Brasko und der Mann mit der Maske (2)

Träume sind Schäume – auch wenn sie manchmal verdammt realistisch anmuten wie mein letzter Traum, in dem ich von einem Maskenmann erschossen wurde und danach Sex mit der Gerichtsmedizinerin hatte. Schließlich wachte ich im Kühlfach der Pathologie auf… Langsam dämmerte es mir, dass ich nicht tot war, sondern nur aufgedeckt in meinem Bettchen lag. Die Nacht war kalt, die Heizung aus. Schnell deckte ich mich wieder zu und schielte auf den Wecker. Er zeigte bereits 6 Uhr am Morgen an. Draußen herrschte der Jahreszeit entsprechend noch Finsternis. Der Mann mit der Maske ging mir nicht aus dem Kopf. Im Halbschlaf sah ich Menschen vor mir, die Masken über Masken trugen. Sie trugen eine Maske über der anderen, und nach der letzten war nur Leere.
Wir leben in einer Welt, in der nichts ist, wie es scheint. Die Künstlichkeit obsiegte. Die Natürlichkeit zieht sich immer weiter zurück. Wir leben in einer Welt, die von Masken regiert und gestaltet wird.

Brasko und der Mann mit der Maske

„Es tut mir leid, Mr. Brasko. Nehmen Sie es nicht persönlich.“
Der Mann mit der Maske drückte ab. Ich hörte den Schuss nicht.
Ich wachte in der Gerichtsmedizin auf. Nein, es war kein wirkliches Aufwachen. Mir wurde schnell klar, dass ich tot sein musste. Mein Herz schlug nicht mehr. Bestimmt lag ich nackt auf einer Bahre. Was würde wohl als nächstes kommen?
Die Pathologin beugte sich über mich. Durch ihre Augen schaute ich in den Himmel. Sie sollte meine letzte Geliebte sein, die allerletzte… Ich lachte. Sie hörte mein Lachen nicht. Sie machte ihren Job.
„Pling“, die Kugel, die meinem Leben ein Ende gesetzt hatte, fiel in eine Nierenschale.

Ich wurde zu einem freien Kühlfach verfrachtet. An meinem rechten Großen Zehen baumelte eine Identifikationsmarke. Das Tot-Sein ist gewöhnungsbedürftig.

Ich wechselte in das Reich, in dem es keine Worte mehr gibt. Nichts musste einem noch leidtun.

Es war gestern und ist doch heute (28)

brasko und der weihnachtsmann

nachdem ich den platten am hinterrad meines fahrrads repariert hatte, setzte ich mich mit einem bier an meinen computer. keine neuen nachrichten. ich wunderte mich nicht. es war heiligabend. die meisten menschen versanken an diesem datum endgültig in der trostlosigkeit ihres daseins. und das schöne dabei war: sie merkten nichts davon. ich hatte nichts anderes vor als an anderen tagen. ich legte „jimi hendrix in woodstock“ auf und versuchte zu entspannen.
das läuten des telefons ließ mich hochfahren. meine hand glitt aus der hose und griff sich den hörer.
„brasko.“
„guten tag, mr. brasko, hier ist der weihnachtsmann. ich benötige ihre hilfe.“
„schön, um was geht es denn? vermissen sie ihre elche?“
„nein, ich erhalte morddrohungen.“
„ich dachte, sie sind immun gegenüber irdischem peanuts.“
„ich kriege immer diese anrufe auf meinem handy, und eine verstellte stimme flüstert: weihnachtsmann, das war ihr letztes weihnachten …
mr. brasko, sie machen sich ein falsches bild von mir. wenn ich auf die erde komme, bin ich sterblich wie jeder mensch. und heute ist heilig abend.“
„ich verstehe, mr. weihnachtsmann. haben sie noch einen anderen namen? verdächtigen sie jemanden? halten sie mich für blöd?“
„sie können auch claus zu mir sagen. nein, ich habe keinen verdacht. bitte, helfen sie mir aus der klemme.“
„das ist ziemlich knapp, claus. die einzige möglichkeit , die ich sehe, – dass ich sie heute abend als leibwächter auf ihrer tour begleite.“
wir machten also treffpunkt und uhrzeit fest. der weihnachtsmann legte auf, und ich besann mich auf die beschäftigung, bei der ich gestört worden war. ich hatte noch ein paar stunden zeit, mir gedanken über diesen fall zu machen. ich glaube nicht an den weihnachtsmann. offensichtlich wollte mich jemand gewaltig verarschen. aber meine neugierde war geweckt, und ich hatte zum schein den auftrag angenommen. wer steckte dahinter?
es dämmerte. die kälte hielt sich wenige grad über dem gefrierpunkt, und der schnee kroch zurück wie das meer bei ebbe. dieser claus klang reichlich schwul, und ich überlegte, ob ich die stimme kannte. ich hatte keine idee. mir schoß urplötzlich ein bild in den kopf: ein hund, der wie wahnsinnig im kreise wirbelnd seinen schwanz verfolgt … dann fiel mir die flasche johnny walker im kühlschrank ein, und ich wusste, was zu tun war.
wir trafen uns beim griechen. claus wartete schon. er trug einen roten anzug und war glattrasiert.
„guten abend, mr brasko.“
„sie sind also der weihnachtsmann? ich habe sie mir ganz anders vorgestellt.“
„wissen sie, ich möchte nicht erkannt werden. außerdem gehen auch wir mit der zeit, hoho.“
ich betrachtete den weihnachtsmann eingehender und versuchte ihn mir mit einem weißen rauschebart vorzustellen. es klappte nicht. er sah aus wie ein in die jahre gekommener homo.
„gehen wir“, sagte er, „ruprecht wartet schon.“
vor der tür parkte eine überlange, dunkle limousine.
„der schlitten fiel mir vorhin gar nicht auf“, sagte ich.
und claus antwortete, während er mir die hintertür aufhielt: „ruprecht flog ein paar runden.“
„ich verstehe“, säuselte ich und versank in den lederpolstern der rückbank. claus stieg zu ruprecht auf den beifahrersitz. dann starteten wir durch.
wir landeten vor einem night club.
„was ist mit den geschenken“, fragte ich blöde.
„seitdem sich die menschen gegenseitig beschenken, machen wir uns `nen geilen abend.“ claus lachte sein weihnachtsmannlachen: „hohoho.“
„ich verstehe.“
wir stiegen aus und betraten die bar. eine schwulenbar. naja, besser, als zuhause abzustürzen, dachte ich. es ging in dem schuppen hoch her, und ich hatte mühe, claus vor den allseitigen annäherungsversuchen zu schützen. claus und ruprecht tanzten ausgeflippt, umarmten sich leidenschaftlich und schoben sich gegenseitig ihre rosaroten lappen in den rachen. mein gott, dachte ich, warum läßt du das zu? plötzlich zerriß ein schuß den tosenden lärm. claus plumpste wie eine puppe rücklings auf die glitzernde tanzfläche. ich stürzte zu ihm und stützte seinen kopf, während augenblicklich totenstille im raum herrschte. blut rann aus seinem mir zugeneigten mundwinkel.
„claus“, raunte ich dem sterbenden zu, „ sie erzählten mir nicht alles.“
„ja“, blubberte claus in meinen armen.
„ wie sollte ich sie in dieser bar beschützen? hier hat, glaube ich, jeder ein motiv.“
ich blickte in die meute der betreten dreinblickenden umstehenden. ruprecht stand aschfahl zwischen ihnen.
„danke, mr. brasko“, hauchte claus, bevor er den löffel abgab. bis in alle ewigkeit.
ruprecht und ich bestiegen eilig den vorm eingang geparkten schlitten. während ruprecht startete, warf ich einen blick zurück auf die leuchtschrift, und ich las: „santa claus“.
„was wird nun aus weihnachten?“ fragte ich ruprecht.
„das war das letzte weihnachten“, sagte er bleich, „aber eigentlich ist weihnachten schon lange tot …“
„ja, das ist mein gedanke. es musste so kommen. jetzt gibt es nicht mal mehr den weihnachtsmann. warum vögelte er auch so willenlos durch die gegend?“
„mr. brasko, wo soll ich sie absetzen?“
„zuhause“, seufzte ich, „da wartet noch eine halbe flasche johnny walker auf mich.“

(02.04.2007)

Brasko und der Engel (6)

Ein Tag ist ein Tropfen im Ozean der Zeit. Gott weiß das, weil er das Meer des Daseins in seiner Gesamtheit vor Augen hat. Wir Menschen dagegen leben in einem irren Phantomschmerz. Wir verlieren uns in den Einzelteilen. Das Bewusstsein wurde zur Falle. Wir landeten im Größenwahn und glauben, es Gott gleichtun zu können. Dabei wissen wir im Grunde gar nichts. Die Welt gehört uns nicht. Es gibt nichts zu erobern. Die Welt gehört nicht mal Gott. Er verwaltet sie lediglich.

„O Herr, bist du zufrieden mit mir?“ Bibi lächelte und schmiegte sich an meine Schulter.
„Für dich Mr. Brasko“, sagte ich und umarmte sie, „ich bin hochzufrieden, Bibi…, aber setze dich bitte nie weder als transparentes Lichtwesen auf meine Couch.“
„Hihi, ich erscheine in der Form, die dir genehm ist, O Herr, äh, Mr. Brasko.“
Ich drückte sie fest an mich und küsste ihren kleinen Engelmund.
„Aber Mr. Brasko… Ooooh!“

Mein Leben befand sich in der totalen Flaute. Mannschaft und Kapitän waren dauerbesoffen, und der Matrose im Ausguck litt längst an Depressionen. Ich hatte eigentlich nichts zu verlieren…
Als Birgit bzw. Bibi mir die Wahrheit über ihren göttlichen Auftrag eröffnete, wollte ich ihr natürlich nicht glauben. Bestimmt befand ich mich im falschen Film – falscher Kinosaal. Kann schon mal passieren, dass man aus Versehen in einer Paralleldimension landet. Nun gibt es Situationen, wo man zwar nach wie vor zweifelt, aber schließlich zu sich selbst sagt „Scheiß drauf!“. (Ich hatte weiß Gott schon andere Aufträge gemeistert.) Bibi hatte mich in den 2 Tagen um den Finger gewickelt. Ich fühlte mich wie im 7. Himmel. Gegen eine Verlängerung dieses Zustands war nichts einzuwenden…
Außerdem konnte ich als Gottes Nachfolger oder wenigstens kurzfristige Vertretung vielleicht an der ein oder anderen Stellschraube drehen… für eine bessere Welt. Nein, ich würde mich nicht zu sehr einmischen. Ich dachte vielmehr: Wenn Gott glücklich ist, dann sollte sich das automatisch auf die Menschen übertragen. Ein Gott im Burnout-Modus konnte nichts Gutes auf der Welt bewirken. Ich dagegen war neu im Job mit einem bezaubernden Engel an meiner Seite.

 

Brasko und der Engel (5)

Gott hatte die Schnauze voll. Die Menschheit ging ihm gehörig auf den Sack. Irgendwas hatte er falsch gemacht. Er war deswegen schon beim Therapeuten. Der riet ihm, sich in eine ruhigere Ecke des Universums versetzen zu lassen.
Gott seufzte: „Wenn das so einfach wäre.“
Der Therapeut ermutigte ihn: „Es ist das Beste, O Herr. Die Menschen machen sowieso, was sie wollen. Auch ein Gott braucht mal Erholung. Es muss ja nicht für immer sein.“
Gott kratzte sich am Kopf und dachte nach. Irgendwer musste während seiner Abwesenheit die Stellung halten. Wenigstens für ein paar tausend Jahre. Er konnte seinen Burnout nicht länger leugnen. Nun galt es zu handeln.
Und Gott sagte: „Sobald ich jemanden habe, der mich vertritt, mache ich mich vom Acker.“
„Sehr vernünftig, O Herr“, der Therapeut lächelte wohlwollend und tätschelte Gottes Schulter.

„Wie stehen die Aktien?“ Gott hatte seinen Engel Bibi auf dem Bildschirm.
„O Herr, ich glaube dieser Mr. Brasko ist der richtige Mann. Er weiß gar nicht, wie ihm geschieht.“
„Sehr gut. Nicht lockerlassen, Bibi.“
„Auf keinen Fall, O Herr!“

Brasko und der Engel (4)

„Sehen wir uns morgen wieder?“ fragte ich Birgit, als wir uns verabschiedeten.
„Natürlich“, antwortete sie und strahlte mich an.
Sie hatte mir erzählt, dass sie geschäftlich in der Stadt war und unweit in einem Hotel unterkam. Ich fragte nicht, was sie denn beruflich machte. Ich fragte auch nicht nach ihrem Beziehungsstatus. Solche Fragen ziemen sich nicht beim ersten Kennenlernen. Freilich, wenn sie von sich aus damit herausgerückt wäre… Nein, ich wollte es gar nicht wissen. Die meisten Frauen in ihrem Alter waren liiert und hatten Kinder.    
„Selber Ort, selbe Zeit?“
„Wir werden uns schon nicht verpassen, Mr. Brasko“, sagte Birgit, bevor sie davonhuschte.
Ich blieb einige Momente wie angewurzelt stehen und blickte in den Nachthimmel. Eine Sternschnuppe kreuzte mein Sichtfeld. Oder war es ein UFO? Vor mich hinlächelnd schritt ich schließlich meinem Zuhause entgegen. Wann hatte ich das letzte Mal so lange im Biergarten geklönt? Trotz des vielen Alkohols fühlte ich mich hellwach und von einem unglaublichen Glücksgefühl getragen. Noch mehrmals schaute ich hoch in den Nachthimmel. Leider war vom herrlichen Sternenzelt wegen der Lichtverschmutzung der Stadt nicht viel zu sehen.

In meiner Wohnung angekommen, setzte ich mich auf die Couch und schaltete die Glotze ein, um die Stille zu vertreiben. Ich kriegte nichts von dem Programm mit, das lief. In meinem Kopf blitzten Bilder und Gesprächsfetzen auf. Was war Wirklichkeit, was war Traum? – Diese Engelsbegegnung am Mittag, ein überaus kurioses Erlebnis. Der Engel saß an derselben Stelle wie ich jetzt. Vollkommen irre. Es war die richtige Entscheidung gewesen, in den Biergarten zu gehen. Vielleicht trennt man im gegenwärtigen Materialismus zu sehr Realität von Fiktion. Letztlich kann doch niemand erklären, warum es die Welt gibt. Wir kommen um das Wunder des Daseins nicht herum. Dann das Phänomen der Liebe. Auch Materialisten verlieben sich. Habe ich mich in Birgit verliebt? Meine Gedanken fuhren Achterbahn… Gott braucht einen Nachfolger? Unwillkürlich lachte ich laut auf. Als ein Kind von Vernunft und Aufklärung glaubte ich weder an Engel noch an Geister und Götter. Diese Erscheinungen waren allesamt Hirngespinste. Birgit dagegen war eine Frau mit allem Drum und Dran. Ich stand von der Couch auf und holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank, ein letztes vorm Schlafengehen.

  

Brasko und der Engel (3)

„Warum dieses ständige Auf und Ab? Warum braucht man die Niederlagen? Immer wieder muss man sich aufrappeln,“ ich schaute Birgit an – eine fremde Frau, ein fremder Mensch war in mein Leben getreten, vor weniger als einer Stunde… „Also im Augenblick fühlt sich mein Dasein prima an“, ich zwinkerte etwas verlegen.
Sie lachte mich an, „Prima!“ ihre Augen strahlten, „So ist das Leben.“
„Alles andere als einfach“, ergänzte ich, „vielleicht ist das Glück nur eine Momentaufnahme: Wir sitzen im Biergarten in der Sonne und trinken lecker Bier… Aber nur gut 1000 Kilometer von hier ist Krieg. Soldaten morden auf Befehl ihrer Regierungen. Städte werden zerbombt und friedliche Menschen müssen ihr Zuhause verlassen, müssen um ihr Leben fürchten… Wie geraten wir immer wieder in diesen Schlamassel?“ Ich nahm einen großen Schluck Bier. „Entschuldige, Birgit, der Tag ist viel zu schön, um sich solch schwere Gedanken zu machen.“
„Schon gut, Mr. Brasko. Alle Menschenkinder müssen da durch. Das Leben ist eine Art Zwischenstation hin zur Entfaltung der Seele. Du kannst es auch Metamorphose oder zweite Geburt nennen.“
„Einfacher und weniger schmerzhaft geht es wohl nicht?!“ diesmal grinste ich breit – ich aale mich gern im Sarkasmus. Wieder erschallte Birgits herzhaftes Lachen. Es hatte die Leichtigkeit von bunten Schmetterlingsflügeln. Dem Zauber ihres Lachens konnte man sich schwer entziehen. Einige Biergartenbesucher blickten zu unserem Tisch.

Die Zeit verflog nur so in der Gesellschaft Birgits. Sie musste gar nicht viel sagen. Ich dagegen redete wie ein Wasserfall. Sie gab mir dabei nicht das Gefühl, dass es ihr zu viel sei. Im Gegenteil, sie überließ den Gesprächsfaden ganz mir. Mit großem Interesse lauschte sie meinen Ausführungen über Gott und die Welt.
Im Nachschub holen und Bezahlen am Bierausschank wechselten wir uns ab. Die Sonne näherte sich bereits den Hausdächern. Ich fragte Birgit, wie lange sie noch Zeit habe. „Genaugenommen zwei Tage“, antwortete sie.

Brasko und der Engel (2)

Gott versammelte seine Engel um sich. Zur Dienstbesprechung. Einige, die gerade auf der Erde zu tun hatten, waren per Video zugeschaltet. Wer sich Gott als alten Mann mit weißem Bart vorstellt, liegt voll falsch. Gott sah aus wie ein schnieker Banker. Wenn man nicht wüsste, dass es sich um eine Dienstbesprechung zwischen Gott und seinen Engeln handelte, hätte man denken können, man befände sich über den Wolken im oberen Stockwerk eines Bankenturms.
Nachdem allgemeinere Themen wie Corona, Ukrainekrise und Reptiloiden abgehandelt waren, sprach Gott einen der Engel direkt an.
„Bibi, wie weit bist du in der Sache Brasko?“
„O Herr, ich habe ihn so gut wie im Sack“, der Engel Bibi war per Video zugeschaltet.
„Und wann kann ich mit einem Ergebnis rechnen?“ hakte Gott nach.
„Sehr bald, O Herr… Wenn auch dieser Mr. Brasko eine harte Nuss ist“, Bibi räusperte sich verlegen.
„Ich gebe dir 2 Tage“, Gott rückte seine Krawatte zurecht, „Enttäusche mich nicht.“
„Sicher nicht, O Herr! Ich mache mich sogleich wieder an die Arbeit.“ Der Bildschirm, auf dem Bibi zu sehen war, verblasste.


„Danke, Sie sind ein Engel“, ich nahm das Bier entgegen.
„Sagte ich doch“, grinste sie breit, „Wollen wir nicht zum Du wechseln?“
„Ja“, grinste ich zurück, „Und, äh, wie heißt du?“
„Birgit – und du?“
„Brasko. Aber alle nennen mich Mr. Brasko.“
Wir prosteten uns zu. Ich nahm einen großen Schluck. Das Craftbier mundete gut, nicht zu speziell. Ich mag es süffig – „Birgit, du hast mich vorhin gefragt, ob ich glücklich sei…“

Der Tag hatte durch die engelhafte Begegnung im Biergarten eine positive Wendung für mich genommen. Vergessen war die unheimliche Erscheinung auf meiner Couch. Wird ein blöder Wachtraum gewesen sein. Schwamm drüber. Die Realität hatte mich wieder und das auf höchst angenehme Weise. Eine ganze Armee Glückshormone breitete sich in meinem Körper aus. Ich wehrte mich nicht.

    

Brasko und der Engel

Als ich vom Pinkeln kam, saß ein Engel auf meiner Couch. Vorneweg: Nein, es war keine sexy Lady, auch kein Schwuler mit Plüschflügeln. Es war eine Lichtgestalt: überirdisch, schemenhaft, geschlechtslos… Wahrscheinlich nur ein Produkt meiner Einbildung. Ich hatte eine Flasche Gin intus… auf nüchternen Magen. Ein Delirium sollte man am besten ignorieren.
Doch dann fing meine Einbildung an, mit mir zu sprechen.

„Darf ich dir ein paar Fragen stellen?“
Ich rieb mir die Augen, aber es nutzte nichts.
„Bin ich schizophren, oder was?!“
„Nein, Mr. Brasko. Entschuldige, dass ich hier so hereinplatze…“ Und der Engel ergoss sich in einem Wust von Erklärungen, die ich nur auszugsweise verstand. So ähnlich machen es die Verkäufer am Telefon, wenn sie dir was aufschwatzen wollen. Sie labern dich schwindelig.
„Kurz und gut“, endete er/sie/es/divers, „Gott sucht einen Nachfolger und schickte uns mit einem Fragenkatalog zu einigen Tausend Auserwählten.“
Bestimmt spielte mir mein Gehirn einen Streich. Ich sollte auf Bier umsteigen. Die harten Sachen bekamen mir auf Dauer nicht. Ich sah den Engel an, als könne ich ihn mit meinen Blicken verscheuchen… Unwillkürlich musste ich lachen. „Ausgerechnet ich, haha, das muss ein Missverständnis sein, haha, oder ein blöder Witz, haha. Ich habe kein Interesse, lieber Engel. Du verschwendest deine Zeit.“
Doch der Engel rührte sich nicht von der Stelle und sprach: „Es ist der Wille Gottes. Besser, du sträubst dich nicht dagegen.“
Ich überlegte: Wenn diese Erscheinung auf meiner Couch keine Halluzination war, wollte mir vielleicht jemand mittels ausgefuchster Technik einen Streich spielen. Aber wieso? – und wozu dieser Aufwand? Normal war das jedenfalls nicht. Ich entschloss, für ein Stündchen an die frische Luft zu gehen. War ich verrückt, oder was?!
„Mr. Brasko, du solltest jetzt nicht gehen“, mischte sich der Engel in meine Gedanken.
„Willst du mich etwa daran hindern? … Gott sucht einen Nachfolger… Verarschen kann ich mich selbst – haha!“ Kopfschüttelnd schlüpfte ich in meine Schuhe und machte mich davon.

Ein mittelwarmer Sommertag begrüßte mich. Wolkengebilde zogen vereinzelt übers Himmelblau. Ich atmete tief durch. Zum Biergarten war es nicht weit. Natürlich ließ mich das Erlebte nicht los. Irre grinsend spazierte ich die Straße entlang, Wörter ausspuckend wie „Wahnsinn“, „Abgedreht“, „Unglaublich“ und kratzte mich immer wieder am Kopf. Die Menschen, die mir entgegenkamen, mussten denken: Was für ein Blödian.

Der Biergarten war gut besucht. Na klar, Sonntag, und die Sonne schien. Ich hockte mich mit meinem Bierglas an einen freien Stehtisch und betrachtete die Menschen…
„Ist hier noch frei?“
Ich schreckte zusammen. „Ja – natürlich“, entfuhr es mir automatisch. Eine Frau, Mitte Dreißig, schlicht angezogen und ungeschminkt, setzte sich auf den Platz mir gegenüber. Immerhin trank sie ein Bier und nicht Fassbrause. Sie sah nicht gut aus, aber auch nicht schlecht. Wahrscheinlich sah sie ohne Klamotten viel besser aus. Sie hatte schöne Augen. Bestimmt wartete sie auf ihren Partner. Ich setzte meine Sonnenbrille auf.
Plötzlich schaute mich die Frau unverhohlen an und sagte: „Gott ist überall. Du kannst ihm nicht entkommen.“
Ich war total verdattert. „Warum sagen Sie das zu mir? Sind Sie eine Zeugin Jehovas?
„Nein“, antwortete sie, „ich bin ein Engel.“
„Okay“ – ich lächelte verlegen. Vielleicht hatte die Lady wie ich ein Alkoholproblem. Oder sie hatte andere Drogen intus. Andererseits schon ein merkwürdiger Zufall… zwei Engelbegegnungen hintereinander. Ich prostete der Frau zu.
„Sind Sie glücklich?“ fragte diese, nachdem sie wie ich einen Schluck Bier genossen hatte.
Ich setzte meine Sonnenbrille ab – „Entschuldigen Sie, aber… ich äh…“
„Sie wollen mit einer Fremden nicht über sowas reden.“
„Also ich… äh…“
„Verstehe. Sie wollen in Ruhe gelassen werden.“
„Nein… äh… ich will nur nicht…“
„… über Gott reden“, beendete die Frau meinen Satz und trank in einem Zuge ihr Glas leer. „Ich hole mir noch eins. Soll ich Ihnen eins mitbringen?“ Die Frau lächelte mich engelhaft an.
„Ja… gern… danke“ – stotterte ich verdutzt und kramte nach meinem Geldbeutel.
„Lassen Sie ihn stecken“, sagte der Engel.

Hastig trank auch ich mein Bier aus, während meine Tischgenossin in der Schlange zum Bierausschank anstand. Sie sah wirklich viel besser aus, als ich es anfangs wahrgenommen hatte. Jedenfalls war sie keine Einbildung oder Halluzination. Sie wirkte äußerst real, als sie mit zwei frischgezapften Bieren zurückkehrte.

 

Brasko und das Lächeln der Freiheit (6)

Epilog

Die Staatsregierungen verfolgten eine Politik nach der Devise „Operation gelungen – Patient tot“. Selbst die westlichen Demokratien, welche die Einhaltung der Menschenrechte zu ihrem Aushängeschild gemacht hatten, verfielen in einen Aktionismus, der totalitäre Züge annahm. Die Bevölkerung wurde nach Lust und Laune drangsaliert: Demonstrationsverbot, Reiseverbot, Lockdowns, Ausgangssperren… Es gab unter den führenden Politikern einen regelrechten Wettbewerb darin, wer am härtesten durchgriff. Die Grundrechte der Bürger wurden ignoriert. In den Leitmedien Tag für Tag Regierungspropaganda bis zum Erbrechen: Angstmache und Hetze gegen jene, die sich nicht beugen wollten, die die Politik kritisierten. Wer den Mund zu weit aufmachte, wurde zur Persona non grata erklärt. Honorige Wissenschaftler, Ärzte, Journalisten und Kulturschaffende wurden aufgrund ihrer kritischen Äußerungen diskreditiert und mundtot gemacht. Das Narrativ der Herrschenden durfte nicht hinterfragt werden – es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Brasko gehörte schon immer zu jenen, die sich keinen Maulkorb verpassen ließen. Ein Freiheitskämpfer, der an vorderster Front gegen Unrecht, Polizeigewalt und Totalitarismus protestierte, war er aber nicht. Er lebte seit Jahren sehr zurückgezogen. Ohne es zu wollen, wurde er in diese gesellschaftspolitische Krise hineingezogen. Er dachte darüber nach, sich vom Acker zu machen. Aber wohin? Weltweit drehten die Regierungen durch. Vielleicht war es da oder dort noch nicht so schlimm mit der Gängelung der Bevölkerung – fragte sich nur, wie lange noch.
Die Situation war zum Haare raufen. Obwohl Brasko hart im Nehmen war, verfiel er manchmal in Depressionen über die Ausweglosigkeit. Freedom hatte doch „aufgetankt“ bei ihm – wo war sie? Er trug ihre Nachricht stets in seiner Brieftasche und kramte sie an tristen Tagen hervor… erinnerte sich ihres Lächeln.