Das Jahr Lazertis

– es tauchte auf wie aus dem Nichts. Wie lange war es her, dass ich dieses Hörspiel gehört hatte? Und warum kam es mir jetzt wieder in den Sinn? Damals hörte ich viel Deutschlandfunk. Meinen Fernseher hatte ich verhökert. Ich lebte von Sozialhilfe. Die Erinnerung daran ist blass. In der Einsamkeit verliert man das Zeitgefühl. So viele Tage, Wochen, Monate und Jahre vergingen seitdem. Aber ich weiß, dass ich von dem Hörspiel beindruckt war.
Damals hatte ich keine Ahnung, wie mein Leben weitergehen sollte. Viel Licht sah ich nicht. Vielleicht hörte ich einfach auf zu leben an einem einsamen Nachmittag oder Abend in meiner Wohnung. Wozu die Sonne erneut aufgehen sehen? Ich brauchte die Stimmen im Radio, egal, was sie sagten. Am Liebsten waren mir aber Hörspiele oder Hörbücher. Manche Stimmen wie die des einmaligen Gert Westphal mochte ich besonders.
Gepriesen sei das Internet. Auf YouTube fand ich schnell eine gute Aufnahme von „Das Jahr Lazertis“. Fast hatte ich etwas Angst davor, dieses Relikt aus meiner Vergangenheit wiederzuhören. Was würde ich fühlen? Möglicherweise würde ich enttäuscht sein… Nein, das war ich nicht. Absolut nicht. Günter Eichs Hörspiel hatte für mich nicht an Kraft verloren. Unwillkürlich füllten sich bei manchen Sequenzen meine Augen mit Tränen. Ein Schatz hatte zu mir zurückgefunden.

Wind of Change

Erstens anders, zweitens als gedacht. Ich denke, dies gilt für alle Veränderungen und jeden Wechsel im Leben. Ganz egal ob Beziehungs- oder Wohnungswechsel, ob ein anderer Arbeitsplatz, eine Reise, Veränderungen durch Krankheit oder Unfall, durch den Tod liebgewonnener Menschen, durch Veränderungen in Glauben und Lebenseinstellung…
Niemals kann man sich vorher genau ausmalen, wie es unter den anderen Lebensumständen sein wird. Verständlich darum Unsicherheit und Ängste im Vorfeld. Es ist gut, dass wir nicht leichtfertig ins Ungewisse aufbrechen. Auf der anderen Seite ist es auch nicht gut, am Alten und Gewohnten unwiderruflich festzukleben. Es gibt Phasen im Leben, wo der Wind der Veränderung kräftiger bläst als in anderen. Manchmal wissen wir gar nicht, wie uns geschieht. Nicht alles ist vorhersehbar und planbar. Die Seele setzt die Segel…

Auf dem Weg zum Büro komme ich an einer Schule vorbei, kurz vor Unterrichtsbeginn. Die Halbwüchsigen, junge Frauen und Männer stehen in Grüppchen zusammen, plaudern und rauchen. Ich radle weiter die Steinmetzstraße entlang, vorbei an der Eckkneipe, wo ich in der Mittagspause mein Bier trinke, mache einen Schlenker nach rechts zur Potsdamer Straße, auf der sich bereits Millionen Tonnen Blech entlang wälzen. Ich fahre eine Strecke auf dem breiten Gehsteig, und der Duft von frischen Backwaren steigt mir (neben den Abgasen) in die Nase. Das Monster Großstadt ist aufgewacht. Der junge Tag weicht ängstlich zurück. Zielstrebig hasten wir Menschen zur Schule, zur Arbeitsstätte… kreuz und quer.
In einer Nische neben dem Haupteingang parke ich das Fahrrad. Eine Menge Kippen liegen auf dem Boden, den Zigarettenpausen der Angestellten geschuldet. Der alte wuchtige Gebäudekomplex beherbergt auf fünf Etagen mehrere Firmen, von deren Aufgaben und Funktionen ich keinen blassen Schimmer habe. Man begegnet sich anonym im Fahrstuhl und fährt zu den Etagen, wo jeder zu seiner „Was-auch-immer-Arbeit“ aussteigt.

Artig begrüße ich meine Kolleginnen in ihren Bürozellen. Die meisten beginnen schon etwas früher. Eigentlich hatte ich mir das auch vorgenommen, um am Nachmittag nicht so lange sitzen zu müssen, aber ich genieße zu gern den langen Morgen zuhause… alleine mit mir selbst.
Am Arbeitsplatz das übliche Prozedere des Ankommens: Computer hochfahren, tausendmal anmelden, das Arbeitszeug zurechtlegen, Kaffee zubereiten, die ersten Plaudereien… Schließlich hole ich mein Dokumentenpaket aus dem Panzerschrank im Büro der Oberdokumentarin. Aller Anfang ist schwer. Ich starre auf den Stapel der Dokumente, nehme mir zögerlich das erste vor. Eine Pathologie. Dickdarmkrebs. Allerdings ist nicht klar, ob Primärtumor oder Metastase. Ich ziehe meine erfahrene Kollegin zu Rate, die gegenüber am Schreibtisch über ihren Fällen brütet. Sie springt mir sogleich zur Seite. Eine nette Person. Ich habe Glück gehabt, dass ich nicht mit einem Stinkstiefel oder einer Laberkanne das Büro teile. Insgesamt ist die Bürogemeinschaft ein recht lebendiger Haufen.

So vergeht Stunde um Stunde beim Brüten über Tumorfällen und deren Eingabe ins Dokumentationssystem. Was mache ich hier? frage ich mich zwischendurch und blicke sehnsüchtig aus dem Fenster in den Himmel.

Mittagspause

In der Mittagspause gönne ich mir einen kleinen Ausritt in eine Eckkneipe. Ich habe eine halbe Stunde, die ich mir nehmen kann (wann ich will). Das Arbeitszeitschutzgesetz sagt: eine halbe Stunde ist Pflicht, wenn man mehr als sechs Stunden arbeitet. Die Hühner machen bereits halb Zwölf ihre Pause, was mir zu früh ist. Außerdem will ich ihnen nicht beim Fressen zuschauen…, und sie kommen dabei immer auf die Arbeit zu sprechen. Freilich fragten sie anfangs nach. „Machen Sie keine Pause?“, und ich musste erklären „Blablabla“, warum ich lieber erst später…
Ich düse also mit meinem Fahrrad zur nächsten Kiezkneipe. Solche Lokale befinden sich kurz vorm Aussterben. Aber es gibt sie noch. Drin sitzen Menschen…, die das Beste schon hinter sich haben oder noch nie hatten. Fossilien ihres eigenen Lebens. So richtig passe ich dort nicht hin. Aber wo passe ich schon hin? Ich bin nett, und sie sind nett zu mir. Mehr braucht man nicht. Und natürlich ein Bier. In einer halben Stunde schaffe ich sogar zwei.
Ich genieße die kurze Zeit weg vom Büro in einer anderen Welt.

Morgenstund

Schön, den neuen Tag erwachen zu sehen. Den schwarzen Vorhang der Nacht ablegen und in der Morgendämmerung von Südseeinseln träumen. Ich liebte schon immer den Morgen, wenn alles noch halb schläft, erst in Vorbereitung ist. Ich ziehe den Rollladen hoch. Ich lasse mir Zeit mit der Morgentoilette und dem Lesen der Nachrichten aus aller Welt… Die meiste Zeit sitze ich einfach nur da, höre Musik und blicke gleichsam in mich wie in den anbrechenden Tag. Acht Stunden Büro liegen vor mir. Acht Stunden Tumordokumentation. Inzwischen lebte ich mich halbwegs ein. Die Hühner (und Gockel) werden mir immer vertrauter. Und die Arbeit geht mir auch besser von der Hand. Trotzdem: acht Stunden sind acht Stunden. Zurzeit pflege ich die pathologischen Berichte ein. Vieles wiederholt sich. Es ist wie exotische und komplizierte Kochrezepte lesen… Nicht selten entsteht Interpretationsspielraum (und Kopfschmerzen). Was soll ich also wie dokumentieren?
Die Dokumentarinnen diskutieren viel. Eigentlich sind sie ständig am Quatschen. Die Bürotür steht offen und ich lausche mit einem Ohr. Ja, diese Hühnertruppe ist größtenteils recht lebhaft mit dem Mundwerk. Die Dienstbesprechungen ufern jedes Mal aus. Wir „Neuen“ sind hinterher verwirrter als vorher. Ein regelrechter Dokumentationsdschungel tut sich auf, durch den man sich als Neuling peu à peu kämpfen muss.

Der neue Tag grinst durchs Fenster. Ein Sonnenstrahl bleibt an der Hausfassade gegenüber hängen. Ich werde mich langsam in Schale schmeissen…

Feierabend

Funkelnde Kristalle des Erstaunens – ich stehe neben mir, blicke wie durch eine Kamera auf die Szene, wenn ich mit der Kollegin rede, die mich in meine Arbeit einführt, oder beim Gespräch mit der Registerstellenleiterin, als ich mich ins Wochenende verabschiede. Ich wundere mich über meine eigenen Worte, bin dabei aber keineswegs unzufrieden, und wundere mich auch darüber, dass mir die anderen so viel von Dingen erzählen, die ich nur zum Teil verstehe… Irgendwie bizarr – und doch das Normalste der Welt.
Zwischen den Worten, die wie Pflastersteine einen Weg ebnen, sehe ich in die Augen meiner Gegenüber und frage mich in dem Moment, wie diese Person wohl tickt, und wieso wir hier stehen und miteinander plaudern, Menschen, die einander kaum kennen.

Wenn ich morgens an meinen (neuen) Arbeitsplatz komme, tauche ich in ein Schwimmbecken ein, in dem ich mich langsam freischwimme und an Selbstvertrauen gewinne. Aber noch stehe ich ganz am Anfang.
Es ist verrückt – ich staune gleichsam über die Welt und mich…, schließe meine Bürotür, schreite wie ein König zum Ausgang in den Feierabend.

Aller Anfang ist schwer (2)

Ein bisschen wie selbstauferlegter Frondienst. Schon immer empfand ich die Erwerbsarbeit als notwenige Mühsal. Menschen, die sich nicht auf den Feierabend freuen oder gar die Arbeit zu ihrem einzigen Lebensinhalt machen, sind mir suspekt. Oftmals ist das Verhältnis zur Beschäftigung auch ambivalent. Man sagt, dass man seine Arbeit liebt, aber sie einem durch Umstände wie Personalmangel, intrigante Kollegen, herrische Chefs, Überforderung und schlechte Bezahlung vermiest wird. Ich kann von mir sagen, dass ich noch nie einen bezahlten Job hatte, den ich liebte. Zwischenzeitlich war die Arbeitssituation wenigstens angenehm, so dass ich (fast) gern zur Arbeit ging. Aber ich erlebte auch Zeiten, in denen ich mich mit Magengrummeln auf den Weg machte, und mir sagte „was soll schon passieren? – einfach durchhalten“. In der Altenpflege halfen mir zuletzt die Routine und meine jahrelange Erfahrung. Man gewöhnt sich einfach dran und zieht seinen Stiefel durch. Als Resultat fühlt man sich als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft – man hat was vorzuweisen, gehört zur arbeitenden Bevölkerung. Damit ergibt sich eine persönliche Aufwertung. Der süße Feierabend winkt – man kann auf ein Tagewerk zurückblicken, welches allgemein geachtet wird und bewegt sich unter seinen Mitmenschen selbstbewusster. Außerdem hat man die Agentur für Arbeit vom Hals…
Die ersten drei Tage im neuen Job als Tumordokumentar. Zehn Kolleginnen, ein IT-Fachmann. Alle zeigen sich bisher ganz nett und hilfsbereit. Es lässt sich nach so kurzer Zeit noch nicht viel über die einzelnen Charaktere und Kompetenzen sagen. Die Umstellung ist groß. Einen Achtstundentag hatte ich schon ewig nicht mehr. Eine Teilzeitstelle (75%) wäre mir lieber gewesen. Nun muss ich erstmal in meine Arbeit hineinfinden. Vier Wochen Einarbeitungszeit sind vorgesehen. „Wer nicht fragt, macht sich verdächtig“, sagte die Registerstellenleiterin. Ich glaube, ich fragte die letzten Tage eine ganze Menge. Die Oberdokumentarin wirkte zwischendurch leicht genervt. Sie hat viel an der Backe. Alles ist noch im Aufbau, und es bestehen viele Unklarheiten. So richtig blicke ich an meinem Arbeitsplatz noch nicht durch – fühle mich noch in der „Krabbelphase“. Ich fiebere jedem Schritt entgegen, den ich (hoffentlich) bald selbstständig gehen kann.
Mein aktuelles Erfolgserlebnis beschränkt sich darauf, den Anfang gemeistert zu haben…, und das ist schon mal ganz gut.

Muffensausen und Matschbirne

Soll es also in Kürze wahr werden: seit nunmehr zweieinhalb Jahren Arbeitslosigkeit wieder in Lohn und Brot: Öffentlicher Dienst, unbefristeter Arbeitsvertrag… Heute Morgen las ich in Ruhe die Papiere durch und füllte den Personalbogen aus. Der Verdienst könnte freilich besser sein, aber ich will nicht meckern. Wichtiger ist mir, dass ich mich im Arbeitsumfeld wohlfühle und den an mich gestellten Aufgaben gerecht werde. Mit einer guten Portion Muffensausen sehe ich meinem Beschäftigungsbeginn entgegen… Aschermittwoch – ob das als ein gutes Omen zu sehen ist? Die negativen Erfahrungen an meinem letzten Praktikumsplatz sind mir noch gut im Gedächtnis. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich ziemlich blöd anstellte und zweifelte daran, ob der eingeschlagene Weg mit der Tumordokumentation der richtige sei… Also auf ein Neues! Ich bin dem Himmel dankbar für diese Chance!

Verregneter Sonntag. Unruhig geschlafen. Ich fühle mich zum Wegschmeißen. Wenn ich mal erkältet bin, dann meist richtig. Zwei Tage noch zum Ausruhen. O. unternimmt ihre sonntägliche Museumstour. Sie hat ein Abo. Ich weiß nicht, ob ich heute noch aus dem Haus will. Um die Ecke am Gleisdreieck ist Weinmesse, kostet allerdings 17 € Eintritt. Eine andere Option wäre das Brwhouse, welches in der Nähe vor kurzem eröffnete, eine Craft Beer Brauerei mit Restaurant. Bier versus Wein… Ich weiß nicht, nach was mir ist. O. freut sich sicher, wenn ich mich heute noch zu was aufraffe.

Tristesse

Die Sonne scheint, aber sie prallt an mir ab. Nach erfolgreicher Fortbildung und Prüfung verbringe ich die Tage mit Warten. „Wir haben uns für Sie entschieden“, hatte die Frau von der Geschäftsstelle gesagt, „… wir werden uns bei Ihnen melden.“ Das war vor einer Woche. Ich kann es kaum glauben. Erst eine Woche. Es kommt mir so vor, als würde ich schon eine halbe Ewigkeit hier sitzen und warten. Einen kurzen Moment war ich glücklich und stolz, weil (fast) alles geklappt hatte… Es folgte Tristesse. Warum nur? Ist es die Angst vor dem neuen Job? Ich fühle mich wie in einem Lähmungszustand, der mich von innen umklammert. Der Himmel leuchtet in glattem hellen Blau über Berlin. Die Temperaturen klettern in den Plusbereich. Die Tage werden länger. Und ich verharre in der Zeit, als wäre ich innerlich vereist.

Uff!

In der „Deponie“ stießen wir auf meinen Abschluss an. O. bestellte sich Eisbein, ich ein schnödes Schnitzel mit Salzkartoffeln. Es genügte unseren Ansprüchen. Außerdem gibt die Gastwirtschaft nicht viel mehr her. Langsam legte sich die Anspannung der letzten Tage.

Die Prüfung bestand aus drei Teilen: einem Multiple Choice Test, der Dokumentation eines Falles im GTDS* und einem mündlichen Teil, wo wir einen Fall vortragen mussten, wie wir ihn dokumentieren würden, abschließend noch einige fachliche Fragen. Insgesamt gut vier Stunden, in denen wir unsere Konzentration hochhalten mussten. Wir dachten alle: Hauptsache vorbei! Es waren anstrengende drei Monate. Für meine Mitschülerinnen bedeutete es: nach einem Achtstundentag die Schule, und zusätzlich kostete es den Samstag als freien Tag. Aber alle hielten fleißig durch. Respekt! Wir sind die ersten in Berlin, die ein solches Zertifikat für die Tumordokumentation erhalten.
Aufgrund des KFRG** und dem Stichtag des 01.07.2016*** sollte der Bedarf an Tumordokumentaren bald noch ansteigen, in den Krankenhäusern sowie in den Registerstellen. Die Schulleiterin wirbt bereits für den nächsten Kurs und drückte uns Flyer zum Auslegen an den Arbeitsplätzen in die Hand.

Nach dem Essen wurde ich schnell müde. Ich hatte kaum geschlafen. In meinem Kopf eine Achterbahn, in der Bruchstücke des Lernstoffs hin und her flitzten. Wenn mich mein Gefühl nicht trügt, habe ich wirklich was gelernt…

* Gießener Tumordokumentationssystem
** Krebsfrüherkennungs- und -registergestz
*** Staatsvertrag über die Errichtung und den Betrieb eines klinischen Krebsregisters zwischen dem Land Berlin und dem Land Brandenburg tritt in Kraft

Plan B

„Briefzusteller gesucht“. Täglich sehe ich die Zusteller an unserer Wohnung in ihren gelben oder grünen Uniformen vorbeiradeln. Noch wäre ich fit genug für diesen Job. Neugierig googelte ich heute nach diesbezüglichen Jobangeboten. Immerhin verdient man als Briefzusteller bis zu 11 Euro 50 die Stunde. Klar, das ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel, zumal ich den Job nicht 100% machen wollte. Aber als Zwischenlösung sollte ich diese Option ins Auge fassen. Ob ich nämlich in der Tumordokumentation landen werde, ist nach wie vor ungewiss. Die Anforderungen sind hoch und die Verdienstmöglichkeiten (wie eigentlich überall im Gesundheitssystem) mager. Immer wieder komme ich ins Grübeln: Will ich das überhaupt? Will ich in einem Büro zusammen mit lauter Hühnern (die Dokumentarinnen sind fast alle weiblich) über Krankenakten von Krebspatienten brüten? Fahrradfahren an der frischen Luft erscheint mir dagegen wesentlich gesünder. Umso mehr ich drüber nachdenke, desto reizvoller erscheint mir diese Alternative. Man sollte immer einen Plan B in petto haben.

In zehn Tagen ist Abschlussprüfung. Auch meine Mitschülerinnen atmen auf, wenn es rum ist. Zu viel ist einfach zu viel. Immerhin haben sie schon einen Job – die Fortbildung war als berufsbegleitende Maßnahme für die Dokumentarinnen angedacht. Ich dagegen kam als Neueinsteiger hinzu, der zwar eine Fortbildung zum MDA vorzuweisen hatte doch ohne Berufspraxis. Von der Tumordokumentation wusste ich nur so viel, dass sie notwendig ist und im Zuge des Aufbaus der Klinischen Krebsregister immer mehr an Bedeutung gewinnen sollte. So meine Überlegungen, die mich zu dieser Fortbildung brachten. Die Schulleiterin blies ins selbe Horn – ich fühlte mich in meinem Ansinnen bestätigt. Sie machte mir Mut. Schließlich war noch nicht klar, ob die Rentenversicherung die Kursgebühren tragen würde. Immer wieder wiederholte sie ihr bestes und einziges Argument: Tumordokumentare werden gesucht. Nebenbei ging es ihr natürlich darum, mich als Schüler für den Kurs zu gewinnen. Sie hatte erst vier Teilnehmer(innen).

Heute denke ich: wenn ich gewusst hätte, auf was ich mich da einlasse… Diese ganze fuckin` medizinische tumorspezifische Terminologie gestaltete sich zu einem Horrortrip für mein Hirn.
Aber gut, ich ziehe es durch, zumal die Rentenversicherung nach einigem Hin und Her nun tatsächlich zahlt. Vor ein paar Tagen bekam ich den Anruf von der Hauptgeschäftsstelle. „ …damit sollte ihr Widerspruch vom Tisch sein“, sagte die Dame vom Amt säuerlich.

Zehn Tage verbleiben noch zum Büffeln. Ich sollte besser über den Unterlagen sitzen, als jetzt an diesem Beitrag zu schreiben. Ab und zu schaue ich aus dem Fenster, auf Gehweg und Straße, auf die Hausfassade gegenüber, die Autos und die Menschen. Der Briefzusteller war noch nicht da. Ich warte auf den schriftlichen Bescheid von der Rentenversicherung. Ich warte auf einen Motivationsschub am Wochenanfang.