Es war gestern und ist doch heute (27)

Der einarmige Billardspieler

Stolze Menschen ziehen mich an
Gestern Abend war es der
Einarmige Billardspieler
Das ganze Drumherum ist schuld an
Meinen Überlegungen
Man sollte alles auf das Wesentliche reduzieren
Die Poesie des Wesentlichen
Die Hände sind schweißig
Dein Lächeln entzückt mich
Aufrichtigkeit ist
Luftleer
Durchgezirkelte Räume und
Ordnungen befriedigen
Nicht
Die Überlegungen sind schuld
Das Gesicht brennt
Der Knochen Leben trägt dick auf



1990

Es war gestern und ist doch heute (26)

Es regnete Tag und Nacht. Die Blätter fielen zuhauf, abgerissen von schweren Tropfen und Hagel. Ein Wolkenheer in grauem Rüstzeug zog über das Land. In der Nacht donnerten und blitzen seine Geschütze in einer fernen, unwirklichen Schlacht. Am Morgen blies ein heftiger Wind. Viele Blätter waren gefallen und leuchteten rot und gelb in der Sonne. Immer wieder lösten sich neue und tanzten gen Boden. Dem Herbstwind gefiel das Spiel, und er rief die Sonne: „Komme hervor und lasse die Erde leuchten!“ Und die Strahlen der Sonne brachen durch die Wolken und fielen auf das nasse Laub. Das war eine Farbenpracht! Daneben der Alltag der Menschen und die Hektik der Stadt in gleichgültigem Grau. Und der Wind rief auch die Menschen, aber nur wenige hatten gefallen an dem Spiel. Der Wind war wie ein Kind, und auch die Sonne vergaß ihren mütterlichen Ernst. Die zwei scherzten – ei! – ein Hut machte sich davon, Papierbällchen strauchelten über das Pflaster, Blätter tanzten Ringelreih, bis sie schließlich irgendwo klebenblieben: unter dem Schuhabsatz eines Passanten, in einer Pfütze, zertreten, verrottend.
Dieses Spiel wiederholt sich jedes Jahr, jedes Jahr dieselben Zeichen der Vergänglichkeit im Rhythmus eines schlagenden Weltherzens. Das Leben ist kurz. Nur kurz wirbelt das Blatt durch die Luft, um dann eins zu werden mit der Erde, und macht sie fruchtbar.

(1985)

Es war gestern und ist doch heute (25)

Die Leber im Whiskeyglas

Ich saß mit Fauser an der Bar, während Henry seine Wette abgab.
„Was hältst du von ihm?“ fragte ich Jörg.
„Er ist besser als ich.“
„Ist er besser als Burroughs?“
„Er ist anders.“
Wir bestellten uns noch 2 Whiskey ohne Eis. L.A. war ein heißes Pflaster, das ich nur scheintot ertragen konnte.
Ich sagte: „Aber Ernest ist der beste von allen.“
„Sie waren alle gut. Mal mehr, mal weniger.“
„Stimmt.“ Wir stießen an.
„Auf die nächste Möse, die uns über den Weg läuft.“
„Yeah.“
„Yeah.“
Ich drehte mich um und betrachtete die Menschen, die wie Ameisen durcheinanderliefen.
„Hoffentlich platziert er eine gute Wette.“
„Hoffentlich überlebe ich heute“, sagte Jörg.
„Elsa mag ihn nicht“, sagte ich.
„Elsa?“
„Sie erinnert sich nur an Die Leber im Whiskeyglas.“
Jörg kippte seinen Whiskey hinunter.
„Ist Elsa ein Pferd?“
Ich schwieg. Jörg drehte sich einen Joint. Der Barkeeper war im Hinterzimmer verschwunden und holte sich einen runter. Henry kam vom Wettschalter zurück.
„Hello Boys.“
„Hi Henry.“
„Hallo Arschloch.“
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich euch Zombies hier treffe.“ Ich grinste so breit wie die Golden Gate Bridge. Henry war schon eine Weile tot, Jörg noch länger. Der Barkeeper knöpfte seine Hose zu und schaute uns fragend an.
„Three Whiskey please“, sagte ich, „Ähm, und schmeiß in Henrys bitte ein Stück Leber.“
„What?!“
Wir bekamen unsere 3 Whiskey. Henry platzierte seine nächste Wette. Elsa ging als letzte über die Ziellinie. Jörg und ich wetteten darum, bei wem von uns zuerst das Licht ausgehen würde.

27.08.2002

Ich sehe diese entsetzlichen Weiten des Weltalls, die mich einschließen, und ich finde mich an einem Winkel dieses gewaltigen Raums gefesselt, ohne dass ich weiß, warum ich an diesem Ort und nicht vielmehr an einen anderen gestellt bin, und warum die kurze Frist, die mir zu leben gegeben ist, mir gerade zu diesem Zeitpunkt und nicht vielmehr zu einem anderen der ganzen Ewigkeit, die auf mich folgt, bestimmt ist. Ich sehe überall nur Unendlichkeiten, die mich wie ein Atom und wie einen Schatten einschließen, der nur einen unwiederbringlichen Augenblick lang dauert.

Blaise Pascal

Es war gestern und ist doch heute (24)

GRAU SAM

Eine belebte Einkaufsstraße – lang, breit und grau.
Der Gestank von frischem Teer vermischt sich mit dem Duft von frischen Brötchen.
Viele, viele Menschen laufen – hohe Absätze, breite, niedrige, breite, schmale klappern über den Gehsteig. Der Gehsteig ist grau.
Sockenhalter im Angebot, Geschirrspülautomaten besonders preisgünstig, Rauschmittel im Ausverkauf – Flugtickets ins Schlaraffenland.
In den Häusern am Rande der Straße werden deine Wünsche und Begierden erfüllt. Die Häuser sind grau.
Dort wohnt er, der Seelenverkäufer. Er verkauft dich – er fängt dich und dann verschachert er dich. Das ist sein Geschäft. Du siehst ihn nicht? Nein? Er ist heimtückisch. Er hat dich in der Gewalt, ohne dass du es bemerkst. Er begleitet dich seit deiner Geburt. Sein Name ist GRAU SAM.
Siehst du ihn jetzt? Es hat geregnet. Die Straße ist nass.

(1980)  

Es war gestern und ist doch heute (23)

Wüstennacht

Mir ist es scheißegal, ob ihr nachempfinden könnt, welche unendliche Kälte uns umgibt – nichts als Wüste, die seit 14 Milliarden Jahren auseinanderdriftet. Möglicherweise gibt es uns nur deshalb, weil gewisse Naturkonstanten zur richtigen Zeit miteinander poppten… Immerhin schenkten sie uns den Mond und Jesus – somit sind wir nicht ganz allein, wenn sich das Licht der Sterne in unseren einsamen Augen spiegelt. Ich wünsche mir eine laue Sommernacht mit einem halben Mond, der sich durch die Wolken mogelt, mit dem Zirpen der Zikaden und einem fernen Lagerfeuer, den Stimmen meiner Vorfahren, während ich mich im Schutze eines Busches zusammenkauere und den Schlaf erwarte. Meine Haut brennt noch von der Hölle des Tages. Die Erde kühlt, ich küsse sie, als wäre sie meine Geliebte…
Warum hat alles Grenzen? – die Masse der Sonne, der Erde, des Monds, des Elektrons – wir Menschen sind Künstler des Ausmessens von den Quanten bis zu den Galaxien. Wir sind zum Messen verflucht. Selbst Gott würden wir vermessen. Unser Land haben wir längst verkauft, unsere Seelen klammern sich verzweifelt an die Ahnung von Liebe. Wir sollten endlich die Wüste, die Leere um uns herum erkennen…
Wir sind eine Familie und sitzen gemeinsam auf dieser wunderbaren Erde – it`s our home. Wir erzählen uns Geschichten von guten und schlechten Zeiten. Bevor wir uns schlafen legen, küssen wir uns, küssen die Erde.
Unser blauer Planet verschwindet im Sonnensystem, im Staub der Milchstraße, hinter Galaxienhaufen, Dunkler Materie und… und… und 10 weiteren Dimensionen, die allesamt nicht dazu taugen, die Liebe zu erklären, das Sein zu erklären und uns Halt zu geben. Ich genieße die Nacht, sie beruhigt mich hier und jetzt. Noch spähe ich manchmal zu euch herüber zum Lagerfeuer, sehe eure dämonischen Schatten tanzen…

03.04.2003

Es war gestern und ist doch heute (22)

Schwarz-Weiß


Wenn ich alte Filme schaue und die jungen Schwarz-Weiß-Gesichter sehe, denke ich fasziniert, dass die meisten davon inzwischen tot sind… Dieses ewige Nachwachsen macht mich mürbe. Geschichten entstehen, werden Geschichte. Wie viele Geschichten passen in ein Leben? Wie schnell ist heute gestern?
Auch die Verliebtheit unterliegt der Korrosion der Zeit mit ganz unterschiedlichen Halbwertszeiten. Es gibt Lieben, die schnell vergehen, und Lieben, die unendlich langsam dahinschmelzen. Manche Lieben dauern an, während ich längst wieder neu liebe.
Ich öffne meine Seele und schaue auf Ruinen, überwuchert vom Efeu des stetig Nachwachsenden, bedeckt vom Staub der Zeit-Winde, niedergemacht vom Ego der Gegenwart… Die Gegenwart ist brutal. Wir suchen sie sehnsüchtig auf. Wir verzweifeln an ihr. Wir scheitern an ihr.
Der Schwarz-Weiß-Film fasziniert. Robert Mitchum in einer Paraderolle. Er hatte diesen Schlafzimmerblick – wie geschaffen für die Rolle des Detektivs Marlow.
Ich träume. Ich träume mich in eine Schwarz-Weiß-Welt, in eine Gut-Und-Böse-Welt, in eine Welt der Helden und der Anti-Helden – von gestern, von heute, von morgen… bis das Licht ausgeht.

13.06.2003
(redigiert am 08.05.2022)

Es war gestern und ist doch heute (21)

Was unterscheidet linke von rechten Spießern?
die Farbe der Gedanken
doch die Gedanken selbst
wiederholen sich gebetsmühlenartig
sie hören sich vernünftig an
von Vernunft beseelte Rassisten
von Vernunft ausgetrocknete Rebellen
angeleinte Bulldoggen
heuchelnde Bürokraten, Schleifer und Weihnachtsmänner
abgehobene Geister in Wissenstürmen
beim intellektuellen Gruppenfick
niemals kapiert, dass Links und Rechts willkürliche
Sichtweisen sind
doch hängen sie den Traditionen an
doch finden sie die passenden Gurus, deren Lehren
sie nachbrabbeln
sie sind unter sich und spielen mit dem Stein der Weisen
Federball
und du schreibst mir, dass es Wichtigeres als Ficken gibt
was soll ich dazu sagen?

31.06.2006