Ab an die Nordsee!

Den nettesten Kontakt hatte ich am Morgen meiner Weiterreise an die Nordsee auf dem Campingplatz bei Hamburg. Ich baute gerade das Zelt ab, als mich eine hübsche, junge Dänin ansprach. Sie interessierte sich für mein Fahrrad und meine Fahrradtour. Ihr Englisch war perfekt, meines dagegen weniger. Ich radebrechte mit meinen paar Vokabeln, die ich auf Abruf hatte, herum. Bestimmt wurde ich vor Verlegenheit rot wie eine Tomate. Am liebsten hätte ich das Zelt wiederaufgebaut und wäre noch eine Nacht geblieben. Aber wahrscheinlich war sie einfach eine nette, kontaktfreudige Person und ihr Freund wartete unweit auf sie mit den Worten: „Sag mal, musst du jeden anquatschen?“ Und sie: „Ach, ich fand den Typen irgendwie lustig…“

Hinter Hamburg ließ ich es ruhiger angehen. Ich war ja schon fast an meinem Reiseziel und hatte jede Menge Zeit. Zwei Tage sollte das schöne Reisewetter noch halten. Der Weg ging weiter die Elbe entlang mit einem größeren Schlenker nach Elmshorn, bis ich bereits am frühen Nachmittag auf dem Campingplatzt direkt am Elbdamm bei dem Örtchen Kollmar landete. Dort lungerte ich bis zum Abend am kleinen Hafen herum, wo einige Imbiss Wägen standen. Schließlich legte ich mich mit einer Flasche Roten an den Strand und genoss den Sonnenuntergang. Immer dabei die Geschichten von John Fante.
Am nächsten Tag wollte ich es endlich an die Nordseeküste schaffen. Glücksstadt hatte ich gleich im Sack. Danach vorbei am legendären KKW Brokdorf nach Brunsbüttel. Ich war bis dahin ganz gut unterwegs. Nach einer Mittagspause führte mich die Route ins Landesinnere über Michaelisdonn und Meldorf hin zu Büsum. Eine Ochsentour! Die Wege waren mies, und die Hitze wurde beinahe unerträglich. Ab Meldorf kam dann noch ordentlich Gegenwind von der See kommend hinzu. Ich fühlte mich auf den endlos wirkenden Wegen wie eine Schnecke. Doch ich hatte Büsum bereits im Blick… In Büsum blieb ich zwei Nächte. Ich musste mich dringend ein Wenig erholen. Die Unterlippe war aufgesprungen, die Nase verbrannt, dazu die wunden Stellen am Allerwertesten und eine allgemeine Erschöpfung… Leider schlug schon in der Nacht das Wetter um. Die Nordsee zeigte klare Kante mit einer Abkühlung, heftigem Wind und Regenschauern.

Dicker Fuß

Alter-Alter, langsam falle ich auseinander wie ein unsaniertes Gebäude im Osten. Davon sah ich eine Menge… Die Schmerzen begannen gestern Abend, so schlimm, dass ich mit dem rechten Fuß kaum noch auftreten konnte. Scheiße, dachte ich, was soll das am Ende meines Urlaubs?! Ich fühlte mich an das Vorjahr erinnert, als ich nach der Tour nach Kopenhagen einen dicken großen Zeh bekam, allerdings am anderen Fuß, und diesmal war es nicht einer der Zehen, sondern der gesamte Vorderfuß, der höllisch wehtat. Ich kroch quasi zur Toilette in der Nacht. Gut, dass ich noch ein paar von den Schmerztabletten gegen Gicht- und Rheumaschmerzen hatte. Davon nahm ich gleich eine und machte mir einen kalten Umschlag um den Fuß. Heute Vormittag überlegte ich mir dann, wie ich vorgehen sollte. Die Schmerzen hatten nicht nachgelassen, und der Fuß war sichtbar geschwollen, die Zehen konnte ich kaum noch bewegen. Ein Arztbesuch würde sich nicht vermeiden lassen. Zwischen 12 und 14 Uhr wollte der Ablesedienst kommen, der sich so nett per Karte angekündigt hatte. Das wollte ich hinter mich bringen, um ihn nicht nochmal zu verpassen. Er kam dann Gott sei Dank auch schon kurz nach Zwölf. Der Mann, schon älteres Semester, war gut drauf, er summte die ganze Zeit vor sich hin, während ich mit hochgelegtem Fuß am Schreibtisch saß. Ich hatte Glück, dass ich noch einen Termin bei der Orthopädin bekam, die mich auch letztes Jahr behandelt hatte. Mit dem Fahrrad klappte die Fortbewegung besser als per pedes. Beim in die Pedale treten konnte ich den Druck gut auf Mittelfuß und Ferse verlagern. Ich musste mich beeilen, weil ich bis 13 Uhr dort sein sollte. Auf dem Weg überrollte mich fast ein LKW beim Rangieren. Das wäre schön blöd, wenn ich ausgerechnet jetzt zu Matsch würde. Das Absteigen an den Ampeln war der neuralgische Punkt. Wenn ich mich aus Versehen mit dem rechten Fuß abstützte, fuhr mir der Schmerz wie eine Rakete durch den Körper – dass ich hätte schreien können. Aber ich will nun auch nichts dramatisieren. Es war nur ein guter Kilometer und ich erreichte wohlbehalten die Arztpraxis. Ich erkannte die Ärztin gleich wieder, als ich vor ihr saß. Klasse Frau, gemütlich, witzig, aber zu dick für meinen Geschmack. Nach einer halben Stunde war ich mit Rezept und Krankmeldung bereits wieder entlassen. Der Biergarten lag auf dem Weg. Also legte ich eine kleine Rast ein und informierte bei dieser Gelegenheit sogleich meinen Arbeitgeber. Es ist immer gut, sowas unverzüglich zu erledigen.
Tja, wie das Leben spielt. Ich wäre wirklich lieber Arbeiten gegangen, als mit diesen Schmerzen durch die Gegend zu humpeln. Verdammter Mist aber auch! Ich weiß, die Verantwortung dafür trage ich allein, falls es wirklich ein Gichtanfall ist, und das ist sehr wahrscheinlich. Ich ernähre mich ungesund, trinke zu viel, dann die Strapazen bei der Fahrradreise und als i-Tüpfelchen obenauf mein nicht mehr ganz jugendliches Alter. Das reicht für alle möglichen Maläsen. So gesehen fuhr ich bei meinem bisherigen Lebenswandel noch ganz gut. Aber irgendwann kriegt man halt die Rechnung serviert. Ich schaue mir meinen rechten Fuß an, der immer dicker wird. Ich sollte ihn wieder hochlegen und in ein feuchtes kaltes Geschirrtuch wickeln. Scheiß Sache das.

Hamburg erreicht

Der Montag, als ich durch Hamburg kam, begann diesig mit vereinzelten Regenschauern. Hinter Lauenburg fuhr ich bergauf-bergab über steinige Waldwege. Immer als ich dachte, jetzt müsste ich endlich aus diesem finsteren Labyrinth herauskommen, ging es doch noch eine Ecke weiter. Es war wie verhext. Aber als es stärker regnete, fand ich Schutz unter dem dichten Blätterdach.
Dann endlich Geesthacht, die letzte größere Stadt an der Elbe vor Hamburg. Ich hatte die Elbe wieder links von mir im Blick. Bis zur Nordseeküste blieb ich auf der rechten Seite flussabwärts. Hier sah ich die ersten Frachtschiffe. Die Elbe hatte Niedrigwasser und die Schifffahrt war erheblich eingeschränkt.
Hamburg City erreichte ich schon mittags. Die Bewölkung riss zur Begrüßung auf. Der Himmel sah aufregend aus mit den vielen Wolkenfetzen. Der Campingplatz, den ich ansteuerte, lag ein paar Kilometer hinter Blankensee. Ich konnte in aller Gemütsruhe die Speicherstadt, die Landungsbrücken und den Fischmarkt passieren. Unglaublich viele Menschen waren unterwegs – wie die Ameisen, und ich mittendrin. Dann der brausende Verkehr, der mir nach den vielen ruhigen Wegen wie ein einziges riesiges Blechungeheuer vorkam. Man entkam ihm nicht, musste ständig auf der Hut sein, nicht zerstampft zu werden. Gemütlichkeit kam da selbst bei der Bierpause nicht richtig auf. Ich schoss ein paar Fotos und wechselte die Radwanderkarte. Ich befand mich nun auf dem Nordseeküsten-Radweg.
Kurz vor Blankensee fand ich an der Elbpromenade endlich etwas Ruhe. Ich saß vor einem Lokal in der Sonne und blinzelte verträumt zur Elbe hin, auf das gegenüberliegende Ufer und die berauschende Wolkenkulisse…

An der Rezeption wartete eine lange Schlange von Campinggästen. Ich dachte schon: Oje, hoffentlich erwische ich noch einen Platz für mein Zelt. Wie sich dann herausstellte, war die lange Wartezeit der akribischen Anmeldung geschuldet. Alles lief über den Computer. Und der junge Mann, der dort saß, redete gern und viel und fand sich auch noch witzig. Endlich waren alle Formalitäten erledigt und ich stapfte durch den Sand auf der Suche nach einem geeigneten Platz. Eigentlich ein netter kleiner Campingplatz am Elbstrand, aber in der Ferienzeit ziemlich überlaufen vor allem mit Familien und kunterbunt internationalen Reisegruppen. Nach dem Aufbau des Zeltes setzte ich mich in den Biergarten. Ein schöner lauer Abend. Ich blickte auf die Leute bei ihren Fressorgien, trank Bier und versuchte mich in ein Buch zu vertiefen. Als Reiselektüre hatte ich John Fantes „Little Italy“ dabei. Er erzählt darin Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend. Ich wusste, wenn ich Fante mitnehme, kann ich nicht viel falsch machen. Die Lektüre war sehr erfrischend und auch erheiternd. Auf diesem Campingplatz war aber nicht viel mit Lesen, dazu war es zu unruhig. Das Kindergeschrei und Herumgetolle wollte überhaupt nicht enden. Schließlich fuhr sich auch noch ein Wohnmobil im Sand fest. Immer wieder heulte der Motor auf, und die Räder drehten durch. Sie kriegten das tonnenschwere Gefährt nicht frei… „Gute Nacht!“ hätte ich beinahe gebrüllt, aber so bin ich eben nicht.

Havelberg – Dömitz

Die Tage vergehen wie nichts. Kann es sein, dass sich dieser Wahnsinns-Sommer langsam dem Ende zuneigt? Und auch mein Urlaub… Okay, mir bleiben noch ein paar Tage. Ein paar Tage zum Faulenzen und idiotische Gedanken machen. Ich betrachte die Bilder, die ich auf der Reise schoss, und befinde mich im Geiste wieder auf der Strecke…
Nach dem Aufenthalt im schönen Havelberg fuhr ich noch einige Kilometer an der Havel entlang. Elbe und Havel schmiegen sich eine Zeitlang dicht aneinander, bis sie sich ganz vereinen. Danach war ich bis zur Nordsee fast ausschließlich auf den Dammwegen der Elbe unterwegs. Und diese Wege ziehen sich, verdammt! – und wie die sich ziehen! – „wie Rattenscheiße“, brummelte ich vor mich hin und trat unermüdlich in die Pedale. Es gab wenig Schatten und noch weniger Haltepunkte für Pausen, um auch mal ein frisches kaltes Bier zu trinken. Der Biervorrat in der Packtasche schmolz dahin, und es war weit und breit keine größere Stadt in Sicht. Dann kam Wittenberge, aber was soll ich sagen – in der City kein einziger Lebensmittelladen, nicht mal einen verfluchten Kiosk entdeckte ich. Heutzutage wird ja alles ausgelagert, und in den Innenstädten bleiben nur Ramschläden, Drogerien und Eisdielen.
Zurück an der Elbe fand ich dann wenigstens einen Platz in einem Biergarten. Gerade noch so, denn es war fuckin` Einschulungstag, und da saßen diese Familienclans mit ihren Sprösslingen und den Zuckertüten. Furchtbar! Mich gruselt es immer noch, wenn ich diese Szenerie vor mir sehe. Aber gut, ich hatte höllisch Durst und genoss das kalte Pils.
Inzwischen hatte sich etwas Gegenwind auf der Strecke eingestellt. Lange nicht der Starkwind wie an der Nordsee aber trotzdem eine permanente warme Wand, gegen die ich anstrampelte. Auf die Dauer sehr ermüdend. Und ständig das Rauschen in den Ohren. „Was man nicht alles macht…“, sagte ich zu mir, oder „steter Tropfen höhlt den Stein“. Man sucht sich in solchen Lagen verbale Aufsteller, die man beinahe gebetsmühlenartig wiederholt. Ab und zu kicherte ich wie ein Blödjan. Ich werde doch nicht irre werden? Habe ich einen Sonnenstich? Wird Zeit fürs nächste Bier…
Die Fahrradreise war eine echte Prüfung an Willensstärke, Ausdauer und Durchhaltevermögen. Schließlich erreichte ich Dömitz, und da waren sie plötzlich die Supermärkte direkt an der Strecke. Und sogar eine Tanke, wo ich mir gleich mal eine eiskalte Dose Alsterwasser hinter die Binde schüttete. UFF! Dömitz habe ich echt in guter Erinnerung. Ich fand eine unkomplizierte Campinggelegenheit beim Ruderverein, wo ich zudem mein Handy aufladen konnte.
Sonnenverbrannt und erschöpft stellte ich mein Zelt auf und kaufte sogleich im Supermarkt „Proviant“ für den nächsten Reisetag nach.
Dömitz war im Großen und Ganzen genauso tot wie die meisten Ortschaften, aber insgesamt gefälliger. Am Kirchplatz standen ein paar Stühle und Tische, wo auch einige Leutchen am frühen Abend saßen. Gehörte zu einer Musikkneipe. Zwei Typen saßen mit Klampfen am Eingang herum, stimmten ihre Instrumente und spielten den ein oder anderen Blues. Sehr entspannend. Als ich zum Pinkeln in die Kneipe ging, sah ich, dass sie später noch einen Auftritt hatten.
Ich zog es jedoch vor, zurück zur Elbe zu radeln und dort in aller Einsamkeit den Sonnenuntergang zu genießen.

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Der beste Radler meines Lebens!

Unzählige Bier flossen während der Fahrt meine Kehle hinunter, die ich sogleich wieder ausschwitzte. Die erste Woche war noch schweinisch heiß – die Quecksilbersäule kletterte manchen Tag bis zu 30 Grad Celsius. Ich ernährte mich ausschließlich flüssig. (Von einer Tüte Salznüsse in Havelberg abgesehen.) Das hatte zumindest den Vorteil, dass ich mich nicht ums Essen kümmern musste, sondern auf der Strecke lediglich Biervorrat nachkaufte. Ich hatte immer einige Dosen im Gepäck. Pro Pause ein Bier, und ich machte bei der Hitze eine Menge Pausen.
Der erste Teil meiner Tour führte durch das schöne Havelland, selten direkt an der Havel entlang. Die schlingert dort irgendwie chaotisch herum. Ich kam durch viele hübsche Dörfchen, die stets recht verlassen wirkten. Die Region ist von Landwirtschaft geprägt und alles andere als reich. An der Elbe setzt sich dieses Bild fort. Nur den Orten, die touristisch erschlossen sind, geht es dem Augenschein nach etwas besser. Ansonsten tote Hose bis Hamburg. Bei einem schönen Städtchen wie Havelberg finde ich den Zerfall besonders schade. Die jungen Leute zieht es nach Berlin oder Hamburg – zurück bleiben die Alten.
Ich genoss die schönen Landschaften, durch die ich kam, riss einen Kilometer nach dem anderen herunter bis zum jeweiligen Campingplatz, den ich noch erreichen konnte. Danach richteten sich meine Tagesetappen. Es gab nicht alle paar Kilometer einen Campingplatz. Ich reizte meine Kräfte aus und war jedes Mal froh, wenn mein Zelt stand. UFF!
Wenn man derart lange alleine auf dem Bock unterwegs ist, kommt einem jede Abwechslung gelegen. So fand ich manche Ortsnamen einfach irre komisch. Am liebsten hätte ich manchmal angehalten, um die Ortsschilder zu fotografieren. Aber das fand ich zu affig, und auch irgendwie gemein gegenüber den Ansässigen. In Gedanken grinste ich mir allerdings einen, z.B. als ich am Ende meines ersten Reisetages durch das Dorf Kotzen kam. „Wo kommst du her?“ „Aus Kotzen.“ „Ha ha, das ist ja zum Kotzen…“ Wie gesagt, wenn man stundenlang alleine durch die Landschaft radelt, und einem die Sonne auf den Pelz brennt…, sind kaum noch geistige Glanzleistungen zu erwarten. Auf der anderen Seite gingen mir auf der Fahrt auch Gedanken durch den Kopf, die ich gern konserviert hätte. Vielleicht wird irgendwann ein Diktiergerät für Gedanken erfunden – das fände ich klasse. Zu viel gute Gedanken bleiben auf der Strecke.
Am Ende des ersten Reisetages erreichte ich jedenfalls schon bald nach Kotzen einen Campingplatz am Hohenauener-Ferchesarer See (ca. 10 Kilometer vor Rathenow). Ich war sowas von ausgelaugt. Mein Gott, war ich durstig! Auf der Terrasse des Gasthauses trank ich den besten Radler meines Lebens!