswert eifrigen Acid-Freaks, die glaubten, für drei Dollar den Kick Frieden und Verständnis kaufen zu können… Was Leary mit sich selbst in den Abgrund riss, war die zentrale Illusion eines ganzen Lebensstils, den er mitgeschaffen hatte…

… Das ist derselbe grausame und paradoxerweise gleichzeitig wohlmeinende Scheißdreck, der die katholische Kirche so lange am Leben erhielt. Es ist überdies auch die Ethik des Militärs… ein blinder Glaube an irgendeine höhere und weisere „Autorität“. Der Papst, der General, der Premierminister… bis hinauf zu „Gott“.
Einer der entscheidenden Augenblicke der sechziger Jahre war jener Tag, als die Beatles sich mit dem Maharishi einließen. Es war, als hätte Bob Dylan die Wallfahrt zum Vatikan angetreten, um den Ring des Papstes zu küssen…

(Hunter S. Thompson)

Ich muss ich selbst sein

„O Vater, o Mutter, o Weib, o Bruder, o Freund, ich habe bisher nach dem Schein mit euch gelebt. Von nun an gehöre ich der Wahrheit. Wisset, dass ich hinfort keinem anderen als dem ewigen Gesetz gehorchen werde. Ich will nicht mehr mit euch im Bunde, sondern nur euer Nachbar sein. Ich kann mich nicht mehr nach euren Gewohnheiten richten. Ich muss ich selbst sein. Ich kann mir um euretwillen willen nicht länger Gewalt antun, noch sollt ihr dies um meinetwillen tun. Wenn ihr mich lieben könnt, so wie ich bin, werden wir alle glücklicher sein. Wenn ihr es nicht könnt, will ich trotzdem versuchen, eure Liebe zu verdienen. Ich werde keinen Hehl mehr machen aus dem, was mir gefällt, und was mir nicht gefällt.“
(Ralph Waldo Emerson)

I remember Antonin Artaud



Es gibt in der Magie
die fortwährende Einmischung Gottes,
nicht als ein Geist oder als ein Wesen,
sondern als einen noch mehr kariösen Zustand
des Herzens.
Denn was ist das Herz?
Eine Karies,
eine bohrende Fleischkaries,
deren Weichheit
diesen Organismus aus lauem und pochendem Blut
gemacht hat,
dieses fortwährende Erdbeben,
diese Ohnmacht des Lebens.
Was ist ein Herzschlag des Lebens?
Ein Leben, das plötzlich aufhört zu fließen,
dorthin zu fließen,
und wieder anfängt.
Womit angetrieben?
Das ist unbekannt.
Eine bereits düstere Notwendigkeit,
eine drohende Karies des Gehirns,
die den Kot aus rohem Fleisch wiederbelebt
und ihn antreibt, herzugeben, was er hat,
zu sagen, was er will und was er hat.


(Antonin Artaud, 1896 – 1948)

Der letzte Biss

Hundewetter heute. Der Sonntag tröpfelt vor sich hin bei Vocal Jazz aus dem Internetradio. Das Brummen der Waschmaschine dazu. Das Tageslicht dämmrig sanft, umkleidet mich wie ein leichter Pelz. Sehr smooth das Ganze, ein Schwebezustand zwischen Aktivität und Passivität. Ich könnte die Hunde zählen, die vorm Fenster vorbeilaufen…
Seltsamerweise geht es in dem Roman, den ich seit Monaten mit mir herumtrage, auch um einen Hund: „Westlich von Rom“ von John Fante. Ich mag John Fantes Schreibe, aber ich befinde mich zurzeit in einer lesefaulen Phase.
Ein kurzer Auszug:
„Er war ein Hund und kein Mann, aber ein Tier, und er würde mit der Zeit mein Freund werden, meinen Schädel mit Stolz und Spaß und Unsinn füllen. Er war Gott näher, als ich je sein würde, er konnte weder lesen noch schreiben, und auch das war gut. Er passte nicht hierher, genau wie ich. Ich würde kämpfen und verlieren, und er würde kämpfen und siegen. Die hochnäsigen dänischen Doggen, die stolzen deutschen Schäferhunde, er würde sie alle fix und fertig machen und dann auch noch bumsen, und ich würde meinen Spaß haben.“
Ich fühle mich weder als Gewinner noch Verlierer. Mein Standpunkt war schon immer: lieber ein guter Verlierer sein als ein schlechter Gewinner. Das „Glück“ als Gewinner ist flüchtig und macht außerdem süchtig. Nein, ich bin kein Gewinnertyp. Wenn ich siege, kann ich mich oft gar nicht richtig freuen. Wettkampfsituationen erlebte ich immer als unangenehm.
Ich spielte jahrelang sehr gern Billard, und das gar nicht mal schlecht. Freilich entwickelte ich dabei einen gewissen Ehrgeiz. Ich war über einen mißlungenen Stoß enttäuscht und freute mich, wenn für mich die Kugeln super liefen, so dass die anderen staunten. Am liebsten würde ich ohne letztes Ergebnis spielen: Man müsste nicht zwischen Gewinnern und Verlierern unterscheiden, und es ginge hauptsächlich um die Spielfreude, bzw. den Spaß an der Sache.
Es ist eine verdammte Schwäche, dass mir der letzte Biss fehlt. Auch als Hund würde ich sicher nicht zu den Gewinnern gehören.

Die Welt – ein Durcheinandertal

(…) Gott wurde zu einer bloßen Idee (…) wieder spielte ihm die Theologie einen Streich: Sie idealisierte den Sohn Gottes. Die Huren und Zöllner wurden ihm weggedacht, bei denen er sich wohlgefühlt, deren Witze und Zoten er gehört und auch darüber gelacht hatte, er wurde nie als Mensch ernst genommen, sondern nur als Gott, der den Menschen spielte, weil er ein Gott war, der nie bei Weibern liegen durfte (…) Gottes Sohn wurde etwas Abstraktes, abstrakter noch als der Vater, aber auch etwas Kitschiges, ein Marzipanheiland am Kreuz (…) denk dir keinen Gott mehr aus, dann brauchst du dir auch keine Hölle auszudenken. Der Mensch braucht den Menschen und keinen Gott, weil nur der Mensch den Menschen begreift (…) Bei einem Physiker hatte er einmal gelesen, wenn die Wirklichkeit reden könnte, so würde sie keine physikalischen Formeln aufsagen, sondern ein Kinderlied singen, und so dachte er, wenn Gott sich zeigen könnte, wäre er etwas völlig Unbegreifliches, Abstruses wie das Paket Kaffee Oetiker Fr. 10.15 (…) die Welt war ein ständig anwachsendes, von ineinandergeschachtelten Weltallen gebildetes Welthirn, dessen einzelne Neuronen wiederum aus ineinandergeschachtelten Weltallen bestanden, deren jedes aus einem Ich bestand, das dieses Weltall dachte samt den Galaxien, Sonnen und Planeten, die es brauchte, um die Evolution in Gang zu setzen, die auf dem Weg über Einzeller, Vielzeller, Weichtiere, Wirbeltiere den Menschen erzielte, der in einem phantastischen Zirkelschluß wiederum das Weltall dachte und einen Gott, einen hundertköpfigen oder tausendfüßigen, einen vielnasigen oder einen aus Holz oder aus Gold, oder eine vielbrüstige Göttin, so viele Götter wie Weltalle (…)
zitiert aus den letzten Seiten Dürrenmatts Roman „Durcheinandertal“

Aus Miguel de Unamuno „Ein Besuch beim alten Dichter“

… „Mein Name? Warum soll ich meine Seele meinem Namen opfern? Warum den Lärm um ihn verlängern? Nein! Ich will nicht mehr, als meiner Seele in dem Schweigen der Ewigkeit eine Ruhestätte bereiten. Denn, bedenken Sie dies, Jüngling, viele opfern ihre Seele ihrem Namen und die Wirklichkeit einem Schatten. Nein, dass meine Persönlichkeit, das, was Literaten eine Persönlichkeit nennen, den Menschen in mir erstickt (und bei diesen Worten schlug er sich auf die Brust). Das Ich, dieses konkrete Ich, das atmet, leidet, genießt und lebt, dieses auf niemanden übertragbare Ich will ich nicht der Idee opfern, die ich von mir selber habe, dem Selbst, das in ein abstraktes Ideal verwandelt wurde, diesem mit dem Gehirn erfassten Ich, das uns knechtet …“
„Das Ich eben, das Sie das konkrete nennen …“
„Ist das einzig wahre Ich, das andere ist ein Schatten, ein Reflex, den die Welt von uns selbst zurückstrahlt, die Welt, die uns stets mit ihren tausend Spiegeln umgibt …, Menschen unseresgleichen! Dachten Sie, junger Mann, je an den furchtbaren Kampf zwischen unserem innersten Sein, das in unserem tiefsten Seelengrunde wurzelt, das den Gesang einer reinen fernen Kindheit in uns singt, und diesem erworbenen, übergestülpten Wesen, das nicht mehr ist als die Idee, die sich die anderen von uns bilden, eine Idee, die sich uns aufzwingt und die uns endlich erstickt?“ …