Frescobol

Inzwischen weiß ich, wie das Spiel mit den Holzschlägern und dem roten Gummiball heißt, das fast täglich auf der Sandfläche vor meinem Lieblingsplatz im Park gespielt wird…
Reiner, ein Typ, der auch fast immer dabei ist, hatte sich neben mich gesetzt. Er hoffte, dass noch andere aus der Gruppe der Spieler und Spielerinnen kommen würden, aber an diesem Nachmittag sah es mau aus. Wir saßen also nebeneinander und kamen langsam ins Gespräch.
„Sieht so aus, als ob du heute deine Ruhe hättest.“ sagte er und lächelte breit.
„Ach, ich fühle mich nicht gestört. Ich schaue eurem Spiel gerne zu.“
Er erzählte mir, dass sich wohl der ein oder andere bereits über das permanente „Tok – tok – tok…“ beschwert hatte.
„Nein, macht mir wirklich nichts aus“, betonte ich nochmals – wenn ich die Ohrstöpsel drin habe, höre ich sowieso kaum noch was… Ich sitze gern hier und schaue den Leuten zu, wie sie Sport treiben… Oft wird auch Volleyball gespielt… Wie heißt das eigentlich, was ihr da spielt?“
Und so kam ich zu der Info, dass es sich um Frescobol handelte, welches in Brasilien quasi Nationalsport ist; und die Jungs und Mädels aus der Gruppe unterhielten sich nicht etwa auf Spanisch, wie ich zuerst angenommen hatte, sondern auf Portugiesisch.
Wieder was dazu gelernt.
Gerd, der Flaschensammler und Altfreak, hatte sich inzwischen zu uns gesellt. Schön, diese Leute mal etwas näher kennenzulernen. Ich erfuhr, dass Gerd gar nicht so weit weg von mir wohnt. Er kam aus der Hausbesetzerszene und hat jetzt eine Bleibe in einer WG. Auf der Dachterrasse pflanzt er Auberginen und sein eigenes Gras an. Mit Flaschensammeln + Stütze kommt er gerade so über die Runden. Er hatte schon bessere Zeiten, doch dann brachte ein Herzinfarkt die Zäsur…
Wir saßen eine gute Weile zusammen auf der Holztribüne und quasselten über die Themen, die gerade die Welt bewegen. Mein Feierabendbier hatte ich längst ausgetrunken und die Flaschen Gerd vermacht. Wenigstens für einen Nachmittag hatte ich zwei Kumpanen gefunden. Mal sehen, was draus wird. Am Ende werde ich noch Frescobol-Spieler.

 

Es geht immer weiter…

Unser Büro-Küken heißt Laura, Studentin, Anfang Zwanzig. Ein reizendes Ding. Sie hilft im Posteingang, wo die ganzen Tumorfälle (noch) per Papiermeldungen hereinkommen und ins System eingespeist werden müssen. Am Donnerstag kam sie besonders schick in knallengen Jeans, geschminkt und roten Lippenstift aufgetragen. Die Hühner machten ihr Komplimente und fragten nach dem Grund, worauf Laura ausweichend antwortete. Als sie mit einer Frage an meinen Schreibtisch kam, wollte ich ihr auch ein Kompliment machen, verkniff es mir aber dann…
Und sonst: 3 Tage Büro, 2 Tage Homeoffice. Eine gute Mischung. Im Homeoffice fällt es mir zunehmend schwer, meine Arbeitsmoral hochzuhalten. Im Büro dagegen kann ich dem Abfall meiner Arbeitsmoral mit meiner Anwesenheit am Arbeitsplatz einen besseren Anstrich geben – nach dem Motto: wer da ist, der arbeitet per se, was freilich absolut nicht der Fall ist. Einige Hühner sind spitze darin, sich durch die Zeit zu quatschen.
Mit Uli, meiner neuen Bürokollegin, verstehe ich mich ganz gut. Allein ihre Verbissenheit kann nerven. Dabei erzählen und lachen wir viel. Weil sie einen langen Arbeitsweg hat (ca. 1,5 Stunden), wäre sie auch gern im Homeoffice. Es sei sehr unangenehm, in Corona-Zeiten mit den Öffis unterwegs zu sein, sagt sie, viele Leute achteten überhaupt nicht auf Abstand und trügen keinen Mundschutz. Ich verstehe Uli. Ich befinde mich derzeit in der privilegierten Situation, Homeoffice machen zu dürfen, und gleichzeitig bin ich innert 10 Minuten mit dem Fahrrad am Arbeitsplatz. Wenn es machbar wäre, würde ich den Firmen-Laptop mit ihr teilen… Ich dachte ja, dass inzwischen Neid und Missgunst etwas nachließen bei den Kollegen und Kolleginnen, denen das Homeoffice versagt blieb, aber sie nahmen eher zu. Ich wünschte, sie würden alle ihren Laptop kriegen – dann wäre endlich Ruhe im Karton! Vielleicht, wenn die 2. Welle kommt, wird der Geschäftsleitung gar nichts anderes übrigbleiben.

Okay, erstmal wieder Wochenende. Kurzfristig Hochsommer in ganz Deutschland. Das Damoklesschwert der 2. Welle über uns.

 

Groovie

Immerhin wurde es am Nachmittag noch schön, d.h. die Sonne schien. War dann nur noch halbtrist im Park bei einer Flasche Cidre und meiner Lieblingsmusik im Ohr. Die Menschen stapelten sich auf den Wiesen und Wegen. Mir zu viel. Aber ich hatte genug intus, um la-la-la… Ich saß wie meist auf der Holztribüne vor einer größeren Sandfläche und schaute jungen Leuten bei einem Ballspiel zu. Sie schlugen per Schläger einen roten Gummiball hin und her. Tok – tok – tok – tok… machten sie ausgesprochen gut. Ein Flaschensammler, Marke deutscher Krautrocker + Althippie, setzte sich dazu, rauchte einen Joint und unterhielt sich mit denen, die vom Spiel pausierten. Sie kannten ihn schon. Nette Leute. Sprachen spanisch untereinander, konnten aber auch exzellent deutsch. Ich sah sie schon öfters spielen. Ein paar machen das richtig professionell. Bestimmt gibt es Wettbewerbe. Das Tok – tok – tok -tok verschwand, als ich meine Ohrhörer einsetzte und die Musik auf volle Lautstärke drehte. Yeah, it`s groovie, yeah-yeah – ich wippte im Takt der Musik mit dem Kopf und sah dem Ball zu, wie er von Schläger zu Schläger flitzte. Der Flaschensammler erhob sich und suchte die Holztribüne nach Pfandflaschen und Dosen ab. Viele reichten ihm unaufgefordert das Leergut. Da auf der Tribüne eine Menge Menschen herumsaßen, schätzungsweise über hundert, konnte er alle halbe Stunde einsammeln gehen. Danach zauberte er den nächsten Joint hervor und witzelte mit den jungen Leuten… Cooler Typ. Ich motzte den Cidre mit Wodka auf und ließ mich treiben. Zwischenzeitlich bekriegte ich mich mit den Wespen, die heiß auf den Cidre waren. Als ich die Flasche mit einer Stofftasche abdeckte, hatte ich Ruhe. Diese Stofftasche muss magische Kräfte besitzen. Ich habe sie schon viele Jahre lang. Sie ist nicht einfach eine Stofftasche. Ich bekam sie von einem besonderen Menschen. Vielleicht schreibe ich mal davon. Aber nicht heute – la-la-la…

 

Verlängertes

Mal eben einen Urlaubstag eingeschoben. Mir war danach. Nicht, dass ich was Besonderes vorhätte. Einfach relaxen, im Park oder Pub sitzen – offen für gute Ideen und Gedanken. Die Zwänge abschütteln, die von außen einfließen, und jene, die ich mir selbst mache; die Türe für die Leichtigkeit des Seins öffnen und die Schwere nicht als Bedrohung empfinden. In der Ruhe liegt die Tankstelle für die Seele. Oder: weniger ist mehr. Ich bin reich an Wenigkeit. Ich darf zufrieden sein. Der Suchende hat sich schlafen gelegt. Die Dämonen sind in der Sommerpause.
Ich lächele mich durch den Tag…

 

Fertig mit der Welt

Einen Mix aus Matrix, Stirb langsam und Monsterfilmen geträumt. Ging richtig zur Sache. Als ich aufwache, starre ich minutenlang auf den Sekundenzeiger meines Weckers, wie er seine Runden dreht. Weiter und weiter…
Den Feierabend zum Wochenende begoss ich im Pub. Der Nachmittag begann schwül und dunkle Wolken zogen auf. Es schien, als könnte sich jeden Moment ein Gewitter entladen. Aber die Potsdamer Straße blieb trocken. Ich trank das kalte Pils und glotzte raus auf die Straße. Es waren kaum Gäste da. Der Freitagsstammtisch hatte sich bereits aufgelöst. Harry kam vorbei und süffelte im üblichen Habitus seinen Brandy und ein kleines Bier. Thorsten hinter der Theke bediente in seiner ruhigen stoischen Art. Wir waren ein eingespieltes Team. Ich musste keine Minute warten, bis das nächste Bier vor mir stand. Der Wirt setzte sich aus Mangel an anderen Stammies zu mir und kaute mir das Ohr ab mit Geschichten aus seinem Leben. Er musste mal wieder loswerden, was er alles erlebt hatte, und was er alles draufhatte. Ich kam so gut wie nicht zu Wort, also hörte ich nur halb hin, nickte ab und zu anerkennend… Eine anstrengende Arbeitswoche lag hinter mir. Änderungen in den SOPs und lange Telefonkonferenzen. Sehr ermüdend. Ich fühlte mich kognitiv ausgelaugt.
Nach dem dritten Pils strich ich die Segel. Inzwischen blinzelte die Sonne wieder durch die Wolken. Kurz rang ich mit mir, ob ich mich nicht noch ein Stündchen in den Park setzen sollte. Aber mir war nach gar nichts. Also ab nach Hause in meine Wohnhöhle, wo die Couch und Pellkartoffeln auf mich warteten.

 

Also ganz ehrlich: Das ist doch mal wieder ein scheiß Wochenende!

Ich wiederhole es gern: Das ist doch mal wieder ein scheiß Wochenende!

Immer noch kein Echo?!?

Und dann ist es schon fast wieder rum.
Ich wälze mich im Bett ein paarmal hin und her, und das scheiß Wochenende ist schon wieder rum!!

Ich hätte tierisch Bock auf eine fette Weltuntergangspizza mit Kapern und Meeresfrüchte!

Und dann platze ich, dass es mich überall in der Wohnung verteilt.
Und die Waschmaschine läuft weiter.
Und der Blues aus dem Internetradio läuft weiter.
Und die Hauswände stehen grau und stumm.
Und vor meinem Fenster pinkelt ein Hund an die Hauswand.
Und mein rechtes Auge klebt an der Zimmerdecke.
Und mein linkes Auge rutscht langsam die Fensterscheibe runter.
Und irgendwo in Berlin rammeln sich zwei Liebende die Seele aus dem Leib.
Und irgendwo anders in Berlin scheißt sich ein Besoffener in die Hose.
Und über der Wolkendecke fliegt eine Passagiermaschine der Sonne entgegen.
Und der Pilot vergleicht in Gedanken den Arsch der Flugbegleiterin mit dem Arsch seiner Frau.
Und er kriegt einen Steifen.
Und dann einen Infarkt.
Und die Maschine stürzt ab.
Und mein linkes Auge rutschte inzwischen am Fenster hinunter

bis ganz unten.

 

Berliner Luft

Der Wetterfrosch hatte fürs Wochenende Unwetter mit Starkregen vorausgesagt. Gestern Nachmittag verdunkelte sich der Tag, und es klarte nicht mehr auf. Keine regelrechten Unwetter passierten, aber Regen bis in den Abend hinein. Den Biergarten konnte ich abhaken. Nur zum Einkaufen war ich draußen. „Die Natur braucht`s“, meinte die Kassiererin. Ich nickte: „Ja, schön für die Natur.“

Auch der Sonntag beginnt trübe. Genau die richtige Stimmung für Bob Dylan Songs… Oder was in der Richtung: Guter Blues- oder Country Rock mit tiefen Bässen und einer schmutzigen Stimme. Ich empfehle „Aardvark Blues FM“ ein ums andere Mal.
Die Wäsche, die ich gestern Vormittag aufhing, ist immer noch feucht. Die aktuelle Luftfeuchtigkeit in Berlin liegt bei 85%, lese ich. Ist das hoch? – Ja, Mann, das ist verdammt hoch!
Man sollte die Luft mit hochprozentigem Alkohol durchsetzen… Immer schön tief ein- … und ausatmen. Geil.
„Hey Mann, wie machst Du das, dass Du, ohne was getrunken zu haben, betrunken bist?“
„Die Luftfeuchtigkeit ist hier hoch.“
„Ach so.“
„Ja, das macht der Alkoholgehalt der Luft.“
„Wusste nicht, dass in der Luft Alkohol ist.“
„Berliner Luft… haha!

Sehr geehrte Damen und Herren, aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit in Berlin kam es zu zahlreichen alkoholbedingten Verkehrsunfällen im Stadtgebiet. Die Polizei ruft die Bevölkerung auf, das Auto heute stehen zu lassen. Die Promillegrenzen gelten auch bei passivem Alkoholgenuss…